Nakamura im dritten Anlauf klarer Zürich-Sieger – dank Grigoriy Oparin

Die Zürich Chess Challenge hat etwas mehr verdient als einen eher kurzen aktuellen Bericht. Nakamura hat dieses Turnier mit ungewöhnlichen Bedenkzeiten gewonnen, daher bekommt er auch das Titelfoto. Alle Fotos von der Turnierseite, fotografiert haben demnach Georg Krandolfer (meine email-Anfrage zum Turnier wurde von Georg Kradolfer beantwortet) und Rustam Kalimullin.

Nakamura hat gewonnen, warum eigentlich? Seine Fans sagen „weil er eben der grösste und allerallerbeste ist“. Zu seinen Fans zählt neben chess.com (nachvollziehbar, allerdings gelegentlich etwas penetrant-offensichtlich) offenbar auch die Turnierseite – ungewöhnlich, dass eine Turnierseite von Anfang an einen Spieler besonders hervorhebt. Ob dass die Idee von Marc Lang war, der die Rundenberichte schrieb, oder ob er Instruktionen bekam, da bin ich überfragt.

Warum hat Nakamura gewonnen? Zwei Dinge waren praktisch ausschlaggebend: Er spielte am effizientesten (4/4 oder, da die langsamen Schnellpartien für die Gesamtwertung doppelt zählten, 6/4) gegen die Aussenseiter Pelletier und Oparin. Und er besiegte seinen, wie sich herausstellte, schärfsten Konkurrenten Nepomniachtchi einmal im direkten Duell. Für den ungeteilten Turniersieg bekam er am Ende Schützenhilfe von Grigoriy Oparin.

Die Anspielung im Titel sollte ich vielleicht noch erklären: Auch 2015 und 2016 gewann Nakamura, jeweils war er nach dem Turnier punktgleich mit Anand. 2015 hatte Anand die bessere Sonneborn-Berger Wertung, dann gab es einen (laut Regelwerk nicht vorgesehenen) Stichkampf. Anand protestierte vor und, so sehen es einige, auch noch während der Armaggedon-Partie – es dauerte knapp zwei Jahre, bis Hou Yifan in Gibraltar gegen Ganguly eine noch „überzeugendere“ Protestpartie gelang. Meine Meinung dazu gab ich damals hier – andere Quellen sahen es teilweise ähnlich, teilweise anders. 2016 hatte Nakamura die bessere Sonneborn-Berger Wertung, und es gab keinen Stichkampf sondern er war Turniersieger. Entscheidend zu seinen Gunsten übrigens Shirov-Giri 0-1 in der letzten Runde – beide landeten in der unteren Tabellenhälfte, Nakamura hatte zuvor Giri besiegt, Anand hatte zuvor Shirov besiegt.

Zürich besteht immer aus zwei Turnieren mit unterschiedlichen Bedenkzeiten. Dieses Jahr zuerst 45 Minuten für die gesamte Partie plus 30 Sekunden Zugabe pro Zug, was ist das denn? Weder Schnell- noch Normalschach, sondern zwischendrin (auf Schwyzerdütsch „New Classical“, zu Elo-Konsequenzen siehe unten). Da gab es jeweils 2 Punkte für einen Sieg und einen Punkt für ein Remis. Dann noch 10 Minuten mit 5 Sekunden Zugabe, was ist das denn? Zürich nennt es Blitz. Da gab es, wie generell üblich, einen Punkt für einen Sieg und einen halben Punkt für ein Remis. Diesen letzten Tag habe ich live nicht mitbekommen, da anderweitig beschäftigt – daher wird dieser Teil des Turniers eher kurz und knapp beschrieben.

Schon nach der ersten Runde bezeichnete Marc Lang, jedenfalls auf Englisch, Nakamura als „Turnierfavorit“, warum eigentlich? Ja, er hatte zweimal zuvor gewonnen, aber Anand war jeweils quasi gleichwertig. Sonneborn-Berger kann, und dem war auch so, mal so und mal so enden. Nepomniachtchi, erstmals in Zürich dabei, ist im Schnell- und Blitzschach noch stärker als im Normalschach – für mich nicht überraschend dass er (fast) mithalten konnte. Kramnik kann auch Schach spielen – das können die vier anderen (Gelfand, Svidler, Oparin und Pelletier) natürlich auch, aber doch waren sie leichte bis deutliche Aussenseiter. Der Endstand war dann auch fast so sortiert: Nakamura 15, Nepomniachtchi 14, Anand 13.5, Svidler 12, Kramnik 11, Gelfand 9, Oparin 5.5, Pelletier 4 (maximal 21 Punkte aus 14 Partien).

