Vorschau zum European Club Cup

Weitgehend dieselben (Weltklasse-) Spieler, teils für andere Vereine

 

Das war schon immer so: Einige spielen “alle Jahre wieder” für denselben Verein – am konsequentesten vielleicht Pcup_ecueter Svidler. Der erste Eindruck täuscht da: seit 2009 (und vielleicht schon zuvor, dazu habe ich nicht recherchiert) spielte er sechsmal für St. Petersburg, und nunlive das zweite Mal für Mednyi Vsadnik. Aber das ist derselbe Verein mit auch weitestgehend denselben Spielern: nur einmal (2010) bekam Svidler nicht das Spitzenbrett, sondern Brett zwei hinter Ivanchuk, und immerhin seit 2012 sitzt neben ihm der Kubaner Leinier Dominguez. Aber andere – einige Beispiele später im Bericht – wechselten munter Vereine und oft auch Länder; speziell dieses Jahr gibt es bei Spitzenteams auffällige Zu- und damit anderswo Abgänge.

 

Warum habe ich rückwärts bis 2009 recherchiert (findet man ja alles noch im Internet)? Nun schliesst sich vielleicht ein Kreis: 2009 war das letzte Jahr ohne SOCAR Aserbaidschan, 2016 ist das erste Jahr ohne diese Startruppe – in wechselnder Besetzung, aber immer mit (neben Mamedyarov und Radjabov) auch ausländischen Weltklassespielern. Warum dem so ist, da bin ich überfragt. Geht es der Ölindustrie auch in Aserbaidschan nicht gut? War die Olympiade in Baku, wohl aus derselben (Öl-)Quelle finanziert, zu teuer? Dachten sie “zwei Titel bei sechs Versuchen (dabei immer an eins gesetzt), das reicht”? Letztes Jahr hatten sie Konkurrenz aus Sibirien (jedenfalls der Teamsponsor), die sind diesmal wieder dabei. Aus deutscher Sicht: 2012 war das letzte Jahr mit Baden-Baden – dann waren sie wohl definitiv genervt, dass neben Svidler auch andere “ihrer” Spieler für den falschen, nämlich einen anderen Verein am Brett sassen.

 

live

FRauen

Im Teaser nur noch diese Statistik: Insgesamt sind 25 Spieler mit Elo 2700+ dabei – am anderen Ende der Liste auch eine Reihe mit Elo unter 2000 und vier ganz ohne. Von den 25 elobesten spielen sechs (fünf Russen und der Tscheche David Navara) für einen Verein aus ihrem eigenen Land. Warum andere anderswo spielen (natürlich spielen alle im serbischen Novi Sad), da gibt es diverse Gründe. Teilweise ist ihr eigenes Land gar nicht vertreten – gilt z.B. für Frankreich, Armenien, Indien, China, die Ukraine und Kuba. Die USA fehlen komplett, aus der top10 fehlen ausserdem Carlsen, Anand und Karjakin – bleiben vier von zehn.

 

Titelbild und auch ein weiteres Foto unten von der Turnierseite. Um diesen Pokal geht es offenbar. Ausserdem bekommt das siegreiche Team 8000 Euro (zu verteilen über sechs bis acht Spieler) und ewigen, oder zumindest vorübergehenden Ruhm. Die besten Spieler bekommen wohl schon vor dem Turnier Geld, werden den Pokal gegebenenfalls bei der Siegerehrung sehen und anfassen, aber selten bis nie im Vereinsheim vorbeischauen wo er dann aufbewahrt wird.

 

Nun zu den stärksten Teams – prominente Neuzugänge jeweils unterstrichen, Abgänge im Vergleich zu 2015 nicht fett und durchgestrichen:

 

SOCAR Aserbaidschan

 

Siberia: Kramnik, Aronian, Giri, Grischuk, Tomashevsky, Li Chao, Wang Yue, Korobov, Rublevsky, Bocharov. Abwarten, wie oft der Nowosibirsker (bekam wohl deshalb auch einen Freiplatz für das russische Superfinale) Bocharov spielen wird, letztes Jahr waren es die ersten beiden von sieben Partien – dann wurden er und Kokarev durch Kramnik und Aronian ersetzt. Wang Yue war dem Vernehmen nach letztes Jahr dabei, damit Li Chao auch mal Chinesisch reden kann – nun ist die Mannschaftssprache Russisch, vielleicht auch mal Englisch.

