Carlsen-Karjakin insgesamt

“So sehe ich es”, andere Meinungen werden auch erwähnt

Ich beginne mal ohne Titelfoto (später kommt noch was) und mit (Abschluss-)Kommentaren anderer. Zeitungsblogger sahen es am Ende so: Für die ZEIT am Ende des Tiebreak-Liveblogs: “Der Herausforderer Karjakin kratzte gehörig am Mythos des Weltmeisters. Doch mit einem wunderschönen Zug beendete Carlsen die WM.” (unklar wer das geschrieben hat, sie waren ja zu dritt). Im letzten WM-Blog der FAZ wählte Alexander Armbruster die Überschrift “Carlsen hat’s verdient – trotz allem.” Ich gehe mal davon aus, dass bei Blogbeiträgen der Autor die Überschrift wählt (bei Artikeln macht es wohl mitunter die Endredaktion).

 

Ein bisschen internationale Presseschau: Die französische Liberation schrieb (Überschrift und ein bisschen mehr) “Magnus Carlsen bouscule mais toujours roi. Le champion du monde norvégien a conservé son titre mais le Russe Sergueï Kariakine lui a mené une vie beaucoup plus dure que prévu. … que ce fut laborieux alors que l’on attendait une victoire écrasante du Norvégien !” [Magnus Carlsen stolpert aber bleibt König. Der norwegische Weltmeister behält seinen Titel, aber der Russe Sergei Karjakin machte ihm das Leben viel schwerer als prognostiziert. … was war es doch mühsam, wobei man einen eklatanten Sieg des Norwegers erwartet hätte!] Tendenz insgesamt: abgesehen vom recht zufälligen Schlussakkord ein eher glanzloser Sieg für Carlsen.

 

Dank an Europe Echecs für die französische Presseschau (alle 16 Links werde ich mir nicht reinziehen), dafür auch – repräsentativ für andere – ihr WM-Abschlusstweet auf Englisch: “Good News for Chess: Defending is not enough to get a World Chess Championship Title and Magnus Carlsen retains his crown!” [Gute Nachricht für das Schach: Verteidigen reicht nicht, um Weltmeister zu werden und Magnus Carlsen behält seine Krone!]. Das – Karjakin hat nur verteidigt, das war seine Matchstrategie – wird oft behauptet, ebenso dass (Team) Carlsen eröffnungsmässig VIEL besser vorbereitet war. Beides werde ich später kommentieren. Zunächst die 12 Partien mit klassischer Bedenkzeit nochmals im Schnelldurchlauf:

 

Generell würde ich das Match in drei Phasen unterteilen. Anfangs (dritte und vierte Partie) dominierte Carlsen, ohne zu gewinnen. Im Mittelteil dominierte eher Karjakin, und zum Schluss wieder Carlsen. Im Tiebreak dominierte dann Carlsen, wobei er erst die dritte Partie gewinnen konnte (und diese Niederlage war für Karjakin vermeidbar) und die vierte Partie – nun schwierige Situation für Karjakin – blende ich bei der Gesamtanalyse aus. Die Schlusspointe war da, wie gesagt, eher “Zufall”: sie passte nicht zum vorherigen Verlauf dieser, oder irgendeiner anderen Partie im Match.

 

Nun aber: Carlsen hatte in der ersten, dritten, fünften, achten, zehnten und zwölften Partie Weiss. Runde 1 und 2 – eher nix los, remis. Zur ersten Partie wurde sowohl die Eröffnung (Trumpopowsky) als auch Carlsens leichter, eher optischer Vorteil, teilweise glorifiziert. In der zweiten Partie deutete sich der wohl einzige Beitrag des Matches zur Eröffnungstheorie und zukünftigen -praxis, wenn es überhaupt einen gibt, bereits an: keine Reklame für den d3-Spanier. Ob das an Karjakin lag, an Carlsen, an beiden oder ob es eben einfach generell nicht vorteilversprechend ist, wird die Zukunft zeigen – die kenne ich nicht, und die Vergangenheit habe ich nicht untersucht.

