Vorschau zur Damen-WM

Ab Samstag 11.2. (Freitag ist die Eröffnungsfeier) ermitteln die bzw. viele der besten Damen in Teheran die neue Weltmeisterin. Dass es eine neue Weltmeisterin geben wird, steht bereits fest, da Hou Yifan auf das Turnier verzichtet – sie will nicht mehr gegen Damen spielen und ist auch schwer beleidigt, wenn der regelkonforme Zufall der Auslosung ihr in einem offenen Turnier „zu viele“ weibliche Gegnerinnen beschert. Nicht auszuschliessen, dass es eine „alte neue“ Weltmeisterin wird: Zwar verzichtet auch Mariya Muzychuk und schickt ihre Schwester Anna ganz alleine (bzw. zusammen mit 63 anderen) nach Teheran, aber mit Ushenina (2012), Kosteniuk (2008), Stefanova (2004) und Zhu Chen (2001) sind vier andere Ex-Weltmeisterinnen im Teilnehmerinnenfeld.

Ab 13 Uhr

Allerdings gilt bei den Damen dasselbe wie beim Weltcup für alle oder bei „offenen“ Weltmeisterschaften im KO-System: Bisher konnte im KO-Format niemand zweimal gewinnen. Für Puristen: Anand gewann die Weltcups 2000 und 2002, aber das war ein etwas anderes Format – 24 Teilnehmer, zunächst Gruppenphase und dann nur drei KO-Runden. Das KO-Format ist eben immer für Überraschungen gut, und nicht immer gewinnt eine(r) aus dem engeren Favoritenkreis – ob das gut ist oder nicht, mag jede(r) selbst beurteilen. Der Sieger bzw. die Siegerin hat dabei am Ende durchaus verdient gewonnen.

Ich nenne nun zunächst die ersten fünfzehn der Setzliste in Teheran – warum fünfzehn statt wie (in meinen Vorschau-Beiträgen) generell üblich zehn, dafür gibt es einen deutsch-patriotischen Grund: Ju Wenjun, Anna Muzychuk, Kosteniuk, Harika, Dzagnidze, Gunina, Stefanova, Zhao Xue, Tan Zhongyi, Batsiashvili, Pogonina, Shen Yang, Hoang Thanh Trang, Paehtz, Goryachkina. Das klingt ziemlich asiatisch, vor allem chinesisch (Hoang Thanh Trang ist Ungarin mit vietnamesischen Wurzeln, Harika kommt aus Indien) oder „sowjetisch“. Elisabeth Paehtz passt da nicht dazu, Antoaneta Stefanova auch nicht, aber sie haben sich nun einmal qualifiziert.

Wie konnte frau sich qualifizieren? 1) Als Halbfinalistin der letzten KO-Weltmeisterschaft (Harika, Pogonina und Cramling, Siegerin Mariya Muzychuk verzichtete). 2) Als Juniorenweltmeisterin 2014 (Goryachkina, bereits recht etabliert) oder 2015 (Buksa, eher unbekannt und Nummer 52 von 64). 3) Nach Elo, Grundlage (da das Turnier verspätet ausgetragen wird) relativ alte Elo-Listen 2/2015 bis 1/2016. 4) Über kontinentale Meisterschaften bzw. Zonenturniere – so qualifizierte sich u.a. Frau Paehtz, so qualifizierten sich die allerletzten der Setzliste (Elo 1902-2150) aus Ägypten, Bangladesch, Algerien und Australien. 5) Zwei Freiplätze gingen an Iranerinnen – Khademalsharieh und Pourkashiyan, Nummer 20 und 51 der Setzliste. Aus deutscher Sicht sollte Atousa Pourkashiyan bitte ihre Rolle als Aussenseiterin bestätigen, sie spielt in der ersten KO-Runde gegen Elisabeth Paehtz.

