Schachspielen

Eine nüchterne Betrachtung von Klaus-Jörg Lais, dem ehemaligen Öffentlichkeitsreferenten des Deutschen Schachbundes.

So sollte nicht das Ergebnis sein 🙂

Das Spiel faszinierte mich vom ersten Augenblick an. Es machte Spaß, jede Spielfigur so zu bewegen, wie es die Zugregeln vorgaben. Ich wartete ungeduldig darauf, dass Opa seinen Zug endlich ausführte. Dann ergriff ich eine der Figuren und stellte sie so auf dem Brett ab, dass sie die Puppen des Alten bedrohte. Das machte am meisten Spaß bei der ganzen Geschichte – das Ziehen der Figuren. Als ich sieben war, gewann ich zum ersten Mal. Trotzdem dauerte es weitere sieben Jahre, bis jemand (ich weiß nicht mehr, wer) auf die Idee kam, dass ich es in einem Verein versuchen sollte. Verunsichert und ratlos stand ich im Raum des Schachklubs herum, bis einer zu mir kam und fragte, ob ich spielen wolle. Ja, sagte ich. Und wusste nicht, ob ich dafür Geld bezahlen muss. So feierlich kam mir das alles vor. Er führte mich an einen Tisch und sagte einem Anderen: „Hier, teste mal, wie der spielt“. Der Andere testete mich und ich verlor in jeweils wenigen Zügen dreimal nacheinander. Anschließend kam der Eine wieder und fragte den Anderen: „Na, wie spielt der?“ und der Andere machte sich nicht mal mehr die Mühe, zu antworten, sondern winkte verächtlich in meine Richtung ab. Das war dann für weitere elf Jahre das letzte Mal, dass ich an einem Schachbrett saß.

Im Sommer meines Fünfundzwanzigsten sagte einer meiner Freunde, dass er zusammen mit anderen einen Schachclub gründe. Dieses Mal sollte es hinhauen. Keiner winkte verächtlich ab. Ich hielt mich sogar ganz gut bis in die Mittelspielstellungen, in denen es zu kompliziert wurde. Bis dahin prägte ich mir die Zugfolgen anderer so genau wie möglich ein, ohne sie zu verstehen. Manchmal gab sogar jemand auf, ohne dass ich es verstand. Das weckte meinen Ehrgeiz. Wir spielten uns die Nächte um die Ohren und ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als genau das zu tun. Fünfzehn aktive Schachjahre später hätte ich in den meisten Mannschaften Deutschlands an den ersten Brettern spielen können. Die Sucht hatte aber auch Schattenseiten. Meiner Beobachtung nach kannst du kein vernünftiges Wort mit einem Schachspieler wechseln, sobald ein Schachbrett in Reichweite ist oder, noch viel schlimmer, zwei andere Schach spielen. Schachspieler entwickeln sich zu astreinen Autisten am Brett. Nichts zählt mehr. Außer dem Spiel. Ich erinnere mich daran, dass wir in einer Kneipe Blitzschach spielten. Neben uns fiel eine Kerze um und der Vorhang fing Feuer. Wir bemerkten das beide, spielten aber einfach weiter! Beide hatten halt nur noch Sekunden auf der Uhr und die Stellung war zu spannend. So lange musste das Feuer warten.

Nochmals zehn Jahre später zermürbte mich diese Form des Autismus. Es gab zu viele, die weder gewinnen noch verlieren konnten. Wenn man sie besiegte, hieß es grundsätzlich: Meine Figuren standen aber viel besser und ich hab das ganze Spiel super angelegt. Nur dieser eine Fehler ist mir passiert. Oder wenn sie selbst gewannen, dann hieß es: Du hast dies nicht gesehen und jenes nicht und an der und der Stelle hätte ich noch viel stärker spielen können. Wieder andere wippen mit den Knien bis der Tisch zittert oder sie atmen so schwer, dass Du permanent an einen Notarzt denkst. Und fast nur Männer im Verein. Die Frauenquote liegt weit unter zehn Prozent. Wen wundert’s? Oft fragte ich mich, welchen Menschen das Schachspiel aus mir in diesen fünfundzwanzig Jahren gemacht hat und warum ich mich so habe geißeln lassen. Wenn ich nach einem verlorenen Spiel abends nach Hause kam, konnte ich nicht gut schlafen. Ich ließ das Spiel immer wieder ablaufen, bis mir meist bewusst wurde, wie ich an einer bestimmten Stelle hätte besser spielen können: „Hättest Du nicht im 25. Springer d4 spielen können?“ Und dann steht man auf, spielt das nach und dann geht das auch noch – und dann ist es ganz vorbei und morgens ist man gerädert. Und ich denke heute darüber nach, was daraus geworden wäre, wenn ich schon mit sieben Jahren damit angefangen hätte oder wenn, als ich vierzehn war, niemand verächtlich abgewunken hätte.

Ich will es Euch nicht vermiesen – wenn Ihr Lust drauf habt, probiert es aus, bzw. spielt weiter. Ich habe dem Spiel viel zu verdanken; es hat mich seinerzeit aus einer Depression gerettet. Es hat mich aber auch zweifellos verändert und ich bin mir nicht sicher, ob das zum Positiven war.

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