Spannende NL-Meisterschaften

Dieser Bericht ist etwas verspätet – Loek van Wely spielt inzwischen (als einer von recht wenigen Ausländern) bereits wieder bei der griechischen Mannschaftsmeisterschaft. Bei den NL-Meisterschaften der Damen und Herren am Ende dasselbe Bild: Jeweils war es spannend, und dann gewann nach Stichkampf ein Favorit gegen einen Aussenseiter. Bei den Damen waren diese Rollen allerdings nach aktueller Elo nicht klar definiert, nur nach Ergebnissen bei früheren NL-Meisterschaften.

Endstand bei den Herren: van Wely 4.5/7+1.5/2, Ernst 4.5/7+0.5/2, van den Doel 4, Sokolov und l’Ami 3.5, Bok und van Foreest 3, Burg 2. Loek van Wely bekommt das Titelbild – alle Fotos von Harry Gielen via Turnierseite und Flickr.

Nach Elo wäre das Feld so sortiert: van Wely 2674, Sokolov 2625, l’Ami 2609, van Foreest 2607, Bok 2599, van den Doel 2572, Ernst 2535, Burg 2518. Twan Burg wusste, wo er in der Abschlusstabelle hingehört (dabei begann er solide mit vier Remisen und dann wurde aus 2/4 2/7); Sipke Ernst hatte keinen Respekt vor seiner eigenen Elozahl bzw. gegnerischer Elo. Sokolov und l’Ami waren mit 50%, auf unterschiedliche Art erzielt, beide eher nicht zufrieden.

Endstand bei den Damen: Haast 5/7+ 0/2 2/2, Lanchava 5/7+ 2/2 0/2, Keetman 4/7, Kazarian und Hortensius 3.5, Peng 3, Hortensius 2.5, van Weersel 1.5. Ich deute bereits an, dass der Stichkampf total anders ausgehen konnte, aber es waren nun einmal Blitzpartien.

Auch hier die Reihenfolge nach Elo: Peng 2386, Lanchava 2295, de Mie 2270, Haast 2266, Kazarian 2253, van Weersel 2203, Hortensius 2155, Keetman 2144. Von den beiden Teenagern ist die 17-jährige Anna-Maja Kazarian bereits „etabliert“ – es war ihre vierte NL-Meisterschaft, laut Kurzprofil auf der Turnierseite ist es „weniger die Frage ob, eher wann sie NL-Damenmeisterin wird“. Seit fast zwei Jahren stagniert sie allerdings Elo-mässig. Die 18-jährige Maaike Keetman war dagegen Debütantin.

Mariska de Mie (*1979) war mir kein Begriff, vielleicht eher einigen deutschen Lesern da sie zuletzt mehrere kleine Turniere in Deutschland spielte. Dreimal war sie zuvor bei NL-Meisterschaften dabei, zuletzt 2009. Noch länger her sind Erfolge bei NL-Jugendmeisterschaften, vor allem 1996 im Alter von 16 Jahren Sieg in der Altersklasse U20. Noordhollands Dagblad hat die Erklärung: 2009 hörte sie auf mit Schach (jedenfalls Turnierschach, Mannschaftskämpfe spielte sie weiterhin), um sich ihrer Familie (sie ist fünffache Mutter) zu widmen. Ihr Comeback begann mit dem geteilten Turniersieg beim Korbacher Open im Oktober 2016, vor bekannten Namen wie Uwe Kersten (gut, eher national bekannt). Da sie durch dieses und andere Ergebnisse ihre Elozahl stark verbesserte, bekam sie eine wildcard für die NL-Meisterschaft. Im Noordhollands Dagblad steht das, da sie zwar inzwischen in Hengelo (bei Deutschland) wohnt aber ursprünglich aus Zaandam (bei Amsterdam) kommt.

