Wijk aan Zee auf der Zielgeraden

Vorentscheidung(?) bei den Masters, Spannung bei den Challengers, Ausflug nach Haarlem. Ich beginne heute mal mit den aktuellsten Zwischenständen:

Masters: So 7/10, Aronian, Carlsen, Karjakin, Eljanov, Wei Yi 6, Adhiban 5.5, Harikrishna und Giri 5, Nepomniachtchi, Andreikin, Wojtaszek 4, Rapport 3.5, van Wely 2. Da hat sich nun nicht nur unten, sondern auch oben jemand abgesetzt. Dahinter Gedrängel auf Platz zwei. Adhiban hat zwar nicht noch einmal gewonnen, aber liegt weiterhin klar über seinen Elo-Verhältnissen.

Challengers: Ragger, Smirin, Xiong 7/10, Hansen und Jones 6.5, Grandelius 6, l’Ami und Lu Shanglei 5.5, Tari 5, Bok 4, Dobrov 3.5, van Foreest 3, Lei Tingjie 2.5, Guramishvili 1. Da ist noch alles offen. Die Tabelle ist generell recht sauber nach Elo sortiert – nur Hansen und Dobrov überraschen positiv, und Jorden van Foreest negativ.

Wem gebe ich das Titelfoto? Wesley So bietet sich natürlich an, aber das kommt voraussichtlich im Abschlussbericht. Loek van Wely hatte ich auch erwogen, nicht wegen seinem Platz in der Tabelle sondern – da muss sich der Leser noch etwas gedulden. Da „Tata Steel Chess on Tour“/Reisebericht aus Haarlem Schwerpunkt dieses Artikels ist, habe ich dieses eigene Foto ausgewählt. Fotos zu Runde neun und auch einige zu Runde zehn stammen wieder von Alina l’Ami, ab Turnierseite über Facebook und zum Teil Twitter.

Runde 9 habe ich im Internet verfolgt, kurze Zusammenfassung zur A-Gruppe: fast alles remis, eine Ausnahme bestätigt die Regel. In anderen Partien musste es nicht unbedingt so sein – es lief nach Wunsch für Wesley So.

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So-Aronian 1/2 verdient nur deshalb ein Foto, weil es das eloschwerste Duell war und weil So so weiterhin ungeschlagen blieb. Aronian wählte eine hochtheoretische Variante, die So zwar (wenn sein Bedenkzeitverbrauch Hinweise liefert) nicht „so“ gut kannte, aber er bekam sein Weissremis. Die Remisen Giri-Rapport und Wojtaszek-Karjakin auch aus der Rubrik „hiermit erwähnt“, das galt nicht für die drei anderen Remispartien. Wei Yi versuchte, im Endspiel gegen Adhiban einen Mehrbauern zu verwerten, letztendlich schaffte er es nicht – schlechte chinesische Technik oder gute indische Verteidigung oder beides? Nach 92 Zügen war das Remis definitiv unterschriftsreif.

Nepomniachtchi-Harikrishna begann Englisch, dabei ein eher seltener Dialekt – tschüss alle Theorie nach sechs Zügen. Nachdem Harikrishna ab dem 16. Zug die verkehrte Version wählte, ein Qualitätsopfer anzunehmen, schien Nepo nahe an seinem ersten Sieg. Die beste Chance hatte er im 26. Zug und verpasste sie. Ob das Endspiel mit Damen, Leichtfiguren und Mehrbauer später noch gewonnen war, da bin ich mir nicht sicher – nach 79 Zügen war es jedenfalls remis.

