Chronologie eines spannenden Abstiegskampfes

Ein Beitrag von FM Christoph Eichler – Wie Ihr sicher schon wisst, konnten wir die erste Bundesligasaison des MSA Zugzwang 2016/17 mit dem sportlichen Klassenerhalt krönen. Dabei sah es lange Zeit nicht danach aus! Nach der zehnten Runde schien der rettende zwölfte Platz in weite Ferne gerückt:

PLATZVEREINMPBP
11Schachfreunde Berlin840½
12Speyer-Schwegenheim531½
13SV Griesheim425
14FC Bayern München327½
15SK König Tegel225½
16MSA Zugzwang223½

Sa, 08.04.2017 – 11. Runde: MSA Zugzwang – SV Griesheim – Hoffnung keimt auf!

Gastgeber der 11. und 12. Runde war unser Reisepartner FC Bayern. Die Bayern sorgten dabei in der Bayern-LB Sportarena erneut für hervorragende Spielbedingungen. Wir wollten gegen den direkten Abstiegskonkurrenten aus Griesheim endlich unseren ersten Bundesligasieg einfahren, um uns möglichst achtbar aus der Affäre zu ziehen. An einen sportlichen Klassenerhalt dachte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Die einzige Niederlage des Tages musste Stefan B. hinnehmen. In einem Fianchetto-Benoni glich er mit Schwarz aus, brachte sich aber im Endspiel selbst in Bedrängnis, als er den Schweizer IM Georgiadis einen zu gefährlichen Freibauern bilden ließ. Letztere beendete seine Saison übrigens mit einer überaus beachtlichen Performance von 2702.

Stefan K. spielte die Tarrasch-Variante gegen “seine” französische Verteidigung und nutze einen Fehler seines Gegners im frühen Mittelspiel sehr konsequent aus, um einen schönen Angriffssieg zu erzielen:

Kindermann – Krassowizkij

Stefan K. spielte hier den starken Angriffszug 24. Tg7! Durch die Fesselung des Verteidigers auf f7 ist der Einschlag auf e6 nicht mehr zu verhindern. Typisch für ungleichfarbige Läufer ist, dass die Initiative die Entscheidung bringt und dass der eigentlich schwache Doppelbauer auf f4 den sonst mangels Gegenparts kaum zu vertreibenden Läufer auf e5 bekämpft.

Léon zeigte sich im offenen Katalanen theoretisch auf der Höhe und besiegelte sein Schwarzremis nach der in der Bundesliga vorgeschriebenen Mindestzahl von 20 Zügen.

Bei Gerald stand es in einer Réti-Eröffnung nach 15. g4 im wahrsten Sinne des Wortes unklar:

Hertneck – Jarmula

Nur wenige Züge später, nach 15. … Se7 16. gxf5 Df4 17. Se4 Dxh4 18. Sxc5 Dh5 19. Te1 Dxf3+ 20. Kc2 b6 hatte er seinen Gegner ausgespielt und keine Mühe mehr, die entscheidende Opferkombination zu finden:

Mit 21. Txe7+! Kxe7 22. Lg5+ Kd6 23. Se4+ Ke5 24. Te1 exponierte er den Schwarzen König und brachte alle Angreifer in Stellung. Zwei Züge später blieb Jarmula nichts mehr anderes übrig, als sich geschlagen zu geben.

Robert geriet in einer symmetrischen Position mit Schwarz etwas unter Druck, konnte diesen aber schließlich abfedern und teilte sich den Punkt.

Erasmus spielte wie Stefan K. die Tarrasch-Variante gegen die französische Verteidigung. In einem Endspiel mit jeweils zwei Türmen und ungleichfarbigen Läufern, überspielte er seinen Gegner und konnte seinen ersten Bundesligasieg einstreichen.

Gerigk – Baskin

Ich überlasse Euch das Finale: Weiß am Zug gewinnt!

