FIDE Grand Prix – demnächst in Sharjah

und dann noch drei Turniere in Moskau, Genf und Palma de Mallorca – jedenfalls wenn alles nach dem heutigen Plan verläuft. Da ein Turnier voraussichtlich in der Schweiz ausgetragen wird, haben FIDE/AGON sich diesmal für Schweizer System entschieden. So können mehr Spieler mitmachen, unter anderem auch (Titelbild) Salem Saleh, der in Sharjah Heimspiel hat und wohl deshalb – auch bei zwei der drei anderen Turniere – dabei ist. Das Foto stammt vom Katar Open 2014 – diesmal wird er nicht gegen Vladimir spielen, weder Kramnik noch der mit ihm (Saleh) etwa gleichwertige Fedoseev, aber er bekommt andere starke Gegner.

Im April 2016 hatte ich spekuliert, dass im Schweizer System Platz für etwa 100 Spieler ist, damit z.B. auch für Nisipeanu oder Hou Yifan (bis September 2016 top100 der Männer bzw. zwischen Männern). FIDE/AGON haben sich dann anders entschieden: 24 Spieler (15 qualifizierte und 9 Freiplätze) spielen drei der vier Turniere, also pro Turnier 18 Teilnehmer und 9 Runden Schweizer System. Das kann in den letzten Runden zu kuriosen Paarungen führen, da im Turnier führende Spieler eventuell weit heruntergelost werden müssen. Einige „Details“ im damaligen Artikel sind veraltet: Da steht zum Beispiel, dass das erste Turnier nicht wie anfangs geplant im Mai 2016 stattfindet, sondern vom 12.-23. Oktober 2016 – Datum hatten sie bereits, Ausrichter noch nicht. Nun schreiben wir Februar 2017 und die Grand Prix Serie 2016/2017 beginnt.

In der Serie ist dennoch auch Platz für u.a. die Nummer 99, 105 und sogar 158 der Weltrangliste – die haben eben reiche Freunde (Freiplätze gab es gegen Geld, laut Nigel Short bei Emil Sutovsky auf Facebook 100.000$) und/oder eine Lobby. Wojtaszek sagte in einem polnischen Interview (von Colin McGourty auf chess24 erwähnt und verlinkt), dass sein Schachverband ein Angebot bekam – „wenn ihr zahlt darf er mitspielen“. Aber die ‚entry fee‘ war „furchtbar hoch“ (horrendously high) und Polen hat, im Gegensatz zu anderen Ländern, das Geld schlicht und ergreifend nicht.

Zunächst erwähne ich, wie man (theoretisch auch frau, Judit Polgar hatte derlei geschafft) sich qualifizieren konnte: Automatisch dabei sind laut Regelwerk, wenn sie wollen, der Weltmeister, die vier Halbfinalisten des letzten Weltcups, neun Spieler nach Elo sowie der beste noch nicht qualifizierte aus der „zuletzt beendeten“ (most recently completed) ACP Tour. Geplanter Beginn der GP-Serie war ja Mai 2016, daher galten die Elolisten 6/2015 – 5/2016 sowie die ACP Tour 2015.

Am 28.12.2016 veröffentlichte FIDE eine Liste mit fünfzehn Namen, die ihre Spielerverträge bis 4.1.2017 unterschreiben mussten, und drei Reservisten. Sieben haben diese Deadline verpasst – wobei ich eher Absicht als Weihnachtsurlaub ohne Internet-Zugang vermute. Relativ klar war, dass Carlsen und Karjakin (bereits für spätere Phasen des nun beginnenden WM-Zyklus qualifiziert) verzichten würden. Ausserdem verzichteten Caruana, So und Kramnik – alle haben recht gute Chancen, sich über Elo für das Kandidatenturnier zu qualifizieren (Vorteil für die beiden Amis ist eine Momentaufnahme). Wesley So sagte bei seiner Sieger-Pressekonferenz in Wijk aan Zee „ich hab‘ keine Zeit für die Grand Prix Serie“. Kramnik hat auch die Einladung für die Chess Tour 2017 abgelehnt und nannte als Grund einen bereits vollen Terminkalender im Sommer und Herbst. Ausserdem verzichtete Topalov, der hätte (nicht für die Chess Tour qualifiziert) Zeit und sagte nicht etwa „ich hab‘ keine Lust“ sondern „FIDE mag ich nicht“. Auch Vishy Anand verzichtete, seine beste Chance im WM-Zyklus mitzumischen (wenn er das noch einmal will) ist nun der Weltcup.