Ohne weitere Vorrede zum Turnier, Schwerpunkt Herren – das ebenfalls bunte Treiben bei den Damen kann ich nicht auch noch ausführlich besprechen, würdigen und eventuell teilweise kritisieren.

Dieses Foto aus Runde eins war vielleicht Absicht von Harry Gielen: Wird es wieder, wie letztes Jahr, ein Meisterschaftsduell zwischen dem Brabanter Loek van Wely und dem Groninger Jorden van Foreest? Gielen macht kein Geheimnis daraus, dass er nicht ganz neutral ist – schliesslich ist auch er Groninger. Es wurde ein Duell zwischen Brabant und Groningen, aber nicht das mit dem wohl viele rechneten. Ein Grund war diese Partie bereits in Runde eins:

Van Foreest – Ernst 0-1! Weiss schnappte sich mit seiner Dame Bauern am Damenflügel, Schwarz griff an am Königsflügel. Jorden van Foreest plante wohl langfristig a4-a5-a6-a7-a8D, aber dazu kam es nicht. Entscheidend war ein hübsches, dabei (wenn man es sieht) nicht allzu schwer zu berechnendes Damenopfer – danach konnte Ernst entweder Matt setzen oder das investierte Material mit Zinsen zurückgewinnen. Sipke Ernst ist übrigens Groninger.

Van Wely parallel mit Angriffssieg gegen Bok, wobei er erst ab dem 52. Zug Oberwasser bekam. Van den Doel mit Endspielsieg gegen l’Ami. Burg-Sokolov 1/2 – Burg remisierte immer (bis einschliesslich Runde vier), Sokolov remisierte immer.

In Runde zwei nichts Neues, schon wieder ein Damenopfer:

l’Ami – van Wely 1-0: Erwin überraschte Loek mit 1.e4, Loek liess sich nicht lumpen und spielte Sizilianisch – erst mit 2.-e6 z.B. Taimanov andeuten und dann doch in einen Scheveninger überzuleiten ist offenbar sein neuestes Hobby. Nach 20 Zügen gewann Schwarz eine Figur – dachte er vielleicht, aber Weiss konterte mit einem Damenopfer. Zunächst bekam er dafür zwei Figuren und einen wichtigen Bauern (auf d6), aber das reicht doch nicht? Die weitere Pointe 27.Td8! musste er nicht unbedingt am Anfang der Kombination sehen, sonst hätte er eben Dauerschach gegeben. So entstand letztendlich eine Stellung mit Turm, Läufer und (dank 25.Sxd6+) starkem e-Freibauern, für Weiss gewonnen.

Bok – van Foreest 0-1 war ebenfalls spektakulär und souverän. Hier setzt Schwarz gerade an zu (1.Sf3 d5 2.g3 Lg4 3.Lg2) 3.-Sc6!? nebst 4.-Dd7 und 5.-0-0-0, heterogene Rochaden und der schwarze Königsangriff war schneller – bzw. der weisse nie vorhanden.

Kurzer Blick zu den Damen: Zu diesem Zeitpunkt führte die entpensionierte Mariska de Mie mit 2/2 (nach allen sieben Runden hatte sie 2,5/7).

In Runde drei kein Damenopfer, aber eine Partie, die viele noch tagelang beschäftigen sollte: Van Foreest – l’Ami 1-0. In einer Caro-Kann Vorstossvariante hatte Schwarz nach 10 Zügen einen Mehrbauern – welcher der drei Tripelbauern auf der g-Linie das war darf der Leser entscheiden. Das war noch bekannt, 11.0-0-0 war neu. L’Ami spielte nun auf Königsangriff, während sein eigener König in der Mitte vorläufig sicher stand. Weiss konnte den Angriff dann abfedern, die kritische und viel diskutierte Stellung nach 20.Sxg6. „Spontan“ sagen Computer, dass Schwarz mit 20.-Sa4 Remis erzwingen kann und muss – nach langen Varianten gibt entweder Schwarz Dauerschach, oder Weiss muss Dauerschach geben.