Falk konnte im angenommen Damengambit vermutlich nicht ganz ausgleichen und Ergriff nach einer Ungenauigkeit seines Gegners folgerichtig die Chance, frühzeitig die Züge zu wiederholen.

Mein Gegner und ich spielten im Katalanen eine sehr lebhafte, aber auch ungewöhnlich fehlerreiche Partie. Am Schluss stand ein meiner Meinung nach leistungsgerechtes Remis.

Die Abrechnung ergab somit einen 5-3 Erfolg unserer Mannschaft. Wir hatten unseren ersten Mannschaftssieg in der 1. Bundesliga erreicht! Der abendliche Blick auf die Tabelle war prompt wesentlich erfreulicher. Träumen war wieder erlaubt:

PLATZVEREINMPBP
11Schachfreunde Berlin1046
12Speyer-Schwegenheim534
13MSA Zugzwang428½
14SV Griesheim428
15FC Bayern München330
16SK König Tegel227

So, 09.04.2017 – 12. Runde: SV Hockenheim – MSA Zugzwang – wie gewonnen, so zerronnen

Nach diesem schönen Erfolgserlebnis hielten die Hockenheimer am Sonntagvormittag eine eiskalte Dusche für uns bereit. Die Spieler des neuen Vize-Meisters wurden ihrer Favoritenrolle mehr als gerecht und ließen nicht den geringsten Zweifel daran offen, wer an diesem Tag Herr im Ring war.

Mit Stefan B., Stefan K., Gerald, Christian, Erasmus und Markus mussten gleich sechs der Unseren Niederlagen hinnehmen. Sehenswert ist folgende Unterverwandlung:

Moiseenko – Hertneck

Nach 67. b8S! (natürlich nicht 67. b8D?? Sd7+ =) war Gerald verloren.

Léon stand fast die gesamte Partie über schlechter bis sehr kritisch, bewies aber große Zähigkeit und belohnte sich mit einer Punkteteilung gegen den starken GM Saric (2609).

Ich selbst stand in einem Leichtfiguren Endspiel nur minimal schlechter, brachte mich aber durch den Versuch, das Remis zu forcieren in fürchterliche Schwierigkeiten.

Eichler – Rau

Hier hatte ich 43. Kxf5 geplant und dachte bei mir: “der Läufer opfert sich für den e-Bauern, der König holt den Bauern h5 ab und ich kann nicht mehr verlieren”. Dies war aber zu oberflächlich und bei näherer Betrachtung erlebte ich ein böses Erwachen: nach 43. Kxf5? folgt 43. … Sd4+! wonach Schwarz folgende Variante forciert: 44. Kg6 (44. Kf4 Se6+) 44. … e3 45. Lh6 e2 46. Ld2 Sf3 47. Lc3 Ke4 48. Kxh5 Kd3 49. Kg4 Sd2. Und Schwarz gewinnt:

Zu dieser Stellung kam es zum Glück nicht, denn immerhin erkannte ich die Gefahr und konnte mich fast ebenso studienartig ins Remis retten.

Am Ende dieses Spieltages stand eine vernichtende 1-7 Niederlage. Da zeitlich zwei direkte Kellerduelle stattfanden ( Bayern 4,5 – 3,5 Griesheim und Tegel 4,5 – 3,5 Speyer ) war der Sonntag abendliche Blick auf die Tabelle ernüchternd. Die rote Laterne war wieder die unsere:

PLATZVEREINMPBP
11Schachfreunde Berlin1048
12Speyer-Schwegenheim537½
13FC Bayern München534½
14SV Griesheim431½
15SK König Tegel431½
16MSA Zugzwang429½

Zwischen den Runden – ein zweiter Blick auf die Tabelle

Nun kann sich auch in der spielfreien Zeit in einer Schachmannschaft so einiges ereignen: unserem Rotationsplan zufolge, wäre die Saison für Gerald beendet gewesen. Auf die zentrale Endrunde in Berlin hatte er nicht zuletzt wegen beruflicher Verpflichtungen verzichtet.

