Doch noch ein Trio vorne beim Sharjah Grand Prix

Schuld war einer, der deshalb auch das Titelbild bekommt: Grischuk hat in Runde 8 einfach so gegen Mamedyarov gewonnen! Alle Fotos wieder von Max Avdeev via Turnierseite. Dabei hatten Mamedyarov und Vachier-Lagrave sich das doch prima zurecht gelegt: Ab Runde 4 gemeinsam in Führung wollten sie den Rest remisieren – da sich an den Brettern direkt dahinter wenig tat würde das für den geteilten ersten Platz reichen. Entschiedene Partien vor allem an den hinteren Brettern – diese Spieler hatten nichts mehr zu verlieren und eventuell noch etwas zu gewinnen. Der Schaden für Mamedyarov hielt sich dann in Grenzen, da er in der Schlussrunde heruntergelost wurde und eine nette Aufbaugegnerin bekam.

Turnierseite

Stand nach neun von neun Runden: Vachier-Lagrave, Mamedyarov, Grischuk 5.5/9 (140), Nakamura, Ding Liren, Adams, Nepomniachtchi, Jakovenko 5 (70), Eljanov, Li Chao, Vallejo, Rapport 4.5 (25), Aronian, Hou Yifan 4 (7), Tomashevsky, Salem, Hammer 3.5 (3), Riazantsev 3 (1).

In Klammern jeweils die GP-Punkte – ein halber Punkt mehr oder weniger ist da “teuer”; das erklärt vielleicht auch das Motto “safety first” bei diversen Spielern. Schlechte Nachrichten vor allem für Aronian, der – je nachdem wie man es betrachtet – einmal zu oft oder einmal zu wenig remisiert hat. Ein halber Punkt mehr für ihn am Brett wäre allerdings tendenziell immer noch ein halber Punkt zu wenig, da es GP-technisch zig Wertungspunkte sind. Alle anderen mit 50% oder weniger wollen sich wohl ohnehin nicht unbedingt für das Kandidatenturnier qualifizieren – bis auf vielleicht Eljanov, der mit Siegen in den letzten beiden Runden aus einem schlechten noch ein einigermassen “akzeptables” Turnier machte.

Zu den letzten vier Runden: In Runde 6 wird die Spitzenpaarung Adams-MVL 1/2 vor allem deshalb fotografiert, da der Sheikh im Hintergrund nun einmal fotogen ist:

Adams spielte (siehe Foto) patriotisch 1.c4. Es kam zu einem munteren Schlagabtausch, aber schnell verflachte es und wurde nach 28 Zügen remis. So verausgaben wollten Jakovenko und Mamedyarov sich nicht – Remis nach 13 Zügen in symmetrischer Stellung mit noch allen Figuren und jeweils sechs Bauern. Jakovenko sagte dazu, dass er auf diese Eröffnungsvariante nicht vorbereitet war. Mamedyarov sagte, dass Remis mit Schwarz ein gutes Ergebnis ist. Jedenfalls in seiner Turniersituation – noch wusste er ja nicht, was später passieren würde.

Bei Nakamura-Grischuk 1/2 kam etwas Spannung auf. Zunächst, da Grischuk alte Theorie nicht parat hatte und in seine übliche Zeitnot driftete, während Nakamura lange blitzte. Dann, da Grischuk in einem (für Computer) ausgeglichenen Endspiel fehlgriff, aber Nakamura gab das Kompliment zurück und es wurde doch remis. Nochmal von vorne: Gespielt wurde Najdorf-Sizilianisch (auf Umwegen: 1.Sf3 c5 2.e4) und dann die Variante mit 6.Le3 Sg4.

Spannend war es auch deshalb, da die Liveübertragung haperte – jedenfalls bei chess24 und meiner Reserveseite Chessbomb. Auf der Turnierseite sieht man als nicht-zahlender Kunde nur den jeweils aktuellen Partiestand, aber nicht die Züge woraus dieser entstand. Vor Jahren sagte Jan Smeets mal im niederländischen Livekommentar in Wijk aan Zee: “Als Sekundant [von früher Topalov] bin ich Experte in gewissen Stellungen, ohne zu wissen wie sie zustande kamen.” Auch mir kam die Stellung nach ca. 22 Zügen bekannt vor – ich schaute nach im Turnierbuch “San Luis 2005” (damals WM als Rundenturnier) und fand die Partie Svidler-Topalov ebenda. Wenn auch nicht genau diese Stellung, u.a. da Svidler auf 14.fxe6 fxe6 verzichtet hatte.

