Schwäbisch Hall ist erstmals Meister in der Frauenbundesliga

Anatoli Karpov

Anatoli Karpov

Von Dr. Thomas Marschner – Der SK Schwäbisch Hall hat es geschafft und nach zwei Vizemeisterschaften Titelverteidiger Baden-Baden zumindest für eine Saison enttrohnt. Die Vorentscheidung bei der zentralen Endrunde in Berlin war im Grunde schon in der 9. Runde am Samstag gefallen, als Reisepartner Deizisau nach dramatischen Verlauf mit 3,5-2,5 geschlagen werden konnte. In den letzten beiden Runden ließen die Hallerinnen gegen die schon als Absteiger feststehenden SG Augsburg und Bayern München nichts mehr anbrennen und gewannen zweimal glatt. Dritter Absteiger ist Tura Harksheide. Die Norderstedter Mädels meldeten sich zwar in der 10. Runde nochmal mit einem eindrucksvollen 5,5-0,5 gegen Erfurt zurück, brauchten aber danach in der letzten Runde noch einen Sieg gegen Lehrte. Doch gerade Lehrte trumpfte in Berlin extrem stark auf und gewann alle drei Begegnungen, unter anderem auch völlig überraschend gegen Hamburg, die dadurch den Sprung auf Platz 3 verpassten. Damit war Lehrte mit 10-12 Punkten und Platz 8 eine der Überraschungsmannschaften der Liga.

Die gemeinsame zentrale Endrunde der Schachbundesliga und der Frauenbundesliga übertraf alle Erwartungen. Gerade Baden-Baden war bei Männern (und auch bei den Frauen) mit fast allen Stars am Start: mit Fabiano Caruana, Maxime Vachier Lagrave, Levon Aronian und Viswanathan Anand traten am Sonntag gegen Solingen gleich 4 Spieler aus der Top-10 der Weltrangliste an. Bei den Frauen versuchten Alexandra Kosteniuk, Mariya und Anna Muzychuk sowie Viktorija Cmilyte doch noch den SK Schwäbisch Hall zu überholen.

Hanna Marie Klek

Hanna Marie Klek

Dazu kam Schachlegende Anatoli Karpov, der für Hockenheim ans Brett ging. Doch jetzt zur Chronologie der Ereignisse in der Frauenbundesliga. Am Samstag trafen zunächst die Reisepartner aufeinander, und das Interesse konzentrierte sich auf das vorentscheidende Duell Schwäbisch Hall- Deizisau. Und hier wurde es dramatisch.
Die ersten Entscheidungen fielen in der Zeitnotphase. Hanna Marie Klek gewann gegen Iva Videnova und sicherte sich mit diesem Sieg den eigentlich schon lange überfälligen WGM-Titel. Nachdem sie schon in der 2. Bundesliga der Männer eine Norm geschafft hatte, gelang ihr das Kunststück jetzt in der gleichen Saison auch bei den Frauen, ihre erste Norm hatte sie schon vor einigen Jahren geholt.

Petra Papp war die Matchwinnerin

Petra Papp war die Matchwinnerin

Den Ausgleich schaffte Jovana Rapport gegen Mara Jelica, indem sie ihren Mehrbauern im Springerendspiel verwertete. Zu diesem Zeitpunkt lag aber ein weiterer Rückstand für Schwäbisch Hall in der Luft, Yuliya Naiditsch nutzte gegen Lela Javakhishvili einen taktischen Fehler aus und spielte mit einer Mehrfigur, und der Sieg war nur noch eine Frage der Zeit, obwohl sich die Partie noch lange hinzog. Nach einem Remis an Brett 2 liefen noch zwei Partien: die Schwäbisch Haller Mrs 100% Deimante Daulyte (6/6) hatte zwar einen Läufer mehr, aber nur noch einen Bauern übrig, und die Stellung sah eher wie eine Endspielstudie als wie eine normale Partiestellung aus. Und Petra Papp hatte gegen Natalia Straub ein kompliziertes Turmendspiel auf dem Brett, und wie man ja weiß, sind Turmendspiele „immer remis“. In der entscheidenden Phase waren die Partien dicht von Zuschauern umlagert, da jedem klar war, dass hier die wichtigste Entscheidung im Saal fallen würde. Zudem ging den Spielerinnen langsam die Zeit aus – bei den Damen wird im Gegensatz zu den Herren mit der „kurzen“ Fischer-Zeit gespielt, und die Nervosität war gerade bei den Schwäbisch Haller Spielerinnen und noch mehr beim Betreuerstab und den schon fertigen Spielerinnen nicht zu übersehen.

Hartmut Ruffer (Journalistenpreis)

Hartmut Ruffer (Journalistenpreis)

Doch am Ende gelang es beiden Spielerinnen, die Partien zum hauchdünnen 3,5-2,5 Sieg zu gewinnen und das Tor zur Meisterschaft weit aufzustoßen. In den weiteren Begegnungen gewann Baden Baden „nur“ 4-2 gegen Karlsruhe, die überraschend das erste Mal mit ihren beiden Spitzenspielerinnen Inna Gaponenko und Jovanka Houska angetreten waren, hauptsächlich, da einige andere Spielerinnen von weiter hinten u.a. wegen Abiturvorbereitungen verhindert waren. Außerdem kam Bad Königshofen nicht über ein 3-3 gegen Rodewisch hinaus. Dies war natürlich eine Steilvorlage für Hamburg, das nun plötzlich gute Chance auf Platz 3 hatte.

