Gelfand schenkt Ding Liren den Sieg beim Moskau Grand Prix

Ding Lirens Schwarzsieg in der Schlussrunde war locker-leicht, da Gegner Gelfand durchdrehte und total inkorrekt opferte. Generell war/wurde es ein ziemlich erfolgreiches Turnier für China – Hou Yifan hatte gleich drei Siege mit kräftiger gegnerischer Hilfe. Jubelarien zu Hou Yifan bzw. meine relativierenden Bemerkungen dazu lasse ich erst einmal aussen vor und widme mich zunächst dem Kampf um den Turniersieg: „Gefühlt“ hatte Ding Liren es vielleicht mehr verdient als Mamedyarov – der Chinese gab in fast allen Partien alles, während der Azeri mehrfach (nicht nur gegen Landsmann Radjabov) friedfertig und risikoscheu war. Das kann man Mamedyarov allerdings nicht unbedingt verübeln – schliesslich konsolidierte er damit neben Elo 2800 auch eine sehr gute Ausgangsposition in der GP-Gesamtwertung.

So stand es zum Schluss: Ding Liren 6/9, Mamedyarov 5.5, viele 5 und zwar Grischuk und Radjabov, Svidler, Vachier-Lagrave, Nakamura, Giri, Hou Yifan, weiter ging es dann mit Gelfand, Tomashevsky, Harikrishna 4.5, Vallejo, Hammer 4, Salem, Adams, Nepomniachtchi 3.5, Inarkiev 2.5. Punktgleiche Spieler(innen) jeweils nach Sonneborn-Berger sortiert, was für GP-Punkte und auch Preisgeld irrelevant ist – dabei war der Unterschied zwischen den sechs Herren und der einen Dame mit 5/9 recht deutlich. Das Titelfoto bekommt Ding Liren – alle Fotos wieder von Maria Yassakova via Turnierseite.

Turnierheft

Teilweise war das Geschehen nach dem Ruhetag deja vu verglichen mit dem ersten GP-Turnier in Sharjah: Zwei lagen zu diesem Zeitpunkt vorne – dabei blieb es, wobei die Verfolgergruppe immer grösser wurde. Parallele auch, dass Mamedyarov in der vorletzten Runde seine gute Ausgangsposition beinahe ruinierte: Damals in Sharjah verlor er in Runde 8 gegen Grischuk und konnte das mit einem Sieg in Runde 9 gegen Elo unter 2700 (Hou Yifan) kompensieren. Diesmal in Moskau verlor er in Runde 8 dann doch nicht gegen Svidler und remisierte tags darauf auch gegen Elo fast 2800 (Vachier-Lagrave). Weitere Unterschiede: Damals lag neben Mamedyarov Vachier-Lagrave vorne, diesmal Ding Liren. Damals war es am Ende ein Führungstrio – Grischuk konnte aufschliessen (und nach irrelevanter Wertung gar gewinnen), diesmal gab es zum Schluss einen Ersten, einen Zweiten und sieben Dritte (in Sharjah fünf Vierte).

„Runde für Runde“ vor allem nach Turnierrelevanz, einige Partien ignoriere ich. In Runde 6 an den vorderen Brettern (Spieler mit mindesten 2,5/5 beteiligt) fünf Remisen sowie zwei Entscheidungen – Ding Liren und Mamedyarov lagen weiterhin vorne, die Verfolgergruppe wurde grösser. Die Remisen waren dabei unterschiedlicher Natur:

Bei Ding Liren – Vachier-Lagrave 1/2 hat Maria Yassakova vor allem den Chinesen fotografiert, der im Partieverlauf dann auch Oberwasser bekam. Sein Qualitätsopfer war sicher korrekt – dafür bekam er ein starkes Läuferpaar und, so wie MVL fortsetzte, auch zwei Bauern und Chancen gegen den schwarzen König. Kritisch dann der 30. Zug: nach 30.Ke1! steht Weiss besser bis gewonnen, nach 30.Kg1? konnte Schwarz mit 30.-Txf4! kontern und potentiell selbst die Initiative erobern. Das verhinderte Ding Liren mit dem Gegen-Desperado 31.Dxg7+ – übrig blieb ein Turmendspiel, das trotz weissem Mehrbauern remis war. EuropeEchecs, die natürlich ihrem Landsmann die Daumen drückten, kommentierten das mit „Am Ende konnte MVL sagen Je plie, et ne romps pas !“ [Ich wackle aber ich falle nicht oder so ähnlich].