 

Dritte Partie: Vorteil Carlsen und dann doch remis, warum? Nach einer laschen weissen Eröffnung (5.Te1 gegen die Berliner Mauer) bekam er Oberwasser, da Karjakin leichte Stellungsprobleme zu aktiv lösen wollte (30.-Ta2 und 31.-c5). Später konnte Carlsen sich nicht auf seine Endspieltechnik verlassen. Schon zuvor ein Motiv, das öfters auftauchen sollte auch wenn es erst in den Schnellpartien entscheidend war: Karjakins Bedenkzeit-Einteilung – nach 10.Te2 (offensichtlich vorbereitet) brauchte er 25 Minuten für 10.-b6, die Bedenkzeit fehlte später vielleicht. Wenn Grischuk einer seiner Sekundanten/Helfer war, sagte “nimm Dir ruhig Zeit” und sich damit gegen Nepomniachtchi durchsetzen konnte (zu beider Bedenkzeit-Philosophie siehe hier – diesen alten Artikel verlinke ich gerne mal wieder), dann wird er nun vielleicht gefeuert?

 

Vierte Partie: Ein etwas gelungenerer d3-Spanier, immerhin eine zweischneidige Stellung mit beiderseitigen Chancen, und dann der – für WM-Verhältnisse – grobe strategische Fehler 19.Lxc4? . Carlsen bekam mit Schwarz Oberwasser, wieder konnte er seinen Endspielvorteil dann nicht verwerten. Wieder etwas internationale Presseschau: In der gedruckten Volkskrant (im Internet andere Inhalte) schreibt IM Ligterink unter anderem: “Über das gesamte Match betrachtet kann man Carlsens Sieg als verdient bezeichnen, und sei es nur, dass er problemlos gewonnen hätte, wenn er seine grossen Vorteile in der dritten und vierten Partie verwertet hätte.” Hat er aber nicht … . Woran lag es? Vielleicht daran, dass er zweimal dachte “dieses Endspiel gewinne ich immer” und gegnerische Ressourcen unterschätzte, man kann das eventuell auch als Arroganz bezeichnen.

 

Fünfte Partie, die ich etwas anders sehe als andere: Italienisch mit von Schwarz (Karjakin) angezetteltem offenem Schlagabtausch. Wieder stimmte vielleicht seine Bedenkzeit-Einteilung nicht: 25 Minuten für das aktive 19.-Dh4 und dann (oh, meine Zeit wird bereits knapp … !?) 5 Minuten für das sichere 20.-Lxc5. Aber Carlsens optischer Vorteil in der nächsten Partiephase wurde wohl schwer überschätzt und/oder übertrieben (kann beim Livekommentar passieren, hinterher nicht unbedingt). Während Carlsen manövrierte, übernahm Karjakin mit aktivem Spiel wieder das Kommando. Da er seine (zumindest praktischen) Chancen nach der Zeitkontrolle nicht optimal nutzte, wurde es remis – aber er war mit Schwarz der dynamischere und ideenreichere Spieler.

 

Sechste und siebte Partie: Carlsen konnte Karjakins Doppelweiss mit häuslicher Vorbereitung neutralisieren – das sagt etwas über die Arbeit der Sekundanten vor, eventuell auch während dem Match, wenig über die Form der Spieler zu diesem Zeitpunkt.

 

Achte Partie sehr kurz und knapp: Carlsen erreichte aus der Eröffnung nichts, dann versuchte er es mit der Brechstange und verlor am Ende. Was er tat war vielleicht “dynamisch”, gut war es nicht.

 