Später fand Weiss die Verbesserung 20.Tc1 (statt 20.Db3 mit Damentausch und unklarem Endspiel), die hochkarätigsten späteren Partien sind Svidler-Grischuk 1-0 bei der nächsten Turnier-WM 2007 in Mexiko und Karjakin-Grischuk 1/2 beim Tal Memorial 2010. Seither tat sich eröffnungstheoretisch nichts – auch wenn es vor allem in Fernpartien, die dann fast immer remis endeten, noch geübt wurde. Nakamura kannte das noch, Grischuk hatte es vergessen!!?? Nicht das erste Mal, dass Nakamura alte Eröffnungstheorie übernimmt und darauf hofft, dass der Gegner diese nicht mehr kennt – 2015 in Zürich klappte es gegen Karjakin wunderbar.

Fernpartien endeten oft mit Dauerschach, gegenüber diesen war erst Nakamuras 31.Kf1 neu – Weiss opfert einen Läufer, um Dauerschach zu vermeiden. Fernschachspieler haben das sicher auch untersucht und entschieden, dass es (im Fernschach) nichts bringt – dabei mag das Computerurteil 0.00 eine Rolle spielen. Übrig blieb ein Endspiel mit Damen, schwarzer Mehrqualität und weissen Freibauern am Königsflügel. Grischuk fand bis dahin die besten Züge – erst investierte er dafür offenbar viel Bedenkzeit, später notgedrungen wenig. Nach der Zeitkontrolle landete er in einer Verluststellung, aber nach reiflicher Überlegung fand Nakamura den Remisweg (20 Minuten für 46.Dg6?!) – bzw. nun musste Grischuk einige genaue Züge finden, dabei die Mehrqualität zurückgeben, und dann war es Remis. Ich habe bei derlei Partien gemischte Gefühle, andere finden es – jedenfalls wenn Nakamura beteiligt ist – toll.

War da noch was? Ja, zum Beispiel Nepomniachtchi – Li Chao 1-0 nach ebenfalls guter, dabei diesmal eigener Vorbereitung. Li Chao spielte Russisch, also remis? Heute nicht, da Nepomniachtchi noch im Blitztempo 14.Sh4! Lh7 15.Lxh6! entkorkte – das hat er sicher nicht am Brett gefunden. Schwarz hatte danach eine Mehrfigur – das war wohl der Sb8, der wie auch der Ta8 bis zum Partieende da ausharrte. “Morgen ist ein neuer Tag, da werde ich vielleicht nicht nur gebraucht sondern auch eingesetzt”. Weiss hatte, auch nach Damentausch, unwiderstehlichen Königsangriff, nach 29 Zügen war Schluss. Fünf Züge länger hätte die Partie noch dauern können, aber Li Chao gab wegen forciertem Matt in fünf Zügen auf. Mit dieser Partie hat Max Avdeev offenbar nicht gerechnet, daher gibt es kein gemeinsames Foto der Protagonisten. Im Gegensatz zu

Rapport-Riazantsev 1-0: Der Russe leistete sich zwar keinen groben Bock wie zwei Tage zuvor gegen Jakovenko, also dauerte die Partie mehr als 19 Züge. Dennoch landete er in einem schlechten Endspiel, in dem er zwischenzeitliche Remischancen nicht nutzte. Zweiter Sieg für den jungen Ungarn, der damit wieder 50% hatte – wie vier andere, ebenfalls fünf mit 3,5/6 und zwei (M&M, wenn ich MVL mal noch weiter abkürze und auch Mamedyarov nicht ausschreibe) mit 4/6.

Runde 7: Alles remis, jedenfalls bis man bei den Paarungen nach unten scrollt. Oben kann ich mich kurz fassen: MVL-Jakovenko 1/2(21) – das Berliner Endspiel ist eben oft remis. MVL will nach wie vor das Gegenteil beweisen, aber schafft es eben nicht immer. 10.Td1+ ist relativ selten, nach 13.f4 gab es noch zwei Vorgängerpartien in denen Weiss jeweils tief im Endspiel gewann. GM Berg (2547) – Beeke (2255) 1-0 beim Limburg Open 2014 hatte ich live vor Ort mitbekommen, da hat der nominell klar unterlegene Amateur irgendwann endlich gepatzt. Die “Chance” bekam GM Jakovenko nicht, da MVL, von seinem Konzept doch nicht überzeugt, ab dem 19. Zug eine Zugwiederholung akzeptierte.

