Wiesbaden schon damals mit Klasse-Schach

Text: Ralf Mulde – Es sei gestanden: Dieser kleine Artikel war eigentlich als eine Art Einsprengsel für die Homepage der DSAM gedacht. Jener Rahmen könnte aber ein wenig zu eng werden, denn hauptsächlich soll es ja dort um das (bald) laufende Turnier gehen. Um welches? Im hessischen Niedernhausen bei Wiesbaden, also im Linares des DSB, wird im Juni 2017 das doppelte Finale der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft DSAM einerseits und des Dähne-Pokals andererseits ausgetragen. So richtig streng genommen also spielt die DSAM im „H+“ in Niedernhausen, aber wir liegen mit unserem fußläufig erreichbaren Fixpunkt Wiesbaden doch noch goldrichtig. Warum der goldene Schachpalast heuer H+ und nicht mehr Ramada heißt, wird folgerichtig dort kurz erläutert werden.

Wiesbaden jedenfalls erlebte schon oft tolles Schach. Vielleicht hast Du dort auch schon gespielt (Bundesliga, DSAM, Senioren, …) und könntest also bei einigen Partien der neueren Zeit als connaisseur persönlich beteiligt gewesen sein, darüber muss ich Dir also nichts erzählen – aber „Wiesbaden 1871“ und „Wiesbaden 1880“ mögen doch noch ein paar Tage vor Deiner Zeit gewesen sein. Die nötigen Daten für diesen kleinen Abriss wurden mir netterweise von Michael Negele verfügbar gemacht: Danke!

Zurück ins Damals. „Wiesbaden 1871“ war im sonnigen August ein mit lediglich vier Männeken ein noch sehr, sehr dünn besetztes Schachturnier, das vor 146 Jahren im Casino stattfand – und zwar nur ein halbes Jahr, nachdem Bismarcks deutsch-französischer Krieg (am 26. Feb. 1871 in Versailles) sein Ende gefunden hatte. Eigentlich hatten sich mögliche Spieler und Veranstalter (nicht die des Krieges) auf der Rückfahrt von irgendeinem X nach Y eher zufällig getroffen und sinnierten beim „Dadumm … schschsch … dadumm“ der Bahnfahrt über ein Turnier in Wiesbaden, vermutlich mit dem berühmten „Eigentlich müsste man mal …“ beginnend.

In vielen Arbeitsgruppen ist das heute verboten, denn aus „müsste“ pflegt ja nur selten etwas zu werden. Klare Vorschläge, abwägen, abstimmen, machen, das ist die Devise. Entsprechend war damals das Ergebnis, als es „ernst“ wurde: Der eine Springerschwinger war schon hier, der andere dort verpflichtet, der dritte hatte schlicht keine Lust mehr. Also waren es am Ende nur noch vier … oder eigentlich fünf:

Amüsant schildert es die ‚Schachzeitung‚ (Nr.9, S.259, Sep-1871): „Zum Meister-Turniere (I) fanden sich fünf Theilnehmer. Excellenz von Hanneken, Dr. Göring, Adolf Stern aus Ludwigshafen, J. Minckwitz und ein Schachfreund aus London, ein recht guter Spieler, der nicht genannt sein will, übrigens krankheitshalber bald zurücktreten musste.“ Anscheinend erlitt der Mann eine Art taktischen Hexenschuss, -rm-.

„Aus dem Hauptturnier mit Werthpreisen wurden zwei, … da sich 10 Theilnehmer meldeten und die Mehrzahl dieser nicht in Gängen spielen wollte.“ Vermutlich befürchteten die Herren nicht, ihre Partie irgendwo im Gang oder Flur des Hotels zwischen Bar und Abort austragen zu müssen, sondern wollten kein „jeder gegen jeden“, also „Round Robin“ Turnier spielen: Weicheier! So sahen eben damals die Turniere aus; eine gemeinhin gut situtierte Teilnehmerzahl trat in Telefonzellen-Größe an, so wie in den – zeitweise modernen – FIDE Mini-Turnier in Linares. Es gab kaum (aber immerhin) Preisgeld, und unter den bretternen Aktivisten befand sich, wir sind im preußischen Ständestaat, immer mindestens ein Herr Generalltnt, Herr Doktor, Seine Excellenz, …

Dabei war der gar nicht sonderlich erwähnte, noch nicht einmal mit Vornamen verzeichnete B-Teilnehmer Camphausen vielleicht unter den Wichtigsten, nämlich wohl unter den möglichen Geldgebern; die mächtige Familie Camphausen spielte ab Mitte des 19.Jh. im Industrie-Adel des Rheinischen Liberalismus zwischen Eisenbahnen, Stahl und Textilien eine millionenschwere, auch politische Führungsrolle.

