Buntes Treiben bei der Europameisterschaft

Was ist bei der Europameisterschaft in Minsk nach dem Ruhetag doch alles passiert: ständige Führungswechsel (einige die mal ganz vorne dabei waren landeten dann wieder im „Peloton“), Spieler die live mal Elo 2700+ hatten, dann wieder nicht und dann doch wieder, Partien die komplett kippten, …. . Als ob das noch nicht genug war: in Runde 10 ein Brudermord, und in Runde 11 spielte einer plötzlich oben ohne.

Zum Glück ist das Turnier jetzt vorbei, aus deutscher Sicht genau zum richtigen Zeitpunkt. Eigentlich konnte man sich nur auf zwei Dinge verlassen: dass Daniel Fridman remis spielen und sein Schiff, oft bei Windstärke gegen Null, in den Weltcup-Hafen steuern würde, sowie dass (der bereits erwähnte) Baadur Jobava nicht remis spielen würde. Und selbst das stimmte nur in Runde sechs bis zehn.

Auch aus deutscher Sicht war es, Fridman mal aussen vor gelassen, ein Wechselbad der Gefühle. Und nun steht fest, dass neben Nisipeanu (letztes Jahr qualifiziert) und Fridman mit Bluebaum und Kunin noch zwei Deutsche beim Weltcup in Georgien dabei sind. Hat es das – insgesamt vier – schon einmal gegeben? Dazu habe ich nicht recherchiert, dieses Turnier war aufregend genug!

Das kam am Ende dabei heraus: Matlakov, Jobava, Fedoseev 8.5/11, Fridman, Cheparinov, Motylev, Duda, Navara, Howell, Kravtsiv, Areshchenko, Bluebaum, Grachev, Kunin 8/11, Bok, Jones, Dubov, Bacrot, Melkumyan, Mastrovasilis, Sergei Zhigalko, Artemiev, Rodshtein, Aleksandrov, Tomashevsky, Erdos, Kuzubov, usw. 7.5/11. Diese Spieler sind wohl beim Weltcup dabei – insgesamt 27 da die fünf unterstrichenen sich bereits bei der EM 2016 qualifiziert hatten. Elf weitere Spieler mit 7,5/11 und schlechterer Wertung sind wohl nicht beim Weltcup dabei.

Noch auf etwas konnte man sich verlassen: Das Fotoangebot via Turnierseite ist begrenzt, z.B. wurde Europameister Maxim Matlakov nie individuell fotografiert, dann eben die Spitzenbretter der letzten Runde. Ihm gegenüber an Brett eins Baadur Jobava (hier noch mit Sonnenbrille), er wurde – natürlich – noch öfter fotografiert. Dahinter noch recht gut zu erkennen Cheparinov-Navara und (etwas verdeckt) Howell gegen Duda. Weiter hinten an Brett 5 mit Schwarz Ponomariov gegen den fast unsichtbaren Sutovsky. Aber generell komme ich zur Schlussrunde, wenn es soweit ist.

Zur Erinnerung: Nach Runde 5 und vor dem Ruhetag führten Cheparinov, Melkumyan, Kuzubov und Fridman mit 4,5/5, vor 27 Spielern mit 4/5. Noch weiter hinten zu diesem Zeitpunkt u.a. Navara (34. mit 3,5/5) und Jobava (Platz 155 mit 3/5 und schlechter Wertung, immerhin besserer als der punktgleiche Vitaly Kunin auf Platz 160).

Runde 6: Die Spitzenbretter Melkumyan-Cheparinov und Fridman-Kuzubov endeten relativ ausgekämpft remis. So konnten sechs Spieler aufschliessen, und zwar Matlakov, Howell, Anton Guijarro, Dubov, Kovalenko und Mastrovasilis. Nur zu zwei Siegen eher kurz und knapp: Anton Guijarro besiegte Bosiocic nach sizilianischen Komplikationen, Dubov profitierte von einem groben Zeitnotbock seines Gegners Pashikian. Zu dieser Runde auch kaum brauchbare Fotos – dann eben ein Gesamteindruck des Turniersaals (aus Runde neun):

Runde 7 – da zeige ich zunächst die Spitzenbretter:

Kovalenko-Matlakov wurde remis. Mangelnden Kampfgeist kann man ihnen nicht vorwerfen, aber die Schlusstellung (Weiss Kd3, Bauer auf c4, Schwarz Kc5) war eben remis. Brett 2 Cheparinov-Fridman wurde auch remis (Fridman versteckt sich hinter Matlakov, ganz schafft er das nicht). Fridman wollte das wohl, da er Russisch eröffnete. Cheparinov wollte es eher nicht – sonst hätte er nicht vorübergehend eine Qualität geopfert, die Fridman allerdings schnell retournierte. Danach bekam Cheparinov gar eine Mehrqualität, und vorübergehend glauben Computer nicht mehr an die schwarze Stellung. Aber so wie der Europäer (Bulgare der bei der EM nicht Bulgarien vertreten darf sondern ECU) spielte, hatte Fridman mit Freibauern am Damenflügel Kompensation, Cheparinov gab zum Schluss Dauerschach. Dieses Fridman-remis meinte ich nicht mit „Windstärke gegen Null“.

Dahinter zwei Entscheidungen: Bei Howell-Melkumyan 1-0 profitierte Weiss von einem gegnerischen Fauxpas im 37. Zug (Zeitnot?). 37.Dg4 war ein Doppelangriff auf Tc8 und Lg6, das konnte Melkumyan entweder mit zunächst 37.-Dc5+ (ein Schachgebot muss bedient werden) und dann 38.-Kh7 parieren, oder mit gleich 37.-Kh7 und auf 38.Dxc8 Dd1+ nebst -Dxb3 – dieser weisse Turm war auch ungedeckt. Stattdessen kam 37.-Tc7? 38.Dxg6+ Tg7 – Idee sicher: nach einem weissen Damenzug kommt 39.-Dxg2 matt. Allerdings: 39.De8+ (ein Schachgebot muss bedient werden) 39.-Kh7 40.De2 [39.Dc2 hätte g2 ebenfalls gedeckt]. Also weisse Mehrfigur, das konnte Howell dann verwerten.

Bei Kuzubov – Anton Guijarro 0-1 landete Weiss in einem schlechten, auf Dauer zu schlechten Endspiel, 0-1 nach 79 Zügen.

Damit führten nun Howell und Anton mit 6/7, fünf Spieler konnten zu Kovalenko/Matlakov/Cheparinov/Fridman aufschliessen. Am einfachsten hatte es der russische GM Demchenko – kampfloser Sieg gegen Bacrot der laut Turnierseite verschlafen hatte (Rundenbeginn 15:30, man darf sich maximal 15 Minuten verspäten). Am überraschendsten IM Arman Mikaelyan aus Armenien, Nummer 216 der Setzliste. Heute besiegte er Lokalmatador Sergei Zhigalko, wenn auch aus schlechter Stellung heraus – zuvor hatte er nach Auftaktniederlage gegen Artemiev 2/2 gegen titellose Spieler und 2,5/3 gegen GMs mit Elo ca. 2600. Ausserdem noch die GMs Jones, Shimanov und Ivanisevic.

Aus Runde 7 noch ein Foto von Elisabeth Paehtz. Ich zeige es, weil sie Deutsche ist und nun einmal fotografiert wurde – nicht weil sie in diesem Turnier besonders auffiel.

Runde 8: Anton Guijarro – Howell 0-1: Der Spanier landete aus einer leicht besseren plötzlich in einer schlechteren Stellung. Falls 26.Txa7 langfristig geplant war: es gewann zwar trickreich (26.-Txa7 27.Db8+) einen Bauern, aber nun stand die weisse Dame im Abseits und die schwarze Initiative am Königsflügel erbrachte ziemlich forciert eine Qualität. Wenn Weiss danach noch Remischancen hatte, dann hat er sie nicht genutzt. Beide wurden individuell fotografiert:

David Howell, der nach dieser Runde live Elo 2700+ hatte (hatte er bereits mal offiziell Mitte/Ende 2015) und das bis Turnierende behielt

David Anton Guijarro, der zwar denselben Vornamen hat wie der Engländer aber aus den letzten vier Runden insgesamt nur 0,5/4 erzielte.