Mamedyarov-Nepomniachtchi 1/2(14) bestätigte auch bekannte Eröffnungstheorie bzw. Datenbank-Praxis. Persönlich verstehe ich nicht, warum Schwarz im Grünfeld-Inder nach (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5) 4.Lg5 Lg7!? genug Kompensation für einen bis mitunter vorübergehend zwei geopferte Bauern hat, aber Grünfeld-Spezialisten mit GM-Titel glauben daran und behalten meistens recht. Mamedyarov war nach eigener Aussage von 10.-Db6 (statt 10.-Da5) überrascht, dabei hatte Nepo beides bereits gespielt. Beim ersten 10.-Db6 Versuch musste er noch einige Züge im Blitztempo spielen, das war 2015 gegen Khairullin bei der Berliner Blitz-WM. Diesmal konnten beide für die vier verbliebenen Züge noch viel Zeit investieren – Mamedyarov insgesamt 73 Minuten, Nepomniachtchi immerhin 40 (21 Minuten für 14.-Lxd4 wohl einschliesslich “ist es bereits Zeit für ein Remisangebot?”). Ob aus Mamedyarovs Sicht auch ein (Kurz-)Remis mit Weiss ein gutes Ergebnis ist, sei dahingestellt – ganz “freiwillig” machte er es offenbar nicht, immer noch wusste er nicht was in den verbleibenden Runden passieren würde.

Dieses Foto passt eigentlich zu Runde neun, aber es stammt aus Runde sieben – und Fotos von der Schlussrunde bisher Fehlanzeige (bzw. gerade haben sie zwei Grischuk-Fotos präsentiert).

Grischuk-Adams 1/2 dauerte länger, nämlich 59 Züge – da Weiss nun einmal ab dem 28. Zug einen Mehrbauern hatte, aber der war mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern nicht zu verwerten. Ding Liren – Nakamura 1/2 drucke ich mal fett, da das Geplänkel durchaus nett anzusehen war – neu war es dabei nicht. Nakamura spielte 27 Züge – so viele wie Mamedyarov in Runde sechs und sieben zusammen, und tags zuvor bei Nakamura-Grischuk waren es ja zweiundsechzig. Am Brett spielte Nakamura heute allerdings quasi nur einen Zug (vierzehn Minuten für 27.-b6), da er zuvor seine Vorbereitung herunterblitzte.

Immerhin war es diesmal quasi eigene Vorbereitung: Im Damengambit mit Lf4 hatte er 2016 in Bilbao gegen (der schon wieder) Karjakin das “alte” 10.-Te8 11.Sd2 e5 12.Lg5 Sd4 auf hohem Niveau wieder ausgegraben – erster (und aus schwarzer Sicht nicht erfolgreicher Versuch) war Karpov-Kortschnoi 1-0, damals 1978 in Baguio in einem ihrer WM-Matches. Karjakin akzeptierte sofort ein Remis (13.Da4 führte zu Damentausch nebst ungewöhnlichem, beiderseits erzwungenem Dauerschach mit Sd4 -c2+ -d4+). Ding Liren versuchte (ebenfalls bereits gespielt, u.a. aus deutscher Sicht zweimal gegen Martin Zumsande) 13.Db1 – natürlich stand auch das in Nakamuras “files”. 18.-h6 war neu und (sagt jedenfalls offenbar Komodo) besser als 18.-f6 in Ruecker-Zumsande, Rilton Cup 2016. Ab hier musste Ding Liren nachdenken und fand dann einen präzisen Weg, wie er endlich rochieren konnte. Dass die Stellung dabei verflachte, sei’s drum.

Nakamura hinterher im Interview mit Peter Doggers, der offenbar während der Runden für AGON tätig war und danach Berichte für chess.com schrieb. Nakamura sagte quasi dasselbe wie Mamedyarov tags zuvor – “Remis mit Schwarz ist ein schönes Ergebnis, vor allem wenn man sich dafür nicht anstrengen muss”. Bei Mamedyarov kommentierte Doggers das in seiner permanenten Rolle mit “Somehow this response doesn’t feel very satisfying” [Irgendwie unbefriedigend, das akzeptiere ich nicht], bei Nakamura war es (Bildunterschrift im Artikel, Nakamura spielte da gerade 18.-h6) “exzellente Vorbereitung”.

