Aeroflot Open – das auch noch

Die Damenweltmeisterschaft hat fast Halbzeit (Runde drei von sechs, wobei im Finale vier Partien mit klassischer Bedenkzeit angesetzt sind), der FIDE Grand Prix in Sharjah hat gerade begonnen, und ab Dienstag wird auch in Moskau Schach gespielt. In dieser russischen Schachmetropole wird wohl jeden Tag Schach gespielt, aber gemeint ist das stark und interessant besetzte Aeroflot Open. Austragungsort ist das Hotel Kosmos, Foto von der Turnierseite.

Generell/aus internationaler Sicht ist es aufgrund diverser bekannter Namen interessant, darunter auch jedenfalls einer weit unten in der Setzliste und oben immerhin fünf aus der Kategorie Elo (knapp) über 2700. Aus deutscher Sicht ist es ausserdem aus zwei Gründen interessant: 1) Der Sieger qualifiziert sich für Dortmund und bekommt dann noch stärkere Gegner. 2) Diesmal sind gleich sieben deutsche Grossmeister dabei (2016 vier GMs, 2015 – dieselben Namen – drei IMs). Die werden wohl auch dieses Jahr etwa da landen, wo sie laut Setzliste hingehören: irgendwo im Mittelfeld. Vielleicht darf einer von ihnen trotzdem in Dortmund mitspielen, bei Redaktionsschluss nicht (oder nur einigen Insidern) bekannt.

Aber ich beginne bei den Teilnehmernoben in der Setzliste, auch diesmal aus einem konkreten (aber nicht deutschland-spezifischen) Grund fünfzehn Namen: Yu Yangyi, Vitiugov, Inarkiev, Jobava, Matlakov, Korobov, Adhiban, Movsesian, Zvjaginsev, Sasikiran, Sjugirov, Vidit, Smirin, Kamsky. Nur einige will ich kurz vorstellen: Yu Yangyi ist „noch ein Chinese“, der trotz (mindestens) vergleichbarer Elo im Gegensatz zu Landsleuten (Ding Liren, Wei Yi, Hou Yifan, zuletzt auch Li Chao) noch keine oder jedenfalls kaum Superturnier-Einladungen bekam. Eine Chance, sich zu qualifizieren, hatte er 2014 im B-Turnier in Wijk aan Zee – die konnte er nicht nutzen. Seit Ende 2014 hat er Elo stabil und inzwischen deutlich über 2700, im Dezember 2014 gewann er mal eben das Katar-Open – vor Giri und Kramnik, die er in den letzten beiden Runden besiegte. Ein Jahr später verlor er zwar in Katar den Stichkampf um den Turniersieg gegen Carlsen, aber landete wieder vor u.a. Kramnik, Karjakin, Giri und (Sieg in der Schlussrunde) So. Gibraltar lief für ihn 2015 und 2016 nicht ganz so gut, dennoch zählt er beim Aeroflot Open wohl zum engeren Favoritenkreis.

Inarkiev war, im Schatten von So und auch Nepomniachtchi, auch ein Elo-Aufsteiger anno 2016 – vor allem dank seinem Sieg bei der Europameisterschaft. Seither hat er Elo über 2700 was er zuvor (2012 und 2015) schon mal kurz hatte – geht also auch im fortgeschrittenen Alter, er ist Baujahr 1985. Jobava muss ich wohl nicht vorstellen – aber extra erwähnen, das mache ich. Adhiban überzeugte zuletzt in Wijk aan Zee und machte da im positiven Sinne „den Jobava“ – jede Menge Eröffnungen teils aus der Kategorie Kaffeehaus. Noch so ein Ergebnis, und er ist der nächste im Club 2700+. Sein Landsmann Vidit war in Wijk aan Zee anderweitig beschäftigt – Sekundant von Giri. Gata Kamsky – natürlich ein bekannter Name, der den Höhepunkt seiner Karriere (bzw. die Höhepunkte seiner Karrieren) sicher hinter sich hat. Auch in den USA ist er aktuell nur Nummer sechs – liegt neben der Tatsache, dass sie Weltklassespieler importierten, auch am Aufstieg von Jeffery Xiong. Immerhin hat er ein Elotal überwunden: August bis Oktober nur 2638 bzw. 2637, damit weltweit nicht mehr top100, nun wieder 2669 – wahrlich nicht schlecht, aber verglichen mit was er mal hatte … . Dass er in Deutschland Zweite Bundesliga spielt, liegt allerdings daran dass auch da zwei Vereine reichlich Geld haben.

