Finale der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft

DSAM 2016/17 in Niedernhausen bei Wiesbaden beendet!

Von Ralf Mulde.

Zehnjährige Kinder bedürfen besonderer Aufsicht und der Fürsorge. Man nimmt sie an die Hand und passt auf sie auf. Das ist natürlich auch am Schachbrett so – denkst Du Dir jedenfalls, bevor Du mit dem 10jährigen Deutschen Schach Amateur-Vizemeister 2016/17 Matteo Metzdorf am Brett gesessen hast. Der Matteo hat in der Gruppe D (Rating 1501-1700, etwas über dem durchnittlichen Clubspieler) mit 4,0 Pkt. = 80% den zweiten Platz gemacht! Im April 2007 geboren, spielt für die SG Trier und schließt das FINALE einer Deutschen Meisterschaft als Vizemeister (D) ab!

Gut, denkt man sich, Donnerwetter, aber kann ja mal passieren. Dann schaut man auf die Tabelle der Gruppe F (Rating bis 1300) und stellt fest: Der hier Zweiter, also Deutscher Vizemeister, wurde, der Adrian Neo Hoke aus Parensen, der wurde im Juli 2006 geboren und trumpfte mit 4,0 Punkten auf! Was ist denn los mit den Kindern? Sogar noch ein Jahr jünger ist Bahne Fuhrmann vom Hamburger SK, im April 2007 geboren, ein paar Tage älter als Matteo und mit 3,5 Punkten in der F-Gruppe auf dem fünften Rang. Die übliche Frage: „Sollen wir Kindern überhaupt schon Schach beibringen?“ kehrt sich vor diesem Hintergrund um: „Sind die Lütten so nett, uns ein paar Trainerstunden zu geben?“

Der 83jährige Deutsche Jacques Mieses spielte in Stockholm 1948 gegen den 84jährigen Holländer Dirk van Foreest. Mieses siegte und kicherte: „Die Jugend hat triumphiert!“ Nun wurde der Satz das Leitmotiv des gerade beendeten Finales der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft DSAM.

Damit sind wir dann schon ungefähr im Bereich des diesmal ältesten DSAM-Finalisten, nämlich CM Hubert Walkewitz aus Niemegk. Der ist Jahrgang 1934 und hatte natürlich trotz seiner aktuellen Elo 2122 und DWZ 2052 überhaupt keine Chance – oder? Es war wieder einmal ganz anders. Ich bewundere jede und jeden, dem es gelingt, in diesem Alter noch auf diesem erstaunlich hohen Niveau spielen zu können – und umso mehr, wenn der wie Schachfreund Walkewitz mit 3,5 Punkten in der schwierigen B-Gruppe (die haben da Rating; und zwar 1901 – 2100) Sechster wird! Insgesamt also erlebten wir in Niedernhausen erstaunliche Siege von beiden Seiten der Alterspyramide.

Sandra Schmidt

Besonders im Fokus stand aber natürlich der strahlende Sieger der A-Gruppe (2101 – 2300), in der Dinge auf dem Brett gesehen werden, die noch nie zuvor ein Mensch … Es war Derek Gaede vom Hamburger SK, der mit eigentlich unglaublichen 4,5 Punkten aus fünf Partien durch das Turnier eilte, als ob er gleich noch ein zweites spielen wollte. Genau zum richtigen Zeitpunkt erlebte er seinen Höhenflug, denn mit seiner aktuellen Elo 2311 hätte er nicht mehr so recht in die DSAM gepasst. Die Ratings werden aber vor dem Saisonstart erhoben und zu dem Zeitpunkt muss unser Champion noch unter Zwodrei gewesen sein. – Zweiter wurde Matthias Tonndorf von der Caissa Wolfenbüttel. 4,0 Punkte genügten in einigen Jahren schon für den Titelgewinn, aber diesmal war es anders.

Aber gerade im Schachticker war doch zuletzt ziemlich oft von einer jungen Dame die Rede, die sich geradezu auf einem schachlichen Siegeszug zu befinden scheint? Die Deutsche Schach-Amateurmeisterin (B) 2016/17, FM La Jana Schneider (Spvgg 1946 Stetten, Elo aktuell 2261, DWZ 2191, 2002 geboren) setzte diesen überwältigenden Triumphmarsch fort. 4,5 Punkte aus 5 Partien sind brillant. Das Remis gegen sie errang der Gruppenzweite Frederik Svane (Elo aktuell 2204). Frederik wurde erst 2004 geboren und passt als 13jähriger sehr gut in dieses Finale, in dem die Jugend so hervorragend abschnitt!

DSB Prsd Ullrich Krause strahlt bei Ehrung der Sieger dahinter stv Hoteldirektorin

Der Potsdamer Tobias Röhr wurde 2003 geboren und ist jetzt Deutscher Schach-Amateurmeister (C) 2016/17. Ein 14jähriger. Auch das passt ja ins gesamte Bild. Ihm gelang der große Wurf! 4,5 Punkte in der Gruppe C (1701 – 1900), der er mit seiner aktuellen Elo 2022 eigentlich schon wieder weit entwachsen ist; offenbar hat Tobias vergangenen Jahr sehr viel und erfolgreich gespielt.