Nochmal Nakamura aus dieser Runde, ist sein Lächeln authentisch (Isklar-Wasser schmeckt prima!) oder eher gequält (Wo ist mein Red Bull?). Das durfte er vielleicht nur heimlich im Hotelzimmer trinken (hat es bei der Vorbereitung auf die Partien geholfen?) aber – Sponsorkonflikt – nicht während der Runden.

Da war noch was am siebten und neunten Tisch: Li Chao – Eljanov 1-0 – der Chinese besiegte den (bis dahin) formschwachen Ukrainer. Mit (statt 37.-Sd5?) 37.-Sd7 hätte Eljanov seine zuvor bereits kritische Lage wieder unter Kontrolle, so konnte Li Chao später seinen b-Freibauern taktisch umwandeln. In den letzten beiden Runden bekam Eljanov dann “Aufbaugegner” und konnte sein Turnier noch einigermassen reparieren, aber ich greife den Ereignissen voraus.

Salem-Riazantsev 1-0: erster (und einziger) Sieg für den Lokalmatador, Riazantsevs dritte Niederlage in Serie. Computer sagen, dass Schwarz auch nach Qualitätsverlust jedenfalls noch kämpfen konnte, aber dann kam er übel unter die Räder.

Dieses Foto von Salem stammt aus Runde 6 – tags darauf hatte er Weiss und spielte ohne Kopftuch. Pflicht ist es also auch für ihn nicht, und Augenbrauen sowie Bart muss man nicht verhüllen.

Das war offenbar die allgemeine Kleiderordnung – dunkelblau mit Weiss. Foto aus Runde sieben, wobei Salem sich ja auch tags zuvor so kleidete, wenn auch anders als andere. Hier steht er neben Tomashevsky im Mittelpunkt, dahinter Rapport – irgendwie schaffen Spieler es, dass es bei Spaziergängen auf der Bühne nie zu Kollisionen kommt. Auch Aronian machte es bei diesem Turnier nicht allzu bunt – weder beim Outfit noch auf dem Brett. Hou Yifan trieb es auch nicht bunt sondern remisierte fast durchgehend – heute gegen Vallejo aus der Rubrik “hiermit erwähnt”.

Runde 8: Remis am Spitzenbrett, soweit nach bekannten Mustern. Nepomniachtchi und MVL unterhielten sich auf dem Schachbrett Englisch. Bis zum 15. Zug war es bekannt, das Scheinopfer 16.Sxe5 war neu – bis auf eine Fernpartie  der A-Klasse, jedenfalls was (Vor-)Namen betrifft: Alois Anreiter (Elo 2231) und Adam Sazon (2146) einigten sich nach 23.Tc2 auf Remis, die beiden Spieler in Sharjah hatten diese Partie (absichtlich oder nicht) kopiert und machten noch ein bisschen weiter. Nach 32 Zügen hatten sie ein Turmendspiel mit vier gegen drei Bauern am Königsflügel, nach 96 Zügen verzichtete der materiell überlegene Nepomniachtchi auf weitere Gewinnversuche. Jedenfalls was Anzahl gespielte Züge betrifft kann man da nicht meckern.

Grischuk-Mamedyarov 1-0! Das Ausrufezeichen dafür, dass eine Partie an Tisch 2 nicht remis endete. Das gab es zuvor zuletzt in Runde vier, das (Mamedyarov-Adams 1-0) hatte Shak wohl besser gefallen. Die heutige Partie kurz und knapp so zusammengefasst: Weiss hatte aus der Eröffnung recht klaren Vorteil, vergab diesen und gewann dann im Turmendspiel. So ähnlich, jedenfalls was Sieg im Endspiel betrifft, gewann Grischuk zuvor auch in Runde fünf gegen Eljanov – beide Partien zusammen plus zu diesem Zeitpunkt sechsmal Remis bedeutete, dass er nun Mamedyarovs Rolle als Führungskollege von MVL übernahm.

