Warteschach von So, Dynamik und Chaos von MVL

Letztendlich war So mit seiner pragmatischen Art, Schach zu spielen, erfolgreicher als der abenteuerlicher eingestellte Vachier-Lagrave – da es der Franzose in der neunten Runde im dritten Versuch doch schaffte, eine Verluststellung zu verlieren. „Puristen“ mögen das begrüssen, Fans von Wesley So ohnehin – ich kann einer Spielweise die vor allem darauf ausgerichtet ist, Risikos zu vermeiden und gegnerische Fehler auszunützen, nicht allzu viel abgewinnen.

Wie dem auch sei, das ist der Endstand des Schnellturniers in Leuven, damit auch der Zwischenstand vor dem nun folgenden doppelrundigen Blitzturnier: So 14/18, MVL 12, Carlsen 11, Giri 10, Aronian, Kramnik, Nepomniachtchi 9, Anand 8, Ivanchuk 7, Jobava 1. So bekommt das Titelbild, alle Fotos wieder ab Turnierseite via Flickr, Fotograf Lennart Ootes.

Das wurde auch als „Wiedergeburt“ von Wesley So nach einem enttäuschenden Ergebnis in Paris bezeichnet. Kann man so sehen, wobei er in Paris vor allem im Blitzturnier erfolglos war und nun im Schnellschach vielleicht nicht unbedingt viel besser spielte, nur spielten seine Gegner schlechter. Bei MVL war „jede Menge los“ in den Partien; Carlsen hinterliess einen wechselhaften Eindruck und profitierte, wie So, von gegnerischen Fehlern.

Bevor ich das bunte schachliche Treiben bespreche, ein paar Fotos vorab:

Dieses Foto ist hier eigentlich fehl am Platz: Das war noch in Paris, und das ist vorbei! Keiner dieser drei im Vordergrund ist in Leuven dabei. Karjakin (Mitte) wird in St. Louis und dann in London wieder ins Chess Tour Geschehen eingreifen, Grischuk und Mamedyarov spielten nur das eine Turnier in Paris. Jedenfalls nach derzeitigem Stand: ich will nicht ausschliessen, es würde mich nicht überraschen und es wäre durchaus logisch, dass/wenn Mamedyarov noch eine wildcard bekommt für ein Turnier mit klassischer Bedenkzeit – wohl eher Sinquefield Cup als London, das vermutlich Mickey Adams berücksichtigt.

Und nun nach Leuven, als nächstes drei Bilderrätsel:

Haben sie in Leuven die Wand mit Schachmotiven tapeziert – auf die Schnelle und daher nicht faltenfrei? Auflösung später – dieses Foto ist ein Original von Lennart Ootes, zwei andere habe ich zurecht geschnitten:

Wer ist das denn? Leser wissen vermutlich Bescheid – noch mehr kann ich kaum wegschneiden.

Wer ist das denn? Auflösung später.

Malcolm Pein redete – das machten die Grossmeister später auch, aber sie spielten auch Schach, nicht nur unter/gegeneinander:

Ist MVL Links- oder Rechtshänder? Was ist wichtiger – Schach spielen und Züge ausführen oder belgisches Weissbier trinken?

Soviel zum Vorprogramm. Später haben sie im Rathaus Leuven etwas umgebaut, und war es jedenfals während den Partien alkoholfrei – abends nicht unbedingt, und ein Spieler (eher nicht MVL) gönnte sich vielleicht auch zum Mittagessen vor Rundenbeginn um 14:00 ein Bierchen, dazu habe ich nicht recherchiert. Es gab viele entschiedene Partien von wechselhafter Qualität, die ich nur teilweise besprechen kann – Schwerpunkt So, MVL und auch Carlsen. Los geht’s:

Runde 1

Carlsen-Aronian 1-0 – Weiss hatte ab dem siebten Zug das Läuferpaar, das passiert oft wenn Schwarz Nimzo-Indisch spielt. Für mich wäre das aus schwarzer Sicht nichts, aber Grossmeister glauben (auch) an diese Eröffnung. Der weisse Lb2 schaute allerdings zunächst traurig auf seine Bauernkollegen auf c3 und d4 – bis Carlsen 14.c4 und 19.d5 spielte. Das kostete einen Bauern und viel weisse Bedenkzeit – weniger für diese beiden Züge als für das Drumherum (17.h3, 21.Te1). Aronian musste nun einzige Züge finden und schaffte das zunächst, auf Kosten seines Bedenkzeitpolsters: 6 Minuten für 22.-Lb7, acht für 24.-Tf8. Beim zweiten Zug spielte vielleicht „muss das wirklich sein?“ eine Rolle – eventuell konnte er sich schneller zu diesem etwas hässlichen aber nötigen Zug durchringen?

