Wijk aan Zee Abschlussbericht

Es war für mich ein langer Tag, der anderthalb Stunden früher begann und dann genauso spät endete wie bei anderen “Reiseberichten”. Die offizielle Abschlusszeremonie für geladene Gäste verpasse ich immer aus logistischen Gründen – damit erübrigen sich Bemühungen um eine Einladung. Eine andere kleine Zeremonie habe ich – teilweise – mitbekommen, daher stammt auch das (eigene) Titelfoto. Wesley So hat also das Turnier gewonnen, rechts neben ihm unter anderem der Bürgermeister. Warum auch ein Pianist auf der Bühne ist, welche Bühne das wo war, … da muss sich der Leser noch bis zum Ende des Berichts gedulden.

Ich habe wieder viel fotografiert und hatte dann die Qual der Wahl: teilweise sind Fotos doppelt, muss nicht sein, teilweise sind sie unscharf oder aus anderen Gründen misslungen, der Rest weitestgehend thematisch sortiert im Artikel. Fotos von Alina l’Ami – ab Turnierseite über Facebook – “brauche” ich auch noch, u.a. da ich nicht “überall” selbst war. Und auch noch einige Screenshots aus der (Vorspeise zur) Liveübertragung.

Zuerst wie üblich der aktuellste und nun definitive Stand in nicht zwei, sondern diesmal drei Gruppen:

Masters: So 9/13, Carlsen 8, Adhiban, Aronian, Wei Yi 7.5, Karjakin und Eljanov 7, Giri 6.5, Harikrishna, Andreikin, Wojtaszek 6, Nepomniachtchi 5, Rapport 4.5, van Wely 3.5.

Challengers: Jones und Ragger 9/13, Xiong 8.5, Hansen, Smirin, Lu Shanglei 8, Tari 7.5, l’Ami und Grandelius 7, Bok 5.5, Dobrov 4.5, van Foreest 4, Lei Tingjie 3.5, Guramishvili 1.5. Gawain Jones ist, aufgrund des Sieges im direkten Vergleich, tiebreak-gleicher als Markus Ragger. In der Vergangenheit hatte der Sieger der B-Gruppe mitunter mehr als 9 Punkte, aber diesmal war es, wie auch 2016, hart umkämpft – keiner blieb ungeschlagen.

Amateur-Toptienkamp: van Foreest 6.5/9, Praggnanandhaa 6, Beerdsen und Pijpers 5.5, Maenhout 5, Lai Hing Ting und Schoppen 4.5, Laurent-Paoli 4, Vereggen 3, Ketzetzis 0.5 (aus sieben Partien und zwei kampflose Niederlagen). Sieger natürlich nicht Jorden van Foreest, sondern sein jüngerer Bruder Lucas. Der Zweite ist international bereits bekannt, die anderen Teilnehmer sind mehr oder weniger national bekannt.

TurnierseitePartien MastersPartien Challengers

Ich mache erst einmal bei den Amateuren weiter, in Gruppe 5E:

Tom Adriaanse aus Den Helder hatte ich jedes Jahr kurz interviewt, nun fotografiere ich ihn auch mal. Er erschien – das mögen Fotografen – recht früh zur Runde: Rundenbeginn war um 12:00, Foto-Zeitpunkt 11:42. Dieses Jahr lief es für ihn: “bisher 5 aus 8 und auch gute Partien. Ich bin zufrieden, egal was heute noch passiert!”. Wiederum erwähnte er, dass er seit 1964 mitspielt – nicht jedes Jahr, früher war er berufstätig und bekam nicht immer Urlaub. Einen bekannten Spieler hat Tom Adriaanse eventuell “besiegt”: für ihn war es das 26. Mal in Wijk aan Zee, Loek van Wely deutete an dass sein 25. vielleicht das letzte Mal war.