Nur zu einigen anderen Partien: Aronian versuchte es mit Weiss gegen Nakamura ebenfalls im Endspiel. Deja vu für Nakamura: wieder Damengambit mit Lf4, diesmal allerdings nicht der absolute Hauptzug 9.Dc2 (danach konnte er tags zuvor gegen Ding Liren Vorbereitung zelebrieren) sondern 9.Ld3 was zu frühem Damentausch führte. Bis 11.-b6 gab es das bereits, wobei die hochkarätigste Partie älteren Datums ist (Kramnik-Jussupow 1-0 bei einem Schnellturnier 1995 in Moskau). Nun neuerte Aronian mit 12.g4!?!? – im weiteren Verlauf bekam er ein bisschen Druck, später im Turmendspiel gar einen Mehrbauern aber es war wohl immer in der Remisbreite. Für Nakamura war Remis mit Schwarz ein gutes Ergebnis, für Aronian (vor und nach der Runde ein halber Punkt Rückstand auf u.a. Nakamura) war Remis mit Weiss kein besonders gutes Ergebnis.

Auch sonst fast alles Remis, wobei Salem-Vallejo 1/2(25) ein Kurzremis der besseren Sorte war – schon die Eröffnung (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 La5!?) abseits ausgefahrener Gleise. Nur einer gewann noch: Hammer-Eljanov 0-1, ebenfalls im Turmendspiel. Damit hatte der Norweger nun doch zweimal verloren und lag nun etwa im Bereich der Eloerwartung – auch die wildeste Wildcard verliert nicht immer.

Dann war da offenbar noch was:

Wer auch immer diese beiden Herren sind, ihre freien Blitzpartien wurden ausgiebig fotografiert. Leider ohne Text zu den Fotos, also muss ich spekulieren:

Was war das für eine Eröffnung? Ich tippe auf eine spektakuläre Neuerung im Caro-Kann: 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Se2!? (3.Sf3 wäre nach dem altmodischen 3.-dxe4 ungenau) 3.-dxd4!????! 4.Sxd4. Da in dieser Stellung offenbar Weiss am Zug ist, ging es vielleicht weiter mit 4.-Db6 5.Lc4 Dc7! 6.Lf1! Dd8! So ist Weiss am Zug, und auch der Schwarzspieler will offenbar mit Weiss weiterspielen.

Runde 9, die letzte. Da vorab die Paarungen an den vorderen Brettern: MVL(5)-Grischuk(5), also tatsächlich ein direktes Duell um den Turniersieg, das die Erwartungen dann erfüllte. Nakamura(4,5)-Adams(4,5) – damit hatte Adams dreimal nacheinander Schwarz, sonst hätte Nakamura dreimal nacheinander Schwarz. Jakovenko(4,5)-Nepomniachtchi(4,5). Mamedyarov(4,5)-Hou Yifan(4) – Mamedyarov wurde heruntergelost, da er bereits gegen alle mit 4,5/8 gespielt hatte. Wenn einer heruntergelost wird, dann normalerweise der Eloschlechteste der oberen Gruppe gegen den Elobesten der unteren Gruppe, das wäre dann Jakovenko-Aronian. Aber Aronian wurde bereits tags zuvor heraufgelost, Mamedyarov musste heruntergelost werden, Hou Yifan war mit Schwarz dran und hatte bereits alle aus ihrer Gruppe (zuvor nacheinander Ding Liren, Vallejo und Rapport) die mit Weiss dran waren.Bei 18 Teilnehmern und neun Runden Schweizer System muss die Paarungssoftware eben regelkonform improvisieren – Hou Yifan protestierte übrigens diesmal nicht. Ding Liren(4)-Aronian(4).

Welche Erwartungen hatte ich persönlich zu diesen Partien? MVL und Grischuk würden nichts riskieren und schnell oder jedenfalls geräuschlos remisieren. Auch an den nächsten beiden Brettern würde nicht unbedingt allzu viel passieren. Mamedyarov will es dagegen noch einmal wissen, und auch Ding Liren – Aronian jedenfalls ausgekämpft – da 50% für beide zu wenig ist. So kam es dann auch – Leser können mich nun “Captain Hindsight” nennen, aber plausibel war es schon zuvor.