Radjabov-Mamedyarov 1/2 hatte Maria Yassakova schnell fotografiert, bevor es zu spät war – erwartungsgemäss ein Kurzremis unter befreundeten Landsleuten. 20 Züge machten sie, dann hatten sie bei symmetrischer Bauernstellung genug Figuren abgetauscht für ein plausibles Remis.

Grischuk-Svidler 1/2 könnte man ebenfalls als Remis unter befreundeten Landsleuten abhaken, zumal sie (einschliesslich Zugwiederholung) nur 15 Züge ausführten. Allerdings hatten die beiden sich bei anderen Gelegenheiten durchaus munter beharkt. Diesmal bezeichnete Grischuk Svidler hinterher freundschaftlich als „cheater“, da er ausgerechnet gegen ihn gut vorbereitet war – die Zugwiederholung ab dem 12. Zug war aus Grischuks Sicht erzwungen, da er sonst nicht genug Kompensation für einen geopferten Bauer hatte. Derlei Partien können passieren, Schwarz war damit tendenziell zufriedener als Weiss, Absicht muss man beiden nicht unbedingt unterstellen. Hier nochmals der Link zu diversen Interviews und Pressekonferenzen auf Youtube.

Nakamura-Nepomniachtchi 1-0 war aus schwarzer Sicht eine Najdorf-Katastrophe: Endergebnis des von Nepo (nach eigener Aussage hinterher) bewusst provozierten 15.e5 war einerseits ein schwarzer Mehrbauer, andererseits offene Linien für Weiss gegen den schwarzen König – letzteres war wichtiger. Nachdem Nepomniachtchi die Chance verpasste, ein schlechteres Endspiel mit (inzwischen) Minusbauer aber zumindest gewissen Remischancen zu erreichen (26.-Lf7 statt 26.-Sf7?) verlor er eben im Mittelspiel. Sein abschliessender Patzer 34.-Ta7? 35.Dd4! (Doppelangriff auf Ta7 und den nun gefesselten Lh6, also Figurengewinn) hat den Untergang sicher nur beschleunigt. Nakamura bekommt nun sein individuelles Foto, da er endlich eine Partie gewann und damit die Verfolgergruppe erreichte:

Tomashevsky-Giri 1/2, auch da ist Schwarz wohl (vgl. Ding Liren – MVL) entwischt. Giri spielte unternehmungslustig Benoni (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3 c5!?) und landete, da Weiss das thematische 20.e5 durchdrücken konnte, in einer schlechten oder verdächtigen Stellung. Die Rettung war dann der Tausch von Dame gegen Turm, Leichtfigur und Festung.

Gelfand-Harikrishna 1-0 war positionell, auch Gelfand wird nun fotografiert:

Adams-Inarkiev 1-0 am letzten Brett eher für die Statistik – so tauschten beide die rote Laterne, und dabei blieb es bis Turnierende. Wie bzw. warum hat Adams gewonnen? Da er aus einem geschlossenen Spanier heraus vernichtenden Königsangriff bekam.

Runde 7: Sieben Remisen und zwei Siege – einer bereits zu diesem Zeitpunkt „turnierrelevant“, einer später zusammen mit der letzten Runde. Wieder bespreche ich die Partien von oben nach unten: Nakamura-Ding Liren 1/2 – Langremis (60 Züge), mit etwas gutem Willen meinerseits fett gedruckt: Weiss hatte wohl durchgehend leichten, aber nie gewinnträchtigen Vorteil – auch nicht in der Schlusstellung mit Turm und Bauer gegen Läufer und zwei Bauern. Mamedyarov-Grischuk 1/2 – Kurzremis (14 Züge). MVL-Radjabov 1/2 – Kurzremis (19 Züge)

Svidler-Gelfand 1/2 fotografiere ich vor allem, da Andrey Guryev (CEO von Phosagro) den ersten Zug ausführte – Sponsoren kann man durchaus würdigen, Anastasia Karlovich tat es auch indem sie auch ihn interviewte. Die Partie durchaus gehaltvoll: Svidler opferte einen Bauern, Kompensation hatte er aufgrund aktiverer Figuren. Am Ende musste Schwarz die Züge wiederholen um Schlimmeres (Eindringen beider weisser Schwerfiguren auf der siebten Reihe) zu verhindern.

