Limburg Open grösser als Europameisterschaft

In Minsk sitzen derzeit 397 Spieler am Brett, beim Limburg Open sind es ab morgen und bis Pfingstmontag 505 (in fünf Gruppen – A, B, C1, C2 und Senioren). Zugegeben, die Ausrichter haben etwas gemogelt: sie akzeptieren auch Teilnehmer, die bei der EM nicht spielberechtigt sind – das ist allerdings nicht ausschlaggebend (Länder-Statistiken später). Und wer sich nur für Grossmeister bzw. nur für Elozahlen interessiert, kommt in Minsk eher auf seine Kosten: dort 171 GMs (darunter 84 mit Elo 2600+, davon 9 mit 2700 oder mehr), in Maastricht 8 GMs (davon drei 2600+).

Zunächst nenne ich nun die acht GMs in Maastricht: Matthew Sadler, Christian Bauer, Ivan Sokolov, Sebastian Bogner, Alexandr Fier, Sipke Ernst, Ruud Janssen, Roeland Pruijssers. Nur der Brasilianer Alexandr „no fear“ Fier musste sich nicht zwischen Maastricht und Minsk entscheiden, zunächst allerdings einige Worte zum Elofavoriten Matthew Sadler:

Das Titelfoto sah ich zuerst auf der Turnierseite, ursprünglich stammt es allerdings vom SV Wageningen – da gab Sadler am 30. September (2015) zum dritten Mal ein Training für Vereinsmitglieder. Wer ist Matthew Sadler? Auf der Turnierseite des Limburg Opens wurde er in drei Sprachen (Niederländisch, Englisch und Deutsch) leicht unterschiedlich angekündigt, ich übersetze mal auszugsweise das NL-Original: „Matthew ist ein äusserst sympathischer Mensch, der auch noch gut Schach spielen kann, damit ein prächtiges Aushängeschild des BPB Limburg Opens!“. Recht haben sie, der Hauptsponsor BPB (Bruls Prefab Beton) sollte erwähnt werden. Zuvor schreiben sie, dass Sadler letztes Jahr zusammen mit seiner Frau Natascha Regan deren Buch „Chess for life“ präsentierte und damit beeindruckte. „Matthews Wurzeln liegen in England und Frankreich, derzeit wohnt er in Amersfoort.“

Was noch zu ihm? 1997-1999 war er Weltklasse (top20), dann beendete er sein Profi-Dasein zugunsten einer Karriere in der IT-Branche (so landete er, zunächst für Hewlett Packard, in den Niederlanden). Bis 2004 spielte er noch in der deutschen Bundesliga, dann jahrelang gar nicht mehr. 2010 begann er wieder mit Schach und gewann sofort ein stark besetztes Schnellturnier in Wageningen mit 7/7, etwa ein Jahr danach Siege bei Opens in Barcelona und Oslo. Weniger gelungen der Auftritt in der Tata Steel C-Gruppe 2012, Elo-neutral Brett 5 bei der Olympiade 2014 für England. Selbst erwähnt er auch, dass er während seiner gesamten Karriere (als Schachspieler) viel geschrieben hat: jahrelang Buchbesprechungen für New in Chess, eine Reihe Videos für chess24 und insgesamt sechs Bücher – das letzte bereits erwähnte bekam den ECF Book of the Year Prize 2016.

Zuletzt spielte Sadler sehr erfolgreich in der britischen 4NCL – 7.5/8 werden, mit drei kommentierten Partien, auch hier gewürdigt wo er – und das stimmt sicher – als ‚hobbyist‘ bezeichnet wird. Gegner/Opfer in dieser und früheren Saisons waren vor allem Spieler mit Elo z.T. deutlich unter 2600, daher ist seine aktuelle Elo 2684 vielleicht bedingt aussagekräftig. Diese Saison gewann er allerdings auch gegen einen gewissen Ivan Sokolov, diese Partie hat neben Dennis Monokroussos (Link oben) auch – ausführlicher – Sadler selbst kommentiert. Generell findet man auf Sadlers Homepage mit Blog wohl noch das eine oder andere, das dürfen interessierte Leser selbst erkunden.

Kurz zu den anderen GMs im Teilnehmerfeld: Christian Bauer ist Franzose, zum dritten Mal dabei und hofft sicher, besser abzuschneiden als 2015 (Platz 21) und 2016 (Platz 6). Ivan Sokolov, Niederländer mit bosnischen Wurzeln, war wie Sadler auch mal (jedenfalls erweiterte) Weltklasse – Elo 2700 hatte er einmal 2004 vorübergehend geknackt und dann noch mehrfach im Visier. Ein Intermezzo als Trainer in Dubai ist offenbar inzwischen beendet. Den Höhepunkt seiner Karriere hat er vielleicht hinter sich, dennoch will er sich wohl eventuell (wenn sich die Gelegenheit ergibt) bei Sadler revanchieren. Sebastian Bogner war mal Deutscher und ist seit einigen Jahren Schweizer. Alexandr Fier hatte ich mit „no fear“ bereits charakterisiert – der Brasilianer wohnt mit seiner französisch-georgischen Freundin Nino Maisuradze wohl in Georgien und spielt regelmässig kleinere und grössere Turniere. Dann noch drei Niederländer: Dauergast Sipke Ernst, Ruud Janssen (geborener Limburger) und Roeland Pruijssers.