In der Verfolgergruppe gewann Cheparinov mit Schwarz gegen Ivanisevic, auch er hatte nun live (wie zuvor bereits offiziell Ende 2012/Anfang 2013) Elo 2700+. Sowie Demchenko, heute am Brett und erstaunlich glatt mit Weiss gegen Kovalenko. Fridman hatte heute ein eher geruhsames Remis gegen Gawain Jones.

Stand nun Howell 7/8, Cheparinov und Demchenko 6.5/8, 15 Spieler 6/8 – darunter neben Fridman auch bereits Jobava, der nach anfangs 1/3 fünfmal in Serie gewonnen hatte. Heute in einem anfangs ausgeglichenen Damenendspiel gegen Mastrovasilis, wo „Qualität“ der Freibauern wichtiger war als Quantität: e5 und f5 waren für Jobava mehr wert als a6, b7 und c6 für den Griechen – Jobava konnte dann den e-Bauern hergeben und den f-Bauern umwandeln (bzw. Mastrovasilis parierte diese Drohung indem er aufgab).

Runde 9: Howell-Demchenko am Spitzenbrett remis nach 13 Zügen, davon profitierten die Schwarzspieler an den nächsten beiden Brettern:  Cheparinov-Matlakov 0-1 – Schwarz bekam trotz Damentausch vernichtenden Königsangriff, Cheparinov war wieder draussen aus dem Club 2700+. Jones-Jobava 0-1 – auch hier die Entscheidung quasi per Königsangriff, wobei 23.Tac1?? (23.Te2 war Pflicht, und Schwarz steht „nur“ besser) die Sache beschleunigte: 23.-Txf2 24.Dxf2 Txf2 25.Kxf2 Df6+ 0-1. Die schwarze Dame (mit Läufer auf h3) war entscheidend stärker als zwei weisse Türme (plus Sb3)

Jobava wird oft fotografiert, übrigens schon bevor er mit Sonnenbrille erschien.

An den weiteren Brettern zunächst vor allem Remisen, auch Motylev-Fridman: beide standen zum Schluss hässlich (isolierte Doppelbauern auf e3 und e4 bzw. e6 und e5), nur noch Schwerfiguren auf dem Brett bei beiderseits sicherem König, da kann man nach 21 Zügen remis vereinbaren. Relevante entschiedene Partien dann: IM Mikaelyan – GM Anton Guijarro 1-0! sowie GM Navara – GM Ivanisevic 1-0. Schlecht für David aus Spanien, gut für David aus Tschechien, der zuvor etwas zu oft remis gespielt hatte und nun Anschluss zur Tabellenspitze fand. Stand nach neun Runden: Howell 7.5/9, Demchenko, Matlakov, IM Mikaelyan (nun mit GM-Norm), Jobava 7/9, achtzehn GMs (neben Fridman und anderen jetzt auch Navara) 6.5/9.

Runde 10 war dramatisch: Matlakov-Howell 1-0 war saubere Endspieltechnik, an weiteren Partien kippten Stellungen reihenweise und aus Überraschungen bis Sensationen wurden doch Favoritensiege. Bei Demchenko-Jobava 0-1 war das Qualitätsopfer 28.Txd6 Se8 29.e5 offenbar korrekt (wobei 28.Dxd6 mit einfach einem Mehrbauern auch gut war). Die Computerlogik, warum das gespielte 35.Lb3 „0.00“ war, 35.La2 dagegen klar besser für Weiss, versuche ich mal nicht zu ergründen. 37.Td1? aktivierte dann die schwarzen Figuren, ab hier hatte Jobava Oberwasser.

Mikaelyan (rechts) hier zusammen mit Dubov (Remis gegen Rodshtein). Mikaelyan-Navara 1-0 0-1: Weiss hatte einen starken c-Freibauern, Schwarz hatte an sich unzureichendes Gegenspiel am Königsflügel. Dann verzichtete Mikaelyan auf 35.Db8 Kh7 36.Te1 (neutralisiert schwarze Drohungen, Weiss dominiert total). Dann war 39.DxTc8? Dxc8 40.Sb5 gut gemeint, aber er hatte nie die Zeit für Sd6/a7 nebst c8D – bzw. schon aber nun hatte Schwarz Mattangriff, den Weiss trotz Mehrturm nicht parieren konnte. So gewann Elo 2739 doch noch gegen Elo 2444.

