Munteres Gepatze in Paris

Der Leser kennt es bereits: Manchmal sehe ich Dinge anders als andere, darunter die kommerzielle und damit nicht unbedingt unabhängige Konkurrenz. Immerhin bin ich jedenfalls nicht ganz alleine mit meiner Meinung, eingangs zitiere ich Emil Sutovsky – auf Facebook, Original auf Russisch, holprige etwas verbesserte Google-Übersetzung:

Ich versprach, hinterher etwas zum Star-Turnier im Schnellschach in Paris zu schreiben, aber ich warte nicht, ich schreibe bereits heute [nach dem zweiten von drei Tagen]. Leute, nun, ehrlich gesagt, wie kann man das mit klassischem Schach vergleichen? Stavanger ist gerade vorbei. Vergleicht das einfach! Ist es möglich, für so eine unglaublich niedrige Qualität der Partien zu kompensieren? Schneller, schlechter, schwächer. Aber das sind die weltbesten Spieler … .”

Am dritten Tag war es, so sehe ich es jedenfalls, generell besser. Dennoch gab es diverse entschiedene Partien, nur ein Spieler tat sich nun etwas schwer – vielleicht auch deshalb gab er am Ende ein kurioses Interview, aber da muss der Leser sich noch etwas gedulden.

Das Titelbild – alle Fotos von Lennart Ootes, ab Turnierseite über Facebook – gebe ich nicht dem Spieler, der davon am meisten profitierte – schliesslich ist für Carlsen Schach vor allem “keine Fehler machen und gegnerische Fehler ausnützen”, und das funktionierte diesmal wieder wunderbar. Auch nicht dem, der insgesamt vielleicht am schnellsten und bei durchwachsenen Partien ebenfalls erfolgreich spielte – gemeint ist Nakamura. Nein, es bekommt derjenige, der vielleicht am meisten zum “Unterhaltungswert” des Turniers beigetragen hat – was Caruana alles verbockt hat …. . Für einige Zuschauer sind Fehler der besondere Reiz am Schnellschach – ebenso gibt es Leute, die Formel 1 vor allem gucken weil es da manchmal Unfälle gibt. Weitere Bemerkungen zu diesem Komplex und etwas eventuelle Ursachenforschung gegen Ende dieses Beitrags.

Der Stand nach neun Runden Schnellschach – Partien zählen für die Gesamtwertung doppelt: Carlsen 14/18, Grischuk 13, Nakamura 12, Mamedyarov und Vachier-Lagrave 11, So 9, Karjakin 8, Topalov 5, Bacrot 4, Caruana 3. Bacrot war in diesem Feld etwas überfordert, Topalov und Caruana sind ohnehin keine besonders guten Schnellschachspieler. Nun zunächst Fotos vorab:

Das traditionelle Gruppenfoto mit Chess Tour Jacketts. Dass die Spieler nicht besonders fröhlich dreinschauen, liegt vielleicht auch daran, dass es in Paris heiss war (37ºC) und dass sie in diesen Jacketts ziemlich schwitzen. Ich musste da auch an ein anderes Foto denken – Januar 2016 (Tata Steel Chess on Tour) vor dem Science Center NEMO in Amsterdam, Titelbild dieses Artikels (auf das Foto klicken um es zu vergrössern) und natürlich auch anderswo verwendet. Damals war es – ich war vor Ort – in Amsterdam nasskalt und ungemütlich.

Einer lächelt dagegen – Garry Kasparov freut sich, dass er sich auch mal wieder zeigen kann und fotografiert wird.

Ich gehe davon aus, dass Caruana (neben drei Remisen und sechs Niederlagen im Schnellturnier) in Paris auch ein paar Partien gewonnen hat.