Das wurde vielleicht auch im Presseraum analysiert – mit dabei Benjamin Bok und Spike Ernst, hinten analysieren Sokolov und van den Doel ihre Remispartie. Am Turnierbrett klebte l’Ami mit 20.-Th7 am Material, van Foreest bekam Oberwasser und behielt es im weiteren Verlauf.

Tags darauf sagte l’Ami, dass sein Supercomputer nach langem Rechnen (nicht 20.-Sa4 sondern) 20.-Sc4 spielt, was für Schwarz gewinnt!? Das war noch nicht alles, wieder einen Tag später sagte Twan Burg (mit Computerhilfe!?), dass es doch remis ist. Darüber unterhielt ich mich Samstag vor Ort mit Turnierdirektor Paul Rump, er fragte Stefan Kuipers „gibt’s was Neues dazu?“. „Ja, gerade noch ein Update – Schwarz gewinnt anscheinend doch!“. Das kam von Noud Lentjes, der hat zwar (NL-Elo 2295) keinen GM-Titel aber wohl auch einen Computer. Hier dieser offenbar letzte Stand – Text auf Niederländisch, durchklicken der Varianten erfordert keine Sprachkenntnisse. Wieviel von diesen Varianten hilflose Menschen bei tickender Uhr finden können, sei dahingestellt – es geht um die „objektive Wahrheit“.

Sonst passierte in dieser Runde jedenfalls bei den Herren nicht allzu viel.

Auch Runde 4 eher geruhsam, jedenfalls die meisten Ergebnisse – selbst Erwin l’Ami und Jorden van Foreest spielten nun remis (nicht gegeneinander, das war gestern und wurde nicht remis, sondern gegen Ernst und Burg). Van Wely gewann gegen van den Doel, Bok gewann nicht gegen Sokolov. Sokolov spielt eben immer remis, heute war es glücklich – in Gewinnstellung und Zeitnot wiederholte Bok aus Versehen dreimal die Züge. Dass -Sc4 (im 37., 38., 39. oder 40. Zug) für Schwarz klar besser ist, hatten beide gar nicht gesehen.

Bei den Damen wieder nur der Zwischenstand: Nun führte Anne Haast mit 3/4 vor Lanchava und Hortensius mit 2,5/4.

In Runde 5 wieder zwei spektakuläre Partien – nicht immer muss man dafür die Dame opfern, weniger reicht auch.

Ernst-Burg 1-0 – Foto wieder von der Analyse, zu zweit da diese Partie recht schnell beendet war. „Plötzlich“ bekam Weiss mit 24.Sxf7! nebst, da Schwarz dieses Opfer ablehnte, 25.Sxh6+ vernichtenden Königsangriff.

Weniger erfolgreich das weisse Figurenopfer in Van Foreest – Van den Doel 0-1: „Spielbar“ war es wohl, da er dafür immerhin zwei Bauern und einen luftigen schwarzen König bekam. Aber Schwarz konnte seine Stellung nach und nach konsolidieren und bekam dann vernichtenden Gegenangriff. Am Ende ebenfalls mit einem Figurenopfer, aber nach 38.-Lxg3 war 39.hxg3 forciert Matt, und andere weisse Züge waren auch hoffnungslos.

van Wely-Sokolov 1/2. Vor dem Turnier sagte Loek van Wely mit seiner grossen Klappe (van Wely über van Wely, also kann ich das auch schreiben) „Um es mal so auszudrücken – Ivan muss froh sein, wenn er gegen mich Weiss bekommt“. Nun spielten, abgesprochen oder nicht, beide in Weiss. Aber Sokolov hatte die schwarzen Figuren und stand über weite Strecken der Partie besser.

