EM im Schnell- und Blitzschach

„Traditionell“ habe ich das/diese Turniere zumindest teilweise live verfolgt und hinterher darüber berichtet. Diesmal habe ich, wenn überhaupt, nur Zwischenstände mal mitbekommen und muss hinterher rekonstruieren, wer warum jeweils Gold, Silber und Bronze bekam – ausserdem auch ein bisschen was zu anderen Plätzen, deutschen Teilnehmern und Siegern in anderen Kategorien. Das Titelfoto – alle Fotos von Oleg Hartsenko via die Turnierseite – zeigt die Sieger im Blitzturnier: links Mamedov (Silber), Mitte Andreikin (Gold), rechts Zhigalko (Bronze). Die Endstände in beiden Turnieren hatte ich im letzten London-Beitrag bereits nebenbei erwähnt, aber hier gehört es natürlich dazu:

EM im Schnellschach: Riazantsev und Matlakov 9.5/11, Mamedov, Onischuk, Wojtaszek 9, Anton Guijarro, Shirov, Ponomariov, Leko, Zhigalko, Alekseev, Kobalia, Potkin, Kovalenko, Bartel, Motylev, Vitiugov 8,5. Um einen deutschen Spieler bereits zu nennen: zweitbester „Wessie“ Daniel Fridman auf Platz 20, einer von vielen mit 8/11 und dabei recht guter Wertung. Onischuk ist natürlich Vladimir aus der Ukraine, der Amerikaner (mit ukrainischen Wurzeln) Alexander Onischuk fehlte entschuldigt. Zhigalko ist Sergei aus Weissrussland, sein Bruder Andrey fehlte ebenfalls.

EM im Blitzschach: Andreikin 22/26, Mamedov 20.5, Zhigalko und Matlakov 19.5, Leko, Andriasian, Bortnyk, Bologan, Navara, Anton Guijarro 19, Vitiugov, Jovanovic, Wojtaszek 18.5. Bester Deutscher IM Patrick Zelbel auf Platz 21 (18/26, schlechteste Wertung von acht punktgleichen Spielern).

Angesichts der Konkurrenz aus London waren die Turniere vielleicht qualitativ und quantitativ etwas schwächer besetzt, und noch mehr „sowjetisch“-osteuropäisch dominiert als in anderen Jahren. Die absolute Weltelite fehlt ohnehin bei Europameisterschaften und erscheint nur zur finanziell attraktiveren WM im Schnell- und Blitzschach. Aber auch die zweite bis dritte Garnitur bis runter zum Amateurbereich konnte auch in London Schach spielen.

Beim Schnellturnier in Tallinn beginne ich mal mit dem Stand nach Runde 7 von 11: Shirov 7/7, Mamedov 6.5/7, 6/7 u.a. Fridman (beste Wertung), der spätere Europameister Riazantsev, die bekannten Namen Wojtaszek und Leko, der im Schnellschach elostarke Vladimir Onischuk (2720 hatte er, nun hat er noch etwas mehr) und mit der schlechtesten Wertung Naiditsch. 5.5/7 u.a. Elofavorit Andreikin, Zhigalko und Kovalenko ebenfalls aus der top10 der Setzliste, Matlakov (am Ende Silber) und aus Deutschland Artur Jussupow. Shirov gewann gegen zwei titellose Spieler, drei IMs und dann auch gegen Ponomariov (der offenbar in Remisstellung aufgab oder die Zeit überschritt) und Andreikin.

In Runde 8 remisierten Shirov und Mamedov – damit lag Shirov (7.5/8) weiter vorne, die Verfolgergruppe mit 7/8 bestand nun neben Mamedov aus Anton Guijarro, Onischuk, Wojtaszek und Riazantsev. Nicht so schöne Ergebnisse aus deutscher Sicht waren Wojtaszek-Fridman 1-0 (damit musste man allerdings rechnen), wenn man den Schwarzspieler noch als Deutschen betrachtet Anton Guijarro-Naiditsch 1-0 sowie weiter hinten Jussupow-Najer 0-1.