Nakamura übernahm in beiden Turnieren früh die Führung, das war allerdings ein bisschen „optische Täuschung“: Er spielte, so wollte es die Auslosung, jeweils in den ersten beiden Runden gegen Pelletier und Oparin, Nepomniachtchi dagegen jeweils in den letzten beiden Runden.

Der gesamte Turnierverlauf aus Sicht einiger Teilnehmer: Im langsamen Schnellturnier gewann Nakamura zu Beginn gegen Pelletier und Oparin. Damit lag er vorne und „bestätigte seine Favoritenrolle“ – auch Anand und Nepomniachtchi gewannen beide Partien gegen diese Aussenseiter, nur eben in Runde zwei und vier bzw. sechs und sieben. Dann bekam Nakamura den ersten Gegner mit Elo über 2700, prompt verlor er gegen Peter Svidler „und das Rennen war wieder offen“. Chess.com betonte, dass Svidler „seit mehr als fünf Jahren nicht mehr gegen Nakamura gewinnen konnte“. Ein wunderbar-selektives Detail, hier ist die komplette Bilanz der beiden gegeneinander … . Zur Partie: Nakamura stand anfangs gut, wurde dann aber ausgekontert.

Zu zwei weiteren Partien zeige ich diagrammatisch den entscheidenden Moment und nenne neben der Version von Marc Lang auch meine: Nakamura-Nepomniachtchi 1-0 – laut Turnierseite „Nakamura spielte ausgezeichnet und erreichte schnell einen Vorteil in einer eigenartigen Grünfeld Variante. Zuerst tauschte er den starken schwarzfeldrigen Läufer auf g7 ab, dann zerstörte er die schwarze Bauernstruktur am dem Damenflügel und machte Druck auf die schwarzen Felder, bis Nepomniachtchi einen wichtigen Bauern aufgeben musste und bald darauf keine vernünftigen Züge mehr fand.“ Das war der kritische Moment nach zuletzt 15.dxc5 Lxc3 16.Dxc3:

Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer mittels 9.Ld2, 11.Lc3 und dann 15.dxc5 war quasi „textbook stuff“ – gibt es auch in der Variante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Ld2!?. Nun zerstörte Nepo, nicht Naka die schwarze Bauernstruktur am Damenflügel: 16.-bxc5?! war keineswegs erzwungen – wenn man nach 16.-Sxc5 Angst hat vor 17.Se5 mit ein bisschen Druck, geht auch das fesselnde 16.-Tc8 um den c-Bauern mit dem Turm zu verspeisen.

Ob Nepomniachtchi 16.-bxc5 als erzwungen betrachtete (77 Sekunden für diesen Zug ist nicht a tempo, aber auch recht wenig für eine „Richtungsentscheidung“) oder ob er sich von der für ihn nun offenen b-Linie mehr erhoffte als objektiv drin war, müsste man ihn selbst fragen. Wie dem auch sei, ab hier ging es für ihn bergab und nach 35 Zügen gab er mit einem, demnächst forciert zwei Bauern weniger auf. Isoliert betrachtet kostete dieser Lapsus Nepomniachtchi den Turniersieg, natürlich war es seine eigene Schuld.

Gelfand-Nakamura 0-1 – Version Marc Lang: „Der König ist zurück auf seinem Thron – Der Sieger der ZCC 20115 und 2016, Hikaru Nakamura, eroberte die Führungsposition zurück nachdem er einen unerwarteten Schlag auf Gelfands Stellung in einem Läufer gegen Springer Endspiel ausführte, einem Endspiel, das eher auf ein langweiliges Remis hinzusteuern schien.“ Was war passiert?

Nach vielen Zügen ist es weiterhin ausgeglichen-remislich, allerdings nicht nach dem gespielten 40.Kd4?? b5! (droht 41.-Sb6 mit Läuferfang) 41.hxg4 fxg4 42.Le4 Sf6 43.Ld3 g3! (droht 44.-h3 45.gxh3 g2) 44.Lf1 Sg4 nebst -Sh2 mit Läuferfang. Ein „unerwarteter Schlag“ war es – selten dominiert ein Springer einen Läufer auf diese Weise. Genauso legitim ist dabei, die Partie so zu beschreiben: „Nakamura profitierte davon, dass Gelfand in einem Remisendspiel patzte.“ Nach diesen beiden Geschenken liess Nakamura es ruhig angehen – Staubsauger-Weissremis gegen Anand – und Nepomniachtchi konnte durch einen Sieg gegen Oparin wieder aufschliessen.