Ein näherer Blick auf die obige Tabelle offenbarte aber, dass die Lage im Falle eines Derby-Erfolges gegen den FC Bayern sogar recht aussichtsreich war, zumal sämtliche Konkurrenten ein schweres Restprogramm hatten. Der Kader der Bayern ist zwar etwas stärker und vor allem deutlich breiter aufgestellt als der unsere, aber immerhin in Reichweite.

Gerald gewann unterdessen das Open in Görlitz und erfreute sich seiner guten Form. Kurzum: er erklärte sich bereit, uns beim Derby doch zu unterstützen!

 

Fr, 28.04.2017 – die Ankunft zur Endrunde in Berlin – das MARITIM Hotel

Am späten Abend war es dann für mich persönlich soweit: gemeinsam mit Falk betrat ich nach über sechsstündiger Zugfahrt das MARITIM Hotel in Berlin. Ein gigantisch großer Hotelkomplex mit weitläufigen Stockwerken, in denen man sich gut und gerne verlaufen kann. Nach dem Beziehen der Zimmer gingen wir noch in die Hotelbar, wo Stefan B. und Léon schon auf uns warteten. An einem Nebentisch entdeckten wir neben Klaus Bischoff sitzend Christian Gabriel. Die Bayern machten also ernst!

Am nächsten Morgen beim Frühstück dann die nächste Gewissheit: Zoltan Ribli war ebenfalls nach Berlin gekommen, um gegen uns zu spielen. Der bzw. die Frühstücksräume waren mindestens viermal so groß, wie die eines normalen “großen” Hotels und entsprechend unübersichtlich. Dennoch erspähte ich schon am ersten Morgen so einiges an Prominenz, bzw. diese kam zu uns: kein geringerer als Levon Aronian kam auf Stefan B. zu, um mit ihm zu plaudern, bevor er sich wieder zu Sergei Movsesian zurücksetzte. Stefan B. und Levon kennen sich schon lange, denn sie spielten bei internationalen Jugendmeistermeisten im gleichen Jahrgang.

Am Mittag dann die Verteilung der Spielerpässe durch unseren stellvertretenden Mannschaftsführer Gerald. Auch Roman war zugegen, der es sich nicht hatte nehmen lassen, uns beim Derby persönlich die Daumen zu drücken. Dazu noch Eure Emails aus dem Verein, dass ein puclic viewing stattfindet. Die Motivation konnte nicht besser sein!

Der Spielsaal war sehr geräumig. In drei Reihen waren je vier Mannschaftskämpfe angeordnet. Außen die acht Wettkämpfe der Bundesliga und in der Mitte die Wettkämpfe der Damen Bundesliga.

Sa, 29.04.2017 – 13. Runde: MSA Zugzwang – FC Bayern – das Derby!

Die Aufstellung des FC Bayern war dann doch nicht so stark wie befürchtet: tatsächlich spielten Gabriel und Ribli, allerdings verzichteten die Bayern nicht nur auf den offiziellen Kommentator Bischoff, sondern auch noch auf ihr Spitzenbrett Bezold, sowie auf Belezky.

Gerald legte los wie die Feuerwehr und nutze einen schweren Eröffnungspatzer konsequent aus:

Hertneck – Johansson

Auf 14. … Lxb2?? folgte bereits entscheidend 15. Sg5, was sowohl d6+ mit schweren Materialverlusten auf b7 droht, als auch Dc2 mit Doppelangriff auf h7 und b2.

Stefan K. spielte intelligentes Italienisch. GM Gabriel zeigte sich hiergegen solide gewappnet und so wurde der Frieden bald besiegelt.

Léon hatte im offenen Katalanen einmal mehr keinerlei Probleme auszugleichen. Im Gegenteil: sein Gegner spielte mit dem Feuer, als er seinen König sich selbst überließ:

Dragnev – Mons

Überraschenderweise überlebte der allein gelassene weiße Monarch den Besuch der berittenen schwarzen Dame, die schließlich (nur) Dauerschach gab.