Bis einschliesslich 28.Te2 war es dynamisch-ausgeglichen, und nun eigentlich forciert remis. Aber Aronian patzte mit 28.-Df4? – entweder hatte er das relativ simple 29.Txf6 usw. übersehen (Taktik auf Niveau Elo ca. 1800 ?), oder er fand bei knapper Zeit nichts besseres. Nach der forcierten Abwicklung hatte Weiss weiterhin das Läuferpaar, und Schwarz dagegen nur einen Turm – zu wenig auch wenn Aronian noch etwas weiterspielte.

Wie schwer es war, die Remisvariante 28.-Dd1+ 29.Kh2 Sf4! 30.Dxf4 Dxe2 31.Lxf6 gxf6 32.Dxf6 Dxa2 33.Dg5+ und Dauerschach (beide haben nichts besseres) zu finden, sei dahingestellt – aus meiner Sicht jedenfalls nicht „das finden nur Computer“. Die Carlsen-freundlichen Livekommentatoren sagten, dass Carlsen grossartig spielte. Ich sage „Aronian hat gepatzt“.

So-Kramnik 1-0: In einem anti-Berliner Spanier (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3) war nicht allzu viel los, bis Kramnik plötzlich mit 28.-g5?! randalierte. Idee war vielleicht 29.fxg5 (natürlich!) 29.-f4, aber das würde nach 30.Lxf4 Sxf4 31.Tf6+ nur einen zweiten Bauern kosten – vor 28.-g5 konnte Vlad vielleicht nicht visualisieren, dass Weiss Tf6+ hat. Danach improvisierte er mit 29.-a3, hatte durchaus Gegenspiel bis Kompensation – aber nachdem er das nicht ganz sauber durchführte war der Rest für So ziemlich simple Technik.

MVL-Ivanchuk 1-0 – aus Philidor wurde eine Art Berliner Spanier, Version Endspiel in einer für Weiss klar vorteilhaften Version. Ein sauberer oder „smoother“ Sieg des Franzosen.

Jobava-Nepomniachtchi 0-1 – noch opferte Jobava keine Figuren, aber fünf Minusbauern im Damenendspiel waren zum Schluss auch zu viel. Es lag daran, dass er in etwa ausgeglichener Stellung zu viel wollte – das kann er, wer es diesmal auch konnte siehe Runde 3.

Runde 2, da zunächst die Remispartien: Ivanchuk-Carlsen 1/2, Spanisch Marshall ist eben remis. So-MVL 1/2: In einem Grünfeld-Inder spielte Schwarz das etwas Grünfeld-untypische 9.-e5. Neu war es nicht, MVL spielte so bereits mit Schwarz, So übrigens auch, ausserdem auch Svidler (anno 1991), Anand und Caruana – dann ist es wohl jedenfalls spielbar. Ob MVL später für einen geopferten Bauern genug Kompensation hatte, da sind sich Engines nicht sicher – aber am Ende war das Turmendspiel remis. Die Spieler vereinbarten es, obwohl Engines ca. +3 angeben – beide (auch So) wussten sicher was sie tun.

Keine Fotos zu diesen oder den anderen Partien, stattdessen allgemeine Eindrücke vom Spiellokal:

Nepomniachtchi-Giri 1-0, obwohl das weisse Konzept mit doppeltem Bauernopfer eigentlich inkorrekt war. Aber „praktische Chancen“ hatte er, und dann kippte die Partie gar komplett – neben MVL (siehe später) ist auch Nepo trickreich. Kramnik-Anand 1-0: In einem Italiener bekam Weiss einen starken d-Freibauern. Am Ende spielte Weiss 38.Kg2 h5 39.Kg1 – da stand der König zwei Züge zuvor bereits, aber Kramnik fragte seinen alten Bekannten damit „was ist Dein nächster Zug?“, und Anand entschied sich mangels wirklich besserer Alternativen für 39.-Kg9 (Aufgabe). Aronian-Jobava 1-0: Latent drohte g4 mit Figurengewinn des schwarzen Lh5, im 22. Zug war es soweit. Jobavas Gegenspiel 25.-Se3 wurde mit 26.Lxf7+ spektakulär neutralisiert.