Weiter in der Setzliste: Alle von insgesamt (nur) 96 kann ich nicht erwähnen. Nur 96 sind es, da man generell nur mit Elo über 2550 im A-Turnier mitspielen darf – es gab da Ausnahmen vor allem für Jugendliche. Betrifft Jugend: dabei sind auch diverse starke junge Russen – Dubov, Fedoseev, Artemiev und auch Oparin. Letzterer bekommt diesmal mit ziemlicher Sicherheit auch wieder grossmeisterliche Gegner, 75 von 96 im Turnier haben diesen Titel. In Gibraltar spielte er zuletzt gegen zehn Nicht-GMs, das lief eben nicht nach Wunsch für ihn.

Damit sind wir im Mittelfeld der Setzliste angekommen und finden hier auch die sieben deutschen Teilnehmer, nach aktueller Elo sortiert Bluebaum, Buhmann, Bindrich, Kraemer, Svane, Donchenko, Schroeder. Jan-Christian Schroeder hatte sich vielleicht im Januar angemeldet, da hatte er genau Elo 2550, nun wieder 2543. Neueste Aeroflot-Geschichte aus deutscher Sicht: 2016 überzeugte Bluebaum – u.a. Sieg in der vorletzten Runde gegen Korobov, am Ende 5/9 punktgleich mit und nach Wertung vor u.a. Wei Yi und Vallejo, Platz 21 für die Nummer 39 der Setzliste. Kunin, Wagner und Bindrich damals etwas unterhalb der Eloerwartungen. 2015 erzielten zwei von drei deutschen IMs eine GM-Norm – Dennis Wagner und Rasmus Svane hopp, Matthias Bluebaum allerdings keinesfalls flop: Ergebnis ziemlich genau im Rahmen der damaligen Eloerwartung, und gegen Rapport und Mamedyarov „durfte“ (und darf) er verlieren. Wer von den Ex-Prinzen möglicherweise am ehesten das Zeug zum König hat, das schwankte im Lauf der Jahre: derzeit hat Bluebaum die Elonase vorn, das waren – soweit ich mich erinnere – auch mal Wagner oder Donchenko. Nur Svane hatte (laut meinem Gedächtnis) immer etwas Auf- oder Nachholbedarf – wobei er nun im zweiten Halbjahr 2016 Elo-Fortschritte machte während Wagner und Donchenko stagnierten.

Länderstatistik zum gesamten Turnier: Dabei sind 31 Russen, etwa ein Drittel von allen – das ist logisch. Dabei auch 15 Inder – drei Namen hatte ich bereits, weitere kommen noch. Dann schon Deutschland (7) vor dem Iran (6, darunter vier U18). Vierundzwanzig weitere Länder alleine, zu zweit oder zu dritt – das gilt also auch für nicht-russische „Sowjets“ und nicht-deutsche Westeuropäer. Die Niederlande schicken mit Benjamin Bok und Jorden van Foreest zwei junge Spieler – beide wollen es wohl besser machen als zuletzt im B-Turnier in Wijk aan Zee.

Auch das untere Drittel der Setzliste hat interessante Namen, einige brauchen vielleicht 2018 oder 2019 keine Sondergenehmigung mehr um trotz Elo <2550 zu spielen. Da tummelt sich nämlich vor allem U18, teils noch deutlich jünger – ich nenne nur die allerjüngsten: aus dem Iran Alireza Firouzja (*2003), aus Usbekistan Nodirbek Abdusattorov (*2004), aus Indien Rameshbabu Praggnanandhaa (*2005). Beim Jugendpreis (*1999 oder später) haben sie durchaus Konkurrenz von älteren und aktuell besseren Spielern – Elofavoriten sind da Aryan Tari aus Norwegen, bereits erwähnt Jorden van Foreest (Niederlande), Murali Khartikeyan aus Indien und Parham Maghsoodloo aus dem Iran. Insgesamt fallen fünfzehn Spieler unter U18.