Inzwischen gibt es ein paar mehr Fotos zu Runde 9, aber immer noch keine von den Partien – dann eben nicht. MVL-Grischuk 1/2(23): 5.Te1 gegen die Berliner Mauer hatte MVL gelegentlich auch mal auf Gewinn gespielt, mitunter auch erfolgreich. Hier und heute war es recht offensichtlich eine Remiswaffe – nach 23 Zügen hatten sie genug Figuren abgetauscht um es offiziell zu machen. Wer konnte die beiden noch einholen? Nakamura und Adams spielten immerhin 56 Züge, tauschten alle Figuren ab und übten dann noch ein remises Bauernendspiel. Jakovenko und Nepomniachtchi machten 28 Züge und verzichteten dann auf weitere Züge (Gewinnversuche wäre der falsche Begriff) in einem Remisendspiel.

Aber da war noch – bereits angedeutet – Mamedyarov – Hou Yifan 1-0. Die Chinesin schaffte es also doch noch, eine Partie zu verlieren – in einem Nimzo-Inder mit 4.f3 wurde sie regelrecht abgeschlachtet. Und da war noch Ding Liren – Aronian 1-0: In einem Katalanen stand Aronian anfangs solide-passiv gegen das vorläufig schlafende weisse Läuferpaar. Dann konnte der Chinese seine Läufer aktivieren, dass er dabei eine Qualität investierte war eher “Detail”. Und noch eine Entscheidung: Eljanov-Salem 1-0, ebenfalls recht drastisch.

Vor allgemeinen Bemerkungen noch ein paar Fotos:

Turniersaal muss sein, Sheikh muss auch sein – beim zweiten Foto dachte ich “ist das auch Salem, der mitunter auch Brille trägt?”, aber auf einem anderen Foto sind beide drauf. MVL und Mamedyarov muss auch sein, und bei diversen Grischuk-Fotos konnte ich mich nicht entscheiden.

Zu den vielen Remisen, darunter auch recht viele Kurzremisen, wurde anderswo schon viel gesagt und gemeckert sowie ein Remisverbot vor z.B. dem 30. Zug gefordert. Wenn eine Stellung schon zuvor offensichtlich remis ist, machen beide eben (im Blitztempo) noch ein paar symbolische Züge. Wenn beide in noch nicht komplett ausgelutschter Stellung mit Remis zufrieden sind, kommt das akzeptierte Remisangebot eben nicht nach z.B. 25 sondern nach 30 Zügen. Das macht die Partien also nicht “gehaltvoller”.

Ursachenforschung hatte ich bereits ein bisschen betrieben: Ein Grund ist vielleicht, dass diverse wildcards jedes Remis bereits als Erfolgserlebnis betrachten und nicht unbedingt mehr wollen – das galt vor allem für Hou Yifan und Hammer, auch wenn beide nicht komplett durchremisierten. Für das Turnier insgesamt liegt es vielleicht auch an der Dynamik des Schweizer Systems, die diesmal (da das Turnier Teil einer Serie ist) andere Auswirkungen hatte als sonst: Immer treffen Spieler mit derselben Turniersituation aufeinander – wenn beide damit zufrieden sind riskieren sie wenig und spielen remis. Bei “einzelnen” Turnieren nach Schweizer System bringt ein Sieg eventuell mehr als eine Niederlage kostet – hier war das jedenfalls “unklar”. In den nächsten Turnieren der GP-Serie ist die Lage vielleicht anders: Spieler in derselben Turniersituation haben nicht unbedingt dieselbe Situation in der Serie insgesamt. Daher ist es – so sehe ich es – verfrüht, das neue GP-Konzept bereits nun als gescheitert zu bezeichnen. Sharjah hatte quasi “Pech”, dass sie als erster Ausrichter dran waren!?

Rätselhaft ist am ehesten, warum Aronian nicht schon früher im Turnier mehr riskierte – Ding Liren, vor der Schlussrunde in derselben “50% ist zu wenig” Situation hatte es, so mein Eindruck, durchaus versucht aber eben nicht geschafft, u.a. landete er in Nakamuras Vorbereitung. Für alle anderen (Mit-)Favoriten gilt: Vielleicht wollen sie das Publikum (und auch sich selbst) unterhalten, aber vor allem wollen sie sich für das Kandidatenturnier qualifizieren. Und da galt eben – und das war recht früh im Turnier klar oder jedenfalls plausibel: +1 ist gut, natürlich ist +2 besser, aber Absturz auf 50% ist deutlich schlechter.