Neunte Partie: Carlsen wollte mehr als problemlosen Ausgleich mit Schwarz – nicht Vorteil, das wäre unrealistisch-optimistisch, aber eine Stellung mit beiderseitigen Chancen. Schliesslich musste er nun eine Partie gewinnen und konnte sich nicht darauf verlassen, dass Karjakin nochmals so schlecht spielen würde wie phasenweise in der dritten und vierten Partie. Er spielte eine schärfere Spanisch-Variante – die hatte er gut auswendig gelernt ohne sie tief zu kennen. Dennoch hatte er die Lage zunächst einigermassen bis gut unter Kontrolle, dann eigentlich nicht mehr. Nun wurde Karjakin vielleicht zum Verhängnis, dass er diesmal beim 39. Zug noch ein ordentliches Bedenkzeitpolster hatte. So konnte er rechnen, rechnen, rechnen … und spielte nach gut 26 Minuten den zweitbesten Zug (39.Lxf7+) da er beim besten Zug (39.Db3) Probleme sah. Das ungewöhnliche 42.Lg8! sah er da in der Vorausberechnung nicht – hätte er “intuitiv” trotzdem 39.Db3 gespielt, dann hätte er es kurz danach vielleicht gesehen. Man kann ihm, bei dieser oder einigen anderen Gelegenheiten, vielleicht schlechte Variantenberechnung vorwerfen (Kibitze sahen das, jedenfalls mit Computerhilfe … Carlsen hatte es, ohne Computerhilfe, auch gesehen). Dennoch sehe ich es so: In den “dynamischen” Partien (Nummer 5, 8 und 9) hinterliess Karjakin den besseren Eindruck.

 

Zehnte Partie: Auch dazu kann man Romane schreiben, Karjakins Bedenkzeit-Einteilung hatte ich im Zwischenbericht: wieder suboptimal, zu lange nachdenken über nicht allzu kritische Züge und die Zeit fehlte später. Nicht nur, aber vielleicht auch deswegen gewann Carlsen. Pierre Gravagna lobt für “Liberation” zunächst Carlsen (positionelle Glanzleistung) und schreibt dann: “Karjakine rate cependant une historique possibilité de répéter les coups dans cette partie. Une répétition qui conduisait à la nullité et que tous les bons joueurs de la planète échecs avaient vue. Mais pas le Russe !” [Dennoch verpasste Karjakin in dieser Partie eine historische Chance, die Züge zu wiederholen. Diese Remisfortsetzung hatten alle guten Spieler des Schachplaneten gesehen. Nur nicht der Russe!] “Der Norweger” hatte es, jedenfalls zwei Züge zuvor, wohl auch nicht gesehen …. . In der neunten und/oder zehnten Partie konnte Karjakin den Sack (fast) zumachen, jeweils lag es an unzureichender Variantenberechnung dass ihm selbiges nicht gelang.

 

Elfte Partie: Wieder war Carlsen gut vorbereitet und erzielte ein Plusremis mit Schwarz. Zwölfte Partie: Carlsens Masterplan – sie wird nicht stattfinden, was der Gegner nicht wissen konnte. Nur Carlsen hatte drei Tage, um sich auf den Tiebreak vorzubereiten.

 

Den Tiebreak lasse ich zunächst aussen vor, nun die eingangs genannten Thesen:

Karjakin hat – und das war Matchstrategie – nur verteidigt. Das sagen auch Quellen, die generell nicht a priori pro-Carlsen und/oder anti-Karjakin sind, neben Europe Echecs (die aber vielleicht diesmal einen Grund hatten, Carlsen die Daumen zu drücken, siehe unten) offenbar auch Emil Sutovsky auf Facebook – die russischsprachigen Originalbeiträge, auf die er sich später bezieht, kann ich allerdings nicht finden. Man kann es also nicht als ‘Gerede’ abtun. Aus meiner Sicht: Es stimmt vor allem für die dritte und vierte Partie – wobei ich dahinter eher keine Absicht vermute oder unterstelle. Man spielt weder (dritte Partie) bewusst ungenau-aktiv, noch macht man absichtlich (vierte Partie) einen groben strategischen Fehler. In einigen anderen Partien erreichte er mit Weiss wenig bis nichts, auch das war wohl eher keine Absicht. Er hat verteidigt, das kann er nun einmal, aber “nur verteidigt” stimmt nicht, und Strategie – ich glaube nicht daran.