Ich dokumentiere noch den (Zwischen-)Stand in Gruppe 5E, seine letzte Partie endete dann remis. Und nun auf die Bühne zu den Grossmeistern, erste Fotoserie:

Wer kibitzt kurz nach Rundenbeginn auf den letzten beiden Fotos? Falls Leser ihn nicht (er)kennen, später steht er im Mittelpunkt. Die beiden Fotograf(inn)en fast genau mitten in der Mitte sind Anna Rudolf und Dirk Poldauf, nebendran wird Karjakin für niederländische Zeitungen fotografiert. Auf den Fotos kaum erkennbar, wie voll es auf der Bühne war – am ehesten beim Nepomniachtchi-Foto: ein Kollege aus dem Pressebereich meinte dazu “bereits volle Konzentration trotz all dem Trubel”. Was daraus entstand, siehe unten. Besser erkennbar im offiziellen Livestream Teil Null (“Gong”) bevor Yasser Seirawan übernahm. Wer war alles da, ausser und oft schon vor den Grossmeistern? Unvollständige Liste (nicht alle kenne ich namentlich, einige habe ich vielleicht vergessen) zufällig sortiert: Anna Rudolf und Dirk Poldauf hatte ich bereits, noch ein Dirk Nachname Jan ten Geuzendam, Alina l’Ami, Maria Emelianova, Tarjei Svensen, Evgeny Surov, Harry Gielen, Robert Ris, Patrick Put, Gert Ligterink, Joachim Schulze, usw. – vielleicht sind nicht alle Namen beim Publikum bekannt. Eine Reihe Screenshots:

Noch tut sich wenig, links unterhalte ich mich mit (ganz links) Chessbase-Fotograf Joachim Schulze. Später tauche ich nur ab und zu auf, da ich nicht unbedingt da fotografierte wo viele andere fotografierten.

Baskaran Adhiban, einer der Helden des Turniers

Hier ein Beispiel dafür, dass ich (rechts) auch “anderswo” fotografierte, hier die B-Gruppe. Mit Zopf Karjakins Ehefrau, die dann Gesellschaft bekam

von Sergey Karjakin, Anatoly Karpov (um den Namen bereits zu erwähnen) und Alexander Bakh – auch diese Szene wurde fotografiert, nicht von mir da ich irgendwo anders war.

Hinten gibt Loek van Wely ein Interview – macht nicht jeder vor der Partie und während einem enttäuschenden Turnier.

Dann setzte sich Karjakin ans Brett, wo war sein Gegner Carlsen? Er kam im Laufschritt, gab Karpov im Vorbeigehen (ohne anzuhalten) die Hand – dazu kein Screenshot, der ist zwangsläufig unscharf, und dann konnte man beide zusammen fotografieren:

Zwei zeige ich noch individuell bzw. im Vordergrund:

Miguel Illescas (rechts vorne) – wer ist das denn? Leser, denen der Name kein Begriff ist, müssen sich noch etwas gedulden.

Wayne Xiong.

Warum war Karpov vor Ort? Als Ehrengast, u.a. für den Gong zur Eröffnung der Runde und für eine Pressekonferenz:

Auf dem dritten Foto von links nach rechts Turnierdirektor Jeroen van den Berg, Pressesprecher Tom Bottema und Anatoly Karpov. Nun mal wieder ein bisschen Text, Thema der Pressekonferenz war, ja was genau eigentlich? Eben “Karpov”, Kasparovs Pressekonferenz vor einigen Jahren hatte das klare Thema “FIDE-Wahlkampf”. Online ist die zweite Pressekonferenz offenbar nicht, ich dokumentiere hier nur Karpovs Antworten auf meine beiden Fragen – aus dem Gedächtnis rekonstruiert, ich hatte damit gerechnet dass ich mir es nochmals (eventuell mehrfach) anhören kann. Schon zuvor waren Schachschulen ein Thema, ich fragte “was verbirgt sich genau hinter der Karpov-Schachakademie in Deutschland, was ist Ihre Rolle dabei?”. Antwort tendenziell: “Das ist eine von etwa 200 weltweit, überall in Russland und auch anderswo. Hockenheim ist in der Bundesliga erfolgreich.” Hmm, sein konkret-persönlicher Beitrag zu den vielen Schachschulen ist wohl nicht viel grösser als Botvinniks aktueller Beitrag zu nach ihm benannten Schachschulen!?

Zweite Frage: “Was sagen Sie zu Russlands Ergebnissen bei Mannschaftskämpfen?” “Früher hatten sowjetische bzw. russische Teams einen ‘leader’ – z.B. Botvinnik, dann ich, dann, teilweise gemeinsam, Kasparov und ich – heute nicht mehr.” Auf Nachfrage von Gert Ligterink meinte er “Kramnik ist ein sehr guter Schachspieler, aber kein ‘leader’ der ein Team motivieren und mitreissen kann.” Das WM-Match Carlsen-Karjakin wurde schon zuvor besprochen – “es war knapp, knapper als zweimal Anand-Carlsen”.

