Vorschau zur Europameisterschaft in Minsk

Europameisterschaften im Schach sind generell vor allem für Spieler der “zweiten Garnitur” und darunter interessant – nicht diejenigen die Weltmeister werden wollen, das sind oder mal waren (auch wenn diesmal ein nicht allgemein anerkannter Ex-Weltmeister mitspielt). Wer Elo über 2750 hat verzichtet auf die EM in Minsk, schliesslich hat er bereits die nächste Ebene im WM-Zyklus erreicht: Qualifikation für den Weltcup.

Nach der Europameisterschaft sind 22 weitere Teilnehmer dieses KO-Turniers (September in Batumi, Georgien mit Finale in Tiflis) bekannt; für einige Grossmeister ist “top22 absichern” vielleicht wichtiger als eventuell eine Medaille gewinnen. Ich nenne nun mal zunächst die top25 der Setzliste: Andreikin, Navara, Jobava, Jakovenko, Kryvoruchko, Ponomariov (bereits indirekt erwähnt), Matlakov, Naiditsch, Rodshtein, Tomashevsky, Leko, Bacrot, Korobov, Mamedov, Cheparinov, Areshchenko, Duda, Fedoseev, Howell, Safarli, Anton Guijarro, Artemiev, Movsesian, Ragger, Jones.

Einige dieser 25 (Jobava, Navara und Anton Guijarro) haben sich allerdings schon bei der EM 2016 für den Weltcup qualifiziert, die können nun befreit aufspielen. Andere ausserhalb der top25 sind jedenfalls nicht chancenlos – letztes Jahr haben sich u.a. Nummer 60 Goganov, Nummer 72 Palac, Nummer 94 Stupak und Nummer 85 Tari qualifiziert, nicht dagegen z.B. #9 Kryvoruchko, #6 Ragger, #4 Ponomariov und #7 Matlakov, sie (und andere) haben nun eine zweite Chance.

Das Feld ist auch dicht beieinander, Elounterschiede sind klein und teilweise Momentaufnahmen: zum Beispiel ist “rising star” Emil Sutovsky laut April-Eloliste an 40 gesetzt, laut aktueller Liverating wäre er ca. Nummer 25. Wenn es so läuft wie zuvor in Gibraltar und vor allem Poikovsky könnte er Geschichte schreiben und nach 2001 nochmals Europameister werden, bisher (das Turnier gibt es seit 2000) schaffte das niemand zweimal. Andere Ex-Europameister im Teilnehmerfeld sind Kozul (2006), Tomashevsky (2009), Potkin (2011), Jakovenko (2012) und Moiseenko (2013).

Damit ist bereits klar: auch unterhalb der top25 noch recht bekannte Namen, z.B. Potkin ist Nummer 92 der Setzliste. Sogar oben in der unteren Hälfte der insgesamt 398 Teilnehmer(innen) noch bekannte Namen – da weiblich: Elisabeth Paehtz ist Nummer 210, Aleksandra Goryachkina Nummer 213. Die bekommen also gleich zu Beginn einen männlichen “Brocken” – wenn nach dieser Setzliste ausgelost wird (mit der Mai-Eloliste gibt es wohl leichte Verschiebungen) macht Frau Paehtz eine neue Erfahrung und hat dabei vielleicht durchaus Remischancen: Erstrundengegner wäre Peter Leko, gegen den sie offenbar noch nie gespielt hat.

Noch ein bisschen Statistik: insgesamt 173 Grossmeister, also fast die Hälfte des Feldes. Ganz titellose Teilnehmer (nicht einmal WFM oder CM) gibt es allerdings auch, und zwar 84 von 398 – schliesslich ist es ein Turnier nach Schweizer System bei dem jeder Europäer (und jede Europäerin) mitspielen kann. Fast alle europäischen Länder sind vertreten, am zahlreichsten Russland (104) und Weissrussland (68), aber z.B. auch eine aus Luxemburg (WIM Fiona Steil-Antoni) und einer aus Island (IM Gudmundur Kjartansson). Nicht dabei sind jedenfalls Belgien, die Schweiz und Bulgarien – Moment mal, oben steht doch “Cheparinov”? Ja, aber er vertritt offiziell ECX, Bulgarien wurde ja aus der ECU ausgeschlossen – vorgestern vom Court of Arbitration for Sport (CAS) abgesegnet.

