Chess Tour in Paris, dann Leuven

Zur Erinnerung: Letztes Jahr hatte die Chess Tour nach dem Ausstieg von Norway Chess ein Problem – zwei Turniere mit klassischer Bedenkzeit sind etwas wenig für eine „Tour“. Damals wurden dann kurzfristig zwei Schnell- und Blitzturniere aus dem Boden gestampft – in Paris von Freunden von Vachier-Lagrave der so die gesamte Tour mitspielen durfte, im belgischen Leuven offenbar von einem Kumpel von Kasparov der so zur Rettung von dessen Chess Tour Projekt beitrug. Da Paris und Leuven nur gut 300km voneinander entfernt sind, kann man die Turniere direkt nacheinander ausrichten. Da es allen – Chess Tour und lokalen Geldgebern – offenbar gut gefallen hat gibt es diese Shows auch 2017. Vielleicht auch, da Pläne/Versprechungen für ein weiteres Turnier mit klassischer Bedenkzeit nach wie vor nicht konkret wurden.

Damals waren die Turniere qua Teilnehmerfeld fast identisch: in Paris bekam Fressinet eine wildcard da Anand verhindert war, bei beiden Turnieren bekam Carlsen (der keine Lust auf die ganze Tour hatte) eine wildcard. Diesmal sagte Rex Sinquefield „Schnell- und Blitzschach, das will ich auch, $$$ habe ich schliesslich“ – also gibt es später nach dem Sinquefield Cup noch „Saint Louis Rapid & Blitz“. Die neun ‚tour regulars‘ spielen zwei dieser drei Turniere mit verkürzter Bedenkzeit, damit ist jeweils Platz für vier wildcards. Wildcards gibt es für Spieler, die die Quali für die gesamte Tour knapp verpassten bzw. nicht alle Turniere mitspielen können/wollen, für Lokalmatadoren und eventuell für andere ‚interessante‘ Spieler.

Ich bespreche zunächst Paris und werde dann auch Leuven bereits erwähnen – dann brauche ich, da vieles identisch ist, eventuell keinen eigenen Leuven-Vorbericht. In Paris spielen, in alphabetischer Reihenfolge, Bacrot, Carlsen, Caruana, Grischuk, Karjakin, Mamedyarov, Nakamura, So, Topalov und Vachier-Lagrave. Frankreich ganz vorne und ganz hinten – so könnte es vielleicht kommen wobei MVL normalerweise vor Bacrot landen sollte. Topalov weit hinten – so war es bei drei seiner vier Turniere der Chess Tour 2016, aber da er wie die Chess Tour stark anti-FIDE eingestellt ist darf er trotzdem mitspielen. Er brauchte also einen Freiplatz, die anderen Freiplätze sind eher nachvollziehbar: Bacrot weil er Franzose ist und weil Fressinet 2016 Letzter wurde (Topalov dadurch Vorletzter), Grischuk weil er im Schnell- und Blitzschach nach wie vor engere Weltklasse ist, Mamedyarov als Elo-Aufsteiger der letzten Wochen bis Monate. Für einen Tour-Stammplatz kam das zu spät, die Paris-wildcard bekam er bereits im März nach seinem Sieg (zusammen mit MVL und Grischuk) beim Sharjah Grand Prix. Von den neun Tour-Stammteilnehmern fehlen diesmal Nepomniachtchi (spielt bei der Mannschafts-WM), Anand (könnte da spielen, macht es aber traditionell nicht) und Aronian (zweiter Aufsteiger anno 2017 neben Mamedyarov).

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Carlsen sagte nach seinem Auftritt in Stavanger „Ich bin sicher, dass ich in Paris sehr gut abschneiden werde und freue mich darauf“. Mag sein, im Schnell- und Blitzschach passieren generell mehr Fehler – davon profitieren Spieler, deren Spielweise vor allem darauf ausgerichtet ist, selbst keine Fehler zu machen und gegnerische Fehler auszunützen. Vielleicht funktioniert „Ähm äh ich mach nichts, mach Du doch einen Fehler“ in Paris wunderbar, für Carlsen und/oder So. Sechs der zehn Stavanger-Teilnehmer sitzen in Paris wieder am Brett, neben Anand (der bei Norway Chess enttäuschte) fehlen die, bei unterschiedlichen Plazierungen in der Tabelle, belebendsten Faktoren Aronian, Kramnik und Giri. Vachier-Lagrave hatte es in Norwegen immerhin versucht, war mit seinem Ergebnis (obwohl punktgleich mit Carlsen) dabei wohl nicht zufrieden.