Der Seniorenpreis ist dagegen vielleicht bereits vergeben, einziger älter als 60 im A-Turnier ist der Isländer Helgi Olafsson. Schach spielen und die eine oder andere Partie gewinnen oder mindestens remisieren muss er allerdings noch: im Regelwerk steht „bestes Ergebnis aller Turniere“ und auch im B- und C-Turnier spielen einige Senioren, entscheidend ist wohl TPR. Auch beim Damenpreis haben Ekaterina Kovalevskaya (Elo 2423) und Eesha Karavade (2418), allerletzte der Setzliste im A-Turnier, Konkurrenz von jedenfalls Zhansaya Abdumalik, die mit vergleichbarer Elo (2430) das B-Turnier spielt. Da auch noch weitere Damen – alle Vornamen will ich nicht betrachten und eventuell „interpretieren“, aber zwei WGMs, vier WIMs und fünf WFMs sind garantiert weiblichen Geschlechts.

Das Regelwerk hat natürlich auch die Geldpreise für alle, freundlicherweise bereits in Euro ausgedrückt auch wenn es in Rubel „beeindruckender“ wäre: 18.000/10.000/7.000/4.000/3.000 für die ersten fünf, weitere Preise bis Platz 30, insgesamt 65.000 Euro im A-Turnier (sowie 35.000 im B- und 17.500 im C-Turnier). B-Turnier im Prinzip für Elo 2300-2549 (auch da gab es Ausnahmen am unteren Eloende), C-Turnier für Elo unter 2300 oder gar keine. Es gibt auch noch ein Blitzturnier mit 20.000 Euro Preisgeld, am 2. März im Anschluss an das Open – möglich, dass da auch weitere starke Spieler aus Moskau und eventuell anderswo mitmachen werden. Geldpreise werden nach dem Hort-System vergeben, Tiebreak ist zunächst Anzahl Schwarzpartien, dann gegnerischer Eloschnitt (ohne den stärksten und den schwächsten Gegner). Bei Gleichstand an der Spitze qualifiziert sich nur der Tiebreak-Beste für Dortmund.

Gespielt wird im A-Turnier vom 21.2.-1.3. ohne Ruhetag jeweils ab 15:00 Ortszeit, 13:00 in Deutschland. Das gilt auch für das B-Turnier, während die „Patzer“ im C-Turnier bereits um 9:30 Ortszeit beginnen – sonst ist wohl nicht genug Platz für alle im Turniersaal, und so können sie immerhin mittags bei den Grossmeistern kibitzen. Zufall oder nicht: Diverse Teilnehmer können heute (Sonntag) noch in Deutschland Bundesliga spielen und Montag die An-, Weiter- oder Rückreise nach Moskau absolvieren. Für schachsüchtige Internet-Zuschauer gilt: Wer sich vor allem für Eröffnungen interessiert verpasst (Ausnahme die Tiebreak-Tage bei der Frauen-WM) wenig – ab 12:00 deutscher Zeit in Sharjah (FIDE Grand Prix), ab 12:30 in Teheran (Frauen-WM), ab 13:00 in Moskau (Aeroflot Open). Wer sich auch für Mittel- und eventuell Endspiele interessiert muss hin und her pendeln, kann allerdings – da alle Turnier aus deutscher Sicht im (Süd-)Osten stattfinden – sowohl morgens ausschlafen als auch abends vor Mitternacht schlafen gehen. Bedenkzeit beim Aeroflot Open (A-Gruppe): 100 Minuten für die ersten 40 Züge, 50 Minuten für die nächsten 20 und 15 Minuten für den Rest plus 30 Sekunden pro Zug von Anfang an.

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