Länder-Statistiken hatte ich bereits angekündigt: Insgesamt dominieren die Niederlande (273 Teilnehmer), dann Deutschland (114) und Belgien (84). Jeweils bezieht sich das auf A-, B-, C- und Seniorengruppe zusammen. 71 Teilnehmer sind Limburger – nicht alle sind dabei Niederländer, da auch Deutsche und Belgier für limburgische Vereine spielen. Unter den deutschen Teilnehmern keine ganz bekannten Namen (Daniel Fridman spielt dieses Jahr in Minsk), ich nenne zunächst die fünf Elobesten: IM Lars Stark, Alexander Hilverda, IM Christian Braun, FM Marcel Harff, FM Jürgen Kaufeld. Hilverda kommt aus dem relativ fernen Erlangen, die vier anderen (wie wohl insgesamt die meisten deutschen Teilnehmer) aus Nordrhein-Westfalen. Lars Stark (in Deutschland Düsseldorfer SK) und Christian Braun (in Deutschland DJK Aufwärts Aachen) spielen auch für Voerendaal und sind zusammen mit dem immer noch recht jungen FM Max Warmerdam (*2000) Elo-beste Limburger im Teilnehmerfeld. Einen weiter unten in der Setzliste der A-Gruppe habe ich eher zufällig entdeckt: FM Olaf Steffens – wer sich gewissenhaft auf das Turnier vorbereiten will muss also für alle Fälle auch eine Antwort auf 1.b4 parat haben.

Nächster in der Länderstatistik ist nicht etwa z.B. Frankreich oder England, sondern mit immerhin 7 Teilnehmern Indien. Hemant mr. Sharma – den Namen hatte ich bereits mal gesehen, da er auch in Europa relativ viele Turniere spielt. Andere wie IM Krishna und FM Rao sind mir kein Begriff, alles weiss ich auch nicht. Vierzehn weitere Länder sind mit 1-4 Teilnehmern dabei, ich nenne nur drei „Einzelkämpfer“ aus exotischen Ländern: GM Fier aus Brasilien hatten wir bereits. Aus Kuba ein gewisser Eduardo Semanat Planas – spielt sonst nur Mannschaftskämpfe in Belgien und hat wohl doch keine weite Anreise. Aus Malaysia Kim Yew Chan (*2002) – der spielte ausser in Thailand und Vietnam auch bereits in Europa, zuletzt Gibraltar, Stockholm (Rilton Cup) und London (FIDE Open im Rahmenprogramm eines Superturniers). Den Norweger und den US-Amerikaner (jeweils könnte es natürlich auch eine Frau sein) habe ich nicht gefunden, wobei ich die Teilnehmerlisten von B-, C- und Seniorenturnier nicht komplett durchsucht habe. Es sind also keine bekannten Namen mit Elo über 2700 oder gar 2800+ – die spielen parallel zur letzten Runde in Maastricht ein kleines Blitzturnier in Stavanger, danach auch ein ebenso kleines Turnier mit klassischer Bedenkzeit, jeweils nur 10 Teilnehmer.

Noch etwas: van Foreest fehlt dieses Jahr, jedenfalls betrifft GM Jorden und auch IM Lucas. Dabei ist allerdings im B-Turnier der frischgebackene NL-Meister U12 Machteld van Foreest – ja, Meister nicht Meisterin, sie (*2007) spielte erfolgreich bei den im Vergleich zu ihr alten Jungens mit. Sowie im C-Turnier Pieter van Foreest (*2002). Da ich eine Dame bereits nannte, noch zur Geschlechterstatistik: 46 von 505 Teilnehmern sind weiblich, klare Favoritin für den Damenpreis ist WGM Anne Haast – jedenfalls wenn im A-Turnier vier Damen mitspielen (derzeit sind es genau vier), sonst wird der Damenpreis nicht vergeben.

Zum Schluss noch die üblichen Infos: Gespielt werden sieben Runden – Freitag abends eine, Samstag bis Montag jeweils zwei. Pfingstmontag müssen alle (auch die Grossmeister) früh aufstehen, da die morgendliche Runde bereits um 9:00 beginnt – so ist die Preisausreichung gegen 20:30 und können viele wohl am selben Abend noch die Heimreise antreten. Da das chess24-Logo auf der Turnierseite auftaucht gehe ich davon aus, dass sie die Spitzenbretter der A-Gruppe live übertragen werden. Preisgeld in der A-Gruppe 2250/1500/1000 Euro usw., Bedenkzeit 2 Stunden für die gesamte Partie plus 15 Sekunden Inkrement ab dem ersten Zug – nur 15 Sekunden Zugabe ist ungewöhnlich, aber so sind Doppelrunden machbar.

Turnierseite

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