Noch einige bekannte Namen im Feld, von mir recht subjektiv ausgewählt-hervorgehoben: Girya, Javakishvili, Cramling, Zhukova, Ex-Weltmeisterin Ushenina hatte ich bereits, Khotenashvili, Kashlinskaya und Guramishvili – die letzte eher aus anderen als rein schachlichen/Elogründen. Das ist nun schon viermal -vili, die Hälfte der Delegation aus Georgien. Am häufigsten ist offenbar Russland vertreten (11 Spielerinnen), dann Georgien (8), China (7) und die Ukraine (5).

Höchste Zeit für einen Link zur Turnierseite die allerdings momentan noch nicht allzu viel bietet, z.B. noch keine Fotos. Ohnehin verzichte ich diesmal auf Fotos, da ich vorab keine einzelne(n) Spielerin(nen) bevorzugen will. Ganz ohne Bilder ist ein Artikel allerdings etwas „kahl“ oder „schwarz“ – daher zwei Screenshots aus dem Video, das den Austragungsort Espinas Palace Hotel zeigt:

Unter „Information“ stehen ausserdem unter anderem Preise für Hotelübernachtungen (150$ im Einzel-, 200$ im Doppelzimmer) und Mahlzeiten (10-30$), Wetter im Februar (Temperaturen um 5ºC) sowie die Tatsache, dass im Iran Kreditkarten nicht akzeptiert werden. Empfohlen wird, bei Anreise am Flughafen genug Bargeld umzutauschen – schwierig, da niemand weiss wie lange der Aufenthalt in Teheran dauern wird. War da noch was? Ja, Kleiderordnung („Dress Code in I. R. Iran“). Darüber wurde schon viel geschrieben, diskutiert, kritisiert und gemeckert – Tatsache ist offenbar, dass nur der Iran das Turnier ausrichten und den Spielerinnen Preisgeld spendieren wollte (nach objektiven Elo-Masstäben grosszügig, dazu am Ende mehr).

Gespielt wird vom 11. Februar bis (für die letzten beiden von anfangs 64) 3. März. Ruhetage gibt es bis einschliesslich Runde fünf von sechs nur, wenn ein Match nach zwei klassischen Partien entschieden ist – der jeweils dritte Tag ist für Tiebreaks vorgesehen mit, bis zur Entscheidung, stets kürzerer Bedenkzeit: erst 25 Minuten plus 10 Sekunden pro Zug, dann 10/10′, dann 5/3′, dann Armaggedon. Nach der fünften Runde bekommen die beiden Finalistinnen einen Ruhetag, eventuell (Sieg im Halbfinale ohne Tiebreaks) zwei. Das Finale dann über vier Partien plus eventuell Tiebreaks. Rundenbeginn ist jeweils um 15:00 Ortszeit, 12:30 in Mitteleuropa.

Ein bisschen Damen-WM Historie mit Dank an Wikipedia: Damen-Weltmeisterinnen gibt es seit 1927 (Geburtsjahr meines verstorbenen Vaters), bis 1939 konnte Vera Menchik neunmal den Titel gewinnen/verteidigen. Dann war Pause (Zweiter Weltkrieg), und Menchik starb 1944 im Alter von 38 Jahren bei einem Bombenangriff auf London. Die nächsten 18 Jahre überspringe ich, 1962-1988 war Georgien dran (damals Teil der Sowjetunion) – erst fünfmal Gaprindashvili, dann fünfmal Chiburdanidze. 1991-2000 dann tendenziell China – viermal Xie Jun, einmal Susan Polgar (Judit Polgar wollte ja nie Weltmeisterin werden). Chiburdanidze, Xie Jun und Susan Polgar sind inzwischen (jedenfalls am Brett) inaktiv, Gaprindashvili (*1941) wurde seit 2009, zuletzt November 2016, noch viermal Weltmeisterin – bei den Seniorinnen.

Bis 1999 gab es Interzonenturniere, Kandidatenturniere oder -matches und dann ein langes WM-Match, ab 2000 Damen-WM im KO-Format mit vielen kurzen Matches, so konnte – jedenfalls betrifft WM-Titel – niemand total dominieren. Seit 2009 gibt es parallel auch die FIDE Grand Prix Serie der Damen, und die Siegerin bekommt ein Match gegen die KO-Weltmeisterin – bzw., wenn sie beide Turniere/Serien gewann ein Match gegen die Zweite der GP-Serie. KO-Format ist Geschmackssache, mein Eindruck: es bekommt mehr (Medien-)Resonanz als die GP-Serie – gerade weil es spannend ist und für jede, Favoritin oder Aussenseiterin, jeder Tag der (vor)letzte im Turnier sein kann.