Andreikin-Eljanov 1/2 war spektakulär. Nach 30 Zügen hatte Weiss nicht eine, sondern zwei Qualitäten geopfert. Am einfachtsten war nun aus schwarzer Sicht 30.-Dxb7, was zwar eine Qualität zurückgibt aber den weissen Freibauern auf b7 entfernt – während Schwarz einen latent gefährlichen auf e3 behält. Eljanov klebte am Material, Weiss bekam verbundene Freibauern auf c6 und b7, weitere schwarze Gewinnwege waren vielleicht nur für Computer offensichtlich. Eljanov setzte auf Königsangriff, und der weisse König musste mitten über das Brett von g1 nach c5 spazieren. Zuvor hatte Andreikin vielleicht Glück, dass 41.Ld1 (einziger Zug) eben der 41. Zug war, also nach der Zeitkontrolle – nach 26 Minuten spielte er so. Materialverteilung war später aus schwarzer Sicht Dame, zwei Türme und drei Bauern gegen Dame, Springer und fünf Bauern – darunter die einzugsbereiten auf c6 und b7. Dennoch endete es mit Dauerschach, weder Weiss noch Schwarz hatte etwas besseres. Wieder eine verpasste Chance für Eljanov, Wesley So hatte gut lachen:

Das Foto aber wohl schon vor der Runde aufgenommen. War da noch was?

Carlsen – van Wely 1-0 – damit musste man/musste Wesley So rechnen. van Wely spielte Sizilianisch, diesmal nicht Najdorf sondern Scheveninger System. Das gilt aufgrund des Keres-Angriffs 6.g4!? als riskant, und manchmal spielt sogar Carlsen prinzipielle Varianten. Van Welys 8.-g5!? war sizilianisch-thematisch und riskant. Carlsens Antwort 9.Sxc6!? bxc6 10.e5 war eher positionell, wobei der schwarze König in der Mitte latent gefährdet stand. Um nicht im Mittelspiel zu verlieren, tauschte van Wely die Damen – das kostete einen Bauern und er verlor im Endspiel. Ein locker-leichter Sieg für Carlsen gegen einen in diesem Turnier indisponierten Gegner.

Kurz zur Challenger-Gruppe: Nach anfangs 4/4 stockte der Ragger-Express – heute Remis gegen Aryan Tari. Gawain Jones, zuvor punktgleich mit Ragger, konnte davon nicht profitieren – Niederlage mit Schwarz gegen Xiong. Insgesamt ein souveräner Sieg des jungen Amerikaners mit chinesischen Wurzeln, wobei er tief im Turmendspiel dem Gegner noch Remischancen gönnte, die dieser nicht nutzte. Smirin hatte Schwarz gegen van Foreest und gewann – Weiss spielte in dieser Partie „alles oder nichts“ und bekam nichts. Nun lagen Ragger und Smirin punktgleich vorne, Jeffery Xiong und immer noch Gawain Jones lauerten dahinter.

Warum Alina l’Ami diese beiden fotografiert hat – wird schon seine Gründe haben. Erwin l’Ami kam später zu einem Arbeitssieg gegen Sopiko Guramishvili, die immerhin nochmals fotografiert wurde:

Oder war das vor der Runde? Rechts jedenfalls Anish Giri.

Das war die „Vorspeise“, nun der Haarlem-Reisebericht mit zwischendrin dem rein schachlichen Geschehen. Anreise diesmal ab Den Helder komplett per Zug, dann noch etwa zehn Minuten zu Fuss vom Haarlemer Bahnhof zur Philharmonie. Unterwegs habe ich ein bisschen fotografiert, auch wenn das Wetter nicht fotogen war:

Das letzte Foto zeigt: Ziel erreicht! Da ist die Glastür noch zu, jemand öffnet sie mir und fragt “kann ich Ihnen helfen?”. “Ich bin Reporter für das Schachturnier.” “Wenden Sie sich an die Damen am Infostand.” Gesagt getan, da bekomme ich dann – zusätzlich zu meiner Badge aus Wijk aan Zee – einen grünen “VIP” Plastikring um den Arm. Ich frage “wann kommen die Spieler?”. “Die Abreise hatte sich etwas verzögert, momentan ist Fototermin im Frans Hals Museum.” “Wo ist das denn?” Sie fragte eine Kollegin: “Wieder zur Tür raus, links, links und am Wasser wieder links. Ich glaube, Sie sind zu spät, aber einen Versuch ist es vielleicht wert.” Ich mache mich auf den Weg, auf der Strasse dann ein Vertreter von Tata Steel. “Nein, das Frans Hals Museum ist (er zeigt in eine andere Richtung), was steht denn auf den Schildern da?” Auf dem Schild stand “Amsterdam 14km per Fahrrad”. “Dann kann ich auch nicht helfen – in etwa einer halben Stunde kommen sie hier vorbei.”

Gibt es noch einen anderen Termin? Ich folge der mir zuvor genannten Runde, lande beim Teylers Museum und frage drinnen auf Niederländisch “kommen hier demnächst Schachspieler [schakers] vorbei?” “Eisschnelläufer [schaatsers]?” “Nein, Schachspieler [schakers] vom Tata Steel Turnier.” “Nicht dass ich wüsste – sie können gerne das Museum besuchen!” Das Vorprogramm bekommt man mit, wenn man mit den Spielern den Bus aus Wijk aan Zee nimmt – ich war von zu Hause aus angereist. Und die Kollegin schickte mich wohl zum falschen Museum. Zwischendurch Fotos von dem, das ich verpasst hatte:

Gruppenfoto draussen, Führung durch das Frans Hals Museum (dieses Foto von Anna Rudolf via Twitter), Gruppenfoto drinnen und dann zu Fuss durch das Haarlemer Zentrum. Auch Alina l’Ami kann das Wetter nicht ändern … .

Ich selbst: Zurück zur Philharmonie, nun frage ich wo der Presseraum ist – um schon einmal Laptop und Winterjacke (draussen ist es kalt) abzulegen. Ich werde dahin geführt, durch diese Tür

und dann weiter hinter den Kulissen, nächstes etwas bunteres Fotomotiv:

Ich gehe schon einmal auf die Bühne, zu diesem Zeitpunkt noch leer – bis auf Schiedsrichter Pavel Votruba:

Er stellt schon einmal die Uhren ein. Danach zurück ins Foyer, inzwischen mit Publikum:

Was es mit den gelben T-Shirts auf sich hat, siehe später. Ich warte darauf, dass die Spieler hier vorbeikommen. Dann erfahre ich „sie sind schon im Pressebereich“ – sie nahmen offenbar den Hintereingang und das meinte der Vertreter von Tata Steel. Diesmal war ich rechtzeitig für weitere Fotos:

Für das leibliche Wohl (auch der Presse) war gesorgt, Getränke gab es auch. Auf dem dritten Foto auch vorne Alina l’Ami und ein anderer Fotograf, Patrick Put. Dann ein Blick Richtung öffentlicher Bereich. Bei früheren Ausflügen verbrachten die Spieler die Zeit vor der Runde meist alleine oder in weiblicher Begleitung, diesmal sassen sie in Gruppen zusammen. Was machten sie unter anderem? Die bereits begonnenen Partien der Challenger Gruppe verfolgen! Die B-Gruppe begann wie üblich um 13:30, die A-Gruppe beginnt auswärts eine halbe Stunde später. Text zum sechsten Foto: Aronian fragt Harikrishna „Was macht Aryan Tari denn??“ Nur einer – Wei Yi – kann offenbar weder Englisch noch Russisch. Dass ein anderer fehlte, hatte ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht registriert.

