Radjabov überrascht beim FIDE Grand Prix

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Fünf Runden sind in Genf gespielt, nun ist der erste Ruhetag für alle. Einige gönnten sich vielleicht einen gemeinsamen privaten Ruhetag – wobei die Remisquote, jedenfalls zu Beginn, niedriger war als zuvor in Sharjah und Moskau und auch nicht alle Kurzremisen (nach Zügen) kräfteschonend heruntergeblitzt wurden.

Einer gewann zu Beginn gleich doppelt und macht seither das, was er nachweislich kann: Remis spielen. Ein anderer hat ihn so eingeholt, und damit wiederholt sich die Grand Prix Serie: Auch in Sharjah und Moskau führte nach fünf Runden ein Azeri zusammen mit einem Nicht-Azeri. In Genf steht es nach fünf Runden so: Grischuk und Radjabov 3.5/5, Aronian, Mamedyarov, Svidler, Harikrishna 3, Giri, Nepomniachtchi, Eljanov, Adams, Li Chao, Gelfand, Inarkiev, Jakovenko 2.5, Riazantsev 2, Rapport und Saleh 1.5, Hou Yifan 1.

Das Titelfoto gebe ich den beiden Azeris – nicht weil ihre Partie in Runde 5 „die Erwartungen erfüllte“ sondern weil Mamedyarov (auf dem Foto links, im vorigen Absatz bereits erwähnt) nach wie vor eine recht gute Ausgangsposition in der GP-Gesamtwertung hat – dazu später mehr. Für Fotos ist offenbar inzwischen FIDE zuständig – AGON schafft das nicht mehr (Sparmassnahmen?), obwohl sie es auf der Turnierseite versprechen:

Dieser Screenshot ist schlicht und ergreifend „WOW!“. Hiermit habe ich auch ein bisschen über AGON gelästert, chess.com (vor allem im ersten Artikel) und EuropeEchecs machen es ausführlicher. Chessbase und Chess24 machen es dagegen nicht – Chessbase weil sie offenbar einen Deal mit AGON haben (sie dürfen die Liveübertragung übernehmen), Chess24 weil sie nach dem Turnier in Moskau auch das in Genf komplett boykottieren. Letzteres kann man natürlich auch als Kritik interpretieren. Und nun zum schachlichen Geschehen:

Einmarsch der Gladiatoren vor Runde eins – vorne Inarkiev, dahinter Giri mit Sekundant Erwin l’Ami. Harikrishna hat Markus Ragger, andere haben offenbar keinen „sichtbaren“ Sekundanten – entweder Hilfe aus der Ferne, oder Namen sollen geheim bleiben.

Den Rest musste Giri alleine erledigen – was dabei herauskam siehe unten.

Auch Svidler ist alleine – einer seiner Sekundanten (Matlakov) spielt derzeit ohnehin im Halbfinale der russischen Meisterschaft.

Und dann sassen alle an den Brettern die die (Schach-)Welt bedeuten. Immer noch komme ich nicht zum schachlichen Geschehen, da der FIDE-Fotograf noch andere würdigen will:

Sponsoren sind wichtig, wichtig, wichtig – es reicht nicht, sie auf anderen Fotos im Hintergrund zu zeigen.

Und auch die isklar-Wasserflaschen (auf anderen Fotos etwas unscharf abgebildet) sind eigentlich wichtiger als die Spieler. Aber da der Fotograf sie nicht komplett ignorierte, beginne ich mit Eljanov – Hou Yifan 1-0. Aus der italienischen Eröffnung erreichte Weiss nichts – musste auch nicht sein da die Chinesin dann ein Endspiel vergeigte: 35.-f3, was war das denn? Königsangriff im Endspiel!? Es führte jedenfalls zu Bauernverlust und letztendlich zu einem verlorenen Bauernendspiel.