KO-Siegerinnen waren 2000 Xie Jun, die ihren Titel dann nicht verteidigte, 2001 Zhu Chen (spielt inzwischen für Katar), 2004 Stefanova, 2006 Xu Yuhua (seit 2012 inaktiv), 2008 Kosteniuk – Sieg im Finale gegen die 14-jährige Hou Yifan. Zwei Jahre vergingen, und dann wurde die(se) Chinesin [Hou Yifan, nun bereits 16 Jahre alt] erstmals Weltmeisterin. Bis dahin war die KO-Weltmeisterin jedenfalls unter den top10 der Setzliste, und ihre Finalgegnerin mindestens top20. 2012 gewann dann Ushenina (Nummer 30 der Setzliste) das Finale gegen Nummer 16 Stefanova. Einige höher eingeschätzte Spielerinnen hatten beide selbst zuvor eliminiert, andere scheiterten gegen andere – u.a. bereits in Runde 2 Hou Yifan gegen Socko (1-3 nach Tiebreak) und Humpy Koneru gegen Zhukova (0-2, Ruhetag für Zhukova, Schluss für Koneru).

2015 gewann dann Mariya Muzychuk – keine Riesen-Überraschung, sie war immerhin an acht gesetzt, stand allerdings zuvor im Schatten ihrer Schwester Anna. Eher überraschend, dass Nummer 31 Pogonina das Finale erreichte. Elisabeth Paehtzs Chancen gegen Pia Cramling in Runde zwei (falls beide „Pflichtaufgaben“ zu Beginn lösen) wurden bereits diskutiert, daher ein Blick auf Ergebnisse der beiden vor knapp zwei Jahren: Paehtz war Nachrückerin im Turnier, nachdem Hou Yifan (die lieber ein Turnierchen in Hawaii spielen bzw. derlei vertragliche Verpflichtungen einhalten wollte) absagte. Ihr Turnier dauerte dann drei Tage, Niederlage im Tiebreak der ersten Runde gegen Aussenseiterin Meri Arabidze. Pia Cramling erreichte, oben bereits erwähnt, das Halbfinale gegen Pogonina, zuvor Siege gegen u.a. Gunina und (Anna) Muzychuk. Demnach klarer Vorteil Cramling!? Vielleicht, wobei das ein KO-Turnier war und sie elomässig seit Februar 2016 stark nachgelassen hat.

Was „Erfahrung im KO-System“ betrifft: die haben beide, auch Paehtz spielte schon mehrfach mit – erstmalig 2001, damals war sie 16 Jahre alt oder jung und erreichte immerhin die dritte Runde (nach Sieg in Runde 2 gegen die an drei gesetzte Wang Pin). Der Name Wang Pin ist mir kein Begriff – auch sie spielte später ab 2005 nur noch sporadisch, und seit Juli 2013 gar nicht mehr. Beide, Paehtz und Cramling, waren im KO-Format mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Ju Wenjun wurde schon vor, erst recht nach Gibraltar als klare Favoritin anno 2017 bezeichnet, daher auch ein Blick auf ihren KO-Auftritt vor knapp zwei Jahren: Hinter Humpy Koneru (Niederlage im Viertelfinale gegen Mariya Muzychuk) an zwei gesetzt, war in Runde 2 Schluss gegen Pogonina. Die an vier gesetzte Viktorija Cmilyte verlor damals in Runde 3 gegen eine gewisse Meri Arabidze. Wie bereits erwähnt: im KO-System ist, auch für Favoritinnen, jeder Tag eventuell der (vor)letzte.