Giri-Salem 1-0 – siehe da, auch Giri kann mal gewinnen, nach zuvor (einschliesslich Kandidatenturnier) 20 Remisen im Moskauer Telegraph Building. Versucht hatte er es zuvor bereits, ebenso versuchte er (weiterhin erfolglos) auch mal eine Partie zu verlieren. Im Mittelspiel (ausgangs einer Caro-Kann Vorstossvariante) hatte er seinen Gegner nach und nach komplett eingeschnürt, konnte dann aber den Sack nicht zumachen. Dann eben Sieg im Turmendspiel, obwohl Turmendspiele doch „immer“ remis sind – auch dieses war womöglich objektiv remis.

Ich bleibe dabei: Wer zur Verfolgergruppe aufschliesst bekommt ein individuelles Foto:

Spätestens hier (anderes Jackett und Giri hat Schwarz) wird klar, dass ich derlei Fotos manchmal auch aus einer anderen Runde nehme.

Harikrishna-Tomashevsky 1/2 war womöglich eine verpasste Chance für den Schwarzspieler, der durchgehend besser stand – Tomashevsky blieb am Ende als einziger ungeschlagen und sieglos, absichtlich machte er das (=9) nicht unbedingt.

War da noch was? Ja, das Duell der H-Klasse Hou Yifan – Hammer 1-0 – nicht fett gedruckt da beiderseits nicht besonders toll. Wofür steht eigentlich der Buchstabe H in der Grand Prix Serie? Unklar, bei Harikrishna bedeutet es „hat sich qualifiziert“, bei Hammer und Hou Yifan dagegen „haben eine Lobby und dürfen (nur) deshalb mitspielen“. Die Partie war dementsprechend: Hammer opferte eine Qualität und merkte dann, dass er dafür kaum Kompensation hatte – gut, Weiss musste das abwickelnde 19.Sd5! finden, sonst hätte Schwarz mehr als ausreichende Kompensation. Dann war Hou Yifans Technik suboptimal – nach und nach verdaddelte sie ihren Vorteil und dann war das Endspiel Turm und drei Bauern gegen Springer und vier Bauern schlicht und ergreifend remis.

Dann allerdings ein echter Hammer von Jon Ludvig Hammer: 65.-f4???, was war das denn? Vielleicht ein Gewinnversuch, aber nach 66.gxf4 g3 hat Weiss 67.Ta5 nebst Tg5 und der schwarze g-Bauer läuft nicht durch. Im weiteren Verlauf war Hou Yifans Technik dann ebenso sauber wie trivial. Derlei kann Hammer mitunter – siehe auch 74.Kc6??? in Hammer-Topalov 0-1, Norway Chess 2015. Beides war, wenn man so will, eine gute Tat, da andere (jedenfalls bei manchen im Publikum) populäre Spieler(innen) davon profitierten.

Runde 7 hatte sieben Remisen, also hatte Runde 8 acht Remisen – das musste allerdings nicht sein, und die einzige entschiedene Partie hatte den (vom anfänglichen Partieverlauf her) „falschen“ Sieger. Da ich zu dieser Runde sonst kaum Fotos einbaue, zunächst ein paar Bühnenansichten (aus verschiedenen Runden) als Galerie:

Letztes Foto: Für Nepomniachtchi lief auch fast gar nichts im Turnier – er will es sich auf dem Sofa bequem machen, und da sitzt bereits Svidler (wobei neben ihm wohl noch Platz war). Die Zuschauer im Hintergrund sitzen weniger bequem – vielleicht deshalb sind es ziemlich wenige, wobei AGON/Merenzon ohnehin vor allem das Internet-Publikum bedienen wollen.