Nun Runde für Runde, zwischendrin mit Spielerfotos:

Runde 1: Caruana-So 0-1 – zum ersten aber nicht zum letzten Mal schaffte Caruana es, eine Gewinnstellung zu verlieren. Bacrot-MVL 0-1 – der nominell bessere Franzose spielte bereits in der Eröffnung kreativ: 1.d4 Sf6 2.Lf4 (das ist inzwischen nicht mehr kreativ) 2.-g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d5!? (üblich ist 4.-d6, das ist Pirc, das muss man mögen) 5.e5 Se4 – soweit folgten sie, vielleicht ohne es zu wissen, einer Partie Ryahi-Dehghghani, Isfahan 2011. Nun neuerte Bacrot mit 6.Sa4, und nach 6.-c5 7.c3 cxd4 8.f3 musste MVL eine Figur für zwei Bauern geben: 8.-Sxc3 9.bxc3 Da5 10.Dxd4 Sc6 11.Dd1 Sxe5 12.Ld2 – soweit alles richtig (sagen Computer), nun war 12.-Sc4 13.Lxc4 dxc4 eigentlich zu kreativ, Schwarz hat nicht genug Kompensation. Das änderte sich, als MVL einen dritten Bauern gewann – nun stand Schwarz besser aber spielte später nicht perfekt (das erwarte ich weder im Schnell- noch im Normalschach). Es war eigentlich remis, bis Bacrot im Damenendspiel mit Minusbauer (die Figur musste er zuvor für einen weissen Freibauern zurückgeben) Damentausch zuliess. Beide bekamen danach wieder eine Dame, die wurden abgetauscht und das Rest-Bauernendspiel war für Schwarz gewonnen. Turbulent, nicht perfekt, aber “unglaublich niedrige Qualität” würde ich hier nicht sagen.

Dann war da noch Grischuk-Carlsen 1/2. Statt einfach 9.-Lxd3 spielte Carlsen 9.-Lg6, auf diesem Feld wurde sein Läufer dann ein “Grossbauer”. Langsam aber sicher schaffte er es, ihn wieder zu aktivieren und im 23. Zug kam dann doch -Lxd3 (Ausgangsfeld b5). Noch bekam Carlsen keine Geschenke.

Runde 2: Topalov-Caruana 1-0 – Caruana stand zunächst besser, dann war es ausgeglichen, irgendwie schaffte es Caruana wiederum zu verlieren. So-Bacrot 1-0 ebenfalls mit freundlicher gegnerischer Hilfe (Figureneinsteller und dann auch noch Dameneinsteller).

Wesley So erschien zwar erst tags darauf plötzlich mit Sonnenbrille (Ursachenforschung später), aber das Foto kommt jetzt da es bis dahin für ihn nach Wunsch lief.

Mamedyarov-Carlsen 0-1: in einer “nichts los” Stellung übersah Mamedyarov eine simple gegnerische Drohung und konnte sofort aufgeben.

Runde 3: Caruana-Nakamura 0-1 – wieder verlor Caruana eine Gewinnstellung. Karjakin-Mamedyarov 0-1: nach langem Lavieren kam Karjakin eine Figur abhanden. Immerhin hatte er direkt danach Dauerschach, also remis? Es reicht nicht, ein Dauerschach zu haben – man muss es auch sehen und auf dem Brett ausführen. Carlsen-MVL 1-0 – MVL übersah eine leicht, aber nur leicht versteckte gegnerische Drohung und verlor eine Figur. Mag sein, dass er zu diesem Zeitpunkt ohnehin etwas schlechter stand, aber nicht unbedingt schlecht genug. Das zweite Geschenk für Carlsen – Zeit für “Ave Carlsen Halleluja” und ein Foto:

Nach dem ersten Tag führten Carlsen und So mit 5/6 – der Chess Tour gefiel es, das sind zwei ihrer Lieblinge. Dahinter mit 4/6 ihr anderer Liebling Nakamura zusammen mit Topalov – der an den beiden anderen Tagen entdeckte/bestätigte dass er eigentlich kein Schnellschach spielen kann.

Am zweiten Tag dann keine so extremen Geschenke für Carlsen, dafür in einigen anderen Partien.

In Runde 4 war das allgemeine Motto der Verlierer “bereits die Eröffnung schlecht spielen”. Ich beginne beim Spitzenduell:

So-Carlsen 0-1, Duell der Spezialisten in der Rubrik “nichts riskieren und gegnerische Fehler ausnützen”. Carlsen hat mehr Erfahrung mit dieser Spielweise, ausserdem schaffte So es, aus der Eröffnung heraus mit Weiss schlechter zu stehen. Dann warf er seinen rückständigen Bauern auf d3 über Bord und stiftete mit 28.Lxh6 Verwirrung. Beinahe funktionierte es (mindestens im Remissinne), da Carlsen mit 35.-Se8? kräftig daneben griff – aber So nutzte seine Chance nicht. 36.Sf6+! muss man nicht unbedingt sehen, Tatsache ist dass Carlsen Glück hatte.

