Norway Chess: Top10 und sonst niemand

So war es jedenfalls vorgesehen – dann wurden Mamedyarov und Ding Liren top10 und verdrängten Karjakin und Giri. Sie haben das ursprüngliche Teilnehmerfeld beibehalten – kurzfristige Änderungen ja nur zugunsten von Carlsen, und der war natürlich von Anfang an dabei. Mitspielen und Geld verdienen dürfen, nach aktueller Elo sortiert, Carlsen, So, Kramnik, Caruana, (Mamedyarov), Vachier-Lagrave, Aronian, Anand, Nakamura, (Ding Liren), Karjakin und Giri. Die eingeklammert-durchgestrichenen wurden nicht etwa wieder ausgeladen, nein sie sind zu spät in der top10 angekommen.

Das Titelfoto von der Norway Chess Facebookseite zeigt den Hauptschauplatz (Blitzturnier vorab und die ersten sechs von neun Runden) Hotel Clarion Energy. So auf den Putz hauen sie für die fünfte Auflage – „top10 und sonst niemand“ wurde vielleicht auch dadurch erleichtert bis ermöglicht dass Jon Ludvig Hammer (warum auch immer) bei der FIDE Grand Prix Serie dabei ist. Die Chess Tour, aus der Norway Chess sich ja verabschiedet hatte, hat übrigens inzwischen ansatzweise verstanden dass top10 nicht das Mass aller Dinge ist – Norway Chess macht dagegen genau damit Reklame.

Blitzpartien

Ich könnte die Spieler natürlich vorstellen, aber alle sind wohl beim Publikum bereits bekannt. Carlsen ist Weltmeister und Weltranglistenerster, So war zuletzt mit ähnlichem Schach (wenig riskieren und gegnerische Fehler ausnützen) recht erfolgreich. Das amerikanische chess.com zitiert in deren Vorschau Maurice Ashley, der Wesley So als „hottest man on the planet“ bezeichnet sowie nicht namentlich genannte Experten, die mit So als nächstem WM-Herausforderer von Carlsen rechnen. Experte ist nicht näher definiert, nach USCF-Definition ist es jeder (und jede) mit USCF rating über 2000.

Wer neben Ergebnissen auch interessant-gehaltvolle Partien mag, kommt bei anderen vielleicht eher auf seine Kosten – nicht unbedingt Nakamura, der entwickelte sich auch zum Pragmatiker, aber einige andere (auch, so sehe ich es, der nicht so populäre Anish Giri) spielen dynamischeres Schach mit mehr Mut zum Risiko. Ob es in diesem Turnier der Fall ist und was dabei herauskommt, ist Thema späterer Berichte.

Nach sechs Runden zieht das Turnier dann um in die Stavanger-Konzerthalle – dieses Foto von Jarvin via Wikipedia. Diesmal also nicht – wie bei einigen früheren Auflagen – Ausflüge in die Umgebung von Stavanger mit netten touristischen Bildern. Statt Natur ist diesmal nur Architektur angesagt, und zwar modern: das Hotel Clarion Energy wurde 2014 eröffnet, die Konzerthalle 2012.

Die Turnierseite bietet bei Spielerporträts mehr Verpackung als Inhalt, Pnkt – Web & interactive durfte sich austoben. Der Carlsen-Look stimmt dabei, zwischenzeitlich war er wieder beim Friseur.

Aronians neuesten Look (Bild via Judit Polgar auf Twitter) kennen sie dagegen nicht – kann man ihnen nicht verübeln, da das (Schnurrbart) auch Aronian selbst überraschte. Wer sich da im Auftrag der Post von Sierra Leone austoben durfte und wohl daneben gehauen hat ist bei der Redaktion nicht bekannt.

Was bleibt sind noch Fakten, auch via Turnierseite. Das Blitzturnier zur Ermittlung der Startnummern (nebenbei auch „minor prize fund“ 11.600 Euro) ist heute, Montag 5.6., ab 18:30. Dann Rundenbeginn jeweils um 16:00, so können Zuschauer – vor Ort oder, bei kompatibler Zeitzone, im Internet – nach normaler Arbeitszeit jedenfalls die entscheidende Phase live verfolgen. Nach jeweils drei Runden dürfen sich die Spieler einen Tag ausruhen – gespielt wird also am 6.-8., 10.-12. und 14.-16. Juni.

Kommentiert wird das Geschehen auf der Turnierseite von Dirk Jan ten Geuzendam und Nigel Short, auf chess24 (Blitzturnier für alle, Rest für Premium-Mitglieder) von Jan Gustafsson und bis Runde 6 Peter Svidler. Dann macht sich Svidler auf die Reise nach Sibirien zur Mannschafts-WM – Norway Chess (obwohl Norwegen in Khanty-Mansiysk dabei ist) und Chess Tour haben ihre Termine so gelegt, dass top10 Spieler da verhindert sind.

Finanziell bieten sie eben mehr: Preisgeld bei Norway Chess 70.000 Euro für den Sieger, dann 40.000/25.000/20.000 usw. – ob man Fünfter (17.500 Euro) oder Letzter (14.750 Euro) wird ist beinahe egal. Bei Punktgleichheit wird das Preisgeld geteilt, nur um Platz eins gibt es wenn nötig einen Stichkampf (Blitz und eventuell Armaggedon). Zeitkontrolle: 100 Minuten für 40 Züge, dann 50 Minuten für die nächsten 20, dann nochmal 15 Minuten für den Rest plus 30 Sekunden Zugabe erst ab dem 61. Zug. Zeitnotdramen sind also möglich – sollte Carlsen beteiligt sein weil er diese Regeln immer noch nicht registriert hat, werden sich die Organisatoren wohl wieder bei ihm entschuldigen.

Einfach remis vereinbaren geht nicht, man muss schon eine dreimalige Zugwiederholung finden oder die Stellung muss (wer auch immer das entscheidet, die Weltklasse-GMs jedenfalls nicht alleine) offensichtlich remis sein. Was noch? Nach den Partien müssen sich beide Spieler – auch der Verlierer – der Presse zur Verfügung stellen. Zum Rundenbeginn sollten sie pünktlich erscheinen, sonst kostet es pro Runde satte 100 Euro – wer sich mehr als 10 Minuten verspätet verliert auch die Partie.

So, und jetzt müssen die Spieler die hohen Erwartungen erfüllen, oder auch nicht – das ist ohnehin Definitions- oder Ansichtssache.

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