Giri-Radjabov 0-1! hatte ich bereits angedeutet. Giri ver(sch)wendete in der Eröffnung viel Bedenkzeit und bot nach 19 Zügen remis – aber der oft friedfertige Radjabov lehnte ab! „Meine Züge sind einfach, ich habe eine Stunde mehr auf der Uhr, warum nicht weiterspielen?“. 20.Lg6?! war dann der Anfang von Giris Problemen: beide Damen drangen in die gegnerische Stellung ein, aber die schwarze Tante war dabei gefährlicher – am Ende unter Figurenopfer ein kombinierter Mattangriff der schwarzen Schwerfiguren.

Zu welchem Zeitpunkt Erwin l’Ami das auf einem Monitor beobachtete ist auf dem Foto nicht deutlich.

Adams-Saleh 1-0 gab es bereits in Sharjah, ebenfalls in Runde eins. Damals opferte Weiss einen Bauern, den er später mit Zinsen zurückbekam. Diesmal keine Umwege, nachdem der Gegner den Faden verlor sofort Material erobern. Adams gefiel die Partie in Sharjah besser, diese nun nannte er „a bit of a strange game“. In Moskau trafen die beiden, obwohl am Ende Tabellennachbarn, nicht aufeinander.

Riazantsev-Harikrishna 0-1 im Endspiel, mit freundlicher gegnerischer Hilfe: 64.d5?! war ein klassisches Eigentor. Auch hier drangen beide Damen ein – zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Brett, aber es war dennoch bereits quasi ein Endspiel – und die schwarze konnte mehr Schaden anrichten, bzw. Weiss hatte nach 67.Df8+ Sd8 (hatte er das übersehen?) nichts besseres als 68.Dh8 – Damentausch und Endspiel mit Minusbauer. Der zuvor recht sicher blockierte schwarze b-Freibauer entschied nun die Partie.

Von den Remispartien ist Aronian – Li Chao 1/2 erwähnenswert: Es war Benoni auf Umwegen (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3!? e6 4.Sc3 c5 5.d5 d6 6.e4), später gewann Schwarz taktisch zwei Türme für drei Leichtfiguren – jedenfalls wenn das materieller Vorteil ist. Da Li Chao nicht wusste, wie er das behandeln sollte, akzeptierte er kurz nach der Zeitkontrolle Aronians Remisangebot. Dieses Remis nicht total ausgekämpft, das zwischen Svidler und Jakovenko (nach 20 Zügen auf noch vollem Brett) noch weniger. Die Spieler rechtfertigten es mit „wir hatten beide bereits recht viel Bedenkzeit verbraucht und wollten nicht schon in Runde eins ein Zeitnotdrama“. Hier kann ich den Youtube-Kanal von Worldchess erwähnen, jede Menge mehr oder weniger ergiebige bzw. interessante Spielerinterviews. Kleiner Tip: in den ersten Runden dauert es 20 Sekunden, bis die Spieler dran sind – zuvor Musik und Sponsorlogo.

ZzZ – Zahlreiche zahlende Zuschauer vor Ort. Oder sind es (teilweise) VIPs, die nicht 15 Dollar Eintritt pro Runde zahlen müssen?

Runde 2:

Aronian hatte sich viel vorgenommen – in dieser Runde sollte es klappen. In einem Interview sagte er „I have nowhere to go“ was ich im Kontext als „Ich habe nichts zu verlieren!“ interpretiere. Nach seinem schlechten Auftaktergebnis in Sharjah muss er eigentlich seine beiden nächsten Turniere – dieses in Genf und das letzte in Palma de Mallorca – alleine gewinnen um sich eventuell doch noch über die GP-Serie für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Und nun erst einmal wieder Werbung:

Auch Dupont sponsort die GP-Serie.