Topalov-Grischuk 0-1: ein scharfer Franzose, 9.-Dxb2 und einiges mehr war theoretisch bekannt. Kommentator GM Edouard, ehemals Topalov-Sekundant, sagte dass sie 17.Se4 vorbereitet hatten und tat so, als ob das viel besser für Weiss ist (eher nicht der Fall, Schwarz darf das Opfer nur keinesfalls annehmen). Nach 5 Minuten spielte Topalov weder das noch 17.Sd1 (bekannt aus einer Blitzpartie Grischuk(!)-Morozevich) sondern 17.0-0. Das war zu zögerlich, dafür war direkt danach 18.f5 zu wild und 19.Tf4 erlaubte Damentausch, was Weiss tunlichst vermeiden sollte – Schwarz verwertete dann seinen materiellen Vorteil. Das kann Topalov inzwischen: scharfe Eröffnungen spielen ohne dass er seine Hausaufgaben gemacht hat.

Nakamura-Bacrot 1-0: “Jedes russische Schulkind” (bzw. auch Putzfrauen, Taxifahrer usw.) weiss, dass Weiss im königsindischen Angriff auf h6 opfern will – Bacrot erlaubte es in einer für Weiss sehr günstigen Version. Nakamura sagte (vielleicht) “Merci Etienne”. Mamedyarov-MVL 1-0 ebenfalls quasi aus der Eröffnung heraus.

Karjakin-Caruana 1/2 – diesmal konnte Caruana (inspiriert durch Anish Giri?) eine Gewinnstellung immerhin remis halten.

Runde 5: Carlsen-Topalov 1-0: Mit 15.-Te8 (statt Blockade mit 15.-Sd6) und 16.-e5 öffnete Topalov die Stellung für das weisse Läuferpaar, dabei hatte er sich wohl von 18.-g5!?? mehr versprochen als objektiv der Fall war. Später halbierte Carlsen sein Läuferpaar freiwillig mit 26.Lxd5 und wurde dafür von den Livekommentatoren gelobt – unter “Ave Carlsen Halleluja” litt die Objektivität: 28.-Td1+ und die Stellung wäre wieder ausgeglichen, aber Topalov war lieb zu Carlsen. Das ebenfalls Carlsen-freundliche Chessbase schrieb zu Carlsens Siegen am zweiten Tag: “Carlsen holte nicht nur Punkte, er überzeugte auch durch sein Spiel. In Runde vier bewies er gegen Wesley So seine taktischen Fähigkeiten, in Runde 5 zeigte er gegen Veselin Topalov sein gutes positionelles Gespür.” Beides stimmt nur, wenn der Gegner einverstanden ist – nicht wenn er aufpasst.

Zu Bacrot-Karjakin 0-1 und Caruana-Mamedyarov 0-1 kann man jeweils sagen “Schwarz hat gut gespielt, Weiss hat schlecht gespielt”. Caruana dachte vielleicht “wenn ich ohnehin verliere bzw. jedenfalls nicht gewinne, muss ich nicht zunächst besser stehen”.

Grischuk-Nakamura 0-1: Grischuk stand über weite Strecken der Partie besser bis gewonnen. Daraus erreichte er ein Endspiel mit Turm gegen Turm und Läufer, das er dann vergeigte – Nakamura nutzte die zweite Gewinnchance. Nun hat er genug Siege mit gegnerischer Hilfe für ein Foto:

Spieler, die durchaus auch mal Glück hatten aber auch “aus eigener Kraft” Partien gewannen kommen am dritten Tag.

Runde 6: Nakamura-Carlsen 1/2 – das (zu diesem Zeitpunkt) Spitzenduell endete relativ geräuschlos remis, wobei Nakamura auf dem Brett symbolisch und auf der Uhr viel besser stand. Andere Quellen glorifizieren es, aus meiner Sicht reicht “hiermit erwähnt”.