JK Duda (links) hier zusammen mit Evgeny Tomashevsky. Duda-Romanov 1-0 war ziemlich glatt im Endspiel, damit hatte Duda (im Gegensatz zu Howell und Cheparinov erstmals im Schachleben) live Elo 2700+. Nebendran war Shimanov-Fedoseev 0-1 ebenfalls Turmendspiel-Technik. Fedoseev hatte den Club 2700+ nach Runde 6 (Niederlage gegen Pantsulaia, zuvor Niederlage gegen Fridman) verlassen, nun war er wieder da voll etabliert. Ihn sollte ich auch noch zeigen, auch wenn das Foto (zufällig auch mit Tomashevsky) von vor dem Ruhetag stammt und bereits im Zwischenbericht erschien:

Cheparinov gewann mit Schwarz gegen Salgado Lopez. Fridman und Areshchenko zeigten, dass es auch anders geht: Figuren abtauschen und nach 20 Zügen remis vereinbaren. In der Gruppe mit zuvor 6,5/9 noch einige weitere nicht unbedingt ausgekämpfte Remisen – Weltcup-Qualiplätze absichern … . Wer zuvor 6/9 hatte brauchte dafür einen Sieg – daher an 25 Brettern nur sechsmal Remis, zehnmal gewann Weiss, neunmal gewann Schwarz. Dramatisch war u.a. Antipov-Jones 0-1 aus – jedenfalls für Computer – totaler weisser Gewinnstellung heraus.

Und nun der erwähnte Brudermord: Zhigalko-Zhigalko 1-0 (Sergei hatte Weiss, Andrey Schwarz). Sergei ist Jahrgang 1989, Andrey Baujahr 1985 – natürlich war Andrey zunächst besser, dann waren sie etwa gleichwertig, nun ist Sergei besser. Bis einschliesslich 2008 hatten ihre Partien auch mal Sieger und Verlierer, dann remisierten sie – zunächst in unterschiedlichen Eröffnungen und milde ausgekämpft, dann entdeckten sie die Spanisch Abtausch Kosintseva-Variante (Damenopfer nebst Dauerschach) und zelebrierten sie seit 2012 fünfmal. Heute brauchte Andrey im Weltcup-Sinne einen vollen Punkt, Sergei (bei der EM 2016 bereits qualifiziert) bekam ihn.

Aus deutscher Sicht noch relevant: Svane-Bluebaum 0-1 – 31.e4?? stellte in ausgeglichener bzw. für Weiss zumindest optisch besserer Stellung eine Figur ein, im Trüben fischen half danach auch nicht mehr. Kunin-Fedorchuk 1-0 – nach Sjugirov in Runde 9 besiegte Kunin wieder einen Grossmeister der Kategorie 2600+. Dieses war sein zweiter Streich, und der dritte … da muss sich der Leser noch etwas gedulden, denn auch zur Schlussrunde beginne ich dann von oben. Zunächst aber noch der Stand vor dieser letzten Runde: Matlakov und Jobava 8/10, Cheparinov, Duda, Howell, Navara, Fedoseev 7.5, Fridman und 31 weitere Spieler 7.

Matlakov, Jobava und eventuell (beste Wertung) Cheparinov konnten noch Europameister werden, die anderen mit 7,5/10 eher nicht (da gegenüber Matlakov schlechtere Wertung). Was Weltcup-Qualifikation betrifft: Bei guter Wertung würde 7,5/11 reichen, bei schlechter Wertung nicht. Aus deutscher Sicht: Fridman (7/10 und beste Wertung in dieser Gruppe) würde ein Remis reichen, Bluebaum und Kunin (7/10 bei schlechter Wertung) wahrscheinlich nicht. Wenn man ihn noch als Deutschen betrachtet: Naiditsch hatte 7/10 und relativ gute Wertung, zu diesem Zeitpunkt Platz 14.