Unterdessen bekam es Falk am siebten Brett mit dem nominell stärksten Bayernspieler zu tun: GM Zoltan Ribli (2531). Auf einen freundlichen Kaffeeplausch über den Sinn bzw. Unsinn des achtstufigen Gymnasiums …

Bildnachweis: © Klaus Steffan http://www.steffans-schachseiten.de

… folgte eine wilde Eröffnungsphase. Bereits nach 4. b4?! ließ Falk es sich nicht entgehen, den weißen König mittels 4. … Lxf2+!? an die frische Luft zu bitten:

Ribli – Hoffmeyer

Der im Zentrum gestrandete weiße König verschaffte Falk zunächst das bessere Spiel. Die Position war jedoch sehr verwickelt und Ribli gelang es nach und nach, seine Stellung zu stabilisieren. Als das Blatt sich schon fast zu wenden drohte, bot Ribli mit einem Turmtausch Remis an. Vielleicht war er erleichtert, überhaupt überlebt zu haben. Angesichts unseres Führungstreffers hatte Falk keinen Grund, das Angebot auszuschlagen.

Erasmus wiederholte die Tarrasch-Variante gegen die französische Verteidigung. Wieder kam es zu ungleichfarbigen Läufern und unsicheren Königen auf beiden Seiten. In vermutlich ausgeglichener, aber durchaus zweischneidiger Stellung bot IM Andreas Schenk überraschend früh Remis an.

Stefan Schneider spielte gegen mich das angenommene Damengambit mit 4. … Lg4. Eine Variante, die ich einen ganzen Abend lang gemeinsam mit Uli aus schwarzer Sicht analysiert hatte. Natürlich konnte ich mich an die kritischen Abspiele nicht mehr erinnern und wählte daher einen nicht sehr kritischen, aber dafür sicheren Aufbau. Nachdem mir Geralds Gewinnstellung nicht entgangen war, ließ ich Stefan bereitwillig völlig ausgleichen und die Partie endete bald remis.

Nach sechs beendeten Partien lagen wir damit 3,5 zu 2,5 in Führung. Aufgrund der Tabellensituation war klar, dass uns nur ein Mannschaftssieg ernsthaft weiterhelfen würde. Es musste also mindestens noch ein ganzer Brettpunkt her.

Am Spitzenbrett waren die Fetzen geflogen: Stefan B. wagte gegen IM Michael Fedorovsky die Königsindische Verteidigung und es entstand eine typische Situation, in der Weiß den schwarzen Damenflügel abgrast, während Schwarz sein Heil im Königsangriff sucht. Mischa konnte Stefans Angriff allerdings weitgehend entschärfen und verblieb so mit zwei Mehrbauern. Mit seinem 39. Zug opferte Stefan B. einen weiteren Bauern, um zumindest taktische Gegenchancen zu bekommen:

Fedorovsky – Bromberger, Stellung nach 40. … Df8

 

Robert hatte unterdessen in der Damenindischen Verteidigung durch einen feinen Springerzug die Oberhand gewonnen…

Lindgren – Zysk, Stellung nach 16. … Sd3!

 

… und in der Folge ein vorteilhaftes Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern erreicht:

Stellung nach 44. Kg4

Wie waren die beiden noch laufenden Partien einzuschätzen? Gerald steht Euch dazu im live Interview Rede und Antwort:

https://www.youtube.com/watch?v=NquFmsx3vbc

Und Gerald sollte Recht behalten: Stefan B. hielt noch remis und Robert verwertete seinen Vorteil meisterhaft. Seine Endspielführung war so gut, dass sie es in den neuesten Bericht des ChessBase Endspielexperten GM Karsten Müller geschafft hat. Seht selbst:

http://schachbundesliga.de/weisheiten-im-endspiel/weisheiten-im-endspiel-19

Damit hatten wir das Derby gegen die Bayern mit 5-3 gewonnen! Auf Empfehlung von Diana Dengler, die gemeinsam mit Elena Boric für die Damenmannschaft des FC Bayern vor Ort war, feierten wir im “Bejte Ethiopia”. Auch Christian war inzwischen zu uns gestoßen und die Stimmung war sehr ausgelassen, zumal wir auf dem Smartphone folgende Tabellensituation bestaunten:

PLATZVEREINMPBP
11DJK Aachen1146½
12MSA Zugzwang634½
13Speyer-Schwegenheim538½
14FC Bayern München537½
15SK König Tegel435
16SV Griesheim434

Zumindest vorübergehend hatten wir das rettende Ufer erreicht. Wir hätten nichts dagegen gehabt, wenn die Runden 14 und 15 nicht mehr gespielt worden wären. Doch das (Schach-) Leben ist bekanntlich kein Wunschkonzert…

Zwischen den Runden – Aufzugfahren mit Weltmeistern

Mir wird dieser Sonntagvormittag noch länger in Erinnerung bleiben. Zum Frühstück musste ich den Lift nehmen. Als die Türe sich öffnete, staunte ich nicht schlecht. Der 15. Weltmeister Viswanathan Anand stand bereits im Lift und fuhr gemeinsam mit mir nach unten. Und auf dem Rückweg. Wer steigt gemeinsam mit mir in den Fahrstuhl? Der 12. Weltmeister Anatoli Karpow. Zwei aus zwei, würde ich sagen!

Dazwischen lag ein gemütliches und üppiges Frühstück. An unseren Tisch gesellte sich an diesem Morgen auch Bayernspieler IM Thomas Reich, der seine Bayern bei der Begegnung mit DJK Aachen unterstütze.

Vor der Runde noch ein kleiner Spaziergang, bei dem ich mich bei einem nahegelegenen Imbiss noch mit Proviant eindeckte. An dieser Stelle mein einziger Verbesserungsvorschlag bezüglich der im Übrigen gerade angesichts der gigantischen Ausmaße hervorragenden Organisation. Die in der Bundesliga obligatorische Verpflegung der Spieler bestand ausschließlich aus Getränken, Obst und Kuchen. Bei Martin Bauer hätte es das sicher nicht gegeben! Aber im Ernst: wenn man von 14 Uhr ggf. bis nach 20 Uhr spielt, wäre etwas festere Nahrung schön gewesen.

 

So, 30.04.2017 – 14. Runde: MSA Zugzwang – SG Trier – das große Zittern

Besonders in der höchsten deutschen Spielklasse gibt es Mannschaftskämpfe, bei denen sich früh abzeichnet, dass man als Team keine Chance haben wird. Jener gegen die SG Trier war so einer: aus den vier Weißpartien holten wir keinerlei Eröffnungsvorteil heraus und die vier Schwarzpartien standen alle schnell schlechter. Am Ende stand eine deutliche 2-6 Niederlage, bei der wir nur vier halbe Punkte ergatterten. Wir hatten uns an diesem Tag ohnehin nicht viel ausgerechnet, aber die Begegnungen unserer Abstiegskonkurrenten sollten schnell zur Besorgnis Anlass geben.

Als ich nach einer kurzen Analyse meiner Partie in den Spielsaal zurückkehrte empfing mich Falk, der an diesem Tag aussetzte und das Geschehen genauestens im Blick hatte, mit schlechten Nachrichten: Speyer, dem ein 4-4 genügte, um uns zu überholen, hatte es an diesem Tag mit Mühlheim zu tun und die Mühlheimer waren stark ersatzgeschwächt angetreten. Im Wettkampf zwischen Griesheim und Dresden war schnell klar, dass die Griesheimer exzellente Gewinnchancen hatten und die Bayern standen gegen Aachen auch gut. Es hieß also zuschauen und bangen.

Zudem brodelte die Gerüchteküche. Die Nachricht, dass Trier sich aus der Bundesliga zurückziehen werde verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Spielsaal. Dies würde bedeuten, dass auch der 13. Platz für den Verbleib in der Liga ausreicht. Aufgrund der oben geschilderten Situation war bei uns an diesem Tag aber zwischen Platz 12 und 15 noch alles möglich.