Zwei Fotos von Alina l’Ami zu Karpov danach:

Zu Gast bei einer der Amateurgruppen – deshalb ging er allerdings (es sei denn zu Fotozwecken) nicht auf den Balkon, sondern

um Yasser Seirawan beim Livekommentar zu unterstützen.

Danach “schnappte” ich mir Miguel Illescas – erkannt hätte ich ihn nicht aber es gibt Namensschilder. Wem der Name kein Begriff ist – siehe z.B. Wikipedia. TR: “Ich bin alt genug, Jahrgang 1967, um Sie als Spieler und Sekundant zu kennen – was machen Sie heutzutage?” Er hat eine Schachschule in Barcelona, nur eine aber da macht er wohl viel mehr als seinen Namen zur Verfügung stellen. EDAMI (Escuela de Ajedrez “Miguel Illescas”) hat eine Webseite, aber meine Spanischkenntnisse sind begrenzt und das sprengt den Rahmen dieses Artikels. Damit verbunden schreibt er für die einzige spanische Schachzeitung – “wir werden damit nicht reich aber es macht Spass. Da bleibt kaum Zeit, um auch noch selbst Schach zu spielen … machte ich zuletzt vor zwei Jahren.” Seine Frau Olga, ebenfalls Schachspielerin (IM/WGM), ergänzte: “Er hat auch bei der Olympiade in Baku kommentiert”.

Partien behandle ich nebenbei-zwischendurch. Karpov und Illescas hatten zuvor ein bisschen Carlsen-Karjakin analysiert. Carlsen hatte (nach, in einem Italiener, 7.-h6 8.Lh4 g5) mit 9.Sxg5 hineingeopfert – das sah, jedenfalls “optisch”, gut/vielversprechend aus, im Internet hiess es teilweise “Carlsen steht fast auf Gewinn!” Die beiden zwar inaktiven, aber erfahrenen Grossmeister sahen allerdings offenbar nicht, wie Carlsen “den Druck erhöhen kann”. Später wurde diese Partie remis – Karjakin verteidigte sich (recht) präzise, am Ende musste eher Carlsen aufpassen.

Da war die Entscheidung im Turnier ohnehin bereits gefallen, denn bei Nepomniachtchi-So schaffte Weiss es, nach 10 Zügen auf Verlust zu stehen. Nach reiflicher Überlegung: 27 Minuten für 8.0-0-0?! (kann man nach 8.-Dxa2 eventuell noch mit 9.Lxf6 einigermassen rechtfertigen), 6 Minuten für (stattdessen) 9.Db5+ und nochmals 28 Minuten für 10.c6. Die Karriere der weissen Dame ging weiter mit 10.-bxc6 11.Dxc6 Lb7! (11.-Tb8 war prima genug) 12.Dxb7 Da1+ 13.Sb1 Tb8 14.Dxb8+ Sxb8 – nun konnte er guten Gewissens aufgeben, nach 28 Zügen tat er es dann. Nepos Twitter-Kommentar dazu “High time to quote yourself. Idiocy. Anger. Disgust.” Die letzten drei “Sätze” hatte er bereits einige Tage zuvor getweetet, nach seinem Remis aus Gewinnstellung gegen Harikrishna. Bevor es soweit war, Fotos und dann Text zum “Toptienkamp” der Amateure:

Das erste Bild zeigt Vereggen – van Foreest und dahinter Praggnanandhaa – Laurent-Paoli im Turniersaal. Vielleicht eine Stunde später betrachtete ich die Stellung der zuerst genannten Partie – Schwarz hatte einen Mehrbauern und stand gut, kann er gewinnen? Nochmals eine halbe Stunde später spielten Vereggen und van Foreest im Pressebereich eine zweite, vielleicht bereits eine fünfte Partie – sie blitzten, die Turnierpartie war bereits zugunsten von Lucas entschieden. Beim Blitzen gehört “trash talk” dazu, ich meinte “Du hast ja Sprüche drauf wie Magnus Carlsen!” “Ich bin besser als Carlsen!!” Jorden van Foreest hatte ich schon mehrfach mitbekommen – er ist relativ ruhig, sein jüngerer Bruder dagegen “temperamentvoll”; das meinte später auch einer, der beide persönlich(er) kennt als meinereiner. Ich zeige Lucas noch einmal individuell – die Krawatte die er zur Feier des Tages trug fällt hier kaum auf. Einen Gutschein für Schachbücher im Wert von 80 Euro bekamen alle Sieger aller Amateurturniere, der Sieger des Toptienkamps bekommt natürlich (nächstes Jahr) noch etwas mehr.