Die einleitenden Worte zu Runde 8 passen nicht zu Ding Liren-Giri 1/2 am Spitzenbrett – ein gehaltvolles und dabei wohl korrektes Remis. Svidler-Mamedyarov 1/2 war dagegen nicht unbedingt „korrekt“. Spanisch mit 5.d3, nach dem (laut Svidler verfrühten) 9.-0-0 entkorkte Weiss 10.Sxf6+ Dxf6 11.Ld5 Ld7 12.Tg1!? – gab es das bereits? Ja, in einer Schnellpartie Vachier-Lagrave – Giri, Paris Chess Tour 2016. Giri konnte das (Hurra-Idee g2-g4-g5) mühsam neutralisieren, Seshadir Srija schaffte es dann beim Sharjah Masters gegen GM Pichot nicht (lag vielleicht auch am Elo-Unterschied 2166 zu 2556). Mamedyarov grübelte gut eine halbe Stunde und überraschte dann wohl alle – Gegner und Schachwelt – mit dem Qualitätsopfer 12.-Se7?! (so sehe ich es, so sehen es Computer). Auf Chessbase erklärt GM Lenderman erst, dass Schwarz dank Läuferpaar gute Kompensation hat – und gleich im nächsten Zug (zwischendurch kam 13.Lxa8 Txa8 14.g4 De6), dass Weiss mit 15.Le3 das schwarze Läuferpaar halbieren konnte „und dann sehen weder ich noch meine Engine ausreichende Kompensation für Schwarz“.

Svidler spielte anders, und kurz danach musste er entweder seinen e-Bauern hergeben (dann würde sein König sich unwohl fühlen) oder, das tat er, mit 23.f3! die Qualität zurückgeben. Der womöglich erleichterte Mamedyarov bot sofort remis, Svidler spielte weiter aber dann entstand ein Turmendspiel und das war trotz weissem Mehrbauern wie so oft remis.

Grischuk-Nakamura 1/2 sah vielversprechend aus für Weiss, und dann wurde es doch nach (nur) 24 Zügen remis. Radjabov-Gelfand 1/2 – die beiden sind solide und vertrauen diesbezüglich einander – also wurde nach 22 Zügen (eine Leichtfigur und ein Bauer abgetauscht) remis vereinbart.

Tomashevsky – MVL 1/2 dauerte (nach Zügen) fast so lange wie die vier zuvor erwähnten Partien zusammen, nach 101 Zügen gab der Franzose Gewinnhoffnungen auf. Lange davor hatte ich ein unklares „deja vu“ Gefühl – „den Kram mit Txb6 hatte ich doch schon einmal gesehen!?“. Es war ein Grünfeld-Inder mit nach 4.Lg5 nicht das modische Bauernopfer 4.-Lg7!? sondern das alte 5.-Se4. Dann hat Schwarz – ungewöhnlich aber spielbar – den auf c4 geschlagenen Bauern mit Sb8-d7-b6 verteidigt und Weiss schlug ebendiesen Springer, obwohl durch gleich zwei Bauern gedeckt, mit seinem Turm.

Das gab es bereits beim Weltcup 2015 in Baku zwischen den Herren Tomashevsky und Vachier-Lagrave. Damals war es aus weisser Sicht ein korrektes Qualitätsopfer, aber später kam ihm die Kompensation abhanden und MVL gewann. Diesmal spielte Schwarz nicht 15.-f5 sondern 15.-Dd7 – Weiss bekam dann zwei Leichtfiguren und Schwarz Turm und Bauer, wobei der Bauer ein vorgerückter a-Freibauer war. Grünfeld-Kenner (und das ist MVL) wissen, dass so ein Bauer zusammen mit dem Lg7 jedenfalls „kompensierend“ ist – bis dahin hatte er es vorbereitet. Verlustchancen bekam Tomashevsky, da er später ungenau spielte und einen Läufer für den schwarzen Freibauern geben musste – neuer Materialstand aus seiner Sicht: Läufer, Springer und drei Bauern gegen Turm, Läufer und zwei Bauern. Kann Schwarz das gewinnen? MVL war sich hinterher sicher, dass er den Gewinn verpasste. Noch später dann aus seiner Sicht Turm und h-Bauer gegen Läufer und h-Bauer – also eine Tablebase-Stellung. Das kann die stärkere Seite gewinnen, wenn es von Anfang an eine günstige Version ist oder wenn der Gegner es nicht präzise verteidigt – hier und heute wurde es remis.

MVL nannte den verpassten Sieg „karma“, da er zuvor mehrfach entwischte oder uninspirierte Partien hatte – andere in ähnlicher Turniersituation sehen das vielleicht lockerer bzw. „pragmatisch“?