Dabei sind damit nach aktueller Elo sortiert Vachier-Lagrave, Aronian, Nakamura, Giri, Mamedyarov, Ding Liren, Eljanov, Harikrishna, Adams, Svidler, Grischuk, Gelfand, Li Chao, Tomashevsky und Jakovenko. Die letzten beiden profitierten aus heutiger Sicht vom verzögerten Start der GP-Serie. Tomashevsky hat sich über die ACP Tour 2015 qualifiziert, damals wurde er – vor allem dank Siegen beim GP-Turnier in Tiflis und bei der russischen Meisterschaft – Zweiter hinter MVL. 2016 wurde er 36. hinter … na die nenne ich nicht alle, erste nicht bereits qualifizierte Kandidaten wären Nepomniachtchi und Inarkiev, beide siehe unten. Jakovenko war zu Beginn der Elo-Qualifikationsperiode Nummer 11 der Weltrangliste, am Ende immerhin noch Nummer 26, aktuell ist er Nummer 36.

Aronian hatte auf die GP-Serie 2014/2015 verzichtet, da das Preisgeld nicht seinen Erwartungen entspricht. Die Entscheidung traf er wohl im September 2014 vor dem Sinquefield Cup – damals war er Weltranglistenzweiter und zuvor fast vier Jahre lang Nummer zwei oder Nummer drei, „also“ würde er sich nach Elo für das Kandidatenturnier qualifizieren. Dann kam eine lang anhaltende, immer noch nicht ganz überwundene Elokrise. Dann qualifizierte er sich nach Freiplatz für das Kandidatenturnier. Nun ist er Weltranglistensiebter – das hat vielleicht Folgen für Startgelder die er anderswo bekommt, sicherlich hat es Folgen für seine (recht theoretisch-hypothetischen) Chancen im Rennen um zwei Eloplätze für das Kandidatenturnier. Also doch wieder FIDE Grand Prix Serie!? Auch 2012/2013 hatte er verzichtet, 2008-2010 hatte er souverän gewonnen und das war damals sein endgültiger Durchbruch als Weltklassespieler.

Bevor ich alle, mehr oder weniger wilde Wildcards nenne, „fotografiere“ ich Salem Saleh nochmals:

Das war 2016 beim Dubai Open. Was Kleiderordnung betrifft: Das ist nicht Pflicht, nicht in Sharjah und erst recht nicht bei den drei anderen Turnieren. Auch Bart kann jeder halten wie er will. Auch Aronian, Nakamura und Svidler haben mehr oder weniger Bart, MVL versuchte es gelegentlich, Grischuk hat einen pannenanfälligen Rasierapparat.

Die Wildcard für Salem Saleh hat offensichtlich damit zu tun, dass ein Turnier in seinem Land ausgerichtet wird. Das gilt sicher auch für Paco Vallejo, der ein Heimspiel im fast engeren Sinne hat – er kommt aus Menorca und spielt sicherlich u.a. auf Mallorca. Drei weitere Russen sind dabei – Nepomniachtchi, Inarkiev und Riazantsev. Bei Nepomniachtchi wird sicher niemand meckern – er ist einer der Elo-Aufsteiger anno 2016 (auch wenn Januar 2017 in Wijk aan Zee nicht nach Wunsch verlief) und damit sozusagen der anti-Jakovenko: nach Ablauf der Qualifikationsperiode stark verbessert. Bei Inarkiev ist bekannt, dass er reiche Freunde hat, nämlich die russische Republik Inguschetien. Riazantsev ist amtierender russischer Meister – 2016 spielte er nur Halbfinale (Higher League) und Finale (Superfinal) der russischen Meisterschaften und etwas häufiger, aber auch nur in Russland, Schnell- und Blitzschach. 2017 spielt er also auch wieder im Ausland.

Einen möglichen Grund, warum gleich drei (weitere) Russen bei der GP-Serie dabei sind, sollte ich erwähnen und fotografisch dokumentieren:

Rechts Ilya Merenzon für AGON, links Eugene Kaspersky für Kaspersky Lab – neuester Sponsor der GP-Serie. Das Foto stammt von der Turnierseite, genauer gesagt dieser Artikel der – dazu komme ich gleich – nicht mehr den allerneuesten Stand der Dinge wiedergibt. Ansonsten ist die Turnierseite jedenfalls bisher noch nicht allzu ergiebig aber verlinken sollte man sie, vielleicht kommt ja noch was.