Zwischendurch eine Szene aus dem Pressebereich, da stand auch der Liveübertragungs-Computer. Die Liveübertragung von Lei Tingjie – Tari haperte, Tom Bottema diktiert dem IT-Chef (oder was auch immer genau seine Funktion/sein Titel ist) gerade die fehlenden Züge.

Dann konnte man jederzeit damit rechnen, dass Nepomniachtchi aufgeben würde. Tata Steel Sprecher Robert Moens und andere standen im Gang und warteten – nicht unbedingt auf Nepo, der durfte das Weite suchen, aber auf So. Moens zu mir: “erst brauchen wir So dann selbst, dann gibt es eine Pressekonferenz.” Früher gab es nach jeder Runde Pressekonferenzen, aber es war offenbar schwierig, Spieler dafür zu finden und die Presse-Resonanz war begrenzt. Ich ging nochmals in den Turniersaal, und dann war es soweit: Nepomniachtchi-So 0-1. So verpasste ich Nepomniachtchi, den sollte man ohnehin in Ruhe lassen (generell werden Verlierer in Wijk aan Zee nicht gestört bzw. aufgehalten), aber war rechtzeitig für die nächste Fotoserie “Wesley So”:

So gab zwei offizielle Interviews, nach dem zweiten wollte ein Journalist zu “seinem” ansetzen und wurde daran gehindert – “gleich ist Pressekonferenz”. Daneben standen Wesleys ‘Mutter’ und ‘Schwester’ – auch sie wurden fotografiert, der Herr mit Brille schreibt für die niederländische Zeitung Trouw und war nicht unbedingt Fotomotiv, aber er stand eben direkt daneben. Pressekonferenz von nah dran und weiter weg, später noch ein Gruppenfoto von Wesley So mit Damen (die er wohl nicht opfern würde, aber auch auf dem Schachbrett ist er nicht allzu opferfreudig).

Die Pressekonferenz – ebenfalls nicht online – kurz/auszugsweise zusammengefasst: Tom Bottema erweckte den Eindruck, dass So in keiner Partie in Verlustgefahr war. So widersprach ihm da – gegen Rapport und auch gegen Eljanov war er nicht total “so-lide”. Aber er blieb eben ungeschlagen, im Gegensatz zur Konkurrenz. Tarjei Svensen wollte So einige “Ave Carlsen hallelujas” entlocken – höflich wie Wesley ist, machte er da mit, u.a. “bei einem gemeinsamen Training habe ich mehr gelernt als Magnus”. Das war vor einigen Jahren, bevor So sich zum Weltklassespieler entwickelte. Dazu dann dieser Twitter-Austausch:

Tarjei J. Svensen “I asked the winner some question. I don’t think there is a more humble person in the entire world.

Prasanna u missed

Tarjei J. Svensen He’s also humble, but he doesn’t praise Carlsen in every interview he gives.”

Prasanna but that’s not d benchmark ain’t it ?”

Ich teile die Ansicht von Prasanna (aus Indien?) … .

Meine eigene Frage war zu Sos neuem Coach Tukmakov – Chessbase hatte das bereits am 27.1., also noch während dem Turnier, bekanntgegeben. Sie arbeiten offenbar seit etwa einem halben Jahr zusammen – bisher nur über Internet (“ich wohne in Minnesota, er wohnt in der Ukraine”). Thema der Trainingssessions ist alles mögliche, u.a. Eröffnungen und sie diskutieren gemeinsam Ziele für die Zukunft. Ein Ziel ist, wie ich dann suggerierte und So bestätigte, Qualifikation für das nächste Kandidatenturnier – “ich habe zwei Chancen, über Elo oder wenn ich beim Weltcup das Finale erreiche”. Gert Ligterink fragte nach: So verzichtet auf die FIDE Grand Prix Serie, “dafür habe ich keine Zeit!”. So bezeichnete Mitspielen beim Kandidatenturnier zunächst als weitere Erfahrungen auf höchstem Niveau sammeln, auch wenn er das Turnier nicht gewinnen sollte. Einige betrachten ihn bereits als DEN nächsten Herausforderer von Carlsen – aber im Kandidatenturnier müsste er auch stärkere Gegner besiegen als (Wijk aan Zee) Harikrishna, Wojtaszek, Rapport und van Wely oder (Chess Tour) Topalov und Adams. Ausserdem besiegte er bei diesen drei Turnieren Nakamura und Nepomniachtchi – die haben eventuell Kandidatenturnier-Niveau, hatten es allerdings nicht in ihren Verlustpartien gegen So. Tatsache ist, dass So nun mit Live-Elo 2822 Weltranglistenzweiter ist – liegt auch daran, dass Caruana in Gibraltar bisher Elopunkte einbüsste.