Organisatorisch stimmt einfach alles – es gibt Schachuhren, Partieformulare, Kugelschreiber und isklar-Wasser! Der Fotograf hatte nur versäumt, besagte Flasche ca. 90º zu drehen. Was das in blau ist, dazu habe ich nicht recherchiert. Zum schachlichen Geschehen:

Radjabov wollte den Namen seines Sekundanten nicht verraten, hier hilft ihm Alexandra Kosteniuk – wobei er 1.d4 vielleicht auch selbst gefunden hätte. Radjabov-Eljanov 1-0: Nach 20 Zügen war die Stellung vereinfacht bei symmetrischer Bauernstruktur – beide hatten noch Schwerfiguren, Weiss ausserdem einen Zentralspringer auf d5 gegen einen schwarzen Läufer. Das reichte, um dann nach und nach und quasi aus dem Nichts heraus einen Königsangriff zu inszenieren. Matt wurde es nicht, Damengewinn gegen Turm und Leichtfigur reichte, um Eljanov zur Aufgabe zu bewegen. Im Interview hinterher wirkte Radjabov vor allem erschöpft – er war zuvor in extremer Zeitnot und hatte teilweise nur noch eine Sekunde auf der Uhr (dann wieder 30 Sekunden Bonus).

Kosteniuk noch einmal – da sie brav für/vor Dupont posiert (und da es in diesem Turnier bisher keinen Grund gibt, Hou Yifan zu fotografieren).

Jakovenko-Aronian 0-1: Gegen den soliden Jakovenko musste Aronian nach eigener Aussage hinterher etwas riskieren, und es funktionierte: Sein Königsangriff führte zu Damengewinn, wobei er die Dame – da sein eigener König auch entblösst war – schnell zurückgab und dann war das Endspiel für ihn gewonnen. Das alles nicht unbedingt erzwungen bzw. forciert, aber durchaus unternehmungslustig.

Mamedyarov-Inarkiev 1-0 da Schwarz im 19. Zug a tempo rochierte, und das hatte einen Nachteil: 20.Sh4 – Damengewinn mitten auf dem Brett! Da Inarkiev dafür nur eine Leichtfigur bekäme gab er sofort auf. Fast a tempo musste sein, da Inarkiev schon zuvor in der Eröffnung Probleme hatte, die ihn viel Bedenkzeit kosteten.

Grischuk-Rapport 1-0 dauerte wieder länger (63 Züge), wobei Weiss in einem klassisch-geschlossenen Spanier schon viel früher sehr gut stand. Am Ende entschied ein d-Freibauer.

Saleh-Giri 0-1: Lange stand Giri wohl allenfalls symbolisch besser. Dann verzichtete Weiss mit 27.Da1?! auf Damentausch und musste später zu für ihn schlechteren Bedingungen doch die Damen tauschen – im Endspiel waren seine Bauern nun Fallobst.

Salem Saleh zeige ich trotzdem nochmal individuell.

Zu den Remispartien: Hou Yifan stand gegen Riazantsev vorübergehend auf Gewinn – nachdem der Russe unbedingt eine Qualität gewinnen wollte und dabei weisse Freibauern unterschätzte. Die Qualität musste er schnell zurück geben, dann war der verbleibende weisse a-Freibauer eigentlich schneller als der schwarze d-Freibauer aber Hou Yifan nutzte ihre Chance nicht. Aus ihrer Sicht: wenn man/frau auch Gewinnstellungen nicht gewinnt, dann bleibt sie eben sieglos.

Li Chao entkorkte gegen Svidlers Grünfeld 4.Sf3 Lg7 5.h4!?. So wie beide fortsetzten entstand ein Doppelturmendspiel mit weissem Mehrbauern. Der ewig selbstkritische Svidler war sich sicher, dass er zwischenzeitlich auf Verlust stand – mein Eindruck mit Enginehilfe: es war anscheinend immer (aus schwarzer Sicht knapp) remis.

Nepomniachtchi-Gelfand war ein Theorieduell im Rossolimo-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 g6 4.Lxc6 bxc6). Nach 18 Zügen hatte Schwarz einen Mehrbauern, bzw. hätte ihn wenn er das gegnerische Remisangebot nicht akzeptiert hätte. Weiss hätte allerdings volle Kompensation – beide sahen nicht, wie sie sinnvoll weiterspielen konnten.

Ab Runde 3 tendenziell: Remis an den vorderen Brettern (wobei nicht alle Remisen „kampflos“ waren), Entscheidungen weiter hinten zwischen Spielern, die noch Nachholbedarf haben.