Bei den Damen hatte Zhaoqin Peng, bei der zuvor (und danach) wenig lief, immerhin ein Erfolgserlebnis: Sieg gegen Anne Haast – die einfach so eine Qualität opferte und dafür jedenfalls auf Dauer nicht genug Kompensation hatte. Haasts Konkurrentinnen Lanchava und Hortensius gewannen und hatten nun einen halben Punkt Vorsprung auf die Titelverteidigerin.

In Runde 6 war ich vor Ort, da bekommt man von den Partien nicht unbedingt mehr mit als zu Hause via Internet aber erlebt die Atmosphäre. Twan Burg war wieder schnell fertig, wieder gefiel es ihm sicher nicht: Burg-Bok 0-1. Ihr Vorstoss Caro-Kann war bis zum 11. Zug bekannt (Nakamura-Shankland 1/2, US-Meisterschaft 2015) – derlei Dinge erwähnte Stefan Kuipers im Liveblog, aber sie stehen auch in meiner Datenbank. 12.fxg5 war neu, (12.-hxg5) 13.Lxg5 offenbar bereits Selbstmord – zu viele offene Linien vor dem eigenen König. Diesmal war ein schwarzes Figurenopfer total korrekt, dann beendete 20.-Dxh2# die Partie.

Van Wely – Van Foreest 1-0 dauerte länger, viel länger – bis kurz nach der zweiten Zeitkontrolle im 60. Zug. Jorden war dieses Mal, im Gegensatz zum Vorjahr, jedenfalls kein mietje (Angsthase oder Weichei). Schwarz hatte aus der Eröffnung heraus Raumvorteil – das akzeptierte Loek (1.Sf3 d5 2.g3 g6 3.Lg2 Lg7 4.c4 d4 usw.) – aber dann ging es nicht richtig weiter. Da Schwarz für 25.-Te7 knapp 10 Minuten investierte, war es vielleicht ein bewusstes Bauernopfer und kein Einsteller. Kurz danach gab er auch noch eine Qualität und stand nun vor der ersten Zeitkontrolle wohl schlecht bis verloren. In beiderseitiger Zeitnot spielte van Wely suboptimal, nach der Zeitkontrolle war es – da Schwarz noch den weissen Bauern auf h4 erwischte und nun drei verbundene Freibauern am Königsflügel hatte – unklar-ausgeglichen. In der zweiten Zeitnotphase bekam Weiss wiederum, und nun definitiv Oberwasser. Das war’s dann definitiv betrifft zweiter Titel für van Foreest (jedenfalls anno 2017).

Stand bei den Herren: van Wely und Ernst 4/6, in Runde sieben trafen sie aufeinander. Van den Doel (3,5/6) brauchte für Stichkampf um den Titel einen eigenen Sieg und ein Remis im Duell der beiden Führenden.

Bei den Damen ging es (auch) in dieser Runde drunter und drüber: Kazarian (zuvor 1,5/5) gewann glatt gegen Hortensius. Van Weersel-Haast 0-1 kann man mit etwas (oder viel) gutem Willen als „Kontersieg“ bezeichnen – Schwarz stand aus der Eröffnung heraus total verloren, dann kippte die Partie noch komplett. Damit führten nun Haast und (Remis gegen Keetman) Lanchava mit 4/6.

Runde sieben:

Ernst – van Wely – gleich wird es Grünfeld-Indisch, und dann wurden noch „ein paar“ Züge gespielt bevor Remis (und damit weitere Züge in weiteren Partien) unvermeidlich war – genauer gesagt schlappe 100 Züge. Weiss hatte das seltene 7.Da4+ vorbereitet: nur 740 Datenbank-Partien, tausende für 7.Lc4, 7.Sf3 und 7.Le3. Nach Eloschnitt oben in der Datenbank sechs Partien Nakamura – Vachier-Lagrave, alle am 24.10.2016 denn es war ein Internet-Blitzmatch. Weiss erzielte 5/6, aber so gut ist 7.Da4+ sicher nicht. Van Welys 10.-e5 war neu, jedenfalls in dieser konkreten Stellung – in vergleichbaren wird es, obwohl etwas Grünfeld-untypisch, manchmal gespielt.