Zum Schluss: Warum bezeichnete ich das Preisgeld bei der Damen-WM – immerhin netto, nach Abzug von 20% für FIDE, 360.000$ – als „grosszügig“? Das potentielle Teilnehmer(innen)feld ist etwa, bzw. ziemlich vergleichbar mit dem der serbischen Meisterschaft. Serbien hat Schachtradition, aber keine aktuellen Weltklassespieler. Serbien hat drei Spieler der Kategorie Elo 2600+, insgesamt 16 mit Elo über 2500 bzw. 66 mit Elo über 2400. Preisgeld bei der serbischen Meisterschaft? Keine Ahnung, aber wohl maximal ein mittlerer fünfstelliger Betrag. Bei der Damen-WM könnten zwei Spielerinnen mit Elo 2600+ mitspielen (Liverating nach Gibraltar für Ju Wenjun und mit Hou Yifan), 14 mit über 2500 bzw. 62 mit Elo über 2400.

Man mag einwenden: bei den Damen ist es doch eine Weltmeisterschaft! OK, wer könnte bei einer Junioren-WM (U20) mitspielen? Sieben der Kategorie 2600+, 51 mit über 2500 und mehr als hundert mit 2400+. Da fehlen allerdings tendenziell die stärksten Spieler – da Preisgeld nicht ihren Anforderungen entspricht und da sie ihren bereits vorhandenen Ruf nicht gegen unbekannte Elo-unterbewertete Spieler riskieren wollen!? Ein Match der besten Damen gegen die besten Spieler des Jahrgangs 1999 (U18) wäre nach Elo etwa ausgeglichen, mit oder ohne dem/der jeweils allerbesten Spieler(in) – Wei Yi bzw. Hou Yifan. Bei diesen männlichen Jungtalenten hat Wei Yi sicher das „Zeug zum Schachprofi“, andere – z.B. Jorden van Foreest oder Dmitrij Kollars – müssen wohl noch zulegen damit es wirklich realistisch ist.

„Als Frau“ wäre Kollars vergleichbar mit bzw. etwas besser als Nino Batsiashvili – der Name ist wohl international bekannt, Kollars eher national. „Als Mann“ wäre Elisabeth Paehtz in Deutschland vergleichbar mit Fridman – nicht GM Daniel, sondern dessen Bruder IM Rafael. „Männliche Masstäbe“ an Frauen hiesse, dass kaum eine Dame eine Profikarriere anstreben könnte. Das wäre (zu) radikal, aber Gemecker betrifft „zu wenig Preisgeld für Damen“ oder „warum kann/will nur der Iran diese Damen-WM zu diesen Bedingungen ausrichten?“ will ich mit den letzten Absätzen relativieren.

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5 thoughts on “Vorschau zur Damen-WM

  1. Hallo Jörg, Deine Frage kann ich leider nicht beantworten – auch „empirisch“ ist es „unklar“ … .
    Als total langweilig würde ich die (bisherigen) Partien Paehtz-Cramling auch nicht abhaken: Beide (vor allem Cramling) hatten immerhin recht viel Bedenkzeit investiert, und die Eröffnungen waren (das suggerieren Datenbanken) nicht unbedingt remislich – nur wurde es dann eben schnell Remis. Bei einigen anderen Kurzremisen in Runde zwei könnte man den beteiligten Spielerinnen eher Absicht unterstellen, definitiv behaupten oder gar beweisen kann man es auch da nicht.

  2. Yes, very boring games.
    Doch was ich meinte, der Sieger spielt gegen den Sieger aus Kosteniuk-Gaponenko. Steht durch den Paarungsbaum jetzt schon fest, wer in dieser 1. Partie weiss hat?

  3. Bisher haben sich die beiden von Anfang an einzigen West- (bzw. Nord-) Europäerinnen im Turnier eher vorsichtig abgetastet. Wenn sie so weitermachen, fällt die Entscheidung im Armaggedon – und da wird die Farbverteilung sicher vor der Partie ausgelost … .

  4. Nu hamwa unser Duell.
    Steht die Farbverteilung durch den pairing tree eigentlich schon fest oder wird dies immer neu ausgelost?

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