Noch ein bisschen “Historisches” zu Spielern, die bereits an früheren GP-Serien teilnahmen: Vachier-Lagrave erwähnte (also hatte auch ich es im Zwischenbericht erwähnt), dass er auch in der GP-Serie 2014/2015 mit zwei Siegen begann, danach allerdings nur noch eine Partie gewinnen konnte. Sein erstes Turnier war in Taschkent, da begann er mit Siegen gegen Kasimdzhanov (na gut) und Caruana (hoppla!) und verlor im weiteren Verlauf noch gegen Jakovenko. Die beiden weiteren Turniere liefen nicht nach Wunsch, vor allem sein drittes in Khanty-Mansiysk wo er Letzter wurde – und dadurch in der Gesamtwertung den letzten bzw. vorletzten Platz mit Kasimdzhanov teilte. Nun ist er jedenfalls bisher ungeschlagen; hinterher war er natürlich mit dem Ergebnis zufrieden aber nicht mit dem “Gehalt” seiner Partien ab der dritten Runde.

Mamedyarov hatte in der GP-Historie (und auch bei anderen Gelegenheiten) mal bessere, mal schlechtere Ergebnisse. 2014/2015 ein schlechtes, ein gutes bis sehr gutes und ein mittelmässiges Turnier – reichte insgesamt nicht für das Kandidatenturnier. 2012/2013 reichten zwei sehr gute, ein mittelmässiges und ein schlechtes Ergebnis (aber das war Streichresultat) für das Kandidatenturnier. 2008-2010 spielte er insgesamt nicht schlecht, aber auch nicht gut genug. Nun also abwarten, wie er in seinen beiden verbleibenden Turnieren abschneidet – im Gegensatz zu MVL hat er sich die letzten Jahre nicht unbedingt verbessert.

Grischuk gewann 2014 in Baku seine drei letzten Partien – das war allerdings eine Momentaufnahme, in Bezug auf dieses Turnier (zuvor magere 3/8) und die gesamte Serie 2014/2015 in der er am Ende Zehnter wurde. 2012/2013 war er etwas näher an der Qualifikation für das Kandidatenturnier, 2008-2010 schaffte er es als Dritter der Serie nachdem Carlsen keine Lust auf (damals noch) kurze Kandidatenmatches hatte. Nun ist nach seinem Eloabsturz von über 2800 bis unter 2750 vielleicht wieder mit ihm zu rechnen; auch bei ihm fehlte oft die Konstanz.

Nakamura war in der Serie 2014/2015 Minimalist – Siege nur gegen Turnier-Kellerkinder und (auch als der ein gutes Turnier erwischte) Jobava – und das reichte für Platz zwei in der Gesamtwertung. Auch diesmal besiegte er nur Rapport. Ob diese Strategie Absicht ist/war ist ebenso unklar wie ob es am Ende von Erfolg gekrönt ist. 2012/2013 spielte er wechselhaft, das hat er sich inzwischen etwas abgewöhnt.

Jakovenko, man glaubt es kaum, hatte sich 2014/2015 beinahe für das Kandidatenturnier qualifiziert – damals war sein erstes Ergebnis in Taschkent im Nachhinein zu schlecht, dadurch Platz drei. Und auch 2008-2010 wurde er immerhin Vierter der Gesamtwertung, vor bekannteren Namen. Ein halber Punkt mehr bei einem seiner drei damals besten Turniere, und statt Grischuk hätte er Kandidatenmatches gespielt. Damals war er allerdings jeweils tendenziell besser (jedenfalls nach Elo) als aktuell. Diesmal profitierte er von einem groben Blackout von Riazantsev und remisierte seine acht anderen Partien.

Zu unteren Tabellenregionen: Aronian dominierte ja 2008-2010 total und verzichtete auf die beiden nächsten GP-Serien. Diesmal enttäuschte er und ist in der Gesamtwertung wohl schon jetzt eher chancenlos. Hou Yifan war in GP-Serien durchaus erfolgreich, allerdings bei den Damen gegen deutlich schwächere Konkurrenz. Nun wird 4/9 als toller Erfolg bezeichnet – immerhin brachte es ihr vier Elopunkte, die sieben in Gibraltar verlorene teilweise kompensieren. Tomashevsky hatte in der letzten GP-Serie ein Erfolgserlebnis (überlegener Sieg in Tiflis), ein gutes Ergebnis zuvor in Baku und zum Schluss ein insgesamt schlechtes in Khanty-Mansiysk. Das sehr gute Ergebnis in Tiflis war ja, zusammen mit dem Sieg bei der russischen Meisterschaft, ausschlaggebend dafür, dass er sich über die ACP Tour 2015 für diese GP-Serie qualifizierte. Prognose: vielleicht kann er wieder einmal überraschen, zum Favoritenkreis gehörte er ohnehin nicht.