Dann bekam Schwarz (forciert war es nicht) zwei Läufer für einen Turm – im Prinzip gut, aber da war noch der weisse d-Freibauer. 30.-Ta4?! mit der Idee „ich will auch einen Freibauern auf der a-Linie“, aber das war suboptimal – bzw. wäre es gewesen, wenn Weiss (statt 32.d7 Ld8 33.Db8) 32.Db8+ nebst 33.d7 gespielt hätte. Dann müsste Schwarz ums Remis kämpfen, so konnte er weiterhin Gewinnversuche unternehmen. Noch ein Foto zu einem späteren Zeitpunkt der Partie:

In Sicht des Remishafens strauchelte Weiss mit 94.Th6?? (94.Te6, nur so), aber Schwarz sah 94.-f3! nicht. 24 Züge bis zum Matt musste er dabei nicht vorausberechnen, was er sehen musste: 95.h8D Lxh8 96.Txh8 ist kein Problem: 96.-f2 97.Tf8 Lf3 und nun hat Weiss zwar noch ein paar Turmschachs, aber mit schwarzem König auf der a-Linie scheitert Ta8+ an -Lxa8, und alles andere erlaubt sofort -f1D. Nach dem „sicheren“ 95.-Lh8 fand Weiss, mangels Alternativen, 96.Te6 und nun war es wieder remis.

Alles andere etwas im Schatten dieser Partie. Turnierrelevant allerdings, dass Bok – van den Doel remis wurde. Einen Zug lang stand van den Doel auf Gewinn – warum er nach 29.f5?!?? auf 29.-Dxf5 verzichtete, siehe unten. Danach stand er ein paar Züge lang auf Verlust, auch das war noch die Zeitnotphase und blieb deshalb ohne Folgen. Im Bauernendspiel riefen Engines mitunter auch „Weiss gewinnt!“, da sie Bauernendspiele nicht beherrschen. Ganz zum Schluss hatte Weiss eine Dame mehr und doch war es remis – patt, so endet (nach Dxf2) Dame gegen vom König unterstütztem einzugsbereitem f-Bauer, wenn der König der materiell überlegenen Seite nicht eingreifen kann.

L’Ami spielte in Runde neun gegen Burg, also gewann er (Burg remisierte seine ersten vier und verlor die letzten drei Partien). „Smooth“ war es eher nicht, nach experimenteller Eröffnung stand er schlecht und bekam dann doch Oberwasser. Van Foreest und Sokolov remisierten.

Wer ist das denn? Jan Smeets – Paul Rump wollte ihn als Teilnehmer, dann müsste er allerdings erst ein Qualifikationsturnier spielen und gewinnen. Smeets sagte offenbar „nein, ich rede lieber“ und musste dann beim Livekommentar Überstunden machen.

Die Damen spielten – siehe Foto mit Smeets – auch. Haast und Lanchava mussten gewinnen – Haast schaffte das recht souverän gegen de Mie: aus der Eröffnung heraus stand sie besser, gewann dann einen Bauern und dann weitere Bauern. Lanchava bekam gegen die, nicht nur in dieser Partie, unglücklich agierende Arlette van Weersel erst tief im Endspiel Oberwasser – Stichkampf auch bei den Damen! Das war jeweils mit Weiss – Schwarzsiege für die beiden Teenager: Keetman gegen Hortensius, Kazarian gegen Zhaoqin Peng.

Vor den Stichkämpfen erst noch Fotoserien:

Nach Endstand sortiert (einige lasse ich aus), damit alphabetisch oder altersmässig etwas durcheinander. Das Ergebnis des Stichkampfs hatte ich ja bereits eingangs verraten. Die beiden Teenager verbesserten sich im Turnierverlauf: Keetman begann mit 0/2, dann noch 4/5 – eine Rolle spielte vielleicht, dass sie zu Beginn gegen Peng (die noch nicht wusste, dass sie ein schlechtes Turnier erwischen würde) und Haast spielte. Kazarian begann mit 1,5/5, dann noch 2/2.