 

Mitunter wurde gar behauptet, dass Karjakin “immer” so spielt. Ein Gegenbeispiel wäre jedenfalls sein (wichtiger) Sieg gegen Anand früh im Kandidatenturnier, da stimmte alles: neue Idee (9.h4!?) in der Eröffnung, anhaltender Druck, sauberer positioneller Vortrag. Übrigens war das auch ein “Zukertort-System”, vielleicht deshalb war Karjakin in der achten Matchpartie nicht überrascht sondern spielte schnell und mit Selbstvertrauen – wenn man das für Weiss vorbereitet hatte, kennt man es auch aus schwarzer Sicht. Stilistisch sollte man Spieler aufgrund ihrer besten Tage beurteilen, denn alle – Amateure, Durchschnitts-GMs, Weltklassespieler – haben auch mal Tage/Partien nach dem Motto: “es lief nicht nach Plan, nun das Beste daraus machen”.

 

Team Carlsen war eröffnungsmässig viel besser vorbereitet. Carlsen selbst sagte hinterher, dass der Schwerpunkt auf der Schwarzvorbereitung lag – da wollten sie Karjakin wohl neutralisieren, und das klappte gut. Mit Weiss haben beide unterschiedliche Ansätze: Karjakin will eher eine konkret-gehaltvolle Stellung, Carlsen reicht eine relativ langweilig-ausgeglichene, dabei noch nicht ausgelutschte Stellung. Früher hatte er auch eher nichts dagegen, wenn bereits einige Figuren abgetauscht sind, nun will er gerne so viele wie möglich auf dem Brett behalten. Dass Carlsen der viel aktivere Spieler war, der fast immer auf Gewinn spielte, sehe ich nicht so, auch für ihn galt: wenn ich einen Vorteil bekomme, ist das schön – wenn nicht dann eben remis. Ausser in der achten Partie wo er durchdrehte, aber ihn dafür loben? Dass Carlsen in der Eröffnung ständig variierte, kann man flexibel und schlau (vermeidet gegnerische Vorbereitung) nennen. Man kann auch sagen “er weiss nicht was er will” und/oder vertraut seiner Vorbereitung oft nur für eine Partie. Damit kann man den Gegner überraschen, aber “erste Neuerung” oder “neue Eröffnung für dieses Match” ist nicht unbedingt ‘bessere Vorbereitung als der Gegner’.

 

Karjakin sagte, dass er seine Vorbereitung teilweise gar nicht aufs Brett bekam und teilweise während der Partie vergessen hatte. Damit keine Kritik an seinem Team, vielleicht ein Hinweis an zukünftige Gegner? Dass sie in der Vorbereitung, die dem Vernehmen nach 1 Million Euro kostete (damit mehr als das Preisgeld für Weltcup, Kandidatenturnier und – auch im Erfolgsfall – WM-Match zusammen), rein gar nichts zustande brachten, das glaube ich nicht.

 

Wer hat eigentlich beiden geholfen? Karjakin nannte zuvor einige Namen: Potkin, Dokhoian, Motylev, Mamedyarov vielleicht eher für andere Partiephasen. Gerüchte zu Nepomniachtchi waren recht konkret, er selbst hat es weder bestätigt noch dementiert. Grischuk – das hatte ich erfunden und es war eher ein Scherz, wobei es durchaus sein kann, dass weitere hochkarätige Russen (vielleicht auch Nicht-Russen) Karjakin halfen. Ob wir das nun noch erfahren, wird sich zeigen.

 

Carlsen nannte zuvor nur Peter Heine Nielsen, der ja auch in New York sichtbar präsent war. Nun verriet das norwegische Fernsehen, wer sich im norwegischen Kragero versteckt hatte: “Dette er Carlsens hemmelige helpjere” – das sind Carlsens heimliche Helfer, soviel geschriebenes Norwegisch verstehe ich. Zwei Screenshots aus dem Video:

 

reporter-fressinet

 

Den Reporter im Vordergrund kenne ich nicht, offenbar kam sein Besuch überraschend – sonst stünde auf dem Tisch nicht Cola sondern Isklar-Wasser? Hinten Laurent Fressinet, der wohl kein Norwegisch kann und daher nicht befragt wurde, im Gegensatz zu

 

grandelius

 