Zu den Zehnminutenpartien wie gesagt eher kurz und knapp: Nakamura gewann anfangs gegen Pelletier und Oparin – der junge Russe stellte freundlicherweise früh eine Figur ein – dann noch gegen Kramnik und remisierte den Rest.

Nepomniachtchi – in Zürich mal wieder ohne Bart – begann mit 1/2 bzw. 2/4 bzw. zweimal Remis. Das Gesamtergebnis der ersten beiden Runden ging in Ordnung, die Einzelergebnisse konnten auch anders ausfallen. Zu Beginn experimentierte Svidler gegen ihn mit Sizilianisch: 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sc3 a6 – auch das ist ein Taimanov-Sizilianer, heutzutage üblicher ist 5.-Dc7 denn nun ging für Weiss 6.Sxc6 bxc6 7.e5!?. Auch das ist für Schwarz spielbar – Svidler kannte es aus eigener Praxis, ist allerdings eine Weile her: 2004 mit Schwarz gegen Shirov, 2007 mit Schwarz gegen Amonatov, dann noch zweimal mit Weiss: 2009 gegen einen gewissen Sebastien Cossin (französische Mannschaftsmeisterschaft), 2010 gegen Movsesian. Nepomniachtchi kannte es auch: 2006 war er 16 Jahre jung, hatte bescheidene Elo 2520 und bekam diese Variante vom Schwarzspieler Kobalia vorgesetzt.

Bilanz aus diesen Partien: 4,5/5 aus weisser Sicht, Remis nur in Amonatov-Svidler bei der russischen Meisterschaft. Alles deutete darauf hin, dass Weiss wiederum gewinnen würde – Nepomniachtchi bekam vernichtenden Königsangriff, konnte den Sack aber dann nicht zumachen.

In Runde 2 hatte Nepomniachtchi dann mit Schwarz gegen Kramnik irgendwann eine Figur weniger und „eigentlich“ keine bzw. unzureichende Kompensation, aber Kramnik scheiterte an der technischen Phase. Zum Schluss musste er gar seine Mehrfigur gegen einen schwarzen Freibauern hergeben, um noch schlimmeres zu verhindern.

Nepomniachtchi-Anand 1-0 in Runde 3 war nicht unbedingt „glatt“ oder „souverän“: Nepo wollte nach eigener Aussage zuvor remis anbieten, aber das darf man in Zürich nicht – es gilt Remisverbot (ausser wenn es offensichtlich und unvermeidlich ist). Dann bekam er zwei Chancen, mit Dame und Turm kombiniert den schwarzen König entscheidend zu belästigen, die zweite Chance nutzte er.

Der Sieg in Runde 4 gegen Gelfand dagegen glatt: Gegen dessen Najdorf-Sizilianer bekam er vernichtenden Königsangriff, obwohl er sich für 6.Le2 nebst kurzer Rochade entschied. Zum Schluss das kleine gemeine 37.Ld1 mit der unparierbaren Drohung Dxh5+ nebst Matt. Die „vermeidbare“ oder „unnötige“ Niederlage gegen Nakamura hatten wir bereits (wobei: wann ist eine Niederlage unvermeidlich und notwendig?), danach noch zwei Siege gegen Pelletier und Oparin. Letzteres wieder ein Najdorf-Sizilianer – diesmal hatte Nepo Schwarz und gewann „trotzdem“. Da zeigte sich mal wieder, dass man als Weisser im sechsten Zug „alles“ spielen kann: Oparin entkorkte 6.Dd3!? – auch das gab es bereits, auf hohem Niveau vor allem von Paco Vallejo. Deshalb hat er nicht verloren, sondern weil er offenbar später eigene Angriffschancen überschätzte und ausgekontert wurde.