Topalov-MVL 0-1: In einem Najdorf-Sizilianer bekam Schwarz bei reduziertem Material plötzlich Königsangriff. Topalov hat (41.Te1?) mitgeholfen, das kann man MVL nicht vorwerfen – zumal er zuvor einiges riskiert hatte: sein gesamtes Konzept war vielleicht nicht total korrekt.

Caruana-Bacrot 0-1: Auch Bacrot gewann eine Partie – erst verpasste Caruana den Gewinn, dann patzte er.

Noch “unterhaltsamer” war Karjakin-Grischuk 0-1: Die Stellung war lange ausgeglichen, aber Karjakin hatte 10 Minuten und Grischuk 10 Sekunden – also spielte Karjakin weiter, weiter, weiter, immer weiter. Langsam wurde auch seine Bedenkzeit knapp, und dann: im 56. Zug verlor er seinen symbolischen Trumpf (den c-Freibauern der allerdings immer stabil blockiert war), im 58. Zug patzte er und konnte (Damenverlust) sofort aufgeben.

Grischuk anschliessend im Interview mit Maurice Ashley, der ihn fragte ob dieser Sieg gegen einen Nationalmannschafts-Kollegen nicht peinlich (embarrassing) sei. Grischuk: “Nein ich bin glücklich, ich schäme mich keinesfalls! Die Niederlage zuvor gegen Nakamura ist mir peinlich.” Karjakin sei selbst schuld, dass er in total ausgeglichener Stellung nur mit Blick auf die Uhr weiterspielte. “Er musste nachdenken, da er in dieser Stellung keinerlei Ideen hatte. Erst hatte er 10 Minuten gegen 14 Sekunden, dann waren es noch fünf Minuten, drei Minuten und ich dachte ‘wenn er noch 30 Sekunden hat kann ich auf Gewinn spielen’.” Ashley: “Wie kommst Du mit 14 Sekunden gegen 10 Minuten zurecht?” “Ich spiele einfach – schön ist es natürlich nicht, aber ich spiele einfach.”

Stand nach dem zweiten Tag: Carlsen 10, Nakamura 9, Mamedyarov 8, Grischuk und So 7, usw. . Carlsen würde am dritten Tag noch gegen Aussenseiter Bacrot und den erfolglosen Caruana (Pech wäre der falsche Begriff, es war durchaus auch Unvermögen unter Schnellschach-Bedingungen) spielen – also sollte er das Ding schaukeln? Es sei denn, Nakamura bekommt noch mehr Geschenke!? Mamedyarov bereute vielleicht seine unnötige Niederlage gegen Carlsen, und Grischuk sein Debakel gegen Nakamura (wobei er gegen Karjakin natürlich Glück hatte).

Runde 7: Ich beginne mit den entschiedenen Partien – diesmal ist Carlsen erst später dran.

Grischuk-Caruana 1-0 – wieder eine “geradlinige” Niederlage Caruanas, ohne den Umweg über eine Gewinnstellung. Er vernachlässigte seinen Königsflügel, auf den Weiss alle Figuren gerichtet hatte. Vielleicht während/nach dieser Partie spekulierten Seirawan und Shahade, ob dieses Turnier einen “Karriereknick” für Caruana bedeutet. Da überschätzen sie wohl die Bedeutung dieser Schnellschach-Show, zumal Caruana schon einmal im Schnellschach ähnlich erfolglos war: 2016 bei der Chess Tour in Paris. Da sah es anfangs besser für ihn aus, da er in der ersten Runde im Duell der “einäugigen” Schnellschach-Spieler gegen Topalov gewann, aus den acht anderen Partien noch zwei Remisen. Übrigens erzielte er dann in Leuven für seine Verhältnisse ordentliche 50% – Siege nicht nur gegen Topalov, sondern auch gegen Carlsen und Kramnik.