Runde 11 – das Foto der Spitzenbretter hatte ich bereits als Titelfoto aber bringe es nun nochmals:

Die Runde begann um 11:00 – alle, auch Bacrot an Brett 8, waren pünktlich bzw. Jakovenko (Schwarz an Brett 4) verspätete sich um neun Minuten aber das ist noch im erlaubten Bereich. Zehn Minuten nach Rundenbeginn bereits die ersten Ergebnisse:

Bei Howell-Duda wurde 1.Sf3 Sf6 2.c4 b6 3.g3 c5 gespielt und dann sagte der Schwarzspieler vielleicht „wir wollen doch beide Elo 2700+ behalten und beim Weltcup mitspielen?“. Kuzubovs Kurzremis gegen Bacrot war durchaus riskant – am Ende hat er sich gerade so als letzter von 27 noch für den Weltcup qualifiziert. Bei Jakovenko wurde seine Verspätung bei Rundenbeginn offenbar registriert, dokumentiert und akzeptiert.

An Brett 2 Cheparinov-Navara (beide bereits für den Weltcup vorqualifiziert) wurde gespielt, aber nach 28 Zügen war das Remis unterschriftsreif. Damit war klar, dass Matlakov ein Remis zum EM-Titel reicht, Jobava musste dagegen gewinnen und versuchte es durchaus, selbst mit ungewöhnlichen Mitteln: Zum einen (siehe Foto oben) 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.c3!?, zum anderen:

Jobava oben ohne Sonnenbrille!!? Vorteil erreichte er, aber es reichte nicht zum Sieg – Gold für Matlakov, Silber für Jobava. Da Jakovenko noch zur Partie erschien, musste Fedoseev am Brett gewinnen und schaffte das im Endspiel – Bronze für ihn. Von den Medaillengewinnern war Matlakov der konstanteste (+6=5), Jobava und Fedoseev hatten dagegen beide eine Doppelnull im Turnier – Jobava in Runde 2 und 3, dann acht Siege in Serie, dann sein einziges Remis; Fedoseev in Runde 5 und 6, davor ein Remis in Runde 4, danach fünf Siege in Serie.

Weitere Weltcup-relevante Partien, alle kann ich dabei nicht erwähnen. An Brett 5 remisierten Sutovsky und Ponomariov ausgekämpft, für beide reichte es nicht. Nun zunächst durch die deutsche Brille betrachtet: Brett 6 Bluebaum-Naiditsch 1-0! Naiditsch reichte ein Remis zur Weltcup-Qualifikation, vielleicht deshalb spielte/erlaubte er eine Damengambit-Variante, die nach frühem Damentausch trotz schwarzem f-Doppelbauer als remislich gilt. Dann wurde es materiell unbalanciert, zuerst potentiell und dann tatsächlich: Computern gefiel 22.Sxd5!? mit als Endergebnis Turm und zwei Bauern gegen zwei Leichtfiguren (bei passivem schwarzem Lh7). So spielte Bluebaum nicht, und dann löste Naiditsch sein Lh7-Problem mit dem radikalen Figurenopfer 23.-Lxf5. Dafür bekam er einige Bauern, aber auf Dauer war eine Figur eine Figur.

Wie gewonnen so zerronnen für Naiditsch: Mit einem Sieg in Runde 10 gegen Bosiocic hatte er gerade die Weltcup-Zone erreicht, so landete er bei Elo-neutralem Turnier auf Platz 41. Bluebaum hatte vor dem Ruhetag nur 50%, danach erzielte er noch 5,5/6.

Brett 17 Kovalenko-Fridman 0-1: Kovalenko hatte sich bereits bei der EM 2016 für den Weltcup qualifiziert, demnach konnte er etwas riskieren, und der Schuss ging aus seiner Sicht nach hinten los. 9.h3 und 10.g4 ermöglichte den Bauerngewinn 11.Sxe5, dafür hatte Fridman allerdings Kompensation. Im 23. Zug musste Weiss auf Ausgleich/Schadensbegrenzung umschalten, stattdessen überspannte er den Bogen: Schwarz bekam materiellen Vorteil. Zuerst waren es Bauern, da der vorgerückte weisse Bauer auf e6 fiel und die schwarze Dame sich auch ungestraft auf b2 und a2 bedienen konnte (Kovalenko dachte vielleicht, dass er die schwarze Dame fangen kann und hatte dabei das Detail 25.Teb1 b6! übersehen). Dann wurde es eine Qualität, ausserdem konnte Schwarz von der löchrigen weissen Königsstellung profitieren. Für Weltcup-Qualifikation hätte Fridman ein Remis gereicht, so wurde er – an 79 gesetzt – Vierter im Turnier.