Runde 3: Anand-Nepomniachtchi 1-0 „hiermit erwähnt“ – nicht weil es wenig bot, aber ich kann nicht alle Partien besprechen.

Carlsen-So 0-1, dabei wollte Schwarz nach eigener Aussage hinterher nur ein Remis. Aber in einer „nichts los“ Stellung schwächte Weiss freiwillig seinen Königsflügel – das ging nicht gut zumal er spätere Remischancen nicht nutzte. Magnus Carlsen im Stil von Baadur Jobava – eine Rolle spielte vielleicht, dass So gegen ihn in Paris dreimal schlecht spielte und alle drei Partien verlor.

MVL-Kramnik 1/2: Kramniks 25.-Sc5?! war riskant bzw. einfach schlecht, aber so wie MVL reagierte wurde aus einem Verlustzug ein Gewinnzug – auf Englisch „brilliant blunder“. Dann wurde es Remis, da Kramnik kurz vor dem Sieg stolperte: 37.Dh5 war ein Doppelangriff auf die schwarzen Bauern auf h6 und f7, was tun? Kramnik verteidigte den auf h6, und das war falsch denn nun hatte Weiss Dauerschach. MVL dazu auf Twitter „A game for the ages“ [Eine Partie für die Annalen oder die Ewigkeit] – noch wusste er nicht, was er später gegen Anand machen würde, diese Ewigkeit dauerte nicht einmal 48 Stunden.

Giri-Aronian 1-0 dank spektakulärer Eröffnungsvorbereitung, Giri dann im Interview mit Maurice Ashley:

Man beachte auch sein Hemd, später nochmal deutlicher abgebildet. Giri hatte übrigens an diesem Tag seinen 23. Geburtstag – später feierte er mit Familie, das schönste Geschenk bekam er nach eigener Aussage von Aronian.

Jobava-Ivanchuk 0-1 war grosses Kino, aber einen Oscar bekam Jobava für seinen Vortrag nicht. 18.Ld3 war entweder ein Bauernopfer oder ein Bauerneinsteller, 20.Txg7+ gewann den Bauern zurück kostete allerdings (Detail) einen Turm. 23.Sxe6+, noch ein Opfer das Schwarz annehmen konnte und musste. 24.Lxh6+, dieses Opfer durfte Schwarz nicht annehmen aber 24.-Kf7 war gut genug. Und dann seelenruhig 25.Kb1. Verwirrend war es, und einen halben Zug lang hatte er tatsächlich wieder Remischancen – die er allerdings nicht nutzte.

Und schon war der erste Tag vorbei – vorne lag So mit 5/6, hinten Jobava mit 0/6.

Runde 4: So-Jobava 1-0 – Duell Erster gegen Letzter (zu diesem Zeitpunkt und überhaupt), allerdings keinesfalls „smooth“: Aus einem unkonventionellen Königsinder (nicht -d6 und -e5 von Schwarz sondern -c6 und -d5) entstand ein Endspiel, in dem Weiss für einen geopferten Bauern zwar Kompensation hatte, aber keinesfalls Vorteil. Jobava wollte wohl gewinnen und landete so in einer Verluststellung – gleich zweimal und die zweite Chance nutzte So. Sein dritter Sieg mit kräftiger gegnerischer Hilfe.

Aronian-Anand 1-0 erwähne ich, ohne es zu besprechen. Ivanchuk-Giri 0-1 aus dem Nichts heraus: Die Stellung war ausgeglichen, und Chucky entkorkte 20.Db7??! Sc6 (nun kann die weisse Dame nicht mehr zurück, es droht -Tb8 nebst -Ta5 mit Damenfang) 21.Sd5 (nicht unbedingt ?-würdig, es gab kaum besseres) 21.-Txd5! – gewinnt zwei Figuren für einen Turm, Ivanchuk gab sofort auf. Giri sagte dazu sinngemäss „wenn man unbedingt und unberechtigt auf Gewinn spielen will, können derlei Dinge passieren“ und bezeichnete es als verspätetes Geburtstagsgeschenk.