Bei all der Aufregung schlenderte ich während der Zeitnotphase auch in den Bereich der Spitzenkämpfe und wurde Zeuge, wie Exweltmeister Karpov (2624) den Top-GM Laznicka (2670) in der Zeitnot taktisch austrickste. Der junge Tscheche musste leidvoll erfahren, dass auch auf diesem Niveau kaum etwas schwieriger ist, als eine gute Stellung zu verwerten.

Laznicka – Karpov, Stellung nach 36. Tc6?

Die schwarze Bauernstellung ist geschwächt und die weißen Schwerfiguren stehen aktiver. Der letzte Zug Laznickas enthielt jedoch eine fatale Ungenauigkeit, die der erfahrene Karpov selbstredend nicht ungestraft ließ. Frage an Euch: welche böse Überraschung hielt Schwarz am Zug bereit?

Für den Spitzenkampf gegen die SG Solingen hatten sich die Verantwortlichen der OSG Baden Baden trotz des bereits sicheren Meistertitels nicht lumpen lassen und an den ersten vier Brettern Superschwergewichte aufgefahren: Caruana (2817), Vachier-Lagrave (2803), Aronian (2774) und Anand (2786). Es dauerte nicht lange, bis sich dichte Zuschauertrauben um diese Bretter gebildet hatten.

Zurück zum Abstiegskampf. Inzwischen hatte sich die B-Mannschaft aus Mühlheim zu unserer Erleichterung mit 5-3 gegen Speyer durchgesetzt. Eine Sorge weniger. Die beiden anderen Wettkämpfe verliefen aber so gar nicht nach unserem Geschmack.

Die Bayern profitierten von einem ungewöhnlichen Missgeschick des für Aachen spielenden GM Zaragatski. Dieser führte seinen 40. Zug nicht schnell genug aus und überschritt noch vor dem Drücken der Schachuhr in besserer Stellung die Zeit. Der gegen uns noch pausierende IM Belezky heimste damit den ganzen Punkt ein und brachte die Bayern vorentscheidend in Führung.

Auch beim Wettkampf zwischen Griesheim und Dresden bahnte sich Ungemach an. Hier ein Beispiel für die verpassten Chancen der Griesheimer:

Grimm – Gauglitz

An dieser Stelle entschied sich Julius Grimm für 50. Dc8+ (?) und musste sich nach 50. … De6 51. Tf8 Lxf8 52. Df8+ mit Dauerschach begnügen. Für den Wettkampf bedeutete das ein 4-4, welches Griesheim knapp nicht genügte um uns in der Tabelle zu überholen. Die längste Partie des Wettkampfes endete übrigens erst, als wir bereits zu Tisch saßen. Natürlich verfolgten wir das dramatische Endspiel zwischen Stefan Walter (Griesheim) und Hans Möhn (Dresden) via chess24App. Dieses wurde auch von Karsten Müller in seiner oben bereits verlinkten Endspielbesprechung kommentiert. Schaut es Euch gerne dort an:

http://schachbundesliga.de/weisheiten-im-endspiel/weisheiten-im-endspiel-19

Zurück zur obigen Diagrammstellung. Hier hätte Grimm mittels 50. Txd4 Lxd4 51. Lg5! folgende Stellung forcieren können…

… in der Schwarz am Zug nichts anderes übrig bleibt, als die Waffen zu strecken. Die Drohung Dc8 nebst Df8 ist nur durch Figurenverlust zu stoppen. Insgesamt ein glückliches 4-4 für Dresden und indirekt auch für uns.