Dass Giri und Tukmakov sich nach dem Kandidatenturnier trennten, war mir nicht bekannt – auch wenn mir auffiel, dass der Ukrainer ihn danach nicht mehr sichtbar begleitete. Die Chance, Giri zu den Gründen zu befragen, bekam ich nicht – er spielte noch als ich abreisen musste. Ich hätte diese Frage ohnehin mit “willst Du darüber reden?” eingeleitet.

Die anderen Partien der A-Gruppe eher im Schnelldurchlauf. Andreikin gegen Aronian und van Wely gegen Harikrishna kamen, jeweils mit Weiss, doch noch zu ihrem ersten Sieg im Turnier. Rapport erreichte gegen Adhiban aus der Eröffnung heraus (aus Trompowsky wurde quasi pseudo-Sizilianisch) nichts und wollte dann zuviel, also verlor er – für ihn war es betrifft Platz in der Abschlusstabelle relativ egal, Adhiban landete so weit vorne. Wei Yi-Wojtaszek 0-1: Weiss stand zunächst gut, dann ausgeglichen. Dann wollte erst er kein Remis durch Zugwiederholung, danach der Gegner. Im 60. Zug (Schwarz hatte gerade das stille Remisangebot abgelehnt) nahm der Chinese die angebotene Qualität nicht – das hätte in verschiedenen Varianten doch zu Zugwiederholung/Dauerschach geführt. Zwei Züge später musste er ein “aktives” Qualitätsopfer (61.-TxLe3) annehmen, und danach war der schwarze d-Freibauer auf Dauer nicht aufzuhalten. Carlsen-Karjakin 1/2 war bereits erwähnt. Da Carlsen nicht gewann und Aronian und Wei Yi gar verloren, hätte So ein Remis zum Turniersieg gereicht – Nepomniachtchis katastrophaler Vortrag war demnach nicht turnierentscheidend, bzw. nur zusammen mit der Tatsache, dass Rapport bereits in Runde 3 aus Gewinnstellung gegen So verloren hatte. Giri-Eljanov hebe ich mir noch etwas auf.

Bei der B-Gruppe beschränke ich mich auf die für den Turniersieg relevanten Partien. Bei l’Ami – Ragger zeichnete sich früh ein Remis ab. In der Grünfeld-Gambitvariante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Lg5 Lg7 (5.Lxf6 Lxf6 6.cxd5) hatte Schwarz mit Läuferpaar volle Kompensation für den geopferten Bauern, aber nicht mehr. Erwin l’Ami glaubte an etwas Vorteil für sich und war enttäuscht bzw. überrascht, dass Engines ihm nie mehr als ca. +0.2 gaben. Diese Partie endete als erste remis. Hansen-Smirin 1-0: Smirin musste mit Schwarz gewinnen, vielleicht deshalb ein provokativ-riskanter Kan-Sizilianer – aber es ging schief, nach 26 Zügen war Schluss. Mit Pirc erzielte Smirin zuvor Schwarzsiege gegen Bok und van Foreest, aber das wollte er offenbar nicht ein drittes Mal versuchen. Diese beiden Partien waren etwa nach Sos Pressekonferenz entschieden, erst einmal wieder Interviews aus dem Pressebereich:

Alina l’Ami hat Markus Ragger besser abgebildet als ich es tat, ihn sprach ich als erstes – die Analyse mit seinem Solinger Bundesligakollegen Erwin l’Ami endete kurz nach der Pressekonferenz mit einer Art “high five”. Ich habe sie also nicht mitbekommen, nicht allzu schlimm – ich spiele zwar selbst Grünfeld, aber nicht diese Gambitvariante. TR zu Ragger: “Für allgemeine Themen kann ich das Krennwurzn-Interview vor etwas mehr als einem Jahr verlinken. Was ist seither wichtiges passiert? Sekundant für Harikrishna, deutscher Meister mit Solingen, Vaterschaft – sonst noch was?” Ragger: “Ja, Elo 2700 – erstmals im Oktober 2016” [Aha, das ist ihm offenbar wichtig – im gerade verlinkten Interview sagte er “2700 wären schon cool … Aber schachliche Ziele sind mir dann doch noch wichtiger.” Aber schon als ich ihn nach Runde 1 auf Live-Elo >2700 ansprach meinte er ‘schön zu haben’.] TR: “Zu diesem Turnier – es begann prima mit 4/4, nun insgesamt ein gutes Ergebnis aber wahrscheinlich nicht gut genug!? Lu Shanglei-Jones ist remislich, und dann hat Gawain Jones den besseren Tiebreak.” Ragger: “Ich schau’ mir das mal an ….”. Er verschwand vorübergehend und kam dann zurück. Ragger: “So wie in den ersten Runden konnte es nicht weitergehen – 9/13 ist, egal was es nun bedeutet, ein gutes Ergebnis.” (und Sprung von Elo 2697 auf Elo 2703).

Er sah es relativ locker – wenn er sich dauerhaft über 2700 etablieren oder gar noch etwas zulegen kann, bekommt vielleicht auch er eine Einladung für Tata Steel A 2018. Wenn man sein Turnier (nicht proportional) “halbiert”, kann man sagen: 4/4 zu Beginn war klasse: schon in Runde 1 Sieg gegen Xiong, in Runde 3 gegen Eric Hansen (der zwischenzeitlich auch im Rennen um den Turniersieg war) und zwei “Pflichtsiege” gegen Elo unter 2500. Im Elosinne bedeutete es plus dreizehn. 5/9 danach war nicht mehr so toll – weder im Elosinne (minus sieben) noch für den Turniersieg, vor allem wegen der Niederlage in Runde 6 gegen Jones. Gewonnen hat er nur noch gegen die “Kellerkinder” Sopiko Guramishvili und Jorden van Foreest. Am Ende – er hat ja mal Mathematik studiert – eine ziemlich ‘strukturierte’ Kreuztabelle: Niederlage gegen Nummer eins, Siege gegen Nummer drei und vier, Remis gegen fünf bis zehn, Siege gegen elf bis vierzehn. Bei allen anderen, die zumindest zwischenzeitlich Chancen auf den Turniersieg hatten, ist die Kreuztabelle etwas “chaotischer”.

Wen “muss” ich noch befragen, wenn sich die Gelegenheit ergibt? Auf jeden Fall – nochmals zur A-Gruppe – Baskaran Adhiban. TR: “Sehr gutes Turnier!” Adhiban: “Es konnte noch besser sein ….” Dabei lächelte er, wie fast immer – ja, er hat noch einige Chancen nicht genutzt, u.a. gegen Carlsen. TR: “Aber vor dem ersten Ruhetag begann es mit 1/4 – dachten/fürchteten Sie dass es so weitergehen könnte, ähnlich wie bei van Wely?” Adhiban: “Nein, ich wartete auf den Durchbruch, der kam dann gegen Karjakin und dann lief es.” TR: “Mit Französisch, was sie noch nie zuvor gespielt hatten!?” Adhiban: “Das hatte ich am Abend davor gegen 19:30 entschieden.” TR: “Und dann schnell noch ein Französisch-Buch gelesen?” Adhiban: “Nun, gaanz neu war es nicht für mich – immerhin kenne ich es aus weisser Sicht.” TR: “Und danach, was soll ich sagen, auch Kaffeehauseröffnungen!?” Adhiban: “Ja, hat Spass gemacht!” Während dem Interview und generell wurde deutlich, dass die Frohnatur Adhiban auch bei seinen Kollegen recht beliebt ist.