Bleiben noch vier Wildcards, und nun wird es ein bisschen kurios oder wild. Das gilt eher nicht für Rapport, der wohl mit Elo deutlich über 2700 ausgewählt wurde auch wenn er aktuell 2692 hat. Radjabov hat offenbar nach wie vor eine Lobby bzw. reiche und/oder einflussreiche Freunde. China ist nochmals vertreten, und zwar mit Hou Yifan Wei Yi Hou Yifan. Was da hinter den Kulissen ablief ist unklar. Emil Sutovsky erwähnte auf Facebook (Thema war ihr Schlussrundenauftritt in Gibraltar) eine Wildcard für die Noch-Weltmeisterin, zwei Tage später war das hinfällig und Wei Yi (auch im oben verlinkten AGON-Artikel erwähnt) war dabei. Shirov interpretierte das, mit Smiley, als „rote Karte“ für Hou Yifan. Später wurde dann Hou Yifan – Ersatz Wei Yi durch Hou Yifan ersetzt.

Wei Yi wäre logisch/nachvollziehbar, auch wenn man – so sehe ich es – abwarten muss ob er sich wirklich zum Weltklassespieler im engeren Sinne entwickelt. Wijk aan Zee verlief zuletzt nach Wunsch, andere neuere Ergebnisse waren zumindest durchwachsen. Ein anderer möglicher chinesischer Name wäre Yu Yangyi – Elo stabil über 2700, aber bisher null Superturnier-Einladungen im Ausland, offenbar ist er mit 22 bereits „zu alt“!? Hou Yifan ist, so sehe ich es, Houkuspokus – wieder mal dicke Privilegien für sie im Vergleich zu vergleichbaren männlichen Spielern, aber sie ist nun einmal weiblich und hat eine Lobby. Zumindest kann sie sich diesmal nicht beschweren, dass sie in einem Turnier nach Schweizer System zu viele weibliche Gegnerinnen bekommt – sie ist die einzige Dame unter Herren.

Aber das ist noch nicht alles, der Hammer kommt noch: Auch Jon Ludvig Hammer darf mitspielen – Elo 2628, Weltranglistenplatz 158 reicht wenn man denn Norweger ist!!? Elo knapp über 2700, das war einmal – vorübergehend im Februar/März 2016.

Die insgesamt 24 Namen brachte ich nach und nach, nun die 18 die in Sharjah mitspielen: Vachier-Lagrave, Aronian, Nakamura, Mamedyarov, Ding Liren, Eljanov, Adams, Nepomniachtchi, Grischuk, Li Chao, Tomashevsky, Jakovenko, Vallejo, Rapport, Riazantsev, Salem Saleh, Hou Yifan, Hammer. Demnach fehlen Giri, Harikrishna, Svidler, Inarkiev, Gelfand und Radjabov. Dabei sind acht der letzten neun nach Elo (Ausnahme Radjabov) und damit alle mit Elo teilweise klar unter 2700. Die nächsten drei Turniere sind dann stärker besetzt – nach welchen Kriterien Spieler über die Turniere verteilt wurden ist, wie noch einiges, unklar.

Die Turnierseite verrät auch nicht, wo genau gespielt wird – das werden die Spieler wohl spätestens bei Ankunft am Flughafen erfahren. Wer Partien live im Internet verfolgen will möchte wohl wissen wo das geht: Auf jeden Fall gegen Bezahlung auf worldchess.com – 10$ für dieses Turnier, 30$ für ein Paket: alle vier GP-Turniere, Kandidatenturnier und das nächste WM-Match, oder auch 250$ für „Premium“. Wer ansonsten die Züge übertragen darf, eventuell auch mit eigenem Livekommentar, auch das ist unklar. Gespielt wird laut chess-results.com ab 15:00 Ortszeit, 12:00 in Mitteleuropa, vom 18.-27.2. mit Ruhetag am 23.2. . Damit immer fast parallel zur Damen-WM, Anpfiff in Teheran jeweils eine halbe Stunde später. Zeitkontrolle: 100 Minuten für 40 Züge, 50 Minuten für die nächsten 20, 15 Minuten für den Rest plus 30 Sekunden pro Zug von Anfang an. Temperaturen in Sharjah um 20 Grad Celsius.

Gerne würde ich den Austragungsort zeigen, aber das geht nicht – stattdessen zum Abschluss noch ein paar Wikipedia-Bilder aus Sharjah:

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