Gleichstand nach dem ersten Durchgang zwischen den beiden Spielern mit abzukürzenden Namen, auch wenn Nakamura durch den Sieg im direkten Duell die bessere Wertung hatte. [„Opa“ passt ja nicht zu Oparin, dafür ist er noch zu jung und das wird noch ein paar Jahrzehnte so bleiben – der Name eines peruanischen GMs wurde dagegen schon einmal verlängert, aus Granda wurde Grandpa]

Am letzten Tag (Zehnminutenpartien) machte Nepo zunächst dasselbe wie Naka, nämlich Siege gegen Pelletier und Kramnik. Gegen Kramnik gewann er dabei mit Turm und Läufer gegen Turm – muss nicht sein, passiert aber mitunter auch auf höchstem Niveau, und am Ende war das offenbar eine echte Blitzpartie mit noch beiderseits Sekunden. Dann die letzte Runde: Nepomniachtchi-Oparin 0-1 – Oparin ist wie gesagt kein Opa, und in dieser Partie sah sein Gegner alt aus. Wieder Najdorf-Sizilianer, Nepo wählte die „Bartel-Variante“ 6.Sb3 (auf relative hohem Niveau ursprünglich vom polnischen GM, dann von vielen kopiert, u.a. Grigoriy Oparin, Jorden van Foreest, Wei Yi, Nikita Vitiugov, Alexander Grischuk, Vishy Anand und Hikaru Nakamura). Nepo spielte so noch nie mit Weiss, ob er sich an eine Schwarzpartie (2005 gegen Stanislav Novikov) erinnert müsste man ihn selbst fragen.

Was genau aus weisser Sicht schief lief, da bin ich überfragt bzw. das lässt sich nicht einigermassen kurz und knapp beschreiben. Auch wenn beide Könige in der Mitte ausharrten, kam es nicht wirklich zu Königsangriffen – stattdessen erntete Schwarz nach und nach Mehrbauern. Auch mit drei Minusbauern im Endspiel spielte Nepo tapfer weiter, aber es war hoffnungslos.

Offenbar verbreiteten die Livekommentatoren das Gerücht, dass es bei Gleichstand zwischen Nakamura und Nepomniachtchi einen Stichkampf geben würde; Sam Copeland hat das dann auf chess.com erwähnt – und nannte per Kommentar die Quelle Livekommentar. Marc Lang wusste für die Turnierseite Bescheid: „Naka führte die Partie [Schlussrunde gegen Anand] direkt zu einem Remis. Nun war auch klar, dass aufgrund seiner besseren Sonneborn-Berger Wertung, sein Turniersieg nicht mehr vom Ergebnis der Partie Nepomniachtchi – Oparin abhängig war.“ Schliesslich gibt es ja Zürich-Regeln: Wenn Sonneborn-Berger Nakamura benachteiligt, gibt es einen (im Regelwerk nicht vorgesehenen) Stichkampf. Wenn Sonneborn-Berger Nakamura bevorzugt, gilt das Regelwerk. Diesmal brauchte Nakamura dann keine Zürich-Regeln, und es gab keinen – ergebnisoffenen und womöglich dramatischen – Stichkampf. Beim Weltcup 2015 musste Nakamura noch alle Register ziehen (einschliesslich Verhalten am Brett), bevor er Nepomniachtchi im Armaggedon eliminierte.

Zu den anderen Teilnehmern etwas kürzer, teils auch ohne Foto.

Anand war im neuklassischen Turnier der belebende Faktor – Remis nur zum Schluss gegen Nakamura. Zu Beginn spielte er gegen seinen alten Bekannten Vlad Kramnik ausnahmsweise nicht remis sondern verlor, seine zweite Niederlage gegen Nepomniachtchi hatten wir bereits, die anderen vier Partien gewann er. Im Zehnminutenturnier liess er es, jedenfalls was die Ergebnisse betrifft ruhiger angehen: zwei Siege und fünfmal Remis. Insgesamt konnte er damit nicht ganz an die Ergebnisse der letzten beiden Jahre anknüpfen, dennoch ist das Glas für ihn eher halb voll als halb leer!?

Svidler fotografiere ich mal nicht, ihn hatte ich schon des öfteren – ich selbst und Leser würden ihn vielleicht auch erkennen, wenn wir ihm zufällig und unerwartet in irgendeiner Fussgängerzone begegnen sollten? Er erzielte fünf von sechs möglichen Punkten gegen Pelletier und Oparin (Remis im ersten Durchgang gegen den Schweizer), und sieben von fünfzehn möglichen Punkten gegen den Rest. Zur Turnierspannung beigetragen haben im ersten Durchgang sowohl sein Sieg gegen Nakamura als auch seine Niederlage gegen Anand. Warum Kramnik trotz Sieg in der Schlussrunde gegen Svidler hinter ebendiesem landete, siehe gleich.