 

Alkaloid (Mazedonien): Ivanchuk, Tomashevsky, Andreikin, Ding Liren, Eljanov, Jakovenko, Kryvoruchko, Nedev, Pancevski, Yu Yangyi. Brettreihenfolge wohl hier, und vielleicht bei einigen anderen Teams, unter Vorbehalt. Die Mazedonier Nedev und Pancevski spielten 2015 je eine Partie und wurden, obwohl sie diese gewannen, dann aussortiert. Letztes Jahr, Austragungsort war Skopje, dachte ich “einmalige Aktion”, offenbar nicht.

 

OR Padova (OR bedeutet “Obiettivo Risarcimento”, vielleicht deshalb hinten auch mit Italienern): Aronian, Karjakin, Nakamura, Vachier-Lagrave, Gelfand, Leko, Bacrot, David, Vocaturo, Dvirnyy. Zwei Abgänge – Karjakin hat (jedenfalls in der zweiten Turnierhälfte) einen anderen Termin in New York, Nakamura hat vielleicht Krach mit seiner italienischen Verlobten (oder spielt er auch irgendeine Rolle beim WM-Match – z.B. Tips an Karjakin wie man nicht gegen Carlsen spielen sollte?). Sie fanden etwa oder fast gleichwertigen Ersatz. Letztes Jahr durfte übrigens Leko an Brett eins spielen.

 

Mednyi Vsadnik (St. Petersburg): Svidler, Dominguez, Vitiugov, Matlakov, Rodshtein, Khairullin, Fedoseev, Bu Xiangzhi. Offenbar dachten sie “Siberia hat einen Chinesen, wir brauchen auch einen” – letztes Jahr spielte stattdessen der Kroate Ivan Saric, für mich nicht prominent genug um ihn zu erwähnen.

 

AVE Novy Bor (CZE): Harikrishna, Wojtaszek, Bartel, Shirov, Wang Hao, Sasikiran, Navara, Laznicka. Zuvor Polen, Inder und Tschechen (Hracek an Brett sieben), nun noch internationaler. 2013 in weitgehend derselben Besetzung überraschend Sieger im Europacup.

 

Das sind wohl die Favoriten – Teams mit Eloschnitt über 2700. Weiter nach unten in der Setzliste nenne ich nicht mehr alle Namen, nur einige: das serbische VSK Sveti Nikolaj Srpski mit Mamedyarov, Morozevich und Rapport (wohnt ja aus privaten Gründen in Belgrad), dahinter weniger bekannte Serben. Für das israelische Ashdod vorne Ivanchuk und Vallejo – Ivanchuk spielte bereits 2009 und 2012 für diesen Verein, zweimal (hatte ich bereits) für andere Teams, sonst findet CTRL-F “Ivan” allenfalls z.B. Ivan Popov. SHSM Moskau ohne ganz bekannte Namen, aber doch sieben respektable russische Grossmeister – die elobesten Inarkiev und Malakhov derzeit an den letzten Brettern. Odlar Yurdu war mal das zweite Team aus Aserbaidschan – insgesamt eine Nachwuchstruppe mit “Papa” Sutovsky am Spitzenbrett. Nun ist es das erste/einzige Team – ohne Ausländer, auch Sutovsky (nun Brett 8) hat ja seine Wurzeln in Baku, und ein gewisser Arkadij Naiditsch
wohnt dort.

 

Einige mehr oder weniger bekannte Namen für andere Teams: Gata Kamsky für das schwächste russische Team Ladya Kazan, Markus Ragger für Maria Saal (aktuell Elo knapp unter 2700, sonst hätte ich ihn oben unter “fünf Russen und Navara” erwähnt), Loek van Wely für Schachgesellschaft Zürich (da quasi Nachfolger von Shirov), David Howell für das englische Cheddleton, der frischgebackene deutsche Vizemeister Rasmus Svane für das dänische Skanderborg. Zu deutschen Teams komme ich noch, erst weiter aus internationaler Sicht und nun “historisch”:

 

Zwei Vereins-Wandervögel als Beispiele für andere: Anish Giri hat, jedenfalls bisher, einmal geheiratet und wurde einmal Vater, aber spielte beim Europacup schon für zwei andere Vereine: 2013-2015 für SOCAR (da hatte er Brett sieben, vier und zwei), zuvor 2011 und 2012 für SHSM Moskau (Brett 4 und 3). Das Regelwerk sagt übrigens, dass für Ausländer Artikel F.1.2 strikt angewendet wird (“will be followed strictly”): Ausländer (definiert als “anderer Schachverband” oder auch “Inländer mit Hauptwohnsitz im Ausland”) dürfen nur mitspielen, wenn sie in der Saison zuvor für diesen Verein spielberechtigt waren und mindestens zwei Partien spielten – tat Giri nicht, warum darf er dann nun für Siberia spielen? Man kann sich – für maximal zwei Spieler – freikaufen, Elo über 2600 bedeutet 2500 Euro an die ECU-Kasse. Da gab es (“will be followed strictly”) also keinen Verhandlungsspielraum – Siberia konnte nicht sagen “wir wollen/können aber nur 2490 Euro zahlen”. Nun hatten sie vielleicht ein Problem, aber entweder fand der Sponsor in irgendeiner Schublade noch die fehlenden 10 Euro (immerhin 716 Rubel), oder Giri verzichtete auf vermutlich 0,x%, vielleicht nur 0,0x% seines Honorars und die Lücke im Etat war gedichtet.