Lisa Hortensius machte es umgekehrt: 3,5/5, dann 0/2. Ist sie mit 25 bereits alt mit konditionellen Problemen? Jedenfalls älter als ihre beiden letzten Gegnerinnen Kazarian und Keetman. Mariska de Mie, das hatten wir bereits: 2/2, dann noch ein halbes Pünktchen aus den übrigen Partien.

Van Wely hatte ich bereits (Titelfoto), bei Jorden van Foreest kann ich mich nicht zwischen zwei Outfits entscheiden. Einer hat sich in die Galerie hineingemogelt obwohl er gar nicht mitspielte, aber Paul Rump (NL-Elo 1848) redete mit vielen während dem Turnier, organisierte, …. . Einer muss den Turnierdirektor machen, und dafür braucht man keinen GM-Titel (obwohl Hoogeveen sich für Loek van Wely als Turnierdirektor entschieden hat).

Einer bekommt seine eigene Galerie:

Für Ivan Sokolov war es offenbar ein anstrengendes Turnier, kein anderer wurde (jedenfalls gefühlt) so oft in derlei Posen fotografiert. Es gibt auch andere Fotos von ihm, aber ich bin da selektiv.

Nun noch eine ganze Reihe Screenshots aus Video-Interviews. Als Fotograf muss man derlei Momente sofort erwischen, eine zweite Chance gibt es nicht. Als Screenshot-Produzent hat man zwei, drei, fünf …. Chancen, das Video in genau der richtigen (Zehntel-)Sekunde anzuhalten.

Bei van Wely (Interview vor dem Stichkampf) hat sich einer eingemischt: „Papa, halt doch den Mund! Und sag mir endlich, warum Du nicht 94.-f3 gespielt hast, das hab‘ sogar ich mit Computerhilfe gesehen!“

Zu Sipke Ernst gibt es kein Video aus Runde sieben, daher eines aus Runde fünf:

Bottema: „Wie lange wohnst Du schon in Groningen?“ Ernst: „16 Jahre!?“ Hintergrund der Frage: Groninger Medien interessierten sich nur für Jorden van Foreest. Oft blickt Ernst so drein wie sein Nachname, nicht immer:

„Vor drei Jahren hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch 3,5/5 und wurde am Ende Dritter. Aber ich habe sicher (Titel-)Chancen.“

Erik van den Doel erklärte, warum er auf 29.-Dxf5 verzichtete: “Im 30. Zug hatten wir beide noch eine Minute – wir hatten beide nicht auf dem Zettel, dass Schwarz noch lang rochieren konnte” [Und es funktioniert nach 30.Lf4 – Idee b6-b7-b8D – nur wenn man 31.b7 mit 30.-0-0-0 verhindert] “Später habe ich dann lang rochiert. Ich hatte auf meinem Formular nachgeschaut, ob König oder Turm schon gezogen hatte, aber meine Notation war so chaotisch – es war ein gokje (Risiko), ich war mir zu 90% sicher dass es legal war.”

Erwin l’Ami hatte diesmal kein gutes Turnier, daher blickte er meistens auch etwas ernst drein. Zweimal lachte er aus unterschiedlichen Gründen:

Die Frage war, ob er als Giri-Sekundant Neuerungen (als erster) selbst spielen darf: „b3 was Giri gegen Aronian spielte durfte ich natürlich nicht selbst verwenden!“. Ansonsten habe er ja sein eigenes Repertoire, nur manchmal müsse er kritischen Varianten ausweichen.

Und das war die Antwort auf Bottemas „werd doch mal niederländischer Meister!“.