Vlad(imir) Kramnik machte im ersten Durchgang fast den anti-Anand: nach Sieg in der ersten Runde im Duell der beiden Ex-Weltmeister noch sechsmal Remis. Absicht kann man ihm dabei nicht unterstellen, mehr oder auch weniger Punkte waren durchaus drin. Den verpassten Sieg gegen Nepomniachtchi hatten wir bereits, gegen Nakamura stand er gut aber wohl nie gut genug (also doch ein „korrektes“ Remis), gegen Oparin waren im Partieverlauf alle drei Ergebnisse möglich.

Am letzten Tag dann zwischendurch eine lange Rochade – Niederlagen in Runde zwei bis vier gegen Nepomniachtchi, Gelfand und Nakamura, vor allem deshalb landete er am Ende oben in der unteren Tabellenhälfte.

Boris Gelfand (zu fehlendem Foto siehe Svidler) hatte seine lange Rochade im neuklassischen Turnier (Runde vier bis sechs gegen Nepo, Vishy und Naka), ansonsten viele Remisen, drei Siege (Doppel-Pelletier und Kramnik) und noch eine Null gegen Anand.

Zu Grigoriy Oparin schreibt die Turnierseite, dass er (optisch) an eine Figur aus einer Dostojevsky-Novelle erinnert. Sie meinen wohl irgendeine Verfilmung. Vielleicht war er, was die Ergebnisse betrifft, etwas überfordert – damit konnte/musste er rechnen, und er hatte sich ja durch das beste Resultat beim Nussknacker-Turnier (nebst Stichkampfsieg gegen Shirov) ehrlich qualifiziert. „Gehaltvoll“ waren seine Partien durchaus. Ich will ihn nicht schon wieder zu seinem Turnier befragen – so gut „erzogen“ dass er das ungefragt macht habe ich ihn nicht, bzw. so gut kenne ich ihn auch nicht (nur einige Internet-Kontakte). Sein Beitrag zur Najdorf-Theorie war neben 6.Dd3!? (nochmals im zweiten Durchgang gegen Gelfand, das wurde remis) auch 6.h4!? gegen Svidler – da stand er zunächst durchaus gut oder jedenfalls nicht schlechter und verlor am Ende.

Yannick Pelletier zeige ich, da ich ihn auf der Strasse nicht erkennen würde. Bart hatte er nicht immer, jedenfalls nicht auf diversen Wikipedia-Fotos. Warum er dabei war, da hole ich etwas aus und veröffentliche eine Antwort aus einem unveröffentlichten Interview anonym. Ein Grossmeister beantwortete die Frage nach seinem bisher grössten Erfolg mit „no idea … that I was born.“ Dass man geboren wurde ist natürlich Voraussetzung für Teilnahme an einem, egal welchem Schachturnier. Wo man geboren wurde spielt manchmal auch eine Rolle – Pelletier ist nun einmal gebürtiger Schweizer, genauer gesagt erblickte er in der anderen Schachstadt Biel das Licht der Welt.

„Schweiz musste sein“ in diesem Turnier, im Prinzip durchaus OK. Von vierzehn Partien konnte Pelletier fünf Remis halten – neben beiden gegen Oparin auch beide gegen Kramnik und seine erste gegen Svidler.

Noch ein paar Fotos als Galerie:

Die Eröffnungsfeier wurde musikalisch untermalt – laut Veranstaltern auf hohem Niveau, ich habe mir das nicht angehört also glaube ich es. Viktor Korchnoi ist bekanntlich tot, aber war beim Turnier dennoch präsent. Aus Layout-Gründen (Platz für sechs Fotos) zeige ich Kirsan Ilyumzhinov nicht, obwohl auch er vor Ort war [Ich bleibe auch dabei, dass mich Schachpolitik nicht besonders interessiert und dass ich daher selten darüber schreibe]. Oleg Skvortsov spielte natürlich eine wichtige Rolle, nicht nur aufgrund einer bemerkenswerten Show-Partie gegen Anand vor dem eigentlichen Turnier sondern überhaupt. Karpov zeige ich auch, kannte er Korchnoi eigentlich? Ist natürlich eine rhetorische Frage – wer (da zu jung und in Schachgeschichte unbewandert) die Antwort nicht kennt: siehe z.B. mein Kalenderblatt zu Kortschnois 85. und, wie sich herausstellte, letztem Geburtstag. Die WM-Matches damals in gespannter Atmosphäre – nach dem Ende von Kaltem Krieg und Sowjetunion haben sie sich offenbar versöhnt und spielten u.a. für dasselbe Team in der Russischen Mannschaftsmeisterschaft. Skvortsovs Ehefrau bekam im Publikum auch einen Platz in der ersten Reihe.