Nils Grandelius. Gesprochenes Norwegisch verstehe ich kaum, nur ein paar Fragmente: “Ups and downs” (im Original auf Englisch), “sekondant” und “Italiansk” was Carlsen in New York ein paar mal spielte. Daneben erwähnt nrk.no auch Vachier-Lagrave – eine Quelle ohne Beleg/Beweis ist keine?! Aber Europe Echecs erwähnt ihn ebenfalls, dann kann es schon sein dass er eine nicht ganz kleine (nicht nur ein paar Blitz-Trainingspartien) Rolle spielte. Einen aus Karjakins Team hatte ich noch nicht “fotografiert” und hole das nach:

 

zangaliskarjakin

 

Manager Kyrill Zangalis (Foto von seinem Twitter-account), der in New York offenbar Sympathien und (auch norwegische) Facebook-Freunde sammelte.

 

zangalis-ulrich-stock

 

Nachdem ich die Rechte bekommen habe, noch ein Foto von Zangalis – von Ulrich Stock aus dem ZEIT-Liveblog. Auch zu Interviews – nicht nur wie hier auf Russisch – war Zangalis offenbar gerne bereit.

 

Tiebreak: Da dominierte Carlsen, wobei er die zweite Partie doch nicht gewann und die dritte Partie nur mit kräftiger gegnerischer Zeitnot-Hilfe. Ich zitiere nochmals Pierre Gravagna: “Il rate dame a2 au 28e coup et préfère cavalier prend en f6 qui donne un petit plus 0,50 aux noirs. L’avantage théorique d’un demi-pion. Rien ou presque dans les mains de tout autre joueur que Magnus Carlsen. Mais le jour même de ses 26 ans, le jeune champion du monde va s’emparer de ce tout petit avantage. Un «presque rien» qu’il va transformer en domination positionnelle puis en victoire.” [Er – Karjakin – sieht 28.Da2 nicht und spielt stattdessen 28.Sxf6 was Schwarz ein kleines 0,50 Plus gibt – ein halber Bauer. Wenig bis nichts für jeden ausser Magnus Carlsen. Aber an seinem 26. Geburtstag kann der junge Weltmeister diesen sehr kleinen Vorteil verwerten. Aus “fast nichts” wurde positionelle Dominanz und dann ein voller Punkt.]. Hmm, -0.50 (Vorteil Schwarz) wäre es nach 28.-gxf6 gewesen, das können Spieler jeglichen Niveaus ausbauen-verwerten oder auch nicht, vieles spielt eine Rolle: man selbst, der Gegner, wie realistisch-ausbaufähig dieser Vorteil ist. Nach Carlsens 28.-Lf6 war es für Computer 0.00, bis Karjakin systematisch daneben griff – das können auch Amateure, und dann gewinnt auch ein/der andere Amateur.

 

Wenn ich nun sage, dass Pierre Gravagna gar keine Ahnung vom Schach hat, beleidige ich ihn und mich selbst – wir haben und hatten mal etwa dasselbe Elo-Niveau. Aber das war recht schludrig und dabei sehr Carlsen-freundlich formuliert.

 

Ja, Carlsen hat den Schnellschach-Tiebreak insgesamt dominiert – die Entscheidung fiel innerhalb einiger Minuten in der dritten Partie. Ob er sonst in der vierten Partie wieder eine Gewinnstellung bekommen und diese verwertet hätte, weiss niemand. Was sonst in Blitzpartien passiert wäre, auch nicht – wobei Karjakins generelle Tagesform zu Carlsens “Kompliment” an seinen Sekundanten Fressinet passte: “too weak too slow …”.

 