Dann gingen die Spieler auf die Bühne. Auf diese Bühne dürfen nur die offiziellen Turnierfotografen, aber man kann auch aus dem Zuschauerraum oder von oben vom Balkon aus knipsen:

Rechts auf der Bühne diverse Offizielle, Spieler zeige ich später noch mehr aus der Nähe. Danach das Übliche: Partien verfolgen (auch die in Wijk aan Zee verbliebene B-Gruppe, ein bisschen auch Gibraltar), Gespräche mit anderen im Pressebereich. Ein Niederländer meinte: „mein Freund Erwin [gemeint ist natürlich l’Ami] würde auch gerne hier spielen, aber nur die A-Gruppe darf verreisen“ (andere sagen vielleicht ‚muss‘ verreisen). Auf dieser Bühne ist vielleicht nicht genug Platz für 2*14=28 Spieler. Ganz alleine bleiben die Challenger natürlich nicht zurück – auch hunderte Amateure spielten in Wijk aan Zee – aber der Pressetross ging fast komplett mit nach Haarlem, und die Partien der B-Gruppe werden eher nebenbei registriert.

Dann schaute ich wieder in den öffentlichen Bereich – was tut sich da, was wird Zuschauern ohne grünes Armband geboten, was war das mit den gelben T-Shirts?

Es gibt auch T-Shirts in anderen Farben – vor Ort auch ein Schulschachturnier, im Foyer auch eine Simultanvorstellung:

Yasser Seirawan war oben bereits (mit Wesley So und dessen „Ersatzmutter“) zu sehen, später verschwand er Richtung Livekommentar mit Tex de Wit:

Da diskutierten sie gerade die Eröffnung aus Aronian-Rapport. Seirawan zur Stellung nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 Lb7 (4.-La6 ist heutzutage gängiger) 5.Lg2 Le7 6.0-0 0-0, also Damenindisch: „Hier war früher das Bauernopfer 7.d5!? populär, das hat Polugaevksy eingeführt. Im Kandidatenmatch Kortschnoi-Polugaevsky war ich Kortschnois Sekundant, es bereitete uns schlaflose Nächte. Später wurde das neutralisiert, 7.Te1 wurde populär, auch das wurde neutralisiert.“ Aronian und Rapport spielten 7.Sc3 Se4 8.Ld2 Lf6 und nun entkorkte Aronian 9.Le1!? – nicht ganz neu (z.B. Gunina spielte es in zwei Blitzpartien) aber doch selten und optisch krumm, so behält Weiss das Läuferpaar und der Gegner wird aus seiner Vorbereitung entlassen. 9.-Te8?! kostete nicht nur 8 1/2 Minuten Bedenkzeit, sondern war offenbar auch nicht gut – im weiteren Verlauf kam Aronian zu einem flotten Angriffssieg. 19.exf5 opferte eine Figur, die Schwarz wohl nicht nehmen durfte, nach 28 Zügen war Schluss – Aronian-Rapport 1-0. Dazu komme ich gleich, zuerst noch ein Foto das sonst vielleicht keiner hat: Wieder hinter den Kulissen „verirrte“ ich mich und stand dann vor dieser Tür:

Aha, da war Carlsen also vor der Runde! Als ich einem Kollegen dieses Foto zeigte meinte er „Ja, sie müssen ihn verwöhnen – sonst spielt er in Gibraltar. Das war wohl vertraglich festgelegt.“ Ich kann mir auch vorstellen, dass es eine „freiwillige Geste“ von Tata Steel war – jedenfalls Sonderbehandlung für einen der vierzehn Spieler. Harikrishna-Carlsen wurde übrigens ein „etwas interessantes“ Remis.

Zu Levon Aronian: Wie gesagt, er gewann schnell – dann (mindestens) zwei Interviews, erst das offizielle von Anna Rudolf, auf Youtube veröffentlicht (Foto von Alina l’Ami):

Dann sah ich ihn im Gang und wartete zunächst geduldig, da er mit seinem Handy beschäftigt war:

Dann Gelegenheit zu kurzen Fragen: TR „Es ist wohl zu früh, um über das Turnier insgesamt zu reden. Aber bisher erinnert mich Ihr Turnier an das, was sie vor drei Jahren in der abschliessenden Sieger-Pressekonferenz sagten: ‚Form ist an einem Tag vorhanden, und an einem anderen nicht‘.“ Aronian: „Ja“. TR: „Bei Rapport ging wohl schon in der Eröffnung etwas schief?“ Aronian: „Ja, das denke ich [I guess so]. Was er tat war vielleicht nicht unbedingt schlecht, aber gefährlich – zu provokativ.“ Betrifft ‚provokativ‘: Einige Fragen fallen einem erst zu spät ein. Ich hätte Aronian fragen können, ob er sich über einen Sieg gegen Rapport ganz besonders freut – schliesslich hatte er letztes Jahr zweimal in wichtigen Mannschaftskämpfen (Bundesliga und Europacup für Vereinsteams) gegen ihn verloren. Rapport ist immer potentiell gefährlich – für alle, auch für Carlsen, auch (wobei er das nicht zu Ende spielte) für So. Jedenfalls an (für ihn) guten und für den Gegner schlechten Tagen.

Zurück in den Turniersaal, ein paar Bilder habe ich noch:

So-Wojtaszek 1-0 hatte ich gar nicht fotografiert, trotzdem ist es natürlich turnierwichtig. Auch Katalanisch wird manchmal kompliziert-taktisch. Wojtaszek hatte zwar Bauern-Übergewicht im Zentrum, aber So hatte starke Bauern am Damenflügel – am Ende kostete der b-Freibauer eine schwarze Figur, Wojtaszek gab auf. So kann auch mal souverän gewinnen!? Die Partie gegen Rapport war chaotisch und ein Sieg aus glatter Verluststellung, Harikrishna und van Wely vergaben jeweils konkrete Remischancen, Wojtaszek schien nun chancenlos.

So erschien im Pressebereich und wurde offiziell interviewt, ich befragte einen Herrn aus seinem Tross. TR: Sie gehören zu Team So? Er: Ja, ich bin sein Ersatzvater [ich weiss nicht mehr, welchen genauen englischen Begriff er wählte] – das ist seine Mutter, das seine Schwester. TR: Ja, über sein gestörtes Verhältnis zu seiner genetischen Familie wurde viel geschrieben, dazu will ich nicht Stellung nehmen. Er: Wesley sollte man dazu nicht befragen, ich rede gerne darüber. Seine leiblichen Eltern haben ihn betrogen (they stole his money), die Philippinen haben ihn schlecht behandelt und ausgenützt. Zum Beispiel bekommt ein Goldmedaillengewinner generell 1 Million Pesos – nicht allzu viel, etwa 25.000$, er bekam das nicht. [Gemeint ist vielleicht die Goldmedaille für das beste Resultat an Brett 1 der U16-Schacholympiade 2007 – ob das vergleichbar ist mit Erfolgen bei anderen Olympiaden, da kann man geteilter Meinung sein. Generell ist es natürlich eine Version dessen, was vorgefallen ist.] Mit 21 – dann ist man in den USA volljährig – hat er sich für uns entschieden. TR: Aber Kontakte gab es schon zuvor? Er: Ja, und Susan Polgar hat ihn zum Verbandswechsel ermutigt.

Interessanter wurde es (für mich), als er Wesley Sos Coach erwähnte. Auf die Frage nach dessen Namen: „kann ich nicht sagen, nach dem Turnier wird Wesley ihn verraten“.

Van Wely – Giri 1/2 müsste man nicht unbedingt fett drucken – Giri bespricht sich nach der Partie mit seinen Sekundanten

und ich schnappe mir van Wely für ein „Kurzinterview“, so war es jedenfalls beabsichtigt. Aber jede Antwort war Auslöser für die nächste Frage:

TR: Ein korrektes Remis?

Loek: Ja, unsere Fans sind vielleicht enttäuscht. Sie wollten Blut sehen, hier oder da … . Aber ich wollte nicht so spielen wie gegen Carlsen. Kombination schlechte Form, Schwarz gegen Carlsen und riskante Eröffnung, das war keine gute Idee.

