Olympia-Abschlussbericht (Damen)

Gold für China nach Showdown mit Russland

 

Das Dametan-zhongyi-lladanturnier verlief etwas anders als die “offene Kategorie”: Bei den Herren (es sind nun einmal fast ausschliesslich Herren) gab es die meisten Matches zwischen Favoriten bereits relativ früh im Turnier; speziell in der Schlussrunde spielten alle Medaillenkandidaten (und das waren realistischerweise drei, nur die Farbe der Medaillen war noch etwas unklar) gegen Aussenseiter. Bei den Damen gab es das Topmatch China-Russland erst in der letzten Runde, und acht Teams hatten noch gewisse Hoffnungen auf eine der drei Medaillen.

 

Den Endstand hatte ich bereits im anderen Bericht, aber wiederhole ihn hier: China 20, Polen 17(427.5), Ukraine 17(404.5), Russland, Indien, USA, Vietnam, Aserbaidschan 1, Israel 16, Georgien usw. (noch acht Teams) 15, … 30.-43. Aserbaidschan3, Deutschland, Aserbaidschan2 usw. 13. . Anders als bei den Herren ist dieser Endstand vorne recht sauber nach Eloschnitt sortiert: auf den ersten sechs Plätzen die Nummern 1, 7, 2, 3, 5 und 6 der Setzliste. Nur Polen also besser als nach Papierform, Georgien (an vier gesetzt Zehnter) etwas enttäuschend, gilt eventuell auch für Ungarn (aus 8 wurde 16) und Bulgarien (aus 9 wurde 15). Nur Deutschland machte da gar nicht mit – sie waren auf dem Papier Nummer 10 und belegten Platz 31.

 

Fotoquelle wie immer die Turnierseite, Fotograf(inn)en werden jeweils genannt. Das Titelfoto von David Llada zeigt Tan Zhongyi, die für China am fleissigsten punktete: 9/11 an Brett 4 bzw. siebenmal Brett 3 – da Hou Yifan die ersten beiden Runden nicht mitspielte und das schwächelnde Brett 3 Zhao Xue später fünfmal pausierte. Nun zu den Schlussrunden aus internationaler und auch deutscher Sicht:

Offizielle SeiteResultatePartien

 

Runde 9: USA-China 1,5-2,5

 

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[Eteri Kublashvili]

Nach dem recht glücklichen Sieg tags zuvor gegen Russland spielten die USA nochmals am ersten Tisch, und diesmal verloren sie. Entscheidend war der Schwarzsieg im Endspiel von Ju Wenjun (in orange neben Hou Yifan) gegen Nazi Paikidze.

 

An den nächsten drei Tischen gewannen ebenfalls die Favoriten – zweimal klar und einmal knapp: Israel-Polen 0,5-3,5, Vietnam-Russland 1,5-2,5 und Ukraine-Aserbaidschan 3,5-0,5. Vietnam hatte zuvor immerhin China und Indien ein 2-2 abgeknöpft, aber Russland hat in diesem Turnier Gunina – sie gewann fast immer, dass sie zuvor oft schlecht bis verloren stand (auch heute) gehört dazu. Die erste Heimmannschaft spielte anfangs über ihren Elo-Möglichkeiten (nicht nur gegen Deutschland), aber nach 0,5-3,5 gegen China nun dasselbe Ergebnis gegen die Ukraine.

 

Allzu weit musste man nicht nach unten scrollen, um das deutsche Team zu finden – Tisch 8 gegen Serbien, auf dem Papier eine lösbare Aufgabe und es wurde dann auch aus deutscher Sicht 3-1. Dabei hatten Marta Michna und Judith Fuchs ihre Gegnerinnen eher nicht überspielt, sondern profitierten von deren groben Fehlern – aber Sieg ist Sieg und zwei Mannschaftspunkte sind zwei Mannschaftspunkte.

 

Runde 10: Polen-China 1,5-2,5 unter anderem, da Monika Socko am Spitzenbrett gegen Hou Yifan plötzlich total den Faden verlor. An Brett 2 gewann Jolanta Zawadzka für Polen, da Ju Wenjun die Dynamik der hängenden Bauern c5/d5 unterschätzte oder nicht würdigte (21.-d4! gewann erst eine Qualität und später die Partie). Aber China hatte noch Tan Zhongyi – Sturmsieg gegen Klaudia Kulon (zuvor 8/9); und Zhao Xue konnte ein schlechteres Endspiel gegen Karina Szepkowska-Horowska halten da sie nach dem Übergang vom Turm- ins Bauernendspiel genug Reservetempos hatte. Indien-Ukraine 2-2 – Siege von Tania Sachdev gegen Zhukova und Ushenina gegen Soumina, also Mannschaftsremis. Russland-Georgien 2,5-1,5 – das endgültige Ende aller Medaillenhoffnungen für Georgien. Mongolei-USA 2-2 – lange waren die USA auf der Siegerinnenstrasse, dann vergeigte Krush ein remisliches Turmendspiel gegen Nomin-Erdene (Name beim Publikum vielleicht bekannt, da die Mongolei zuvor gegen Deutschland spielte).