 

Alexey Shirov hat mehrfach geheiratet und wurde mehrfach Vater – im Laufe der Jahre hatte er noch mehr Vereine aus nun noch mehr Ländern, dabei fast jedes Jahr ein anderer: 2009 Ural Sverdlovskaya (Brett 2 hinter Grischuk), 2010 SOCAR (Brett 4 hinter Mamedyarov, Radjabov und Grischuk), 2011 Baden-Baden (Brett 2 hinter Adams), 2012 Ugra (Brett 2 hinter Jakovenko), 2013 Malakhite (Brett 4 hinter seinem alten Bekannten Grischuk [beide spielten auch mal Bundesliga für Lübeck], Karjakin und Morozevich), 2014 schon wieder Malakhite (Brett 4 hinter Karjakin, Grischuk – der schon wieder – und Leko). 2015 war Malakhite nicht dabei, ausserdem wollte Shirov mal am Spitzenbrett spielen und fand seine neue Heimat bei der Schachgesellschaft Zürich. 2016 nun für ein tschechisches Team, offenbar Brett 4 hinter Harikrishna, Wojtaszek und Bartel.

 

novi-sad

 

Novi Sad ist ‘ne schöne Stadt – das suggeriert dieses Foto, im Gegensatz zu Lübeck kann ich es nicht aus eigener Erfahrung beurteilen. Welche deutschen Spieler bzw. Vereine finden, dass Novi Sad eine Reise wert ist? Baden-Baden wie gesagt seit 2012 nicht mehr, Solingen verzichtet diesmal auch auf den Europacup – bereits erwähnt: einige Baden-Badener und einige Solinger spielen in Novi Sad für andere Vereine. Dabei sind Werder Bremen und die Schachfreunde Berlin – zwei weitere Teams wären startberechtigt, aber sonst wollte offenbar niemand. Bremen spielt mit Matthias Bluebaum, Jan Werle, Vlastimil Babula, Thorben Koop, Spartak Grigorian, Sven Charmuteau und Stephan Buchal. Berlin verzichtet auf Topalov (dabei stünde der nach dem Rückzug von SOCAR zur Verfügung) und schickt sieben Spieler mit Elo unter 2450: Arnd Lauber, Marco Baldauf, Rainer Polzin, Jan-Dietrich Wendt, Jan Lundin (alter Schwede, sonst alles Deutsche), Dr. Joachim Wintzer und (nominell klar schlechter, vielleicht nur für Notfälle) Jens Ebeling. Daneben auch noch deutsche Spieler für diverse andere Vereine. Rasmus Svane hatte ich bereits erwähnt, ausserdem z.B. Altmeister Lothar Vogt für Zürich, Andreas Heimann für Riehen (ebenfalls Schweiz), Alexander Naumann für das österreichische Maria Saal (wirklich Brett sieben hinter drei FMs?), Schachblogger Jan Michael Sprenger nicht für Berlin sondern für seinen NL-Verein LSG IntelliMagic aus Leiden, Jan-Christian Schroeder Brett eins für The Smashing Pawns Bieles aus Luxemburg.

 

War da noch was? Es gibt auch einen Europacup für Damenteams. Da darf jeder Verein, der will und mindestens vier Spielerinnen aufstellen kann, mitmachen – vierzehn tun das und spielen nun offenbar, wie auch 63 Teams im offenen Turnier, sieben Runden nach Schweizer System. Generell mit relativ wenigen Ausländerinnen, nur ein Team macht da nicht mit: Cercle d’Echecs Monte Carlo mit Hou Yifan, Pia Cramling, Almira Skripchenko (eine Französin, warum auch nicht), Mariya und Anna Muzychuk. Konkurrenz haben sie am ehesten von NONA Batumi (Dzagnidze, Khotenashvili, Batsiashvili, Melia und für alle Notfälle die deutlich eloschlechtere Mikadze) und zwei russischen Teams. Deutschland fehlt, bis auf Elisabeth Paehtz am Spitzenbrett des italienischen SS Lazio Scacchi.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Gespielt wird – ohne Ruhetag – vom 6.-12.11. jeweils (also auch die letzte Runde) um 15:00.

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