Fotogen ist Chucky allerdings, die nächste Galerie und dann auch die Auflösung des dritten Bilderrätsels:

Auch er hatte ein Interview mit Maurice Ashley – im Gegensatz zu Carlsen in Paris (ähnliche Körpersprache) war er nicht sauer-beleidigt sondern redselig-enthusiastisch. Eine resignierte und vielleicht etwas abwertende Geste erst, als Ashley das Interview (bzw. Ivanchuks Monolog) plötzlich beendete.

Dieses Foto hatte ich bereits ausschnittsweise, nun komplett.

Zu Runde 5 wieder Fotos mit beiden Spielern:

Hier allerdings noch nicht, auch wenn Lennart Ootes das vielleicht wollte. Wo war Vachier-Lagraves Gegner, ein gewisser Baadur Jobava? Zu Rundenbeginn fehlte er, man suchte ihn und fand ihn – er spazierte bzw. irrte herum. „Hat die Runde bereits begonnen?“ „Ja!“. Jobava-MVL 0-1 – den Zeitnachteil (3 1/2 Minuten) hatte er schnell aufgeholt, stand dabei allerdings fast ebenso schnell mit Weiss schlechter. MVL musste dabei für den vollen Punkt durchaus arbeiten bzw. Endspiel-Technik zeigen.

Carlsen-Kramnik 1-0 lag nicht an der Eröffnung (1.f4!?), sondern daran dass Kramnik falsch ins Endspiel abwickelte: Er durfte die Damen nicht selbst tauschen, sondern warten dass Carlsen das macht – im zweiten Fall würden die beiderseitigen Bauern auf a4 und a5 wohl abgetauscht, so verschwand der schwarze ersatzlos. Letztendlich mal wieder reaktives Schach von Carlsen.

Anand-Ivanchuk 1-0 lag daran, dass Pirc (so wie Chucky es spielte) keine gute Eröffnung ist. Nepomniachtchi – Aronian 1-0 „hiermit erwähnt“.

Runde 6: So-Anand 1-0 da Vishy sich nach 5 Minuten für 31.-L(c5-)g1!?? entschied – spektakulär war es, gut war es nicht. Nach 32.Td6+ (mit Läufer auf c5 nicht möglich bzw. nicht gut) 32.-Ke7 33.Sxb6 musste er die Pointe 33.-Tc7 34.Txh6! mit Bauerngewinn nicht zeigen (nach 34.-gxh6 erst die Springergabel 35.Sd5+, dann hängt auch weiterhin der schwarze Läufer auf g1), da Anand ein anderes Endspiel mit Minusbauer wählte. Technisch war es für So komplizierter als zuvor gegen Kramnik und (nach dem letzten gegnerischen Fehler) Jobava, aus gegnerischer Sicht erscheint die Niederlage unnötig. Da So weiterhin vorne lag noch ein fröhliches Foto von ihm:

Ivanchuk-Nepomniachtchi 1-0 begann unkonventionell mit 1.c4 e5 2.g3 Sc6 3.Lg2 h5!? (soweit bereits auf Niveau Elo bis 2625 mitunter gespielt, Weiss antwortete meistens 4.h4) 4.d3 h4 5.g4 (Neuerung im Vergleich zu noch einer Amateurpartie) 5.-h3 6.Le4. An der Eröffnung lag es nicht, dass Ivanchuk später gewann – aber vielleicht deswegen bekam er ein Interview mit Ashley (Foto hatte ich bereits).

Kramnik-Aronian 0-1 war turbulent, auch Aronian danach zu Gast bei Maurice Ashley:

Carlsen-Jobava 1-0 nach schwarzem Patzer im 13. Zug – 13.-Sc5? 14.e5! sollte ein Spieler seiner Kategorie eigentlich sehen, aber es lief eben nicht. Fotogen ist Jobava, auch er bekommt eine Galerie:

Mit Bier vor dem Turnier, ohne Sonnenbrille am ersten Tag, dann wieder mit Sonnenbrille – auch dieses Bilderrätsel ist hiermit aufgelöst.

Nach dem zweiten Tag hatte So (10/12) doppelt so viele Punkte wie nach dem ersten, und Jobava (0/12) „doppelt so wenige“.