Für diese Einstellung und weil ich mich zwischen Fotos nicht entscheiden kann bekommt MVL eine Galerie:

Welche Pose gefällt dem Leser am besten? Ich kann mich nicht entscheiden, ein viertes Foto (andere Runde, anderes Jackett) habe ich allerdings weggelassen.

War da noch was? Ja, Nepomniachtchi-Harikrishna 1-0 0-1: Mit 20.Se6!? opferte Weiss einen Springer und bekam dafür zwei vorgerückte und verbundene Freibauern auf d6 und e6. Das war an sich mehr als ausreichende Kompensation – laut Engines gewann 26.d7: Schwarz muss die Figur zurückgeben, Weiss behält immerhin einen Freibauern auf d7. So wie Nepomniachtchi fortsetzte, gewann er die Figur auch zurück aber Schwarz erwischte d- und e-Bauer. Nun musste er objektiv remis anstreben, aber spielte vielleicht zu lange immer noch auf Gewinn. Schwarz hatte einen Mehrbauern, und sein König marschierte (mit noch Damen und Türmen auf dem Brett) von f8 bis nach c2. So gewann Hari gegen Nepo statt umgekehrt.

Runde 9 – nicht etwa neun Remisen, auch wenn das erste wieder eher eine Formalität war:

Mamedyarov-MVL 1/2 – auch hier hat Maria Yassakova rechtzeitig fotografiert. Dann wurden 26 Züge quasi im Blitztempo ausgeführt, und das Remis war offiziell. St. Louis grüsste Moskau – ein fast identischer Vorgänger war Ding Liren-MVL, Sinquefield Cup 2016, ein komplett identischer Vorgänger Xiong-Zherebukh 1/2, US-Meisterschaft 2017. Sollte ich noch erwähnen, dass es Grünfeld-Indisch war mit von Weiss 3.g3 und von Schwarz 3.-c6 nebst 4.-d5 ? Für sein Turnier insgesamt bekommt Mamedyarov noch ein individuelles Foto:

Mamedyarov sagte hinterher, dass er betont solide spielen wollte. MVL meinte dazu „wenn man heutzutage mit Weiss nur Remis will, sollte man es am besten schnell forcieren – sonst kann der Schuss eventuell nach hinten losgehen“. Damit war Mamedyarov geteilter Turniersieger, denn der solide Gelfand würde doch nicht mit Weiss gegen Ding Liren verlieren, oder?

Der Leser weiss bereits, dass es anders kam: Gelfand-Ding Liren 0-1. Gelfand opferte eine Figur, dann noch eine Qualität. Kompensation waren drei Bauern, total unzureichend da der Freibauer auf d7 unter schwarzer Kontrolle war und die beiden anderen auf e2 und f2 ohnehin keine Rolle spielten. Was war das denn von Boris Gelfand? Einige interpretierten es als inkorrekten Gewinnversuch, laut Gelfand in der Pressekonferenz hinterher war es eher Selbstmord aus Angst vor dem Tod – er hatte Angst vor einem alternativen Endspiel, das er sehr pessimistisch einschätzte.

Also Ursachenforschung schon vorher? Was 10.Sa3 sollte, könnte man – falls er hier mitliest – Gerald Hertneck fragen. So spielte er 2002 in der Bundesliga – für den damaligen BL-Verein Tegernsee gegen den damaligen Weltklassespieler Bareev in Diensten des damaligen BL-Vereins Lübeck. Idee von Sa3 war da später Sc2, er erreichte später (lag wohl nicht an der Eröffnung) ein etwas mühsames bzw. erkämpftes Remis. Diese Partie ging zunächst weiter mit 10.-Se4 11.Le3 f5 12.Se1 g5. Gelfand neuerte mit 11.Lf4 – schlicht und ergreifend ein Tempoverlust wenn Schwarz das, wie Ding Liren, mit 11.-g5 12.Le3 f5 beantwortet. Gelfands Interpretation von 10.Sa3 ging weiter mit 14.Sb1 nebst 15.Sc3 – mit reichlich gutem Willen kann man dieses Konzept „provokativ“ nennen – im 20. Zug dann Vabanque mit 20.cxd5?!?.

