Anna Muzychuk schenkt Tan Zhongyi den WM-Titel

Als Untertitel reicht schlicht und ergreifend “39.-Kh6?????” – ganz so kurz und knapp muss es vielleicht nicht sein, man kann statt fünf auch fünfzehn Fragezeichen vergeben. Das war (fast) das abrupte Ende der zweiten Schnellpartie – erstaunlich, dass auch im Schnell- und Blitzschach grobe Fehler oft “kurz vor der Zeitkontrolle” passierten, die es mit diesen Bedenkzeiten nicht gibt.

Alles was in den fünf vorangegangenen Matches geschah war natürlich irrelevant: Das Finale begann beim Stand von 0-0. In vier Partien mit klassischer Bedenkzeit fiel keine Entscheidung – bzw. zwei Partien hatten Siegerin und Verliererin, danach stand es wieder gleich. Also Schnellschach, mehr war dann diesmal nicht nötig denn nun war Tan Zhongyi Weltmeisterin. Dafür bekommt sie auch das Titelbild (alle Fotos wieder von David Llada via Turnierseite).

Die insgesamt sechs Partien vorab kurz zusammengefasst: Erste Partie – eher nix los, remis. Neu für Anna Muzychuk (natürlich nur in diesem Turnier), dass sie mit Weiss Remis spielte. Zweite Partie – positioneller/Endspielsieg für Tan Zhongyi, Anna Muzychuks erste Niederlage überhaupt in Teheran. Dritte Partie – Sturmsieg für Muzychuk. Vierte Partie – erst recht nix los, nach 24 Zügen wurde remis vereinbart. Damit Verlängerung – neu für Muzychuk, nicht für Tan Zhongyi.

Erste Schnellpartie: Muzychuk nutzte ihre Chancen nicht, die sie offenbar sowohl im Mittelspiel als auch später im Endspiel hatte – remis mit am Ende nur noch den beiden Königen auf dem Brett. Zweite Schnellpartie – insgesamt besser für Tan Zhongyi, dann mit abruptem Ende.

Und nun etwas ausführlicher:

Erste Partie Muzychuk – Tan Zhongyi 1/2 – Überraschung bereits im zweiten Zug: 1.e4 e6!? – so spielte Tan Zhongyi zuvor nur einmal, bei der chinesischen Damenmeisterschaft gegen Ye Yuan (zu diesem Zeitpunkt Elo 2212). Dann wählte sie die sogenannte Fort Knox – Variante 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Ld7 5.Sf3 Lc6 – passiv aber solide und schwer zu knacken, Muzychuk schaffte es nicht, auch nicht ansatzweise.

Zweite Partie Tan Zhongyi – Muzychuk 1-0: Halbslawisch mit dann 5.Dd3!? – relativ selten aber u.a. von Aronian und Navara bereits mehrfach gespielt. Nach zehn Zügen Damentausch und damit ein Semi-Endspiel oder damenloses Mittelspiel – auch das gab es bereits mehrfach. Diesmal bekam Weiss Oberwasser, u.a. da der schwarze Königsspringer nach 22 Zügen wieder auf g8 stand. Damit der wieder mitspielen konnte gab Muzychuk einen Bauern, und der weisse Mehrbauer war später partieentscheidend. Eine Chance bekam Muzychuk noch: nach 28.h4?! einfach (inzwischen stand dieser Springer auf g6) 28.-Sxh4. Dann verschwinden in diversen Varianten einige Bauern vom Brett und die Stellung wäre wieder ausgeglichen – entweder auch materiell oder Schwarz hätte im Turmendspiel mit aktivem Turm genug Gegenspiel für einen Minusbauern. So spielte Muzychuk nicht, verlor und musste erstmals in Teheran einen Rückstand im Match aufholen.

Dritte Partie Muzychuk – Tan Zhongyi 1-0 – zu dieser Partie gleich drei Fotos, zunächst eines aus gewisser Entfernung:

Sponsoren werden gewürdigt, paradiesischer Hintergrund, “Gens una Sumus” – was will man mehr? Zur Partie: Wiederum spielte Tan Zhongyi mit Schwarz Französisch, diesmal ein prinzipielleres Abspiel mit heterogenen Rochaden. Ihr 11.-Le7 war dann recht selten, Muzychuks logische Antwort 12.Ld3 bereits formal eine Neuerung, wobei durch Zugumstellung noch eine Datenbank-Partie erreicht wurde. Kurz danach das nächste Foto:

Nach 12.-a6 spielte Muzychuk 13.h4 (so spielten sieben andere mit Elo unter 2300 bereits im 12. Zug – drei am Brett, vier in Fernpartien) – auf dem Foto kaum zu sehen ob Tan Zhongyi bereits mit 13.-b5? reagierte. Dann passierte eine halbe Stunde lang nichts: Muzychuk dachte, grübelte, rechnete … und dann 14.Lxh7+! – ein Standard-Opfer, hier nicht total trivial aber doch richtig und partieentscheidend. Kurioser Datenbank-Fund: Das gab es bereits in einer Fernpartie Zaas (2224) – Greig (2164), die Muzychuk und Tan Zhongyi – sicher ohne es zu wissen – bis zum 16. Zug kopierten, dann wählte Schachfreund Peter Zaas einen anderen Gewinnweg. Ausgesprochen wird er wohl “Pieter”, Nachname keine Ahnung – er ist US-Amerikaner.