Dann – einschliesslich 2016 Teil drei einer Trilogie – Vladimir Dobrov. TR zu Dobrov: “Wie beurteilen Sie ihr Turnier? Vielleicht kann ich es auch anders formulieren: Wie wichtig sind für Sie die Ergebnisse?” Dobrov: “Furchtbar (awful) – aus Gründen die nichts mit Schach zu tun haben konnte ich mich schlecht konzentrieren und machte viele Fehler. Gute Stellungen hatte ich, anfangs stimmten auch die Ergebnisse, dann nicht mehr.” TR: “Am Ende doch ein Ergebnis im Rahmen der Eloerwartung!?” Dobrov: “Elo hat damit nichts zu tun!” Offenbar wollte er, und hoffte er auf mehr – und denkt vielleicht, dass er “eigentlich” besser ist als seine aktuelle Elozahl (vorher 2499, hinterher 2497). Sopiko Guramishvili hatte ich nicht befragt, aber zuvor im Pressebereich aufgeschnappt “ich tue mich schwer, aber damit habe ich gerechnet” – und sie hat auch Chancen, die sie bekam, nicht genutzt.

Dann wurde Xiong-Bok remis. In einem Sizilianer mit Maroczy-Struktur (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.f3!? Sc6 6.c4) stand eher Schwarz etwas besser – nur an einer Stelle (im 21. Zug) konnte er es taktisch konkretisieren, sah es allerdings nicht und später endete es mit Dauerschach. Sie analysierten “endlos” – das ist auch für mich “im Prinzip” interessant, aber vor allem blieb ich in der Nähe um Xiong hinterher zu befragen. Ein Kollege, der (für ein Printmedium) ausführlicher über Partien berichtet, erhofft sich von Postmortems Anregungen für seine eigene Berichterstattung – und war enttäuscht, dass fast nur Spieler der B-Gruppe hinterher (halb)öffentlich analysierten. Ich wartete geduldig, bzw. (natürlich ohne es zu zeigen) ein bisschen ungeduldig – schliesslich war Xiong nicht der einzige potentielle Interviewpartner. Dann unterhielten sie sich “endlos” über Fussball …. .

Für das Interview fand ich dann einen “Stellvertreter” – Wayne Xiong, Vater von Jeffery Xiong. Es begann damit, dass ich ihn gemeinsam mit Zhaoqin Peng fotografierte – mit seiner Kamera, dieses Foto habe ich also nicht. Auf die Frage “Kanntet Ihr Euch zuvor?” meinte er “Wir sind uns noch nie begegnet, aber ihr Name war mir ein Begriff – schliesslich eine der besten chinesischen Damen” (Stand vor einigen Jahrzehnten?). Zu Jefferys Turnier meinte er “Das Glas ist halbvoll und halbleer – gutes Ergebnis, aber Ziel war Qualifikation für die A-Gruppe.” Zu seinen vielen entschiedenen Partien (am Ende +7=2-3): “Ja, er ist jung und will immer gewinnen, nicht remis spielen.” TR: “Spielen Sie eigentlich selbst auch Schach?” Wayne Xiong: “Nicht wirklich. Wenn er mit Grossmeistern trainiert, schaue ich manchmal zu – so habe ich ein bisschen Ahnung von Eröffnungen … .” Er bestätigte, dass sein Vorname Wayne die amerikanisierte Version von Wei ist. Schon zuvor fragte ich Jeffery Xiong “Vielleicht eine seltsame Frage, wie chinesisch bist Du?” “Meine Eltern sind Chinesen, aber ich bin in den USA geboren und aufgewachsen.” TR “Aber Du hast in der chinesischen Liga gespielt – generell ungewöhnlich für Ausländer, noch mehr für einen Spieler mit, zu diesem Zeitpunkt, Elo unter 2600.” Xiong “Das war auf der Durchreise zur Junioren-WM in Indien, um Jetlag zu reduzieren.” Wayne Xiong erwähnte, dass Jeffery in China Teamkollege von Lu Shanglei war.

Erwin l’Ami, Baskaran Adhiban und der aktiv kibitzende Vladimir Dobrov analysierten noch eine Stellung, es dauerte etwas bis ich kapierte welche: es war das Turmendspiel in Giri-Eljanov. Weiss stand besser, kann er gewinnen? Sie fanden nichts konkretes, Giri am Brett auch nicht, also war es wohl remis und wurde später remis.