Runde 7: Nepomniachtchi-So 1/2 war doppelt bemerkenswert. Zum einen da So etwas unterlief, das in seiner Spielweise nur der Gegner machen soll: ein Fehler. Nepo verzichtete allerdings nach 19.-c4? auf 20.Dxc4 – der schwarze b-Bauer ist gefesselt, und auch nach dem Gegen-Desperado 20.-Dxa3 behielte Weiss einen Mehrbauern. Zum anderen, da So seine Chancen nicht nutzte – am Ende konnte der trickreiche Nepo taktisch zum Remis abwickeln.

Jobava-Kramnik 0-1 – wieder nichts für den Georgier. Dabei spielte er diesmal zunächst solide, dann wollte er doch angreifen und wurde ausgekontert.

Anand-MVL 1-0 0-1 bekommt gleich zwei Fotos:

Hier steht MVL im Damenendspiel auf Gewinn, das war – milde ausgedrückt – zuvor nicht der Fall. Eigentlich erlitt er mit seinem Najdorf-Sizilianer Schiffbruch (das passiert auch Experten mitunter), aber Anand konnte den Sack nicht zumachen. Nach 34.Sc4? stand Vishy erstmals einen halben Zug lang schlecht/verloren, aber MVL der für 34.-Sxe4? 2 1/2 Minuten investierte sah den plötzlichen Konter 34.-Dh8! nicht. Wegen Grundreihe (bzw. fast, jedenfalls Matt) wäre die schwarze Dame tabu – und Schwarz konnte seine Figuren aktivieren und Weiss in die Defensive drängen. Die nächste, und genutzte Chance bekam MVL im 47. und 48. Zug: 47.Da7 war aus schwarzer Sicht „kaputt“, 47.Db6 erlaubte den Doppelangriff 47.-Dg8 und der weisse Vorteil ist dahin. Nach 48.Df2+ stand Weiss gar schlechter, und dabei blieb es bis zum Ende dieser Partie „for the ages“.

Das zweite Foto – unklar wieviel der kibitzende Ivanchuk von der Partie mitbekommen hatte. MVL sagte hinterher im Interview, dass er eine Niederlage bereits einkalkuliert bzw. sich damit abgefunden hatte – „aber ich machte eben Züge, die jedenfalls nicht schnell/forciert verlieren“.

Runde 8: So-Aronian 1-0 etwas So-untypisch da ohne offensichtliche gegnerische Hilfe. Er opferte gar einen Bauern, ohne viel zu riskieren – mit Läufer- gegen Springerpaar hatte er sicher Kompensation. Aronian musste den Bauern nicht unbedingt freiwillig zurückgeben, aber das zu erwähnen ist kleinlich. Trickreich wie er ist, gewann Aronian dann die gegnerische Dame, allerdings für reichlich Material. Neuer Stand aus seiner Sicht: Dame und zwei Bauern gegen Turm, Läufer und fünf Bauern. Das war aus Engine-Sicht mal für Weiss gewonnen und mal remislich – das im Detail aufzubröseln sprengt den Rahmen dieses Beitrags.

Wie gesagt, immerhin einer von fünf So-Siegen ohne kräftige gegnerische Hilfe. Der Leser mag einwenden, dass z.B. MVL auch gegnerische Hilfe brauchte und bekam. Ja, aber etwas riskieren, dabei Niederlagen einkalkulieren und den Gegner eventuell aufs Glatteis führen ist eine Sache. Sos so-lides „Remis ist eigentlich immer OK, wenn der Gegner verlieren will gewinne ich halt“ ist eine andere Sache.

MVL-Nepomniachtchi 1-0: Diesmal stand der Franzose jedenfalls nie schlechter, lange auch nicht (viel) besser. Dann nutzte er taktische Chancen, die er sich mit einem Figurenopfer erarbeitet hatte.

Kramnik-Ivanchuk 1-0: Kramnik entkorkte mal wieder 1.e4 und bekam gegen Sizilianisch schnell Oberwasser. Am Ende gewann er im Damenendspiel mit vielleicht nicht 100% sauberer Technik. Hinterher sagte er, dass dieses Format/diese Zeitkontrolle „die Jugend“ bevorzugt – tatsächlich gewann er nur gegen noch ältere Spieler, Anand und Ivanchuk. Sowie gegen Jobava, der eben in fast allen Partien schachlich alt aussah.

Jobava-Giri 1/2!!! – noch hat Jobava gute Laune, nach der Partie vielleicht nicht mehr, denn Remis spielen mag er gar nicht. Oder vielleicht diesmal doch!? Danach forderte er im Interview „Champagner“ für ihn. Schon zuvor sagte er „ich freue mich auf das Blitzturnier, davor eben noch zwei Schnellpartien“.