Aronian-Radjabov 1/2 war dabei zu wenig für Aronian, der ja in der GP-Gesamtwertung durchaus Nachholbedarf hat. Aber er erreichte gegen den schwarzen Stonewall-Aufbau nichts, stand nach 25 Zügen leicht schlechter und bot vorsichtshalber remis – Radjabov war einverstanden.

Von Harikrishna-Mamedyarov 1/2 gibt es kein gemeinsames Foto, also zeige ich „Hari“ alleine. Er war nahe dran, Mamedyarovs bisher erfolgreiches Turnier (vorübergehend?) zu ruinieren, aber konnte den Sack nicht zumachen. In einem Italiener bereute Mamedyarov, dass er seine Königsstellung „thematisch“ mit -h6 und -g5 geschwächt hatte. 27.-Txf2!?? war „objektiv“ ein reiner Bluff – Harikrishna glaube ihm aufs Wort und spielte 28.Kh2, Mamedyarov deutete hinterher an, dass er nach 28.Sc5! vielleicht aufgegeben hätte. Auf die Frage „Du wolltest doch solide spielen?!“ meinte er „Ja, aber ich stand schlecht und musste Komplikationen anstreben, sonst stehe ich einfach schlecht“.

Adams-Grischuk 1/2 war dagegen ein gepflegtes Kurzremis in 13 Zügen.

Giri machte es optisch bunt, seine Partie gegen Li Chao war nicht allzu bunt – immerhin spielten sie bis direkt nach der Zeitkontrolle und mit ungleichfarbigen Läufern war es total remis. Beide hatten ja gehaltvolle Partien in den ersten beiden Runden, auch wenn der Chinese zweimal remisierte.

Svidler-Gelfand 1/2 nach 20 Zügen: Svidler (den hatte ich bereits fotografiert) war sich sicher, dass er nach etwa 15 Zügen besser stand und dann ungenau spielte – „wieder ein Weissvorteil dahin“. Nach 20 Zügen war es schon sehr remislich.

Eljanov-Nepomniachtchi 1-0 – na also, es geht doch! Wobei hier (wie bei der anderen entschiedenen Partie und im Gegensatz zu Hari-Mamedyarov) Remis eigentlich das „logische“ Ergebnis war, aber der Reihe nach: Najdorf-Sizilianisch mit heterogenen Rochaden, beide spielten auf Königsangriff aber Matt (oder auch nur Schach) drohte nie. Das erste Opfer dann mit anderer Idee: Eljanov ging während der Partie davon aus, dass sein Qualitätsopfer 34.Txe5 dem d-Freibauern den Weg nach d8 ebnet, so kam es auch aber … : 36.-Txc3 (Qualität zurückgeben) musste sein, danach konnte und musste Schwarz auch die Damen tauschen. Dann erwischt er auch den weissen d-Bauern nebst Turmtausch – das verbleibende Bauernendspiel ist optisch für Weiss sehr gut, aber objektiv schlicht und ergreifend remis. Statt 37.-DxDc3 spielte Nepo 37.-De7??, und mit Schwerfiguren auf dem Brett konnte Weiss seinen d-Freibauern verwerten – bzw. Schwarz gab auf bevor es so weit war.

Eljanov zeige ich nochmal individuell – Prost!

Rapport zeige ich zunächst individuell – trotz grüner Krawatte war es am Ende eines langen Tages für ihn nicht im grünen Bereich, denn

Rapport-Jakovenko 0-1: Weisse Angriffsbemühungen führten zu einem Endspiel mit Minusbauer, das Rapport dann zäh und „im Prinzip“ erfolgreich verteidigte – er erreichte das Remisendspiel Turm gegen Turm und Springer. Aber gleich der erste Zug in diesem Endspiel 80.Tf1+? war falsch und Schwarz gewann doch noch.

Runde 4: Zu Radjabov-Harikrishna 1/2 am Spitzenbrett reicht „hiermit erwähnt“ – Figuren wurden abgetauscht und nach 21 Zügen remis vereinbart. Grischuk-Aronian 1/2: Sie spielten nach gemeinsamer Aussage hinterher „eine perfekte Partie“, und das wird dann remis. Mamedyarov-Eljanov 1/2 dauerte 22 Züge. Alle Spieler wurden fotografiert, bevor es zu spät war:

Nämlich vor Rundenbeginn.