Runde 9: Onischuk-Shirov 1-0 (der Ukrainer bestätigte seine Schnellschach-Elozahl?), Mamedov-Wojtaszek 1-0 und Riazantsev – Anton Guijarro 1-0 – die drei Sieger lagen nun gemeinsam vorne, in der nach Wertung von Shirov angeführten Verfolgergruppe nun auch Matlakov (Sieg gegen Piorun), ausserdem Ponkratov, Leko und Najer. Dem Leser fällt vielleicht auf, dass ich keine Zeit habe konkret auf Partien einzugehen.

Runde 10: Mamedov-Onischuk 1-0, Leko-Riazantsev 1/2, Shirov-Najer 1-0, Ponkratov-Matlakov 0-1. In der Gruppe dahinter mit 7/9 u.a. Navara-Potkin 0-1 (das war noch akzeptabel für den an 2 gesetzten David Navara, zwei Niederlagen zuvor gegen Elo unter 2500 waren wohl nicht einkalkuliert) und IM Kazakovskiy – GM Fridman 1-0. Wer ist Valeriy Kazakovskiy? Der Weissrusse wird später noch „fotografiert“.

Die Spitzenpaarungen der letzten Runde Riazantsev (8,5) – Mamedov (9) und Matlakov (8,5) – Shirov (8,5) wurden von Oleg Hartsenko fotografisch dokumentiert. Ergebnisse verrate ich noch nicht, wobei der mitdenkende Leser sie bereits kennt.

Hinten links Riazantsev, rechts Mamedov, vorne rechts Shirov. Matlakov liess sich nicht etwa durch (vermutlich) einen Schiedsrichter vertreten, sondern erschien auch noch – die Uhren liefen, die Figuren wurden bewegt:

Riazantsev und Matlakov mit fast synchroner Körpersprache. Mamedov und Shirov müssen das noch üben, aber sind ja auch nicht Landsleute voneinander.

Hier fiel gleich die Entscheidung an Brett 1, wenn sie nicht bereits gefallen war: Computer bezeichnen auch 36.-Txe3+ 37.Txe3 fxe3 38.Kxe3 als für Weiss glatt gewonnen – es war jedenfalls besser/zäher als das gespielte 36.-Te5? 37.Tg6+ Kf7 38.Tg7+ (Turm nun gedeckt) 38.-Ke6 39.Sc4 (weisse Mehrfigur gerettet). Ein paar Züge wurden noch gespielt, dann war Riazantsev-Mamedov 1-0 offiziell. War der Russe damit Europameister? Nicht unbedingt bzw. noch nicht – an Brett 2 wurde noch gespielt mit Riazantsev nun als interessierter Kibitzer:

Mamedov kibitzt offenbar auch, die Herren im Hintergrund – da bin ich mir nicht so sicher. Riazantsev wollte wohl am liebsten ein Remis am Nachbarbrett, auf jeden Fall keinen Shirov-Sieg (Shirov hatte natürlich eine sehr gute Wertung).

Stand auf der Uhr (im grösseren Originalfoto besser zu erkennen) 0:30-0:24, Stand auf dem Brett Vorteil Matlakov

0:16 für Weiss, 0:19(?, ein Läufer steht vor der Uhr) für Schwarz, Vorteil Matlakov – sind nach Turmtausch die ungleichfarbigen Läufer ein Remisfaktor?

0:44-0:54, beide sammelten zwischenzeitlich ein paar Bonussekunden. Dieses Endspiel ist laut Tablebases für Weiss (richtiger Läufer bzw. richtiger Randbauer!) gewonnen. Zuvor war h4-h5 richtig, falsch wäre gewesen f3-f4-f5. Matlakov gewann. Wer war nun Europameister? Nach Wertung lag Riazantsev (74,5) knapp vor Matlakov (73,5). Für Bronze lag Mamedov nach Wertung vor Onischuk und Wojtaszek und (das war erster Tiebreaker) hatte beide im direkten Vergleich besiegt.