Nur noch ein seltener Gast in der Liga: Vikorija Cmilyte, sicherlich die eleganteste Spielerin, inzwischen hauptsächlich als Abgeordnete des litauischen Parlaments unterwegs

Nur noch ein seltener Gast in der Liga: Vikorija Cmilyte, sicherlich die eleganteste Spielerin, inzwischen hauptsächlich als Abgeordnete des litauischen Parlaments unterwegs

Am Sonntag erfüllte Schwäbisch Hall seine erste Pflichtaufgabe, als die schon als Absteiger feststehenden Augsburgerinnen 5-1 geschlagen werden konnten. Aber im Abstiegskampf wurde es nochmal spannend: Harksheide gewann hoch 5,5-0,5 gegen Erfurt und hatte zumindest den Brettpunkte-Rückstand schonmal aufgeholt. Die Rechnung war jetzt wie folgt: wenn Hamburg erwartungsgemäß Erfurt schlägt, würde ein Sieg gegen Lehrte zum Klassenerhalt reichen. Die Hamburgerinnen ihrerseits vergaben ihre Chance auf Platz 3 in der Tabelle durch eine überraschende Niederlage gegen Lehrte.

Lehrte beendete dann am Montag die leisen Hoffnungen auf den Harksheider Klassenerhalt mit einem klaren 5-1. Gleichzeitig gewann Baden Baden das Prestigeduell gegen Bad Königshofen mit 5-1. Bad Königshofen verzichtete dabei auf Filiz Osmanodja, die etwas überraschend wenige Meter entfernt in der Schachbundesliga für Dresden am 8. Brett saß und zum beachtlichen 4-4 gegen Vizemeister Hockenheim (diesmal ohne Karpov) einen ganzen Punkt beisteuerte.

Der hohe Sieg nützte Baden Baden aber nichts mehr, Schwäbisch Hall erledigte souverän seine Pflichtaufgabe und schlug Bayern München sicher und souverän mit 6-0, dem gleichen Ergebnis, das die Fußballabteilung 2 Tage vorher gegen Wolfsburg erreicht hatte, und sicherte sich damit die erste deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte.

Platz 4 in der Tabelle sicherte sich Deizisau, Mara Jelica hatte die Ehre, die letzte Partie der Saison gegen die Augsburgerin Astrid Amelang im Turmendspiel zum 5-1 Sieg zu gewinnen.

Vor der Siegerehrung der erstplatzierten Mannschaften der Liga durch DSB-Präsident Herbert Bastian nahm der Autor dieser Zeilen noch die Ehrung der besten Spielerin und der besten Nachwuchsspielerin der Frauenbundesliga vor. Beide Wertungen gewinnt die Spielerin mit dem prozentual besten Ergebnis bei mindestens 8 Partien.
Der Preis wird jetzt schon zum vierten Mal vom Schachticker vergeben, die Bilder wurden von Frau Dr. Gabriele Stolze, der Leiterin der Galerie Hoppegarten, gestiftet. Beste Nachwuchsspielerin wurde Hanna Marie Klek aus Deizisau mit 8/10 Punkten, die 22-jährige ist gleichzeitig Referentin für Mädchenschach der deutschen Schachjugend.

In der „Königsklasse“ war der Sieg eindeutig: Deimante Daulyte vom SK Schwäbisch Hall trat 9x an und gewann 9x (unter anderem gegen die laut neuester Eloliste neue deutsche Nummer 2 Sarah Hoolt), da konnte selbst Vorjahressiegerin Iamze Tammert aus Baden Baden nicht mithalten, die ein Remis abgab. Weitere Informationen gibt es auf der Ergebnisseite.


Und zu guter Letzt gilt es die Statistik zu vervollständigen. Bereits Ende März wurde nämlich die Saison 2016/17 in den drei Staffeln der Zweiten Liga sowie den sechs Regionalliga-Gruppen beendet. Die jeweiligen Staffel-Sieger sind dabei für die nächst höhere Spielklasse qualifiziert. Ob sie allerdings ihr Aufstiegsrecht wahrnehmen, bleibt ihnen überlassen.

Hier der Überblick:

2. Bundesliga:

  • Ost: 1. SV Allianz Leipzig; Absteiger: SG GW Dresden, TuS Coswig
  • Süd: 1. SV Hofheim; Absteiger: SV Niederwiesa, SC Zeulenroda
  • West: 1. Doppelbauer Kiel; Absteiger: SV Holst Quickborn, SV Mühlheim Nord

Regionalliga:

  • Nord-Ost: 1. Hamburger SK III; Absteiger: SV Gryps, SV Holst Quckborn II
  • Nord-West: 1. SC Steinfurth; Absteiger: Delmenhorster SK II, Walsum SC 72
  • Ost: 1. USV TU Dresden; Absteiger: SG Leipzig II
  • Süd: 1. TSV Fürstenried; Absteiger: SF Augsburg
  • Süd-Ost: 1. Chemnitzer SC Aufbau; Absteiger: Turm Hersfeld
  • Süd-West: 1. SK Gernsheim; Absteiger: SF Birkenfeld, SK Gernsheim II
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