TR: Hat es Dich gestört/geärgert, dass Carlsen vorher sagte “ich muss gegen van Wely ein Weiss opfern”?

Loek: Darüber kann ich mich nicht beschweren, ich habe ja selbst auch eine grosse Klappe.

TR: Schlechte Form, dabei ging es zuletzt eher aufwärts – ich schrieb vor dem Turnier “2700 ist wieder in Reichweite”.

Loek: Ja, aber das erzielte ich vor allem in kleinen Open gegen schwächere Gegner, Wijk aan Zee A ist was anderes. In Mannschaftskämpfen spielte ich mal gegen Ivanchuk, OK der ist stark, Ganguly, Kryvoruchko, … nicht schlecht aber nicht Tata Steel A.

TR: Lag es auch am Babysitten während dem Turnier?

Loek: Das könnte man als Entschuldigung oder Ausrede nennen, aber bei anderen Turnieren ging es auch gut – OK, Vlissingen Open ist nicht Tata Steel. Einiges ging in meiner Vorbereitung schief, ich war krank, ich war über Silvester bei meinen Schwiegereltern in El Salvador – nicht ideal: Jetlag, Klimaunterschied, … .

TR: Ich habe Deine Partien nicht alle parat – wurdest Du überspielt, hast Du gepatzt, was war genau die Ursache?

Loek: Manchmal ging schon die Eröffnung schief, manchmal habe ich in Zeitnot gepatzt.

TR: Zeitnot hattest Du ja schon immer!?

Loek: Ja, früher war es noch extremer … .

TR: ‚Extrem‘ ist relativ – für Grischuk ist eine Minute für zehn Züge kein Problem … .

Loek: Grischuk ist mein Idol – klasse, wie er in Zeitnot spielt!

TR: Wenn Du eingeladen wirst, spielst Du nächstes Jahr wieder Tata Steel A?

Loek: Müsste ich mir überlegen, dann müsste ich meinen Lebensstil ändern – so spielen 13 Profis und ich, der sonst keine vergleichbaren Turniere hat. Dann würde ich ja auch einem anderen Niederländer den Platz wegnehmen, wobei Benjamin Bok und Jorden van Foreest in der B-Gruppe auch schlecht spielen.

TR: Letzte Frage: Würdest Du auch in der B-Gruppe spielen?

Loek: Nein. Hat nichts damit zu tun, dass ich es als Degradierung betrachten würde, da spielen auch starke Grossmeister. Aber wenn ich für die A-Gruppe nicht mehr gut genug bin, will ich doch die B-Gruppe gewinnen, und dann spiele ich ja wieder in der A-Gruppe … .

Als nächste Turniere nannte er ein Open in Zürich (zu Ehren Kortschnois), Bangkok würde er gerne wieder spielen aber das überschneidet sich mit Zürich, vielleicht Korsika (“nette Orte wo ich die Familie mitnehmen kann”), Vlissingen. Nicht starke Opens wie Reykjavik oder Isle of Man. NL-Meisterschaft – „ja das mache ich noch! Giri ist zwar ein Problem, aber der Rest ist kein Problem“. Generell: „Natürlich bin ich diesmal enttäuscht, meine Fans – und die habe ich ja – sicher auch.” Zum Schluss sagte ich: “Viel Erfolg in den letzten Runden klingt wohl seltsam [auch 5/13 wäre kein tolles Ergebnis], aber ‘zet’m op!’ [hau rein!].” Was ich nicht sagte und, wenn ich die Chance bekomme, noch nachholen werde: Ich werde/würde ihn vermissen – nicht nur rein schachlich, auch für derlei offene Gespräche/Interviews. Dieses musste ich selbst beenden – erstens da ich das alles auf meinem Laptop aus dem Gedächtnis noch notieren musste, zweitens da ich langsam die Heimreise antreten musste.