Hier kann ich vielleicht noch das „Universal Rating System“ erwähnen – auch wenn es seit es laut veröffentlicht wurde kaum Schlagzeilen machte. Da hat Carlsen (2851) nach wie vor gut 50 Punkte Vorsprung auf die Nummer zwei. Das liegt zum einen daran, dass sie Norway Chess noch nicht ausgewertet haben, zum anderen berücksichtigen sie ja auch Schnell- und Blitzschach: sein mühsamer WM-Sieg gegen Karjakin bedeutete durch den Sieg im Tiebreak nicht allzu viele Elokratzer, danach kam im Dezember noch die WM im Schnell- und Blitzschach. Nummer zwei ist da Nakamura mit 2792 – schliesslich wird Schnell- und Blitzschach auch berücksichtigt, davon profitiert vor allem er (ausserdem auch Nepomniachtchi) während es Caruanas Elo drückt, in dieser Liste ist er nur Nummer sieben. Dass Mamedyarov 2017 erfolgreich war ist auch „Universal Chess Ratings“ aufgefallen, zu Aronian: siehe oben, Norway Chess ist noch nicht ausgewertet.

Nun die üblichen Fakten zum Turnier: Gespielt wird im Studio von Canal+ unter Ausschluss der Öffentlichkeit – Fotos wird es vielleicht/hoffentlich trotzdem geben, wer sie in dieser Vorschau vermisst: bisher gibt es noch keine. Auch nicht von der Ankunft der Spieler (gestern, Montag) oder „Pro/Biz, Press & Corporate Activities“ (heute, Dienstag). Ab Mittwoch wird gespielt: zunächst bis Freitag dreimal drei Runden Schnellschach um 14:00, 15:30 und 17:00 – falls sie diesen Zeitplan einhalten können. Problematisch wird es dabei nur, wenn eine Partie mehr als 120 Züge dauert oder wenn sie Spielern nach einer nicht ganz so langen Marathonpartie eine Pause gönnen. Die Veranstalter hörten offenbar auf die Spieler, die letztes Jahr fünf bzw. vier Schnellpartien an einem Tag als zuviel empfanden. Samstag und Sonntag dann Hin- und Rückrunde des doppelrundigen Blitzturniers – Samstag ab 14:00, Sonntag ab 12:00. Schnellschach zählt für die Gesamtwertung doppelt oder auch nicht: Im einrundigen Schnellturnier gibt es zwei Punkte für einen Sieg und einen Punkt für remis, im Blitzschach wird doppelrundig gespielt und es gibt wie üblich einen bzw. einen halben Punkt. Damit gilt: Die neun Schnellpartien zählen für die Gesamtwertung genauso viel wie die achtzehn Blitzpartien.

Bei der Bedenkzeit gelten für die amerikanisch geprägte Chess Tour offenbar amerikanische Sitten: nicht Inkrement sondern „delay“. Das heisst, die Uhr läuft jeweils erst einige Sekunden nachdem sie gedrückt wird: Schnellschach 25 Minuten plus 10 Sekunden delay, Blitz 5 Minuten plus 3 Sekunden delay. Im Gegensatz zu Inkrement kann man sein Bedenkzeitpolster nicht wieder erhöhen – einmal Zeitnot, immer Zeitnot!

Kommentar gibt es auf der Turnierseite wie üblich von Yasser Seirawan, der dafür nach St. Louis fliegt, und Maurice Ashley (Spieler-Interviews vor Ort in Paris). Ausserdem auf Englisch auch GM Chirila, IM Houska und GM Edouard – da Frankreich die Qualifikation für die Mannschafts-WM knapp verpasst hat können sie verkraften, dass drei Nationalspieler in Paris mitmischen. Ausserdem darf sich offenbar WGM Tatev Abrahamyan auf Twitter austoben. Ob Elo 2364 plus blaue Augen Haare für einigermassen kompetenten Kommentar reicht? Bei nur 140 Zeichen reicht es wohl ohnehin nicht für viel mehr als „Ave Carlsen Halleluja“ oder „Wesley So is fantastic“ oder „Hikaru did it“, jeweils mit noch ein paar Ausrufezeichen. So schaffte es die Chess Tour, neben den US boys auch die US girls bei der Mannschafts-WM zu schwächen, aber die Chess Tour ist ja ohnehin anti-FIDE und interessiert sich nur für die Chess Tour.

Zum Schluss noch kurz und knapp zum nächsten Turnier in Leuven: Teilnehmer Anand, Aronian, Carlsen, Giri, Ivanchuk, Jobava, Kramnik, Nepomniachtchi, So, Vachier-Lagrave. Von den Tour-Stammteilnehmern fehlen Caruana und Nakamura (die sollen sicher unbedingt in St. Louis spielen, So muss dagegen nicht sein) sowie Karjakin. Wildcards für Kramnik (hatte die komplette Tour-Einladung abgelehnt), Giri (nicht für die Tour qualifiziert), Ivanchuk und Jobava (auch nicht für die Tour qualifiziert, aber immer für Überraschungen in beide Richtungen gut). Spielplan fast identisch, nur dass die Spieler auch am Sonntag ausschlafen können – auch die Rückrunde des Blitzturniers ab 14:00. Austragungsort das historische Rathaus von Leuven – da sind Zuschauer willkommen, wenn man sich vorher anmeldet um eines der kostenlosen 400 Tickets pro Runde zu erwerben. Preisgeld bei beiden Turnieren identisch: insgesamt jeweils 150.000$, davon 37.500$ für den Sieger.

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