Da Gelfand eine turnierrelevante Rolle spielte (wenn auch nicht in seinem Sinne) wird er nochmals fotografiert.

Nakamura-Svidler 1/2 – Weiss stand erst besser, dann schlechter, dann ein erfolgreiches Remisangebot – Svidler hatte noch nicht realisiert, dass (nur) er nun auf Gewinn spielen konnte.

Giri-Grischuk 1/2 – stand der Buchstabe G in dieser Runde für (auf Englisch) „goes nuts“? Jedenfalls mit Weiss. Nach 28 Minuten entkorkte Giri 10.g4?! und nannte das später „a horrible move“ – zehn Züge später hatte er ein Endspiel mit Minusbauer, das er irgendwie (selbst nannte er es „ein absolutes Wunder“) remis halten konnte.

Zu Giri reicht ein Foto – das hatte ich bereits. Auch bei Grischuk habe ich die Qual der Wahl und kann mich nicht entscheiden:

War da noch was? Ja, Inarkiev – Hou Yifan 0-1 – der Russe bestätigte seine schlechte Form in diesem Turnier, Hou Yifan profitierte. Zugegeben, die Chinesin war unternehmungslustig und gab auf f2 zwei Leichtfiguren für Turm und Bauer – im Stile der Dilworth-Variante im offenen Spanier, aber hier und heute war es Italienisch. Die entstehende Stellung war unklar-kompliziert. Mit 19.b5!? konnte Weiss eventuell eine Stellung mit drei Leichtfiguren gegen zwei Türme erreichen, das gefällt Computern aus weisser Sicht. Musste nicht sein und ist am Brett wohl schwer einzuschätzen (Hou Yifan musste sich auch nicht darauf einlassen); stattdessen installierte Inarkiev einen Springer auf e5 und vergass dann, ihn da abzusichern. 26.d4 war unklar-ausgeglichen, 26.Kh1? d4! der Anfang vom Ende für ihn und dann übersah er noch mehr taktische Details.

Mit gutem Willen kann man sagen, dass Hou Yifan Inarkiev „zu Fehlern eingeladen“ hat, aber ein Grossmeister muss nicht unbedingt so mithelfen wie Inarkiev es tat.

„Einzelkritik“ zum Turnier insgesamt für viele eher kurz und knapp: Ding Liren und Mamedyarov dominierten insgesamt – jedenfalls GP-technisch: wer einmal vorne liegt kann dann durchremisieren. Besseres Ende für den Chinesen – warum das eventuell „gefühlt“ verdient war hatte ich bereits in der Einleitung. Sechs von sieben mit 5/9 (Grischuk, Radjabov, Svidler, Vachier-Lagrave, Nakamura, Giri) auch zunächst pauschal: alle gewannen einmal, in unterschiedlichen Runden gegen weitestgehend unterschiedliche Gegner (nur MVL und Giri beide gegen Salem Saleh), und remisierten den Rest. Für einige war vielleicht mehr drin, für andere weniger – das im Detail aufzubröseln ginge zu weit.

Grischuk begann mit „kranken“ Kurzremisen, er war eben krank – dann ging es ihm besser und auch einige (wenn auch nicht alle) Remispartien waren ausgekämpft. Radjabov ist auch elotechnisch ein Phänomen: in Gashimov Memorial und Moskau GP erzielte er zusammen +1=16-1 – Elo +14 da er durchgehend nominell bessere Gegner hatte (nur Vallejo war exakt gleichwertig, und diese Partie gewann er). Attraktiv ist es vielleicht nicht, geschenkt wurden ihm die ganzen Remisen (bis auf zweimal gegen Mamedyarov) allerdings auch nicht. So kann er sich allerdings nicht (wieder) auf Elo ca. 2750+ verbessern; irgendwann braucht er dafür auch mehr Siege.

Nun der Sonderfall Hou Yifan: Ihr Turnier war dreigeteilt: 1/1 gegen Nepomniachtchi (der bereits die Eröffnung vergeigte), 1/4 gegen andere Weltklassespieler (MVL, Ding Liren, Nakamura, Grischuk), 3/4 gegen die zweite Garnitur (Salem, Hammer, Vallejo, Inarkiev). Die beiden Weissniederlagen gegen Ding Liren und Grischuk waren eine kräftige Tracht schachliche Prügel – da passen vielleicht Worte wie „Lektion“ oder „Klassenunterschied“. Die beiden Siege kurz vor Schluss gegen (vor allem) Hammer aber auch Inarkiev mit kräftiger gegnerischer Hilfe. Mehrfach wurde behauptet, dass dieses Turnier ihr bisher grösster Erfolg sei – ich würde Gibraltar 2012 höher einschätzen (lang lang ist’s her, danach nie annähernd bestätigt).