Sokolov blickte meistens etwas grimmig drein. Bottema hat er verraten, was er neben Schach spielen momentan noch macht – Buchautor und Trainer, wobei ich das auch wusste oder ahnte.

Jorden van Foreests Gesichtsausdruck erinnert mich etwas an Magnus Carlsen nach (subjektiv) nicht so tollen Turnieren – bei Magnus übrigens auch, wenn er als Turniersieger mit seiner letzten Partie nicht zufrieden ist [Da Tom Bottema, in diesen Videos nie zu sehen aber immer zu hören, auch in Wijk aan Zee hinter den Kulissen aktiv ist, weiss er wohl worauf ich anspiele]. Allerdings ist Jorden, so sehe ich es, in einer Hinsicht besser (reifer?) als Magnus: Auch nach schlechtem Turnier gibt er Interviews, damit war nicht unbedingt zu rechnen. Und er beantwortete auch kritisch-provokative Fragen. Bottema (frei übersetzt-zusammengefasst): „Du spielst oft schnell und spekulativ!? Manchmal funktioniert es, manchmal auch nicht.“ JvF: „Ja ich weiss – daran muss ich arbeiten, daran werde ich arbeiten.“

Ob er dann das Zeug zum Weltmeister hat? Im Pressebereich in Wijk aan Zee hiess es: „So seltsam es vielleicht klingt, Jorden ist schon zu alt – unsere Hoffnungen ruhen nun auf Lucas.“

Die Damen zeigten teilweise noch mehr Emotionen:

Anne Haast wurde gefragt: „Wirst Du nun wieder mehr an Deinem Schach arbeiten? Darauf hofft die niederländische Schachwelt natürlich ….“. „Gute Frage ….“

„Ich arbeite inzwischen als Lehrerin, während dem Studium war es einfacher. Nun muss ich sehen, wie ich meine Zeit und Energie einteile.”

Tea Lanchava: „Es war chaotisch, wie üblich in meinen Partien.“

„Ich hab‘ ihr soviele Chancen gegeben ….“

„Wenn mir jemand vor einer Woche gesagt hätte ‘Du erreichst einen Stichkampf’ hätte ich sofort unterschrieben”. Dieses Interview also vor dem Stichkampf gegen Anne Haast.

Maaike Keetman: „Platz drei, ich kann es selbst noch nicht glauben!“

Mariska de Mie: „Schach macht wieder Spass. Ich werde nun mehr an meinem Schach arbeiten – Eröffnungen, Taktiktraining, Endspiele, ….”

Dann waren da noch die Stichkämpfe: Bei Ernst-van Wely (zunächst diese Farbverteilung) wieder Grünfeld mit 7.Da4+, diesmal Dauerschach ab dem 17. Zug. Ernst konnte eventuell abweichen, hatte allerdings deutlich weniger Restbedenkzeit (zwei gegen vier Minuten). Auch in der zweiten Partie verbrauchte Ernst, nun mit Schwarz, früh viel Bedenkzeit – bereits über eine Minute (von fünf) für 5.-c6. Seine Stellung war etwas beengt-passiv, dann konnte er sich befreien, dann fiel er auf einen taktischen Trick herein. Nach 27.Sh6+ musste er entweder 27.-Kf8 spielen oder, von Computern bevorzugt, das nicht naheliegende 27.-Lxh6 – den Fianchettoläufer gibt man ungern, aber die Silikonhirne sagen dann „Schwarz steht besser“. Nach 27.-Kh8? kostete 28.Txb3! Lxh6 (nun doch, 28.-axb3 29.Sxf7+ nebst 30.SxDd6) 29.Txb7 einen wichtigen Bauern. Dann hat Ernst auch noch eine Qualität verloren, vermutlich einfach eingestellt. Achter Titel für van Wely bei achtzehn NL-Meisterschaften, Ernst hat in dieser Kategorie nun null aus fünfzehn. Immerhin wurde er zuvor bestenfalls Dritter, nun Platz zwei.