Aller guten Dinge waren drei – aus deutscher Sicht und aus Kunins Sicht. Er wurde heruntergelost, Gegner Mamedov brauchte also zur Weltcup-Qualifikation auf jeden Fall einen Sieg, und dann wurde daraus Mamedov-Kunin 0-1 – aus Verwicklungen entstand ein für Schwarz klar besseres bzw. eben gewonnenes Endspiel. Gerne würde ich Fridman und/oder Bluebaum und/oder Kunin zeigen, aber Fotos von ihnen gibt es nicht. Fotografiert wurden stattdessen andere, die für ihre Verhältnisse sehr gute Turniere erwischten:

Der Russe FM Andrey Esipenko (*2002) war einer von mehreren, die am Ende eine GM-Norm erzielten. Ausserdem in der Abschlusstabelle von oben nach unten: aus Armenien IM Martirosyan (*2000), IM Hakobyan (*2001) und IM Mikaelyan (*1996), für den im Turnierverlauf noch mehr drin war, aus der Ukraine IM Shevchenko (*2002) sowie als zweiter Russe der ebenfalls relativ alte IM Sychev (*1996).

Bibisara Assaubayeva (*2004) – den Namen muss man sich vielleicht, wenn man ihn noch nicht kannte, auch merken. Für die junge Dame bedeutete das Turnier IM-Norm und Elo plus 140. Da hat K-Faktor 40 natürlich geholfen, aber gegen die Gegner die sie bekam (fünf GMs, vier IMs und zwei FMs) war 2/11 das „normale“ Ergebnis, 5,5/11 holte sie.

Weissrussen wurden auch fotografiert, hier Viachaslau Zarubitski (*2002). TPR 2446 ist wahrscheinlich, wenn die Elo seines einzigen relativ schwachen Gegners (Elo 1972) für Norm-Rechenzwecke etwas angehoben wird, auch eine IM-Norm.

Ende des kleinen Exkurses, noch zu einigen Weltcup-relevanten Duellen: Areschchenko-Demchenko 1-0 – ein a-Freibauer machte im Schwerfigurenendspiel mit Läufern den Unterschied. Demchenko, zwischendurch ganz vorne dabei, konnte es quasi verkraften da er sich letztes Jahr als 23. und Letzter für den Weltcup qualifizierte. Kravtsiv-Mikaelyan 1-0 – noch eine Niederlage für den dennoch überraschend starken Armenier. Am Ende nur Platz 43 für ihn – oder immerhin, da er ja an 216 gesetzt war – nebst GM-Norm und 31 Elopunkten. Bok-Khismatullin 1-0 glatt im Endspiel. Mastrovasilis-Swiercz 1-0 etwas glücklich, da Schwarz im Damenendspiel Dauerschach hatte, aber darauf verzichtete und dann plötzlich total hilflos war.

Noch kurz zu den noch nicht erwähnten deutschen Teilnehmern: Rasmus Svane, Dennis Wagner, Alexander Donchenko und Elisabeth Paehtz alle etwa im Rahmen der Elo-Erwartungen. Jeweils bekamen sie, und das war wohl auch Sinn der Sache, teilweise starke Gegner. Donchenko hinterliess zu Beginn vielleicht den besten Eindruck und konnte das so nicht durchhalten: die Niederlage gegen Jakovenko durchaus in Ordnung, die gegen GM Neverov (Elo 2472) eher nicht. Paehtz ist im Turnier zweimal aufgefallen: kurios-negativ in Runde 4 gegen Saric (siehe Zwischenbericht), positiv dann zum Schluss gegen GM Banusz, der immerhin Elo 2616 hat es allerdings in dieser Partie nicht zeigte – wenn Weiss in 21 Zügen gewinnt hat Schwarz einiges falsch gemacht. Rainer Buhmann im Elosoll: drei Niederlagen – gegen Tomashevsky und Movsesian OK, gegen IM Diermair eher nicht – und etwas zu oft remis gegen nominell unterlegene Gegner. Bleibt noch Martin Gebigke, der in Runde 7 kampflos verlor und danach nicht mehr gepaart wurde – Hintergründe kenne ich nicht.