Plötzlich wurde die B-Gruppe wieder spannend: Gawain Jones opferte gegen Lu Shanglei eine Figur für zwei Bauern!? Ich meinte “warum das denn, er muss doch nichts riskieren!?” Ein anderer im Pressebereich “doch, er muss”. Bei einem Spitzentrio (mit Xiong) hätte Jones offenbar nicht zwangsläufig die beste Wertung – hatten Xiong und Bok zu diesem Zeitpunkt bereits remis vereinbart, und wenn ja, hatte Jones das mitbekommen? Jones konnte ich nach der Partie nicht befragen, da war ich bereits auf der Rückreise. Entweder dachte er, auf Gewinn spielen zu müssen, oder er sah potentielle Probleme im möglichen Doppelspringerendspiel und dachte, dass das Springeropfer Dauerschach erzwingt. Lu Shangleis König entwischte, Computer sagten “Weiss (Lu Shanglei) steht klar besser”, dann wurde es doch remis.

Gawain Jones hatte ich “vergessen” zu fotografieren, daher dieses Foto mit Dank an Alina l’Ami. Etwa zu diesem Zeitpunkt (17:15) dachte ich “was nun?”. Wenn ich den Bus um 17:30 nehme, bin ich um 20:00 zu Hause. Aber da war noch was – siehe ganz oben und nun gleich unten. Zuvor noch zwei Fotos aus dem Pressebereich:

Eine typische Szene – l’Ami, Adhiban und andere betrachten noch laufende Partien auf den Monitoren.

Yasser Seirawans Aufgabe als Livekommentator war erledigt, hier wird er von einem kanadischen Journalisten befragt. Und noch ein Amateurfoto – Amateur fotografiert Amateur – aus dem Turniersaal:

Das ist Hebert Perez Garcia, ebenfalls aus Den Helder – jedenfalls seit vielen Jahren, ursprünglich aus Südamerika. Er war mit seinem Turnier (3,5/9) nicht zufrieden und betrachtet etwas missmutig die Abschlusstabelle.

Dann verliess ich mit Laptop und Tagesrucksack “De Moriaan” und ging zum Marktplatz in Wijk aan Zee – da gab es eine öffentliche Ehrung für Turniersieger Wesley So. “Ab ca. 18:00”, aber sie hatten schon früher begonnen – unterwegs sah ich, dass Alina l’Ami und eine andere Dame aus dem Pressebereich in dieselbe Richtung rannten. Also rannte ich nun auch – schneller als Alina, schliesslich habe ich längere Beine und mache das mitunter auch in Sportkleidung. Das Programm war bereits in vollem Gang, aber es reichte noch für einige Fotos – eines hatte ich zu Beginn bereits, nun der Rest:

Es gab ein Ständchen für Wesley So – “It’s just a perfect day”. Der Bürgermeister sang mit, das Publikum teilweise auch, Wesley So genoss das Ganze, (auch) Joachim Schulze von dem ich diesen Tip hatte fotografierte. Alina l’Ami war auch noch rechtzeitig, es gibt auch “offizielle” Fotos vom Marktplatz. Einen Teil des Programms hatten wir allerdings verpasst.

Und dann musste ich die Heimreise antreten, Fotos von der Abschlusszeremonie auf dem Tata Steel Firmengelände von Alina l’Ami:

Hier ist die Krawatte von Lucas van Foreest besser zu sehen, und auch was er neben dem Bücherscheck noch bekam. Ebenfalls geehrt wurden nochmals Wesley So, Gawain Jones und auch Jeffery Xiong, der vom inzwischen 106-jährigen Prof. Johan van Hulst (in jüngeren Jahren Politiker, Professor für Pädagogik und zuvor Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg) den “Professor van Hulst Young Talent Award” bekam. Schachspieler ist Johan van Hulst nämlich auch, den Weltmeistern Max Euwe und Anatoly Karpov hatte er (im Simultan) ein Remis abgeknöpft. Ob er die Schachspieler Dirk van Foreest (1862-1956) und/oder Arnold van Foreest (1863-1954) persönlich kannte – Vorfahren von Jorden und Lucas und beide mehrfache NL-Meister – ist bei der Redaktion nicht bekannt. Und es gab die übliche Erbsensuppe.

Das war dann Tata Steel Chess 2017. Wie geht es weiter? In Wijk aan Zee jedenfalls 2018 – weiterhin ist das Turnier offiziell nur vom einen zum nächsten Jahr offiziell gesichert, aber hoffentlich ist die dann 80. Auflage nicht die letzte. Derzeit spielen einige, auch aus der top10, in Gibraltar. Nächstes Superturnier ist voraussichtlich das erste FIDE Grand Prix Turnier ab dem 17. Februar in Sharjah – wer da mitspielt wird sich zeigen.

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