Wo steht sie momentan Elo-mässig? Wenn man auf 2700chess.com auf „top100“ klickt taucht sie wieder auf, Platz 84 mit Elo 2666. Direkte Nachbarn sind derzeit z.B. die GMs Amin, Markus, Akopian, Mareco, Akobian und Iturrizaga – alles „halb-bekannte Namen“. Wo steht sie im Vergleich zu jüngeren Männern? Da hat sie Nachholbedarf nicht nur verglichen mit den recht etablierten Giri, Wei Yi und Rapport, sondern auch verglichen mit Landsmann Yu Yangyi (2742), Fedoseev (2703), Vidit (2691.5), Artemiev (2691) und Duda (2689). Die bekamen alle null Superturnier-Einladungen, es sei denn sie konnten sich qualifizieren – die beiden Russen für die russische Meisterschaft, Fedoseev nun auch als Aeroflot-Sieger für Dortmund. Hou Yifan bekommt reihenweise Superturnier-Einladungen, Biel ist die nächste. „Aber sie ist doch weiblich“!!? Kein Grund Männer so extrem zu diskriminieren, so sehe ich es.

Zur unteren Tabellenhälfte (50% oder weniger): Gelfand hat seine noch akzeptable Ausgangsposition in der GP-Serie in der letzten Runde verspielt – dumm gelaufen und verdient. Tomashevsky war ergebnismässig der solideste von allen. Harikrishna mit Höhen und Tiefen, Nepomniachtchi mit mehr Tiefen als Höhen – wobei: wenn er gegen Harikrishna gewonnen hätte wären es auch für ihn immerhin (bzw. nur) 50%. Adams und Inarkiev mit schlechten Turnieren, für die drei anderen (Vallejo, Hammer und Salem) galt wohl ohnehin „dabei sein ist alles“ – Vallejo und Salem nachvollziehbar (da ihre Länder an der GP-Serie beteiligt sind), Hammer warum auch immer.

War da noch was? Ja, die Preisausreichung – auch dazu Bilder:

Hou Yifan fasst ihr Turnier vielleicht so zusammen: „Nepomniachtchi, Hammer und Inarkiev waren lieb zu mir. Vachier-Lagrave (der mit Schwarz gegen meine Remisabsichten mit Weiss keine Mittel fand) und Nakamura (der mich nicht wirklich forderte) eigentlich auch. Ding Liren und Grischuk waren gemein zu mir und zeigten meine Defizite im Vergleich zu Weltklassespielern – das kann ich bei fünf guten Nachrichten verkraften.“

Trostcocktail für Mickey Adams

Cocktail auch für Peter Svidler

Dann bekam Mamedyarov Silber. Aus mehreren Fotos habe ich das mit (rechts) Ilya Merenzon ausgewählt – der sich nicht unbedingt an den Dresscode hält, wobei (Designer?-)Jeans und Schuhe vielleicht teuer waren. Auch er wurde von Anastasia Karlovich interviewt und war voller Lob über das Turnier – wer will kann sich die knapp sieben Minuten anhören, ich tat es aber empfinde nichts als wirklich zitierwürdig.

Gold für Ding Liren – auf einigen Fotos lächelt er, auf anderen (wie diesem) staunt er offenbar immer noch, was Gelfand gegen ihn anstellte.

Siegerrede für Ding Liren

Nochmal beide (Ding Liren und Mamedyarov) zusammen mit anderen, die im Turnier keinen Zug ausführten und trotzdem oft fotografiert wurden.