MVL-Nakamura 1-0 – Nakamuras dritte Verluststellung, und nun verlor er tatsächlich. In der Eröffnung (Italienisch) kam ihm ein Bauer abhanden; Versuche im Trüben zu fischen beschleunigten das Ende – MVL hatte richtig eingeschätzt, dass die Dame in dieser Stellung stärker war als zwei Türme. Vachier-Lagraves zweiter Sieg nacheinander (plus Runde 1 gegen Bacrot), Zeit für ein Foto:

Carlsen-Karjakin 1/2: Auch das war Italienisch. Carlsens Turmschwenk Te1-e4-h4 war originell, gut (im Sinne von Vorteil) war es nicht unbedingt. 21.Dd3 war dann ein Fehler, der wunderbar funktionierte – statt nach dem nicht gerade naheliegenden 21.-g5! klar besser zu stehen, stellte Karjakin mit 21.-Se7? einen Bauern ein. Der Rest war Technik für den “unfehlbaren” Carlsen!? Nein, Karjakin verteidigte sich zäh, das kann er. Aus einem Turm-Springerendspiel wurde ein Springerendspiel, dann Bauern- und forciert Damenendspiel. Dame und f-Bauer gegen Dame, dafür gibt es Tablebases. Direkt nach der beiderseitigen Bauernumwandlung gewann nur 57.De8+, Carlsen spielte 57.De5 und nun fand Karjakin 57.-Dd3, einer von zwei Remiszügen. Danach hiess es im Livekommentar “nun muss Carlsen gute Technik zeigen” – aber Technik funktioniert nur, wenn die Stellung objektiv gewonnen ist oder wenn der Gegner einen Fehler macht. Karjakin war gemein zu Carlsen und machte keinen Fehler – nachdem sein König später vor dem Bauern stand konnte er mit Damentausch remis forcieren.

Runde 8: Karjakin-MVL 0-1 – der dritte Sieg in Serie für den Franzosen, der zweite mit Najdorf. Entscheidend war sein starker e-Bauer zusammen mit der – als Folge eines geplanten aber nie umgesetzten Königsangriffs – löchrigen weissen Königsstellung.

Mamedyarov-Topalov 1-0 – Tracht schachliche Prügel für den Bulgaren (vernichtender Königsangriff), nun bekommt Mamedyarov sein Foto:

Bacrot-Grischuk 0-1: Lange war es eine komplizierte Stellung mit noch allen Figuren, beide verbrauchten viel Bedenkzeit. Nach dem Damentausch bekam Schwarz Oberwasser und gewann einen Bauern. Dann war der schwarze Vorteil vorübergehend dahin, aber bei reduziertem Material bekam Grischuk dann Königsangriff und letztendlich ein gewonnenes Endspiel.

Caruana-Carlsen 1/2 war weitestgehend ausgeglichen. Eine Chance bekam Carlsen, nutzte sie jedoch nicht – remis. Nakamura-So 1/2 war ein etwas kurioses Remis, nicht nur weil Weiss 1.b3 entkorkte.

Runde 9: Grischuk-Mamedyarov 1-0 – neben dem einen (grotten)schlechten Zug gegen Carlsen hatte Mamedyarov noch eine durchgehend schlechte Partie, bzw. Grischuk, der gegen den offenen Spanier das seltene 10.Lf4 wählte, war von Anfang an am Drücker. Sein vierter Sieg in Serie – wenn er seine Gewinnstellung gegen Nakamura nicht verloren sondern gewonnen hätte wären es sechs in Serie.

Kritisieren kann man ansonsten nur, dass er sein Gesicht immer vor Fotografen versteckte.

So-Karjakin 0-1: Was genau So bei 27.Sxf5? Sxf5 übersehen hat ist unklar – jedenfalls bekam er die, wie er wohl dachte vorübergehend, geopferte Figur nicht zurück. Objektiv also ein Patzerzug, immerhin ein kreativer.

Carlsen-Bacrot 1-0 – immerhin eine Partie gewann Carlsen am dritten Tag, und das reichte um die Führung im Turnier zu behalten. Wieder Italienisch. Bacrot opferte eine Figur, offenbar korrekt. Aber dann spielte er, statt den Druck langsam zu verstärken, ungeduldig 24.-d5 – wonach die passiven weissen Figuren erwachten, und nun war die weisse Mehrfigur relevant. Immerhin war die gegnerische Hilfe weniger offensichtlich als bei Carlsens vier anderen Siegen, dennoch hatte er im Interview mit Maurice Ashley schlechte Laune – dazu ein Screenshot:

Ashley wagte zu suggerieren, dass Carlsen am dritten Tag “Hickups” hatte und dass auch der abschliessende Sieg gegen Bacrot nicht “smooth” war. Carlsen darauf: “Was wollen Sie von mir? Sie reden meine Erfolge klein, diesen Ansatz mag ich nicht.” Carlsen auch nur ansatzweise kritisieren, das geht aber auch gar nicht – er ist Hofberichterstattung gewöhnt! Ohnehin war er wieder das beleidigte verwöhnte Kind, das am dritten Tag nicht genug Geschenke bekam.