Der DSB, es sei am Rande bemerkt, lobte für seine Schachkongresse schon bald danach stattliche Geldpreise aus und das recht hohe nationale Niveau und die wohl guten Spielbedingungen erzeugten teure, aber äußerst starke, denkwürdige Meister-Turniere. Bei der Verbands-Gründung in Leipzig sagte Adolf Anderssen u.a. die folgenden, weit in die Zukunft weisenden Worte: „… es wäre nichts vorteilhafter für den Aufschwung des deutschen Schachspiels, als der bisherigen Zersplitterung der Kräfte und Bestrebungen ein Ende zu machen …“ (zitiert nach Wikipedia, man wird eben bequemer) . Mindestens eine bemerkenswerte Partie wurde in Wiesbaden 1871 gespielt:

Die Variante mit 4.d3 ist heute wieder sozusagen großmeister-modern. Das Gambit geht um 1847 auf den Finnen Carl Jänisch zurück und auf den Deutschen Adolf Schliemann – das ist der Schliemann, der nichts mit Troja zu tun hat, sondern statt Göttern, Gräbern und geleerten Amphoren das Gambit vertieft untersuchte. Beide Männer verstarben, und zwar 1872.

Der in „Wiesbaden 1871“ angetretene Johannes Minckwitz war eine tragische Persönlichkeit. Sein Tod war kennzeichnend für eine Gesellschaft, in der nur galt, wer einen Titel oder ein sichtbares Vermögen aufwies. „Etwa um 1883 machte sich eine geistige Erkrankung bemerkbar. In der Öffentlichkeit brachte er den … Zusammenhang mit der gleichnamigen sächsischen Adelsfamilie durch Annahme des Prädikats ‚von‘ erregt zur Geltung. Später wurde Minckwitz in eine Nervenheilanstalt überführt. Ab 1894 ließ man ihn (sogar -rm-) bei Schachturnieren nicht mehr zu. In Not geraten, wurde er 1901 von einer Straßenbahn überfahren – die Umstände ließen eine Selbstmordabsicht möglich erscheinen.“ [Wikipedia]

Wie auch immer, 1880 fand in Wiesbaden ein weiteres Turnier statt. Diesmal, ohne die Unsicherheiten und geänderten wirtschaftlichen Prioritäten eines gerade beendeten Krieges, gelang es den Geldgebern und Organisatoren, einen diesmal sehr stark besetzten Wettkampf zu organisieren; unter den 16 Spielern sind uns heute noch besonders die Meister Blackburne, Schallopp, Bird, Mason, Winawer und (beide) Paulsen bekannt.

Mit Joseph Henry Blackurne, Berthold Englisch und Adolf Schwarz beendeten gleich drei Spieler das Geschehen mit strammen 11/15. Weil das erste Feinwertungs-System von Gelbfuhs et.al. erst „bei einem Turnier in Liverpool erstmals ausprobiert und 1886 in die Praxis eingeführt“ [Wiki], werden die Herren die Beute wohl schlicht gedrittelt haben. Die goldgedeckte Mark wurde erst in diesem „Reichsgründungs-Jahr“ eingeführt, vielleicht befühlte man das Preisgeld also noch ein wenig misstrauisch. Egal! Mindestens eine Partie des Turniers mit der „verzögerten c3-Fesselung“ kann man auch heute noch für das Eröffnungs-Gefummel benutzen:

Unverzichtbare Anmerkung, weit darüber hinaus: Für die allgemeine Situation des damaligen Schachs ist „die“ Quelle Stefan Haas: Das Schachturnier Baden-Baden 1870, der unbekannte Schachmeister Adolf Stern. Rattmann, Ludwigshafen 2006; Schachfreund Haas war ja dankenswerterweise schon 2014 referierender Gast im DSAM-Finale.

Heute freuen sich der DSB, die Organisatoren und hoffentlich auch alle Spieler auf das doppelte Finale des Dähne-Pokals und der DSAM am 15.-17.Juni 2017 in Niedernhausen, das knalliges Schach, guten Kaffee und heitere Menschen präsentieren wird!

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Veröffentlicht unter DAM |