Der FC Bayern konnte seine Vorteile an diesem Sonntag zu einem 5-3 gegen Aachen ummünzen. Beim Abendessen im Hotel sahen wir die folgende Tabellensituation nach dem 14. Spieltag:

PLATZVEREINMPBP
11DJK Aachen1149½
12FC Bayern München742½
13MSA Zugzwang636½
14Speyer-Schwegenheim541½
15SV Griesheim538
16SK König Tegel437

Es hätte freilich noch schlimmer kommen können, aber die Euphorie des Vortages war etwas getrübt. Der sportliche Klassenerhalt schmeckt nun mal besser, als jener am grünen Tisch. Erschwerend hinzu kam die Aussicht, am letzten Spieltag gegen Aachen auf Gerald verzichten zu müssen. Gerald hatte seinen Spagat zwischen Schach und beruflicher Verpflichtung ausgereizt und würde definitiv um halb neun Uhr in der Früh in den ICE nach München einsteigen.

Inzwischen war auch unser Mannschaftsführer Markus zu uns gestoßen und wir nutzen die Gelegenheit, vorsichtig die Lage für die nächste Saison zu sondieren. Die Umfrage ergab ein sehr erfreuliches Bild: alle zehn Stammspieler beabsichtigen auch nächstes Jahr wieder für den MSA Zugzwang zu spielen!

 

Mo, 01.05.2017 – 15. Runde: DJK Aachen – MSA Zugzwang – die Entscheidung

Die Ausgangslage war klar: aufgrund der deutlich schlechteren Brettpunkte benötigten wir einen Erfolg gegen Aachen, um die Chance zu haben, die Bayern noch abzufangen.

Die Aachener blieben ihrer Aufstellung des Vortages treu. Bei uns kehrte Falk zurück ins Team und Erasmus pausierte zugunsten von Markus.

Ein guter Start war das Schwarzremis von Christian gegen GM Hoffmann. Als nächstes einigten sich Léon und der niederländische GM Nijboer auf eine Punkteteilung.

Am ersten Brett spielte Stefan B. gegen den extrem spielstarken GM Granda Zuniga (2654). Der Peruaner hatte in der elften Runde niemand geringeren als den Weltklassespieler Anish Giri mit Schwarz vernichtend geschlagen und auch am Vortag konnte Bayerns Spitzenspieler Michi Bezold dem gewaltigen Angriffen dieses Naturspielers nicht standhalten. Auch gegen Stefan B. spielte Granda Zuniga kompromisslos auf Sieg. Stefan B. hielt dem Druck jedoch stand und konnte seinerseits eine sehenswerte Kombination aufs Brett zaubern:

Bromberger – Granda Zuniga, Stellung nach 32. … Kh8?

Hier entkorkte Stefan B. 33. Sg5! und wendete das Blatt zu seinen Gunsten. Durch den Abzug des Springers stehen sich die weiße Dame und der schwarze Turm ungedeckt gegenüber. Gleichzeitig nimmt der Springer von g5 aus dem König sein Luftloch auf h7 und droht seinerseits auf f7 mit Schach zu schlagen. 33. … Txe3 scheitert an 34. Ta8+ mit Grundreihenmatt, während auf 33. … Tc8 34. Sxf7+ nebst De6 oder De4 folgt. Granda Zuniga versuchte sich mit 33. … Dc1+ zu retten aber nach 34. Dxc1 Sxc1 35. Sxf7+ Kg8 36. Se5 ist der Figurenverlust nicht mehr zu vermeiden:

Wenige Züge später hatte Stefan B. einen wichtigen ganzen Punkt beigesteuert.

Robert musste an diesem Tag eine Niederlage gegen den listigen Leningrader von GM Zaragatski quittieren. Dabei verpasste er eine zugegeben ziemlich versteckte Kombination, um wenig später seinerseits das Opfer einer taktischen Wendung zu werden.

Zysk – Zaragatski, Stellung nach 21. … Tg8

Für die Knobelfreunde unter Euch: Weiß am Zug. (diese Aufgabe ist nicht leicht!)

Ich selbst spielte nach einer umkämpften Königsindischen Partie zum dritten Mal an diesem Wochenende remis. Als ich mit meinem Gegner von der Analyse zurückkehrte, war der Wettkampf bereits entschieden! Was war passiert?