Giri wurde noch gefragt „Was willst Du – zurück nach Wijk aan Zee [der Bus geht erst nach Ende der letzten Partie, aber er bekäme offenbar ein ‚Taxi‘] oder nochmal ins Museum?“ Giri: „Das Museum ist doch nun geschlossen? Die Zeit war etwas knapp, einige wären gerne länger geblieben – auch Aronian, der davon offenbar inspiriert wurde. Was zurück nach Wijk aan Zee betrifft: ich habe es nicht eilig, morgen ist doch Ruhetag?”

Die anderen Partien kürzer und knapper als sie es eigentlich verdienen. Adhiban-Nepomniachtchi 1/2 war Najdorf-Sizilianisch, turbulent und mit beiderseitigen Opfern. Eljanov – Wei Yi 1/2 war auch ein Remis „der besseren Sorte“. Karjakin-Andreikin 1-0 lief zu diesem Zeitpunkt noch (auch auf der Heimreise warf ich noch gelegentlich einen Blick auf diese Partie), Karjakin gewann im Turmendspiel.

Zur B-Gruppe (fast) nur die Ergebnisse: Bok-Ragger 1/2, Smirin-l’Ami 1/2 – so konnte Jeffery Xiong mit einem Schwarzsieg gegen Sopiko Guramishvili zur Spitze aufschliessen. Selbiges gelang Gawain Jones trotz Weiss gegen die andere Dame nicht – er war mit Remis gegen Lei Tingjie eher gut bedient, wobei mir nicht klar ist, ob/wann die Chinesin im Endspiel mit Mehrqualität den Sieg verpasste. Eric Hansen bekam durch einen Schwarzsieg in nur 20 Zügen gegen Lu Shanglei Anschluss an die Spitze.

Fünf Spieler haben noch gute Karten für Turniersieg und damit Tata Steel Masters 2018. Zu kompliziert, das Restprogramm aufzubröseln – auf den ersten Blick hat Markus Ragger das leichteste: Weiss gegen Grandelius und den indisponierten van Foreest, dann Schwarz gegen l’Ami, während die Konkurrenten zum Teil noch gegeneinander spielen.

In der A-Gruppe: Wer kann Wesley So noch stoppen? „Im Prinzip“ am ehesten Wei Yi aus eigener Kraft, allerdings hat er in Runde zwölf Schwarz. So hat davor und danach Schwarz gegen Andreikin und Nepomniachtchi – nicht ausgeschlossen, dass Nepo in der letzten Runde sein diesmal enttäuschendes Turnier reparieren will. Bisher spielte Nepo oft „auf drei Resultate“ und bekam bisher deren zwei, ein Sieg fehlt noch. Restprogramm der fünf Verfolger: wieder zu kompliziert, u.a. in der letzten Runde Carlsen-Karjakin.



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3 thoughts on “Wijk aan Zee auf der Zielgeraden

  1. Ja genau – meine Berichte, generell zum Ruhetag, betrachte ich als Serie. Adhiban begann mit 1/4, dann 3,5/4 – er hat also in Runde 5-8 schon dreimal gewonnen (gegen Karjakin, Wojtaszek und Andreikin). Zuletzt zwei recht turbulent-gehaltvolle und jedenfalls ausgekämpfte Remisen.

  2. Ah, jetzt hab ich’s verstanden.
    Hab im Kopf das ’nicht‘ und das ’noch‘ vertauscht.
    Dass er lediglich nach Deinem letzten Bericht nicht mehr gewonnen hat, ist gemeint.

  3. Hi Thomas, wie immer sehr launiger Bericht.
    Doch was soll im ersten Absatz “ Adhiban hat zwar nicht noch einmal gewonnen, aber liegt weiterhin klar über seinen Elo-Verhältnissen. “ bedeuten?
    Ist gar nicht so einfach, 5,5/10 ohne Sieg zu schaffen. 😉

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