Cocktails für viele (Dresscode flexibel)

Stand in der GP-Gesamtwertung, zunächst die Spieler mit bereits zwei Turnieren:

Mamedyarov 280, Ding Liren 240, Vachier-Lagrave und Grischuk 211.43, Nakamura 141.43, Hou Yifan 78.43, Adams und Nepomniachtchi 73, Vallejo 32. Die vier zuerst genannten brauchen wohl auch in ihrem dritten Turnier noch ein gutes bis sehr gutes Ergebnis um top2 zu bleiben oder zu werden. Nakamura muss eigentlich sein drittes Turnier alleine gewinnen – und hoffen, dass mindestens drei der derzeit vor ihm plazierten relativ schlecht abschneiden. Chessbase schreibt dazu auf Englisch (auf Deutsch verzichteten sie darauf) „One thing is certain: the Candidates will be much the poorer if he is not in it.“ Hmm, erstens war er im letzten Kandidatenturnier zumindest nicht überragend, zweitens: das Leben, Schach im allgemeinen und der WM-Zyklus im besonderen ist kein Wunschkonzert. Wer sich für das Kandidatenturnier qualifiziert, hat es verdient. Wer sich nicht qualifiziert, hat es auch nicht verdient.

Nun einige Spieler mit bisher einem Turnier:

Giri, Svidler, Radjabov 71.43, Jakovenko 70, … Gelfand 20, … Aronian 7. Die ersten vier genannten haben „im Prinzip“ noch alle Chancen – auch Ding Liren erzielte in Sharjah nur 70 GP-Punkte. Gelfand und (bzw. oder, für beide wird es wohl kaum reichen) Aronian brauchen zwei sehr gute Ergebnisse, dann klappt es eventuell doch noch.

Wie geht es weiter? Was die GP-Serie betrifft, mit den beiden letzten Turnieren in Genf (5.-16.7.) und Palma de Mallorca (15.-26.11.). Klar ist, dass die im vorigen Absatz genannten (und sechs relative Aussenseiter) beide Turniere spielen werden. Daneben hat Mamedyarov verraten, dass er in Genf spielt; MVL hat verraten, dass er in Palma de Mallorca spielt, Vallejo wird sicher auch in Palma de Mallorca spielen. Wenn Mamedyarov in Genf mindestens Dritter wird, ist er für das Kandidatenturnier qualifiziert – dann könnte nur Ding Liren ihn noch überholen. Vachier-Lagrave hat eventuell den Vorteil, dass er genauer weiss welches Ergebnis er in Palma de Mallorca braucht.

Kurzfristiger: Vachier-Lagrave hat einen Besuch bei der französischen Mannschaftsmeisterschaft angekündigt/angedeutet. Als Spieler wird er offenbar nicht mehr gebraucht, da sein Verein Clichy nach Sieg gegen Konkurrent Bischwiller bereits halb als Meister feststeht. Dann spielen im Juni viele Norway Chess, nach aktuellstem Stand acht aus der top10 – Mamedyarov (derzeit #5) und Ding Liren (seit nach der letzten Runde #10) sind nicht dabei, obwohl sie Giri und (nun auch) Karjakin aus der top10 verdrängen konnten.

P.S.: Auch das noch: Leonard Barden hat in seiner Guardian-Schachkolumne vorgeschlagen, dass Norway Chess Giri aus- und Mamedyarov einladen sollte – auch wenn es vertraglich und moralisch problematisch sei, liesse sich da vielleicht was drehen („secret feelers or negotiations between now and the start of the tournament“). Tarjei Svensen hat das auf Twitter kategorisch ausgeschlossen, dabei gab es vergleichbares zuvor bereits: Nachdem Carlsen eine abgelehnte Biel-Einladung doch wieder akzeptierte, wurde Dominguez irgendwie aus dem Teilnehmerfeld entfernt. Wo genau liegt der Unterschied: Mamedyarov ist nicht Carlsen, oder Dominguez ist nicht Giri, oder Norway Chess ist nicht Biel?

Übrigens betrachte ich Mamedyarovs Höhenflug nach wie vor als Momentaufnahme – Eljanov war auch mal Nummer sechs der Weltrangliste, Movsesian war mal Nummer zehn. So tief abstürzen wie Eljanov (vorübergehend) oder Movsesian (quasi-permanent), beide hatten bzw. haben danach wieder Elo unter 2700, wird Mamedyarov wohl nicht – aber ob er dauerhaft in der top10 bleibt, wenn ja wo, ob eventuell noch Luft nach oben ist, das alles wird die Zukunft zeigen.

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