Carlsen-Anand 1/2: Zunächst stand Carlsen besser – wieviel besser, da lege ich mich nicht fest. Dann bekam Anand Gegenspiel und, nachdem Carlsen wohl zu lange auf Gewinn spielte, ein klar besseres bzw. objektiv wohl gewonnenes Endspiel. Dann wurde es remis.

Runde 9: Da passierte nicht mehr allzu viel. Dass Anand Jobava aus verdächtiger bis verlorener Stellung entwischen liess und dass der Georgier dann doch verlor (Damentausch durfte er keinesfalls zulassen), sei’s drum. Ivanchuk-So und Nepo-Carlsen wurde nicht allzu ausgekämpft remis, Giri-Kramnik wurde auch remis.

War da noch was? Ja, das turnierrelevante Aronian-MVL 1-0: Nach einem Lapsus im 17. Zug landete der Franzose in einer schlechten Stellung und musste kurz danach eine Qualität spucken. Wieder verteidigte er sich danach zäh, aktiv und trickreich, aber diesmal war Remis oder gar Sieg wohl nie drin – er konnte die Niederlage nur bis zum 88. Zug hinauszögern.

Damit blieb So als einziger ungeschlagen, sogar Giri verlor einmal („unnötig“ gegen Nepomniachtchi). Aronian hatte ein nahezu perfekt-rhythmisches Turnier, immer schön abwechselnd Niederlage und Sieg – einzige Ausnahme ein Remis in Runde 7 gegen Ivanchuk. Es lag wohl auch etwas am Farbwechsel: 3,5/4 mit Weiss (Remis gegen Ivanchuk) und 1/5 mit Schwarz (Sieg gegen Kramnik). Auch so kann man 50% erzielen – Aronians Tabellennachbarn Kramnik und Nepomniachtchi hatten beide drei Remisen, neben Aronian hatte nur Jobava acht entschiedene Partien.

Zum Abschluss noch Spielerfotos, auch Kramnik bekommt eine Galerie:

Andere bekommen ein bis zwei Fotos:

Wie geht es weiter? Samstag und Sonntag mit dem Blitzturnier. Darauf freut sich Jobava, der entspannt aufspielen kann. Tourpunkte sind für ihn als wildcard irrelevant, Preisgeld ist für Platz sieben bis zehn identisch (7500$) und acht Punkte Rückstand auf Platz sechs (10000$) aufholen ist wohl unrealistisch. Darauf freut sich vielleicht auch Vachier-Lagrave, der in Paris drei Punkte Rückstand auf Carlsen nach dem Schnellturnier aufholen konnte – und So ist generell kein guter Blitzer. Auch Carlsen kann daher noch Gesamt-Turniersieger werden, und auch auf den anderen Plätzen kann sich in der Tabelle noch einiges ändern.

So, Vachier-Lagrave und Carlsen (unter der Annahme, dass sie – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge – vorne bleiben) drücken vielleicht neben sich selbst auch Giri, Kramnik und Ivanchuk die Daumen. Das sind die anderen wildcards neben Jobava, gute Ergebnisse für sie sind schlecht für die „Tour regulars“.

Da ich morgen bei der NL-Meisterschaft in Amsterdam vorbeischauen werde, bekomme ich die erste Hälfte des Blitzturniers nicht live mit (oder nur fragmentarisch). Sonntag fällt dann die definitive Entscheidung.

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6 thoughts on “Warteschach von So, Dynamik und Chaos von MVL