Alle drei auf dem Siegerfoto, zusammen mit Offiziellen. Shirov wurde Siebter, wo landeten Fridman und Naiditsch? Nebeneinander of Platz 20 und 21. Beide erzielten in den letzten vier Runden 2/4 – Naiditsch hatte stärkere Gegner und konnte seinen Wertungsrückstand auf Fridman fast aufholen. Drei ihrer Niederlagen hatte ich bereits erwähnt, ausserdem in der Schlussrunde Naiditsch-Wojtaszek 0-1. 8/11 bedeutete Platz 18-37. 17 dieser 20 Spieler bekamen dafür ca. 55 Euro, drei bekamen mehr:

150 Euro für den jungen IM Valeriy Kazakovskiy (*2000, damit Kategorie U18). Er erzielte, ganz ohne Remis, 3/6 gegen Grossmeister und 5/5 gegen Nicht-GMs.

300 Euro für Daria Pustovoitova. Soll man bei Damen das Alter erwähnen? Baujahr 1994, damit kein Jugendpreis aber sie ist eben weiblich. An 82 gesetzt wurde sie 35., und das mit Elo 2444 und TPR 2448 – der „Trick“ war, in Runde 2 gegen Elo 2101 zu verlieren, so bekam sie vorläufig relativ schwache Gegner. Allerdings erzielte sie gegen vier GMs (Alekseev, Piorun, Turov, Saric) immerhin 2/4. Der zweite Damenpreis (200 Euro) ging an Alexandra Kosteniuk – schon länger im Geschäft, also älter (*1984). Das war auch Trostpreis für 31 verlorene Elopunkte, aufgrund dreier Niederlagen gegen Elo 2296, 2296 und 2262 und trotz acht Siegen gegen vergleichbare oder schwächere Gegner. Der dritte Damenpreis (100 Euro) ging an Elisabeth Paehtz – zeitweise weiter vorne, am Ende ein halber Punkt weniger als Pustovoitova und Kosteniuk. Gegen GMs verlor sie dreimal – zwei mussten sich wohl nicht bei ihr vorstellen (Fridman und Naiditsch), der dritte war der ukrainische Schnell- und Blitzschachspezialist Olexandr Bortnyk. Kosteniuk und Paehtz wurden bei anderen Gelegenheiten fotografiert, diesmal nicht.

Noch mehr bekamen Preise und wurden fotografiert, noch einen zeige ich:

Das ist der Sieger der Altersklasse U10 – Volodar Murzin aus Russland, Schnellschach-Elo 2181 ist für sein Alter durchaus beachtlich.

Um noch einen deutschen Teilnehmer (nochmals) zu erwähnen: Artur Jussupow erzielte 7,5/9 – Platz 47 für die Nummer 49 der Setzliste. Das wäre der Seniorenpreis 60+, wenn er vier Jahre älter wäre. So bekam ihn der in dieser Altersklasse nach Elo klar favorisierte Russe GM Loginov (7/11) – bei Thomas Paehtz (6/11) stimmte das Alter, aber nicht die Anzahl erzielter Punkte. Noch mehr Deutsche spielten mit (IMs und Titellose), alle kann ich nicht erwähnen.

Einer, der gar nicht mitspielte, war trotzdem bereits (klein) auf einigen Fotos, nun noch einmal grösser:

Paul Keres – denn die EM im Schnellschach war auch Teil der Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag. Das Schachjahr 2016 begann quasi mit dem Keres-Memorial ebenfalls in Tallinn (der Schachticker berichtete), nun endet es mit diesen Turnieren – fast, zwischen Weihnachten und Neujahr ja noch diverse offene Turniere, am stärksten besetzt sicher die WM im Schnell- und Blitzschach. Zu Paul Keres erwähne ich noch die Artikel-Serie von Joosep Grents auf chess24 – Teil vier vor kurzem veröffentlicht hier, unten in diesem Artikel Links zu Teil eins bis drei. Offenbar nur auf Englisch vorhanden – das ist nicht der Grund, warum ich die Artikel selbst nicht gelesen habe, in Kommentaren wurden sie durchgehend gelobt.