Generell gilt bei heterogenen Rochaden: Wann den eigenen Angriff vorantreiben, wann gegnerische Möglichkeiten berücksichtigen und entschärfen? Tan Zhongyi fand nicht die richtige Balance (Computerprogramme und vielleicht auch Spieler mit mehr Französisch-Erfahrung hätten 13.-f6 gespielt).

So stand es später nach 26.Th2 – die gute Nachricht aus schwarzer Sicht: die Damen waren vom Brett verschwunden (natürlich sassen nach wie vor zwei Damen links und rechts daneben, jedenfalls bis auf weiteres). Die schlechte Nachricht: aktuelle Materialverteilung aus ihrer Sicht zwei Springer und drei Bauern gegen Turm und sieben Bauern. Tan Zhongyi spielte noch sechs Züge und gab dann auf.

Vierte Partie: Figuren wurden abgetauscht und nach 24 Zügen remis vereinbart.

Und nun Tiebreak, Vorteil für wen? Einerseits ist Anna Muzychuk aktuelle Weltmeisterin im Schnell- und Blitzschach, andererseits hatte sie bei KO-Turnieren Tiebreaks bisher immer verloren. Einerseits hatte Tan Zhongyi in Teheran Tiebreaks kräftig geübt, Muzychuk gar nicht – andererseits: Tan Zhongyi brauchte jede Menge Glück, um auch nur die zweite Runde gegen Ushenina zu überstehen, dann auch das Halbfinale gegen Harika. Es war – so sehe ich es – neben Können durchaus auch Glück, und das ist irgendwann aufgebraucht!?

Erste Schnellpartie Muzychuk – Tan Zhongyi 1/2: Diesmal wählte die Chinesin Russisch, und Muzychuk darauf das modische 5.Sc3 nebst später lange Rochade. Schwarz kann eventuell ebenfalls lang rochieren, Tan Zhongyi spielte 7.- 0-0 und dann das recht seltene 8.-De8, Idee offenbar später -Da4. Typisch Frauenschach – das gab es bereits in Hou Yifan-Koneru und Tatiana Kosintseva – Humpy Koneru. Und auch Muzychuk spielte das bereits, das war allerdings Mariya Muzychuk gegen eine gewisse Anna Muzychuk. Beide kopierten diese Schnellpartie bis zum 13. Zug, dann spielte Anna anders als Anna anno 2015 in Cap d’Agde.

Nach 18 Zügen hatte Tan Zhongyi ihre Königsstellung bereits mit 17.-f6 und 18.-g6 geschwächt – naheliegend oder jedenfalls möglich (und vielversprechend, zumal sie zu diesem Zeitpunkt deutlich mehr Restbedenkzeit hatte) aus weisser Sicht, um da mit 19.h4 oder 19.g4 weiter zu sticheln. Stattdessen 19.Dxb7 – dachte sie, dass das einen Bauern gewinnt und übersah die Antwort 19.-Lxc4 ? Schnell entstand ein Endspiel, das wohl immerhin leicht besser für Weiss war. Muzychuk machte Fortschritte, spielte allerdings mehrfach zu zögerlich und auch ihr Bedenkzeit-Vorsprung schmolz dahin. Später war es Remis, am Ende (König gegen König) offensichtlich.

Zweite Schnellpartie Tan Zhongyi – Muzychuk 1-0: Diesmal wieder eine ruhige Eröffnung – aus weisser Sicht Mamedyarov oben in der nach Elo sortierten Datenbank, auch er “randaliert” nicht immer. Stellung auf dem Brett generell ausgeglichen – auf der Uhr allerdings nicht, da Muzychuk deutlich mehr Bedenkzeit verbrauchte. Einmal konnte Tan Zhongyi offenbar nach dem zu nonchalanten 28.-Kg7 mit 29.f3 die Stellung vorteilhaft öffnen (schliesslich hatte sie das Läuferpaar), tat es jedoch nicht. Dann gab Muzychuk einen Bauern, für den sie mit aktiven Figuren und später einem potentiell gefährlichen b-Freibauern wohl zumindest gewisse Kompensation hatte – dennoch war es wohl unnötig.