  1. Noch einmal und dann reicht es aus meiner Sicht: Zu Wesley Sos Stil nur soviel: Was, wenn alle Weltklassespieler so spielten und in dieser Art, Schach zu spielen, nahezu gleichwertig wären/würden? Dann wäre Remis-Langeweile programmiert – bis auf einzelne Partien in denen es doch nicht funktioniert. Daher ist es, so sehe ich es, gut dass andere anders drauf sind. Ich nenne mal Kramnik (heutige Version), Aronian und Vachier-Lagrave – auch Giri ist viel unterhaltsamer/kreativer als sein Ruf.
    Was Schreibstil betrifft: Sie, Asienfreund, haben ein Recht auf eine Meinung – aber kein Monopol um alleine zu definieren, was geistreich und lustig ist und was nicht. Und wenn dieses Beispiel „objektiv“ (aber dafür gibt es keine Elozahlen) misslungen ist und andere gelungen, gehört es dazu – auch am Schachbrett haben alle (vom Amateur bis zum Weltklassespieler und alles dazwischen) mal gute und mal schlechte Ideen.
    Ich schreibe drauflos und kontrolliere meine Artikel vor Veröffentlichung allenfalls auf Tippfehler, unvollständige Sätze (kann passieren wenn man beim Schreiben mehrfach umformuliert), … . Natürlich konnte ich hier auch einfach schreiben: „Vor dem Turnier hielt Malcolm Pein eine Rede, und die Grossmeister spielten simultan“ – und Interviews der Grossmeister noch nicht erwähnen da diese Fotos erst weiter unten kommen. Damit würde ich nicht anecken, das wäre quasi der Stil von Wesley So oder Magnus Carlsen – vor allem keine Fehler machen …. .

  2. Man kann Meinungen teilen, man muss es nicht. Man kann Meinungen, die man nicht teilt, akzeptieren – oder nicht. Ich äusserte meine Meinung. Kleine Vorteile gewinnbringend ausbauen, den Gegner allmählich überspielen, … ist für mich etwas anderes als vor allem auf gegnerische Fehler warten. Dreev, immerhin ehemaliger Weltklassespieler, sagte mal „Karjakin versucht, seine Gegner zu überspielen. Carlsen wartet vor allem auf gegnerische Fehler. Karjakin ist mir lieber“.
    Sie müssen meine Artikel nicht lesen. Ich muss, wenn ich über Turniere mit So berichte, mir seine Partien anschauen – schlimm ist es nun auch wieder nicht.
    Zur anderen von Ihnen bemängelten Passage: Wenn ich jemand milde veräpple, dann Malcolm Pein. Ausserdem erwähnte ich – als Einleitung zu den Fotos die dann kommen – dass die Grossmeister auch gegen Amateure simultan spielten. Aber das ist für Sie offenbar zu kompliziert.

  3. Herr Richter, ich will ihnen sicherlich nichts böses, denn sie sind ein Schachfreund und im Grunde kann man dankbar sein, wenn jemand sich die Mühe macht über unser Spiel zu schreiben. Ich bin auch ein Fan von schach-ticker und schaue regelmäßig rein. Ich gebe meinen Namen deshalb nicht preis, weil ich keine persönliche Fehde will. So finde ich das besser. Ich habe ein konkretes Beispiel genannt, was mich an ihrem Stil stört. Der genannte Satz ist weder besonders geistreich noch lustig. Deshalb begreife ich nicht wieso man das schreibt, aber sie können ihren Stil weiterbetreiben. Ist halt so, man kann nicht jedem gefallen. Auch Wesley So macht mit seinem Stil weiter und das ist gut so.

  4. Genau das habe ich mir gedacht, dass sie sich daran aufhängen, dass ich nicht meinen Namen preisgebe. Haben Sie das in ihren Statuten stehen, dass das gefordert ist? Wohl kaum. Ich habe nichts außer meinen Namen zu verbergen. Die Kritik ist sachlich und berechtigt meiner Meinung nach. Konstruktiv ist die Kritik nur, wenn sie bereit sind sie zu beherzigen.

  5. Lieber Asienfreund!
    Wer seinen richtigen Namen verschleiert, hat etwas zu verbergen. Grundsätzlich aber kann jeder seine Meinung äußern. Auch Sie! Die Kritik sollte jedoch sachlich und konstruktiv sein.

  6. Lieber Herr Richter,
    jeder hat seinen Spielstil und auch jeder Fan favorisiert unterschiedliche Spieler. Ich fand Karpov immer grandios, weil er es wie kein anderer verstand hat, kleine Vorteile gewinnbringend auszubauen. Wesley So ist ein ähnlicher Typ. Auch Schreibstile sind sehr unterschiedlich und ich zum Beispiel kann ihrem Schreibstil wenig abgewinnen. Sie erwähnen, dass die Großmeister redeten und auch Schach spielten und sogar gegen/untereinander. Das mag für machen humoristisch klingen. Für mich sind solche Sätze so unnötig wie der berühmte Kropf und im Bereich der Veräppelung des Lesers anzusiedeln.

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