Zum Blitzturnier zeige ich vor allem Bilder und erwähne nur kurz den Turnierverlauf: Andreikin dominierte total – so suggeriert der Endstand. Nach zwölf Runden bzw. sechs Doppelrunden hatte er fast perfekte 11,5/12 – einer war zu diesem Zeitpunkt noch besser: Rauf Mamedov mit 12/12. Dann gewann Andreikin das fällige Minimatch 1,5-0,5 und das war quasi die Vorentscheidung im Turnier. Andreikin gewann fünf weitere Minimatches und remisierte am Ende doppelt gegen Sergei Zhigalko. Mamedov spielte später gegen den griechischen GM Pavlidis remis ohne zu remisieren (zwei Schwarzsiege) und verlor in der letzten Doppelrunde 0,5-1,5 gegen Matlakov. Beide hatten das Feld zuvor so distanziert, dass sie Gold und Silber bekamen – Bronze für Zhigalko, Blech für Matlakov. Ich zeige Andreikin noch einmal individuell:

Und nun nicht alle, aber doch viele Teilnehmer:

Da erkenne ich niemand, und es sind keine Livebretter – offenbar wurde das Turnier „von unten“ fotografiert.

Vor weiteren Fotos kurz zu einigen deutschen Teilnehmern: Bester nach Punkten wie eingangs erwähnt IM Patrick Zelbel – seine schlechte Wertung lag am verhaltenen Start und dann starkem Endspurt (zum Schluss 5/6). Artur Jussupow spielte ein „durchwachsenes“ Turnier mit am Ende 16/26, Platz 68. Zu Beginn nur 1-1 gegen Svetlana Tikhova (Elo 1923), dann klappte es gegen Damen besser: 2-0 gegen die etwas bessere Anna Tskhadadze (Elo 1950), die viel bessere – wird gleich noch fotografiert – Olga Girya und am Ende auch noch gegen die Estin WIM Narva Mai. Was bei Daniel Fridman los war, da weiss ich nicht Bescheid: zu Beginn standesgemässe 7/8, dann 0,5-1,5 gegen David Navara (kann passieren), 0-2 gegen IM Tom Kantans und zweimal Remis gegen Matan Gorodetzky (Elo 1983). Dann war sein Turnier vorbei, den Rest verlor er kampflos bzw. wurde nicht mehr gepaart.

Olga Girya bekam den Damenpreis und hat gut lachen.

Das ist vermutlich der Sieger der Altersklasse U14, dann ist es der Russe Gleb Dudin mit kuriosem Blitzturnier: anfangs elf Remisen in zwölf Partien (einmal verlor er), dann eine Doppelnull, sechs Siege in Serie, wieder viermal Remis und noch zwei Siege. Er hatte nur Blitzelo 1756 (nach dem Turnier nun immerhin 1965), aber war besser als diverse U14 Spieler mit Elo 2000+.

Und das ist der Sieger U10, schon wieder Volodar Murzin. Hatte er denn gar keine Konkurrenten? Jein – alle anderen dieser Altersklasse (vor allem aus Russland und baltischen Staaten) waren deutlich schlechter, am Brett und auf dem Elopapier.

Noch ein (offenbar lettisches) Jungtalent wurde von Oleg Hartsenko fotografiert. Abschliessend erwähne ich noch einige U10 Spieler am Tabellenende: Der elolose Russe Nikita Savin hielt tapfer durch, wobei er (bis auf 2-0 gegen Freilos) alle Partien verlor. Vorletzter (abgesehen von Spielern, die sich anmeldeten, nicht erschienen, kampflos verloren und in der Abschlusstabelle erwähnt werden) wurde David Derdo, ebenfalls elolos. Er erzielte 5,5/26 – 2-0 gegen Nikita Savin, 1,5-0,5 gegen Anastasia Savina (nicht  IM/WGM *1992, sondern titel- und elolos Baujahr 2006) und vier Remisen gegen Popov und Popova. Ausserdem wurde klar, dass Mädels im jungen Alter sich nicht vor Jungens verstecken müssen: Popova(*2006)-Popov(*2002) 2-0, Savina(*2006)-Savin(*2008) 2-0.

Und damit verabschiede ich mich vorläufig in den Weihnachtsurlaub. Die WM im Schnell- und Blitzschach wird stattfinden – es sei denn sie wird abgesagt da Thomas Richter keinen Vorbericht schreibt … . Hinterher werde ich das Geschehen dann rekonstruieren.

Print Friendly