Wie geht es weiter? Was die GP-Serie betrifft, vom 11.-22.5. in Moskau. Genaues Teilnehmerfeld noch nicht bekannt, auf jeden Fall wieder 18 Teilnehmer und dann mit Giri, Harikrishna, Svidler, Inarkiev, Gelfand und Radjabov die diesmal pausierten (die ersten vier waren nicht faul sondern spielten parallel zu den ersten Runden in Sharjah in der Bundesliga, Inarkiev spielt momentan auch Aeroflot). Welche Schlussfolgerungen die 18 Moskau-Teilnehmer aus Sharjah ziehen – zwölf davon aus eigener Erfahrung, fünf bis sechs (Inarkiev war ja durchgehend beschäftigt) haben das wohl im Internet verfolgt – muss man abwarten.

Termine zwischendrin vor allem im deutschen Sprachraum: Einige spielen vielleicht erste oder auch (Mamedyarov und Grischuk) zweite Bundesliga. Nakamura und Nepomniachtchi (sowie Kramnik, Anand, Svidler, Gelfand, Oparin und Pelletier) spielen Mitte April in Zürich. MVL (der in Zürich “aus privaten Gründen” absagte) und Aronian zählen parallel in Baden-Baden (Grenke Chess Classic) zu den Favoriten, neben Carlsen und Caruana. Spieler mit Elo unter 2700 dürfen teilnehmen, wenn sie Deutsche oder jedenfalls Baden-Badener sind oder waren (Naiditsch, Bluebaum und Meier) oder wenn sie weiblich sind (Hou Yifan). Dann gibt es noch die US-Meisterschaft (neben Nakamura auch Caruana und So) und Ende März ein starkes Open in, “of all places”, Sharjah. Teilnehmerliste hier, dann muss ich nicht entscheiden wen ich erwähne und wen (noch) nicht. Mamedyarov dachte offenbar (schon vor seinem Erfolg bei dieser Gelegenheit) “Sharjah ist ‘ne schöne Stadt” und fliegt nochmal dahin (oder bleibt er gut drei Wochen vor Ort?).

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3 thoughts on “Doch noch ein Trio vorne beim Sharjah Grand Prix

  1. Hallo Thomas,

    zuerst vielen Dank für Deine unkonventionellen Artikel – toll fand ich z.B. die Details zu Pushkins goldenem Reiter bei Sprenger vs Svidler – auf meiner Lieblingsschachwebsite.
    Obwohl die Antwort speziell für Dich ist, kannst Du sie auch online stellen.
    Hatte hier geschaut, um meinen Verdacht zu untermauern:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Alexejewitsch_Potkin
    Wurde zuletzt am 11. Dezember aktualisiert und ich habe den letzten Satz einfach geglaubt – womöglich können die Mühlheimer mehr sagen.

    64 Grüße,

    Karlheinz

  2. Danke! In welchem Wikipedia-Artikel steht, dass Potkin Sekundant von Aronian ist (oder war)? Bei der WM half er ja Karjakin, der – bereits für das Kandidatenturnier qualifiziert – auf die GP-Serie verzichtet. Offenbar arbeitet er auch mit Nepomniachtchi. Ich hatte auch auf ihn getippt, etwas verwirrend dabei das FIDE T-Shirt als ob er da auch irgendeine Rolle hat – ist es (seit 2016) der Status “FIDE Senior Trainer”?
    Sein Gegner erinnert tatsächlich stark an einen anderen Vladimir aus Armenien – Nachname Akopian.

  3. der grauhaarige Unbekannte ist m.E. Armenier, bei dem rothaarigen sollte es sich um Vladimir Potkin (Europameister von 2011) handeln, der laut Wikipedia Sekundant von Aronian ist und auch die Nationalität seines Spielpartners erklären würde.

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