“Wie geht es weiter?” nun allgemein-längerfristig für beide Spieler, zunächst ein Rückblick auf Anand-Gelfand – letztes WM-Match mit Schnellschach-Tiebreak. Auch da tat sich der Favorit schwer – damals wurde eher Anand kritisiert als Gelfand gelobt. Für Gelfand bedeutete es dennoch – bzw. weil Organisatoren das anders sahen als einige Journalisten oder gar Leute, die in Schachforen kommentieren – einige hochkarätige Einladungen und auch einige Turniererfolge (u.a. Tal Memorial). Nun wird Karjakin generell gelobt, wenn auch teilweise vergiftet (“er kann gut verteidigen, was kann er ausserdem?”) und Carlsen eher nicht kritisiert. Einladungen hat Karjakin bereits – Wijk aan Zee und Norway Chess, ob die Chess Tour 2017 ihn ignoriert wird sich zeigen (die basteln vielleicht gerade an Regeln, wonach Karjakin sich ‘leider’ nicht qualifiziert). Anastasia Karlovich fragte ihn, ob er weitere Anläufe auf den WM-Titel nehmen wird und seine Einladung zum Kandidatenturnier 2018 (ein Teilnehmer steht bereits fest) annimmt. Derlei Fragen waren bei Anand vielleicht naheliegend, bei Karjakin sind sie eher absurd – er sagte dann auch “natürlich will ich immer noch Weltmeister werden” sowie “ich weiss nicht, wann mein nächstes WM-Match sein wird, ich bin ja noch jung”.

 

Carlsen? Mag sein, dass Karjakin “an seinem Mythos kratzte”, aber am Ende hat er seinen WM-Titel verteidigt. Aktuell hat er 17 Elopunkte Vorsprung auf Caruana, damit ist er voraussichtlich jedenfalls Anfang 2017 noch Weltranglistenerster (es sei denn, Caruana spielt in London seeeehr erfolgreich). Bei einem guten, aber nicht überragenden London-Ergebnis für Caruana gäbe es Ende Januar bis Anfang Februar ein zeitversetztes Fernduell um Platz eins in der Weltrangliste: erst Carlsen in Wijk aan Zee, dann teilweise parallel Caruana in Gibraltar. Wie es danach weitergeht, wird sich zeigen.

 

Wer hat in New York, unabhängig vom Ergebnis, Sympathien gewonnen? Auf Facebook schrieb Emil Sutovsky (vor dem Schnellschach-Tiebreak): “Why did you stop rooting for Magnus? You, yes, you and you. Why? If you haven’t asked yourself about it, I will. The match Carlsen-Karjakin represents a rare phenomenon: there are many people who started the match being pro-Car and today are pro-Kar. Why did it happen?” [Warum drückst Du Magnus nicht mehr die Daumen? Du, ja, du und du. Warum? Falls Du Dich das selbst nicht fragst, mache ich das. Das Match Carlsen-Karjakin ist ein seltenes Phänomen: viele waren am Anfang pro-Car und sind nun pro-Kar. Wie konnte das passieren?]

 

Unklar, für wen er spricht – er bezieht sich auf Kommentare “in Schachforen” und auf Facebook (“I keep reading it all over the place”) und nennt dann (“There are several reasons”) vier Gründe: 1. Carlsen konnte seine klare Favoritenrolle nicht bestätigen. 2. Carlsens Primadonna-Verhalten (bezieht sich wohl u.a. auf die verweigerte Pressekonferenz) 3. Die zwölfte Partie 4. Der “Karjakin-Faktor”: Karjakin gewann Sympathien u.a. durch seinen offenen und freundlichen Umgang mit Publikum und Journalisten.

 

Natürlich gab es dann gemischte Kommentare. Zum Beispiel schrieb Nazi Paikidze-Barnes “I don’t think any ‘real’ Carlsen fans stopped rooting for him. ……. No matter who wins today, Carlsen is still #1 player in the world.“, und ein Ukrainer quasi “ich werde Karjakin lebenslang hassen”. Aber einige unterschrieben, unabhängig davon ob sie die Seite/das Lager wechselten, jedenfalls Punkt 4. . Da hiess es dann auch “wer Karjakin kannte, für den kam es nicht überraschend”. Wer ihn nicht kannte, hat ihn nun kennengelernt? Karjakin hatte ich 2014 und 2016 in Wijk aan Zee kaum mitbekommen – er erschien (jedenfalls an “meinen” Tagen) nicht im Pressebereich. Aus meiner Sicht hat er vielleicht doch an seinem Image gearbeitet und bekam vielleicht auch Mediencoaching/training. Magnus Primadonna Carlsen hatte ich 2015 und 2016 bei abschliessenden Sieger-Pressekonferenzen mitbekommen, sonst nicht.

 

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