War da noch was? Ja, Topalov-Nakamura 0-1, zum Schluss doch noch einmal ein grober Patzer: Bei 38.Dg2?? (nach 4 Sekunden obwohl er noch mindestens eine Minute hatte) hatte Topalov total übersehen, dass Schwarz nun am anderen Flügel eindringen kann (38.-Db1+ usw.). Stattdessen konnte er 38.Kf1 spielen, wonach nichts konkretes droht, oder 38.Txe8+ Kf7 und nun entweder 39.Te7+ (Weiss gibt Dauerschach) oder 39.Th8 (Schwarz muss Dauerschach geben). Nakamuras vierter Sieg – zwei aus Verluststellungen, einer aus Remisstellung, sowie gegen Bacrot der sich sehr kooperativ abschlachten liess. Das kann man als grossen Kampfgeist loben/glorifizieren, oder als Glück bezeichnen.

Weiter geht es mit dem doppelrundigen Blitzturnier, vielversprechend für Liebhaber grober Fehler. Warum war das Niveau bereits im Schnellschach teilweise unterirdisch? Wie gesagt, “unglaublich schlechte Qualität der Partien” stammt von Sutovsky – dessen Meinungen ich nicht immer teile, diesmal durchaus: für einige der gezeigten Fehler würde auch ich (Elo ca. 1950) mich schämen. Grund war vielleicht die Zeitkontrolle mit nicht Inkrement, sondern “delay”. Dazu Grischuk im Interview nach seinem Sieg gegen Karjakin: “diese Zeitkontrolle neigt stark zu (very much gravitates to) schlechten Partien. Es sieht fast aus wie 25 [Minuten] mit 10 Sekunden Inkrement, aber es ist sehr, sehr anders. Wenn man diese Zeitkontrolle nicht gewöhnt ist, hat man oft nur noch Sekunden und dann passieren furchtbare Dinge! Denn, wie ich gestern sagte, einmal Zeitnot immer Zeitnot.” Wenn sich selbst Zeitnot-Junkie Grischuk beschwert, dann ist da wohl was Wahres dran.

In der Praxis bedeutet delay ein Inkrement von (Anzahl Sekunden die man für den letzten Zug verwendet hat, maximal zehn). Grischuk spielte teilweise zig Züge mit pro Zug elf Sekunden. Mein Eindruck ist auch, dass Spieler oft schon vorher extrem schnell spielten, um diese dann permanente Situation so lange es geht zu vermeiden. Warum sich die Chess Tour für das international-global unübliche delay entschied? Vielleicht “anders um anders zu sein”, bzw. weil es in den USA (aber nur dort) üblich ist – war es auch Absicht bzw. gerne in Kauf genommen, dass es Nakamura (einziger der diese Zeitkontrolle kennt) bevorzugen könnte?

Was vielleicht auch eine Rolle spielte: die ungewöhnliche Atmosphäre:

Gespielt wurde in einem grell erleuchteten Fernsehstudio, vielleicht deswegen erschien So mit Sonnenbrille. Das ist gut für das Fernsehen, dabei jedenfalls gewöhnungsbedürftig für die Spieler – am dritten Tag hatten sie sich vielleicht an Zeitkontrolle und Spielbedingungen gewöhnt, da waren die Partien insgesamt besser. Anderswo, z.B. als das norwegische Fernsehen aus Wijk aan Zee übertrug, waren die Spielbedingungen – bis auf deren Kameras – wie seit Jahren üblich. In Paris galt: das Fernsehen zahlt, das Fernsehen bestimmt – Spielerinteressen Nebensache. Zum Schluss zeige ich noch das andere Studio, in dem die abendlichen Sendungen offenbar vorbereitet wurden:

Wie gesagt, andere mögen die mangelnde Qualität der Partien weniger kritisch sehen – sei es, weil es ihnen generell gefällt, sei es weil Carlsen davon profitierte. Wem dieser Bericht nicht gefallen hat, es gibt auch Turnierberichterstattung anderswo im Internet.

 

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