Noch zwei Exkurse: Zur „neuklassischen“ Zeitkontrolle äusserte sich (im Original auf Russisch) Emil Sutovsky auf Facebook. Grob (Google-)übersetzt: „etwa die Hälfte der Partien wurde durch krasse, oft beiderseitige Fehler entschieden. Dafür kann man an einem Tag zwei Partien spielen, und die Qualität sollte höher sein als im „normalen Schnellschach“ – es sei denn es ist nicht der Fall.“ Das wurde dann – auf Russisch, und alles will ich nicht übersetzen lassen – anscheinend unterschiedlich kommentiert. Einer, der auch einen Twitter-account und oft eine Meinung hat, schrieb anderswo auf Englisch „It seems that the quality of games in not much higher than so far.“ Das stammt von Pavel Eljanov.

Ist die Zeitkontrolle eigentlich Elo-kompatibel? 2700chess.com ging anfangs davon aus und hatte sie für die Schnellschach-Liste ausgewertet. Dann fiel mir (nach Diskussionen auf chess.com) auf, dass das Turnier – im Gegensatz zu den beiden Züricher Opens – nicht bei der FIDE registriert wurde, siehe hier. Ich fragte nach bei media@sgzurich.ch und bekam postwendend Antwort von Georg Kradolfer: „Lieber Schachfreund, Wir haben das Weltklasseturnier nicht zur FIDE-Wertung angemeldet. Die Gründe haben Sie bereits … angeführt.“ Der von mir genannte Grund war, dass die gewählte Zeitkontrolle laut FIDE-Regeln weder Schnell- noch Normalschach ist sondern zwischendrin. Schnellschach ist maximal 60 Minuten für 60 Züge (45 Minuten plus 60-mal 30 Sekunden ist 75 Minuten). Was genau das untere Limit für Normalschach ist, da bin ich überfragt. Das habe ich an 2700chess.com weitergeleitet, daraufhin haben sie Live-Ratings im Schnellschach „de-aktualisiert“ und das auf Twitter erklärt, was wiederum kommentiert wurde.

Letztes Jahr hatte Zürich sich übrigens für eine etwas schnellere Zeitkontrolle entschieden (40 Minuten und 10 Sekunden Inkrement), damals wurde das Turnier für die Schnellschach-Eloliste ausgewertet, diesmal waren sie zu diesem Kompromiss offenbar nicht bereit. Im Prinzip konnten die Zehnminutenpartien Schnellschach-ausgewertet werden, war z.B. für die zweite Serie Tiebreaks bei der Damen-WM (10 Minuten plus 10 Sekunden Inkrement) der Fall. Offenbar empfanden die Organisatoren es als paradox und unnötig, wenn nur ein Teil des Turniers Elo-relevant ist/wird. Je nachdem wie man es definiert die Hälfte (Anzahl Partien), ein Drittel (Einfluss auf die Gesamtwertung) bzw. ein Fünftel (einer von fünf Turniertagen) … .

War da noch was? Ja, das Kortchnoi-Open will ich noch kurz fotografisch dokumentieren:

Eltaj Safarli war Tiebreak-bester von fünf Grossmeistern mit 5,5/7 (schlechtere Wertungen für Motylev, Rakhmanov, Berkes und Guseinov). In Zürich lief es also besser als zuvor in Dubai, wo er – da Preisgeld-chancenlos? – zuletzt kampflos gegen Praggnanandhaa verlor. 5/7 hatten unter anderem Loek van Wely und Alexei Shirov, jeweils ein Remis zuviel. Auch der beste deutsche Teilnehmer IM Klaus Klundt hat viel remisiert – sowohl gegen Grossmeister (Miezis und Shirov, letzteres womöglich aus technischer Gewinnstellung heraus) als auch gegen titellose Spieler mit Elo unter 2200, zusammen mit zwei Siegen bedeutete das 4,5/7 und ein Ergebnis im Rahmen der Eloerwartung.

Zum Schluss: auch beim Open hat Korchnoi zugeschaut:

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