Dann das abrupte Ende: 39.De5+ und nun war 39.-Kg8 Pflicht, stattdessen 39.-Kh6????? 40.g4 mit der gemeinen Drohung 41.g5 matt. Muzychuks Massnahmen dagegen halfen nur vorübergehend: 40.-f6 41.Dxf6 Ta5 42.h4 – und nun half nichts mehr, Tan Zhongyi war Weltmeisterin. Ob sie nach 39.-Kg8 40.d5 usw. (auch ihr Freibauer kann laufen) auch gewonnen hätte – zu diesem Zeitpunkt hatte sie auch noch acht Minuten auf der Uhr, Muzychuk noch Sekunden plus Inkrement – werden wir nie erfahren.

Ein Foto hat Anna Muzychuk für ihr gesamtes Turnier verdient:

Das war (siehe Outfit) wohl ein Interview nach dem Sieg in der dritten Partie mit klassischer Bedenkzeit. Eine der ersten Twitter-Reaktionen hinterher übrigens von Dronavalli Harika: “Congrats Tan for winning and feel very sorry for Anna, who played incredible tournament [nebst Emoticon]”.

Damit ist schon angedeutet: Anna Muzychuk “spazierte” fast bis ins Finale, während Tan Zhongyi mehrfach holperte und stolperte. Aber dann war es ein Finalmatch auf Augenhöhe mit dem besseren Ende für die Chinesin. Anna Muzychuk müsste ich nicht unbedingt vorstellen, ein paar Worte zur zuvor vergleichsweise unbekannten Tan Zhongyi. Seit etwa vier Jahren hat sie Elo generell im Bereich 2480-2520, zwischendurch (Mai-Dezember 2014) auch mal ein bisschen weniger. In der Damen-Weltrangliste bedeutete das tendenziell top20, bestenfalls Platz 10, aktuell vor dem Turnier Platz 14. Schon einmal hatte sie ein KO-Turnier gewonnen, eine intern-chinesische Angelegenheit im November 2015 – damals zum Schluss Sieg im Armaggedon gegen Ju Wenjun, da diese freundlicherweise ohne jegliche Kompensation eine Figur einstellte. Grösster Erfolg ansonsten vielleicht der erste Brettpreis bei der Olympiade in Baku – da spielte sie für China an Brett 4 hinter Hou Yifan, Ju Wenjun und Zhao Xue.

Ist ihr Erfolg historisch? Einerseits nicht, sie ist die fünfte chinesische Weltmeisterin nach Xie Jun, Zhu Chen, Xu Yuhua und Hou Yifan. Andererseits ist sie die erste Chinesin, die China-intern vor dem Turnier nicht an eins gesetzt war und trotzdem gewann – stimmt nicht ganz: 2001 lag Zhu Chen (2497) nach Elo knapp hinter Wang Pin (2498). Neben Preisgeld, Ruhm und demnächst ein WM-Match bekommt sie für ihren Erfolg in Teheran auch den GM-Titel – den hatte sie nämlich noch nicht bzw. nur “WGM”. Das WM-Match spielt sie dann gegen Landsfrau Ju Wenjun.

Hinterher gab es noch eine Pressekonferenz – ohne Anna Muzychuk, entweder hatte sie keine Lust und wurde geschont oder für sie war kein Platz am Tisch: neben Tan Zhongyi, FIDE-Presseprecherin Anastasia Karlovich, FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov und einem Vertreter des iranischen Schachverbands sass da auch eine Vertreterin des chinesischen Schachverbands – u.a. als Dolmetscherin für Tan Zhongyi, die offenbar kein/kaum Englisch spricht. Viel sagte Tan Zhongyi nicht, u.a. dass sie von Yu Shaoteng trainiert wurde, dass sie jedes Match isoliert betrachtete und dass die Matches gegen Ushenina und Harika die schwersten waren. Ilyumzhinov deutete an, dass das WM-Match womöglich in China stattfinden wird, vielleicht aber auch im Iran. Er nannte auch Iran als möglichen Ausrichter einer Schacholympiade – das hiesse dann jede Menge Kopftücher und vielleicht zwei Bermuda-Partys, da Männer und Frauen da nicht gemeinsam feiern!? Um die Tradition fortzuführen, vielleicht bei dieser Gelegenheit doch auf exterritorialem Gelände einer ausländischen Botschaft.

Wie geht es weiter? Was Damenschach betrifft, das WM-Match ist für 2018 geplant (Datum noch unbekannt). Kurzfristig ist da die deutsche Frauen-Bundesliga morgen und übermorgen – ob für Baden-Baden eine Vize-Weltmeisterin (Anna Muzychuk) und/oder mindestens eine Ex-Weltmeisterin (Mariya Muzychuk, Kosteniuk, Stefanova) mit dabei ist wird sich zeigen.

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