Bei Lanchava-Haast begann ebenfalls die spätere Verliererin mit Weiss. Nach 39 Zügen hatte sie zwei Mehrqualitäten und drei verbundene Freibauern – der Rest ist Technik, oder? Haast hatte immerhin noch zwei Springer, und die sind trickreich. Pragmatisch wäre gewesen, die beiden Springer auf Kosten einer der Mehrqualitäten zu eliminieren. Lanchava spielte 40.c6???, und aus +12 wurde -5: 40.-La3+ mit Damengewinn, sofort oder nach der Springergabel 41.Kb1 Sd2+ nebst 42.-SxDb3. Man könnte sagen „typisch, der 40. Kontrollzug“, aber es war eine Blitzpartie. Immerhin behielt Lanchava noch den c-Freibauern sowie einen Springer auf d5 und damit „praktische Chancen“ – die kamen tatsächlich, kurze Zeit war die Stellung wieder ausgeglichen, aber blieben ungenutzt – Lanchava-Haast 0-1.

In der zweiten Partie stand Lanchava mit ihrem modernen Schwarzaufbau lange Zeit schlechter – sagen jedenfalls Computer die das nicht mögen. Dann verdaddelte Haast eine Qualität (33.Sc4?? Lg5 mit Gruss an De3 und Tc1 von Weiss – auch Läufer sind manchmal gemein). Dann kostete der schwarze b-Freibauer noch eine weisse Figur – Mehrturm für Schwarz, der Rest ist Technik? Immerhin hatte Haast noch einen eigenen f-Freibauern, Lanchava ignorierte ihn mit noch gut zwei Minuten Restbedenkzeit: 45.-Lg6? (45.-Lf7!) 46.f7 Lxf7 (muss sein) 47.Lxf7. Nun war es, mit nur noch Mehrqualität, kompliziert. Wie Lanchava, die ja gewinnen musste, es versucht hätte werden wir nie erfahren, da sie sofort nochmals patzte: 48.Df6 – Dame und Läufer zu nah dran am schwarzen König – durfte sie keinesfalls erlauben, tat es jedoch. Haast-Lanchava 2-0 – vierter Titel für Haast in Serie bei insgesamt neun NL-Meisterschaften. Letztes Jahr nach noch kurioserem, da vom Ergebnis her nicht einseitigem Stichkampf gegen Paulet. Lanchava war 16-mal dabei und gewann einmal, dabei bleibt es nun.

Preisausreichung mit kurzen erfundenen Zitaten – wieder Ladies first und nur einige, nicht alle:

Maaike Keetman: „Platz drei, ich kann es immer noch nicht glauben!“

Tea Lanchava: „Der Stichkampf war chaotisch, wie üblich in meinen Partien“

Hier habe ich – alle Jahre wieder – den Eindruck, dass Paul Rump „seiner Tochter väterlich zuspricht“. Seine eigenen Kinder, Samstag vor Ort, sind übrigens noch recht jung und spielen (so Rump) noch kein Schach.

Jorden van Foreest: „Was kam finanziell dabei heraus?“

Rump: „Ich kann’s nicht ändern – 50% ist ein Platz im Mittelfeld“

Sipke Ernst: „Aller guten Dinge sind sechzehn – nächstes Jahr gewinne ich!“

Loek van Wely war ausnahmsweise mal sprachlos bzw. dachte bereits an

Vater und Sohn hatte ich schon mehrfach gezeigt, nun auch die Mutter/Ehefrau.

Zum Abschluss zwei Gruppenfotos, wobei sie vor dem Turnier entstanden:

Bei den Herren war Sokolov ausnahmsweise mal pünktlich, nur nebenbei mit seinem Handy beschäftigt.

Die Damen bunter und fröhlicher – Arlette van Weersel dachte allerdings „Gruppenfoto nur für die ersten sieben von acht“ und kannte ihr Turnierergebnis bereits.