Der Schiedsrichter hat vorgesagt

JULIA MARIE MÄTZKOW

JULIA MARIE MÄTZKOW – Wie schon bei so manchen Turnieren durfte ich die Startklasse U8 beim 9. Internationalen Neujahrturnier am 7. Januar 2017 betreuen. Doch plötzlich wurde es draußen laut. Wir wunderten uns und dachten, dass ein paar Kinder auf dem Gang der Grundschule Groß Schönebeck spielen. Jan, der zweite Raumbetreuer ging raus, um nach der Ursache zu suchen. Zeitgleich konnte ich die jungen Schachspieler im Raum gar nicht mehr zu Ruhe bringen. Was war da bloß los? Die Kinder wurden immer unruhiger, und von draußen wollte es auch nicht leise werden. Was mag da nur vorgefallen sein? Nach anstrengenden 30 Minuten ist die Runde vorbei. Die jungen Wilden sind meist schneller fertig, als ihre Bedenkzeit es beim Schnellschach hergeben würde.

In der Pause war ein kleiner Junge ganz traurig und ließ sich auch nicht mehr beruhigen. Er hatte alle seine Partien verloren und war doch gar nicht so schlecht, oder etwa doch?

Ich ging auf ihn zu, und daraufhin fragte er mich: „Hilfst du mir? Sagst du mir vor?“

Ich erklärte ihm, dass dies überhaupt nicht geht, weil es unsportlich wäre. Doch er beharrte darauf, dass ich ihm vorsagen solle. Ganz verzweifelt sah er mich an.

Doch Regeln sind Regeln, und jeder Sportler will sein bestes Ergebnis erzielen, ohne zu schummeln. Das ist ja wie mit den russischen Sportlern, die in mehreren Disziplinen disqualifiziert wurden und die Biathleten sogar einen Beschwerdebrief geschrieben haben, um auf die Missstände des Schummelns aufmerksam zu machen. Da werden wir beim Schach erst gar nicht damit anfangen! Das musste der kleine Junge dann auch einsehen.

Doch auch während der Pause war es besonders unruhig. Ein weitere Junge schrie: „Der Schiedsrichter hat vorgesagt!“ Was? Nein? Ein Schiedsrichter sagt nicht vor! Das kann es nicht geben! Jetzt verstand ich erst, warum der kleine Junge wollte, dass ich ihm vorsage.

Es wurde heftig diskutiert. Für uns hatte die nächste Runde angefangen. Gott sei Dank, war es aber diesmal nicht ganz so unruhig, obwohl immer noch heiße Diskussionen zwischen den Kindern aufflammten.

Zwei Mädchen waren diesmal die letzten am Brett, die noch gegeneinander spielten. Eines von ihnen hätte einzügig Matt setzen können,  doch sah es nicht und stellte stattdessen ihre Dame ein. Die beiden spielten noch mehr als 50 weitere Züge. Dann hatte ihre Gegnerin alle Figuren abgeräumt und gewonnen. Anschließend darauf angesprochen, antworteten beide Mädchen: „Ach, das habe ich ja gar nicht gesehen!“ Wir schreiben das mal dem Durcheinander des Tages zu.

Nach der Siegerehrung habe ich noch mal den Veranstalter, Peter Harbach, gefragt was da los war mit dem Schiedsrichter. Und es klärte sich, dass ein Spieler im Schach stand und einen anderen Zug gemacht hat. Der Schiedsrichter hatte das gesehen und darauf aufmerksam gemacht, dass er im Schach stünde und dies bitte verlassen solle. Der Gegner sah dies als Betrug an und schrie los. Ach, wenn wir nicht alle so emotional wären… Die ganze Situation schaukelte sich hoch. Viele Teilnehmer des Turniers haben nur gehört: „Der Schiedsrichter hat vorgesagt!“ und so ging es munter weiter.

Bei diesem Tumult ging es auch total unter, dass es das erste Schnellschachturnier mit ELO-Auswertung war. Hätten alle Beteiligten ganz ruhig reagiert, wäre das alles nicht passiert. In solchen Fällen ist der Schiedsrichter verpflichtet sich einzumischen, und mit vorsagen hat das auch nichts zu tun. Derjenige, der nicht aus dem Schach rausgegangen ist, hat einen unmöglichen Zug gemacht. Das Eingreifen des Schiedsrichters ist  leider später nicht bei allen Teilnehmer als  richtige Entscheidung angekommen.

Ich hoffe jedenfalls darauf, dass bei meinem nächsten Schiedrichtereinsatz die Emotionen nicht so hochkochen, obwohl ich verstehe, das es bei einer gelungenen Partie aus der Sicht des Spielers  durchaus wichtig und verständlich sein kann.

Und das gilt auch bei einer Niederlage. Wenn man sich so richtig über einen Verlust aufregt, wird man sich den Fehler merken und hoffentlich nicht ein zweites Mal wiederholen. Oder Freude kann auch eine schöne Seite der Emotionen beim Schachspielen sein, über besonders gut gespielte Züge kann man doch eindeutig fröhlich sein, sonst würde das Königliche Spiel auch nicht halb so viel Spaß machen.

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ZUR PERSON:

Julia Marie Mätzkow [26. Mai 1998] begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Schach. Nach Abschluss der 10. Klasse am Finower Gymnasium besuchte sie für ein Jahr die 12. Klasse in England an der Christ-the-King-School. Auf regionaler Ebene im Land Brandenburg ist Julia, die in diesem Jahr ihr Abitur macht,  beim SV Motor Eberswalde aktiv und hat mehrmals an den Jugend- Landeseinzelmeisterschaften teilgenommen.

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6 thoughts on “Der Schiedsrichter hat vorgesagt

  1. @Ikke: Hoppla, das Neujahrsturnier hatte mehrere Gruppen, und ich kann nicht 100%ig herauslesen, ob sich dieser “Vorfall” in der u8 ereignete oder in der Hauptgruppe, in welcher immerhin auch ein FM mitspielte. (Wenn es bei Julia im u8-raum passiert wäre, hätte sie ja nicht nach der Siegerehrung den Veranstalter Peter Harbach zum Vorfall befragen müssen?!)

    Wenn es in der u8 geschah, sollten die FIDE-Regeln natürlich kindgerecht angewendet werden. Ein sofortiger Partieverlust bei regelwidrigem Zug ist viel zu hart, da kann man locker die alte Fassung verwenden und dreimal “ein Auge zudrücken”, oder öfter, oder was auch immer (kann man ja in der Ausschreibung festlegen, oder vorm Turnier kurz ansagen).
    Dass man die Regeln trotzdem kennen sollte, um sie eventuell nach der Partie mal anzusprechen, oder auch den Eltern/Betreuern erklären zu können, dürfte klar sein. Immerhin werden aus den Knirpsen irgendwann auch mal ältere Schachspieler, die dann nicht ständig Könige rausschlagen, oder Züge vorschreiben oder eben mehrmals durch Schach watscheln sollten.

    Sollte es in der Hauptgruppe passiert sein, sehe ich keinen Grund für irgendwelche Ausnahmen. Vorallem, da das Turnier zur ELO-Auswertung eingereicht wurde/werden soll.

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