Die Grötzbach-Zwillinge Daniel und Julian standen schon oft im Scheinwerferlicht. Jetzt hat der Vater nachgezogen: Jürgen Grötzbach ist Deutscher Schach-Amateurmeister (D) 2016/17. Auch in dieser Gruppe war der Titel nicht unter 4,5 Punkten zu haben – offenbar keine zu hohe Hürde für den Familienvater aus Sasel / Hamburg. Und haben wir in dieser Gruppe schon einmal Matteo Metzdorf erwähnt …?

SR Albrecht Beer geehrt _ rechts DSB Vize Deventer

Gruppe E war für manche Organisatoren eine Herausforderung; anscheinend muss man sich in die Aussprache französischer Namen erst wieder einfinden. Es geht um Pascal Besancon (so wie die Stadt) und dessen Name wurde zum Glück recht oft ausgesprochen, denn er ist der neue Deutsche Schach-Amateurmeister (E) 2016/17. Wer ist denn das nun? Wir zitieren die Homepage der DSAM: „Pascal Besancon. Er wurde 2002 geboren, spielt im ostthüringischen Schachklub Weida und erreichte 2017 bei der DSAM in Hamburg-Bergedorf (4,0 pt.) und bei der Thüringer Einzel mit 4,5/7 herausragende Ergebnisse. Davor lag die Ostthür. Mannsch.-Mst. U16 2015/2016 mit großartigen 7/9 und aktuell stehen in der laufenden Landesklasse Ost 2/2 zu Buche.“

SR Hugo Schulzr geehrt _ rechts DSB Vize Deventer

Und dann kam da noch die Gruppe F über uns, eine Wundertüte. Das deshalb, weil die Teilnehmer oftmals sehr jung sind und sich demgemäß sehr schnell entwickeln und auch, weil die Gruppe mit ihrer Rating-Korridor null bis 1300 unkalkulierbar ist. Da wackelt einer vor gut einem halben Jahr beim Jürgen Kohlstädt an den Anmelde-Tisch, hat kein Rating, kommt damit in die F und findet nun den Bücherstand (in diesem Jahr der von Stavridis – einfach super!), bildet sich also durch seine Partien und „häusliches Studium“ fort, wird also rasch viel stärker. Aber das „null Rating“ hat er eben weiter, weil in einer solchen Turnierserie immer über die gesamte Saison die Elo / DWZ „durchgezogen“ wird, die zu Saisonbeginn in den Akten stand. Machte man es anders, würde ein Spieler womöglich in einem Turnier in der C-Gruppe, im nächsten in der D-Gruppe usw. spielen, was die Dinge doch mal so richtig sympathisch chaotisieren würde.

SR Wiedmann wird von Vizeprsd Deventer geehrt

In der Gruppe F siegte in einer ganz ruhigen, stillen Art Anke Schönfeld, Niederwiesa. Mit 4,5 Punkten wurde sie Erste dieser Gruppe und damit zugleich Meister wie auch Deutsche Frauen Schach-Amateurmeisterin (F) 2016/17 – Adrian Neo Hoke aus Parensen hat nicht nur einen Namen, den man nicht so schnell vergisst (was auf seinen drei Jahre älteren Bruder Joshua Sky ebenfalls zutrifft), sondern auch die dazu passende Persönlichkeit. Immerhin wurde der Deutsche Schach-Amateurvizemeister (F) 2016/17 erst 2003 geboren! „Die Jugend hat triumphiert …!“

Wir vom DSAM-Team als Teil des DSB hoffen, dass dieser erstaunliche Trend der erfolgreichen Jugend, der sich in den Vorturnieren und nun auch im Finale abbildete, sich so und noch besser fortsetzen möge! Es ist auch ein Beispiel für die bunte, durchaus anstrengende und erfolgreiche Tätigkeit der vielen „Macher“ in den deutschen Schachvereinen.

Hanno Duerr_ Ehrenprsd inmitten anderer Finalisten

So ein DSAM-Finale endet wie jedes Schachturnier nicht mit dem letzten Zug, sondern mit der Ehrung der Sieger. Die ist wie die Eröffnung Bestandteil des Turniers. Deshalb erhalten Spieler, die an der Ehrung nicht teilnehmen, wie wohl überall keine Preise. Das kam aber nicht vor, weil erstens das Ganze im feierlichen Rahmen der „Gala des Deutschen Schachs“ stattfand, es gab also am Buffet einiges abzuholen, zweitens der DSB-Partner ChessBase nun verkündete, wer bei den Löser-Wettbewerben etwas gewonnen hatte (teilgenommen hatte wohl der gesamte Landstrich, es war unglaublich!) und drittens präsidialer Besuch zu bestaunen war; Vizepräsident Deventer und den neu gewählte Präsident des Deutschen Schachbundes waren da, beantworteten Fragen während einer Podiumsdiskusssion und machten sich dadurch den (nicht wenigen) Schachamateuren auf sympathische Weise bekannt. Nicht zuletzt wurden mit Thomas Wiedmann, Hugo Schulz und Albrecht Beer drei Schiedsrichter für zusammen ungefähr sechs trilliarden Einsätze am Brett geehrt – eine schöne Geste, die in ihrer heiteren Freundlichkeit gut zum gesamten Turnier passte.

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Veröffentlicht unter DAM |