Die Aachener hatten scheinbar nicht ihren besten Tag erwischt und so hatten Falk und Markus Fehler ihrer Gegner gewinnbringend genutzt. Falk hatte im Endspiel bereits einen Bauern mehr, als sein Gegner einen sehr unvorsichtigen Damenausfall versuchte:

Braga – Hoffmeyer, Stellung nach 34. Dg8?

Nach 34. … Da3+ 35. Db3 Dc1 gab IM Braga auf. Wenig besser erging es dem Belgier Capone gegen Markus,

Capone – Lammers, Stellung nach 36. … Dxc5

der sich in dieser Stellung mit 37. Txd3? am schwarzen Läufer vergriff. Er verließ sich womöglich auf die Fesselung des schwarzen Turmes auf e3, musste aber nach 37. … Dc1+ feststellen, dass die schwarze Dame sich höchstpersönlich mit Tempo aus der Schusslinie ihrer weißen Kontrahentin bringen konnte.

Damit stand es bereits 4,5 – 2,5. Da die Bayern zu diesem Zeitpunkt mit 2,5 – 4,5 zurücklagen, war der sportliche Klassenerhalt geschafft und die Erleichterung groß. Prompt wurde Markus von den emsigen Berichterstattern vor Ort ans Mikrophon gebeten. Seht selbst: https://www.youtube.com/watch?v=h8-vEo6BTlw

Schon um 14:09 Uhr gratulierte unser 1. Vorsitzender Herbert per Email und nur wenig später auch sein Vorgänger Viktor. Gerald hatte es gerade mal bis Ingolstadt geschafft und postete um 14:12 Uhr auf Facebook:

Schließlich endete auch die sehr komplexe Partie zwischen dem niederländischen Nachwuchsstar GM Foreest (2595) und Stefan K. remis. Die Abschlusstabelle sieht damit wie folgt aus:

PLATZVEREINMPBP
11DJK Aachen1152½
12MSA Zugzwang841½
13FC Bayern München746
14Speyer-Schwegenheim542½
15SV Griesheim540
16SK König Tegel440

Für uns als Liganeuling ein hervorragendes Ergebnis. Nach gewissen Startschwierigkeiten konnten wir uns steigern und am Ende die Klasse sogar noch aus eigener Kraft halten. Dies verdanken wir nicht zuletzt unserem guten Zusammenhalt, der Unterstützung durch den Verein und den Vorstand und natürlich unserem Sponsor Roman, der unser Bundesligaabenteuer überhaupt erst ermöglichte.

Da wir als Team in der Endabrechnung 19 Elopunkte verloren haben ( http://statistik.godesbergersk.de/statistik.pl?liga=1617_bl&action=verein&id=16 ), war das Ergebnis aber noch gar nicht an unserer Leistungsgrenze und daher hoffe ich, dass wir auch nächstes Jahr wieder für die ein oder andere Überraschung sorgen können. Aber jetzt heißt es erst mal Genießen und Feiern!

Untergehen soll nicht, dass die OSG Baden Baden sich ihren Titel mit einem Rekordergebnis von 300 Mannschaftspunkten zurück holten und die Damenmannschaft des SK Schwäbisch Hall das spannende Titelrennen in der Frauenbundesliga für sich entschied. Von dieser Stelle herzliche Glückwunsche an die beiden deutschen Schachmannschaftsmeister 2016/17!

Erfreulich ist überdies, dass der FC Bayern nächstes Jahr wieder mit dabei ist und wir damit aller Voraussicht nach wieder einen sympathischen und zuverlässigen Reisepartner haben.

Zum Abschluss noch ein Mannschaftsfoto aus dem Oktober 2016:

Bildnachweis: © Uli Dirr

Von links nach rechts: Erasmus, Markus, Gerald, Roman, Robert, Stefan K., Léon, Stefan B., Christian, Christoph

Hinter der Kamera: Uli. Abwesend: Falk, der deshalb weiter oben mit einem eigenen Bild gewürdigt ist.

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