Elisabeth Paehtz ist nicht die einzige Deutsche in Minsk, aber bevor ich die deutschen Männer alle nenne zwischendurch ein Foto:

Das ist der Austragungsort – der Sports Palace in Minsk. Bei anderen Gelegenheiten wird da z.B. БАСКЕТБОЛ (Basketball) gespielt, Konzerte und Shows finden da auch statt.

Wen findet man, wenn man in der Setzliste nach “GER” sucht? Zunächst Markus Ragger, der hat nun einmal die höchste Elo im deutschen Sprachraum. Dann Matthias Bluebaum, Rainer Buhmann, Daniel Fridman, Dennis Wagner, Rasmus Svane, Vitaly Kunin, Alexander Donchenko. Soweit die GMs, Elisabeth Paehtz ist ja IM/WGM. Ziemlich weit unten (Nummer 345) auch noch Martin Gebigke (Elo 2105) – in dieser Region der Setzliste sonst vor allem Russen und Weissrussen, wobei der Niederländer Jorgen Henseler (Elo 2050) auch mitspielt, sonst wäre GM Benjamin Bok einziger Niederländer.

Gebigke (SC Kreuzberg) spielt vor allem in Berlin und Potsdam, aber gönnt sich auch gelegentlich eine Europameisterschaft. 2016 in Gjakova/Kosovo erzielte er insgesamt 5/11, elotechnisch waren es dabei 0/5 – gegen GMs und später IMs verlor er, gegen elolose Kosovaren punktete er; Jorgen Henseler erzielte übrigens 4,5/11 elotechnisch 0/6. Diesmal haben nur drei weissrussische Teilnehmer gar keine Elo. 2013 im polnischen Legnica erzielte Gebigke, insgesamt und elotechnisch, 4/11. 2011 im französischen Aix-les-Bains 4/10 gegen Spieler mit Elo nebst Remis gegen einen elolosen Franzosen. Damals war er übrigens bei weitem nicht der einzige titellose deutsche Teilnehmer, dabei waren u.a. auch – alle noch “nackt” – Matthias Bluebaum (Elo 2246), Alexander Donchenko und Rasmus Svane (beide 2216) sowie Dennis Wagner (2214). Die machten seither Elo-Fortschritte, während Gebigke (damals mit 2212 etwa gleichwertig) 107 Punkte einbüsste.

Andere deutsche Ergebnisse aus der Vergangenheit will ich mal nicht aufbröseln, nur der Hinweis dass Liviu-Dieter Nisipeanu sich 2016 in Gjakova für den Weltcup qualifizierte. Noch ein paar übliche Fakten: Gespielt wird vom 30.5.-10.6. (Ruhetag am 4.6.) jeweils um 15:30 Ortszeit, nur die letzte Runde um 11:00 – in Mitteleuropa ist das 14:30 bzw. 10:00. Preisgeld ist insgesamt 100.000 Euro, davon 20.000 für den Europameister. Dafür müssen Spieler bzw. Verbände eine “ECU fee” von 65 Euro (für titellose 130 Euro) sowie eine “organization fee” von 100 Euro bezahlen. Hotelübernachtungen sind dagegen recht günstig – ab 52 Euro im Einzel- bzw. pro Person 35 Euro im Doppelzimmer, Mittag- und Abendessen kostet jeweils zusätzlich freche 9 Euro. Bedenkzeit: 90 Minuten für 40 Züge, dann 30 Minuten für den Rest plus 30 Sekunden Inkrement ab dem ersten Zug.

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