Elo-Zugewinne im zweistelligen Bereich gab es für jede Menge Spieler, aus Deutschland Fridman (+25) und Kunin (+19). Natürlich gab es auch Elo-Verlierer, um nur einige bekannte Namen zu nennen: Leko -13.5, Platz 90 für die Nummer 8 der Setzliste – neben vielen Remisen auch Niederlage gegen GM Bocharov. Korobov -27, Platz 166 für die Nummer 17 – 6/11 bei vier Niederlagen gegen Elo unter 2600, immerhin hat er tapfer bis zum Ende gespielt. Das gilt nicht für Kryvoruchko (Elo -19), der nach 3,5/7 auf die restlichen Runden verzichtete. Und auch nicht für Ragger (Elo -20), der sich offenbar gegen IMs erst auf 50% verbessern wollte (Remis in Runde 6, Niederlagen in Runde 7 und 8, Siege in Runde 9 und 10) und dann auf die letzte Runde verzichtete. Auch Smirin hatte ein sehr schlechtes Turnier: 6/11 kostete ihn, da er bei eigener Elo 2676 keinen einzigen Gegner aus der Kategorie 2500+ hatte, 32 Elopunkte.

2 thoughts on “Buntes Treiben bei der Europameisterschaft

  1. Lieber Schachfreund Thomas Richter,

    Ihre Beiträge auf der Webseite von schachticker.de sind wirklich immer witzig und amüsant zu lesen. Respekt! Und das, obwohl Sie es ja nicht ganz einfach haben in Ihrem Job als Schachautor. Nun mussten Sie sogar ein Foto von Elisabeth Pähtz bei der Europameisterschaft in Minsk, ich zitiere: „zeigen, weil sie Deutsche ist und nun einmal fotografiert wurde – nicht weil sie in diesem Turnier besonders auffiel“. Das ist in der Tat unerhört. Welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Staatsbürgerschaft wechseln, damit Sie sie nicht mehr als Deutsche berücksichtigen müssen? Oder erst mal mit dem Fotografen reden, damit dieser nicht fahrlässig Elisabeth Pähtz fotografiert? Es gab ja schließlich noch fast vierhundert andere Spieler als Motiv. Wie auch immer. Ich lese weiter Ihre Texte. Weil Ihre Beiträge nun einmal auf der Seite von schachticker.de stehen – nicht, weil sie dort besonders auffallen.

    Mit freundlichen Grüßen aus Erfurt

    Thomas Pähtz

  2. In der Tat haben sich für den Schach-Weltpokal im Format mit 128 Teilnehmern, der im zweijährigen Rhythmus durchgeführt wird, noch niemals vier Aktive des DSL qualifiziert. 2005 war es Arkadij Naiditsch, der seit zwei Jahren für den aserbaidschanischen Schachverband spielt. 2007 [Jan Gustafsson, David Baramidse. Naiditsch] und 2009 [Gustafsson, Georg Meier, Naiditsch] schaffte es jeweils ein Trio. 2011 – Chanty Mansijsk war zum vierten Mal Austragungsort – konnte sich nur Daniel Fridman qualifizieren. In Trömso 2013 fand das Turnier, das Teil des Qualifikationszyklus zur Schach-WM ist, ohne deutsche Beteiligung statt. 2015 in Baku startete für den DSB Liviu-Dieter Nisipeanu, der in Runde 2 Peter Swidler in der Verlängerung mit 1,5:2,5 unterlag.

    Alle wichtigen statistischen Info zum Schach-Weltpokal findet man unter dem Link https://de.wikipedia.org/wiki/Schach-Weltpokal .

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