 

Bulgarien-Deutschland 2,5-1,5: erstmals ein nominell gleichwertiger Gegner für die deutschen Damen (im Gegensatz zu den Herren spielten sie gar nicht gegen Spitzenteams). Drei Schwarzsiege, nur nicht am Spitzenbrett Stefanova-Paehtz, also gewann Bulgarien knapp – aus deutscher Sicht unter anderem da Marta Michna nach zuvor 5,5/7 erstmals verlor.

 

Vor der Schlussrunde damit dieser Stand: China 18, Russland 16, Polen, Ukraine, Indien, Ungarn, USA, Bulgarien 15. Wie eingangs erwähnt, an Tisch 1 der Showdown China-Russland. Mit einem Sieg konnte Russland China nach Mannschaftspunkten ein- und nach Tiebreak voraussichtlich überholen. China reichte ein 2-2 für Gold, aber damit würde Russland (angesichts deutlich besserem Tiebreak für Polen und die Ukraine) eventuell gar keine Medaille bekommen. Die nächsten sechs Teams spielten gegeneinander – wer gewinnt, hat Medaillenchancen.

 

Runde 11:

 

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China-Russland [Huseynov]

Das Match dauerte lange – nach vier Stunden noch gar keine Entscheidungen, jedenfalls noch nicht offiziell. Pogonina-Gui Xi 1-0 deutete sich allerdings früh an – Führung für Russland! Allerdings hatten Ju Wenjun gegen Gunina und Tan Zhongyi gegen Goryachkina klare Endspielvorteile und konnten diese jeweils verwerten – nun 2-1 und damit Gold für China. Hou Yifan spielte gegen Kosteniuk noch ein bisschen weiter, dann wurde es remis. Damit war klar, dass Russland gar keine Medaille bekommen würde.

 

An den nächsten Tischen ging es nicht nur darum, zu gewinnen sondern auch (tiebreak-relevant) möglichst hoch. Polen-Ungarn 3,5-0,5: Polen hatte mich (und vielleicht auch den Gegner) mit der Mannschaftsaufstellung überrascht – ohne Sczepkowska-Horowska, mit Reservespielerin Mariola Wozniak. Damit war ihr Elovorteil dahin, insgesamt war Ungarn nun auf dem Papier leicht favorisiert. Wozniak erzielte zwar zuvor 5/5, aber gegen relativ schwache Gegnerinnen, und die Frau mit dem Doppelnamen hatte ebenfalls fleissig gepunktet (6,5/8). Es war aber im Nachhinein goldrichtig und bedeutete Silber – grösster polnischer Olympia-Erfolg, zuvor 2002 (und 1980) immerhin Bronze.

 

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Ukraine-Bulgarien [Kublashvili]

Die Ukraine konnte da nicht mithalten – “nur” 3-1 und das bedeutete Bronze. Anna (Muzychuk und Ushenina) gewannen glatt gegen Stefanova und Raetsa, aber an den anderen Brettern remis. Zhukova konnte ein besseres Turmendspiel gegen Nikolova nicht gewinnen, ob da wirklich mehr drin war müsste man näher untersuchen.

 

USA und Indien trennten sich 2-2, ein Sieger hätte Russland auch noch von Platz vier verdrängt – Russland also etwas im Glück, aber sie wollten sicher (mindestens) “eine” Medaille.

 

Dann noch zu Tisch 11 Deutschland-Frankreich. Deutschland war Elofavorit, an allen Brettern etwa hundert Punkte mehr, aber Frankreich gewann 3-1. Ob Elisabeth Paehtz gegen Sophie Milliet gewinnen konnte (Mehrfigur im Endspiel bei reduziertem Material) kann ich nicht abschliessend beurteilen, es wurde jedenfalls remis. Marta Michna verlor nochmals, heute gegen Silvia Collas – ob sie wirklich an ihren Hurraangriff am Königsflügel glaubte oder dachte, den weissen a-Freibauern ohnehin nicht zu kontrollieren, müsste man sie selbst fragen. Levushkina-Congiu remis – hier kam der a-Freibauer bis a6 aber nicht weiter. Melanie Lubbe verlor gegen Navrotescu – insgesamt ihre vierte Niederlage gegen nominell schwächere Gegnerinnen, bei drei Siegen (zwei in Runde 1 und 2 gegen Elo 1915 und 2021) und null Remisen. Sie und Arkadij Naiditsch (fünf Siege, vier Niederlagen) wären vielleicht ein perfektes Paar, aber beide haben ja andere geheiratet.

 

Einzelkritik zu den deutschen Damen habe ich damit bereits angedeutet, aber das zu ihnen und anderen kommt nochmals in einem separaten Beitrag – im Laufe dieser Woche.

 

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