Mannschafts-WM in Khanty-Mansiysk

Laut Turnierseite sind „die besten Schachspieler aus Russland, Georgien und USA“ bereits in Sibirien angekommen. Da habe ich wohl die sensationelle Nachricht verpasst, dass So und Caruana schon wieder den Schachverband wechselten und Nakamura sich ihnen angeschlossen hat. Auch Russland spielt nicht in Bestbesetzung, wenn auch immerhin mit fünf Spielern der Kategorie 2700+. China spielt dagegen in Bestbesetzung. Dass Georgien nur mit der nationalen Nummer 10, 19, 24 und 25 dabei ist hat konkrete Gründe: Jobava wäre, auch wenn er sich rasiert, bei den Damen nicht spielberechtigt.

Turnierseite

Aber zunächst zu den Herren: Warum erinnern einige Aufstellungen ein bisschen an Mitropa-Cup – zweite Garnitur und oft junge Spieler? Es gibt Konkurrenzveranstaltungen in Stavanger (läuft momentan noch) und Paris (beginnt am 21.6., da wird in Khanty-Mansiysk die fünfte von neun Runden gespielt). Verschiedentlich konnte man lesen, dass der Termin der Mannschafts-WM „unglücklich gewählt wurde“ – dabei stand er wohl schon fest, bevor Norway Chess und Chess Tour sich terminlich festlegten.

Zu den Aufstellungen zunächst der Favoriten: Russland spielt mit Nepomniachtchi, Svidler, Europameister Matlakov, Vitiugov und Jungstar Fedoseev. Nepomniachtchi muss sich etwas beeilen, um kurz nach dem Turnier in Leuven Schnell- und Blitzschach zu spielen. Grischuk und Karjakin machen das bereits in Paris, Kramnik und Karjakin spielen momentan noch in Stavanger – letzte Runde am Freitag, da Khanty-Mansiysk dezentral gelegen ist könnten sie nicht pünktlich zur ersten Runde am Samstag erscheinen. Das haben die Norweger prima hinbekommen.

China ist bei Norway Chess und Chess Tour nicht vertreten, also haben ihre Besten Zeit für die Mannschafts-WM: Ding Liren, Yu Yangyi, Wei Yi und Li Chao. Nur da Reservebrett Wen Yang deutlich schlechter ist (Elo 2617) ist der Eloschnitt aller fünf schlechter als für das russische Team (2720 zu 2724). Wie oft Wen Yang tatsächlich spielt, wird sich zeigen.

Die Ukraine auch mit einer recht starken Truppe: Ponomariov, Korobov, Moiseenko, Areshchenko, Kravtsiv. Ivanchuk spielt allerdings parallel ein Match gegen Navara, Eljanov fehlt auch.

Die USA mit der zweiten Garnitur: Xiong, Robson, Onischuk, Shankland, Akobian. Jungstar Xiong bekommt am Spitzenbrett immerhin einige starke Gegner, vermutlich auch im Match gegen Polen – die spielen mit Wojtaszek, Duda, Piorun, Bartel und Gajewski.

Das waren die ersten fünf der Setzliste, nun der Rest: Indien wie immer ohne Anand, ob der junge Karthikeyan tatsächlich das Spitzenbrett bekommt wird sich herausstellen – Adhiban, Vidit, Sasikiran und Negi sind nach Elo besser. Weissrussland bekam offenbar eine Wildcard und spielt fast in Bestbesetzung – dennoch ohne bekannte Namen zumal Kasparov (Sergei, nicht Garry) nicht dabei ist. Die Türkei auch fast in Bestbesetzung, Spitzenbrett Solak wählte offenbar die Anreise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Norwegen, aufgrund Platz 5 bei der Olympiade qualifiziert, dachte „was die USA können das können wir auch“ und spielen ebenfalls ohne drei. Da es neben Carlsen, Hammer und Agdestein nicht mehr allzu viele Grossmeister gibt, sind auch drei IMs im Team (Tari, Urkedal, Solomon, Elsness, Hauge). Bleibt noch Ägypten – Afrika muss sein. Auch sie spielen ohne drei – nicht im Team die einigermassen bekannten GMs Amin, Adly und Shoker, stattdessen komplett (mir) total unbekannte Namen.

Bei den Damen zunächst nur welche Länder dabei sind – Russland, China, Georgien, Indien, Polen, Ukraine, Aserbaidschan, USA, Vietnam und Ägypten (Afrika muss sein). Russland (Kosteniuk, Lagno, Gunina, Goryachkina, Girya) ist auch hier leichter Elofavorit gegenüber China (Ju Wenjun, Tan Zhongyi, Zhao Xue, Lei Tingjie, Guo Qi) – wiederum liegt es am relativ schwachen chinesischen Reservebrett (kein gleichwertiger Ersatz für Hou Yifan die vorne fehlt). Georgien (Dzagnidze, Batsiashvili, Javakishvili, Khotenashvili, Melia) will vielleicht mehr als Bronze, das ihnen laut Startliste „gehört“. Von den anderen Teams nur ein paar bekannte Namen: Harika für Indien, Ushenina für die Ukraine, Mamedyarov mit a dahinter für Aserbaidschan, Zatonskih für die USA. Die exotischsten Namen hat, da man sich an chinesische Namen bereits gewöhnt hat, Vietnam. Die Elo-exotischste Teilnehmerin kommt aus Ägypten: Reservebrett Ihab Tasnim hat, (un)passend zum WIM-Titel, Elo 1750.

Gespielt wird vom 17.-26. Juni jeweils um 15:00 Ortszeit, Ausnahmen: Ruhetag am 22.6., letzte Runde zwei Stunden früher – in Mitteleuropa ist Rundenbeginn um 12:00 bzw. 10:00. Und zwar, um das Titelbild nun endlich zu erklären, in der Ugra Chess Academy. Zeitkontrolle: 90 Minuten für 40 Züge, 30 Minuten für den Rest mit 30 Sekunden Inkrement von Anfang an. Ob man’s glaubt oder nicht: momentan ist es in Khanty-Mansiysk sommerlich warm mit Temperaturen um 25ºC – bei anderen Gelegenheiten zu anderen Jahreszeiten war auch mal Tiefkühlschrank mit ca. -30ºC angesagt.

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One thought on “Mannschafts-WM in Khanty-Mansiysk

  1. In Khanty Mansisk ist es wärmer als in Bremen? Ungerecht! Sonst aber, vielen Dank, Thomas Richter, für den Vorbericht! Vor lauter Schach in Nord, Süd, Ost, West kommt man zwar gar nicht mehr hinterher, alles zu verstehen, zu lesen, und zu verarbeiten, aber so ein Vorbericht hilft einem schon ganz gut dabei. Bedankt!

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