Svidler-Adams 1-0: Hier war 16.-Dc4 nebst Damentausch falsch – so verlor Schwarz dann ersatzlos seinen d-Isolani und „der Rest war Technik“ für Weiss, jedenfalls nachdem Adams mit 23.-Lf8? 24.Lxh7 noch einen Bauern einstellte. Das ging, da 24.-g6 an 25.Lxg6+! Kxg6 26.Sf4+ und 27.TxTd8 scheitert (27.-Lf8xd8 ist, im Gegensatz zu -Le7xd8, regelwidrig). Svidler war dennoch hinterher unzufrieden mit Svidler, da er noch gewisses – allerdings unzureichendes – schwarzes Gegenspiel erlaubte.

Nepomniachtchi – Hou Yifan 1-0: Hou Yifan hoffte vielleicht, dass Nepo mit Weiss wieder die Eröffnung vergeigen wurde, wie zuvor beim Moskau GP. Aber das macht Nepo nicht zweimal, jedenfalls nicht gegen denselben bzw. dieselbe. Er legte die Partie zwar riskant an – 13.h5 war nach eigener Aussage hinterher ein Bluff (Schwarz konnte sich durchaus mit 13.-Sxb2 bedienen) aber, vielleicht bis auf diesen Moment, ohne den Bogen zu überspannen. Auf Dauer war Hou Yifan dann chancenlos.

Saleh-Rapport 1-0: Erst entkorkte der Ungar 1.e4 c5 2.Sf3 a6!?, dann opferte er locker zwei Figuren. Der weisse König stand nun nackt, eine Figur musste Weiss zurückgeben und mit dem König über das halbe Brett spazieren, dann entschied der Materialvorteil.

Runde 5: Mamedyarov-Radjabov 1/2 – Figuren wurden abgetauscht und nach 17 Zügen remis vereinbart. In der Schlusstellung hatte Weiss einen Turm mehr – Mamedyarov konnte allerdings davon ausgehen, dass Radjabov auf 17.Txd8 das beste 17.-Txd8 oder zumindest das zweitbeste 17.-Sxd8 finden würde.

Mamedyarov wird fotografiert – nicht für diese „Partie“ sondern für seinen Gesamtauftritt in der GP-Serie.

Aronian-Svidler 1/2 dauerte 35 Züge, die Hälfte davon im Blitztempo – schliesslich kannten beide nach 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3 d5 noch einige Züge, bis zum 14. Zug kopierten sie Aronian-Svidler, Tal Memorial 2016. Weiss hatte dann vorübergehend einen Mehrbauern – aber nur vorübergehend und dann war das Endspiel remis. Selbst Svidler war heute offenbar mit Svidler zufrieden.

Eljanov-Grischuk 0-1 begann mit 1.c4 Sf6 2.Sc3 e5 3.Sf3 Sc6 4.g3 d5 5.cxd5 Sxd5 6.Lg2 – soweit sehr bekannt, und nun 6.-Lc5!?. Was ist das denn, „alle“ spielen hier 6.-Sb6 ? Eljanov begann nachzudenken, Grischuk hatte tatsächlich vorübergehend deutlich mehr Bedenkzeit – diesen Zufall/Unfall hat er dann schnell (bzw. eben langsam) korrigiert. Etwa ab dem 20. Zug bekam er Oberwasser, kurz danach hatte er neben einem Mehrbauern zwei starke Springer gegen zwei schlechte weisse Läufer – das gibt es! 38.Le1? war wohl ein Zeitnotfehler, allerdings stand Weiss bereits ohnehin hoffnungslos.

Hari(krishna)-Nepo(mniachtchi) 1/2 wurde remis – nicht weil einer oder beide das unbedingt wollten, sondern weil nach wilden sizilianischen Najdorf-Komplikationen ein weisser Mehrbauer im Turmendspiel nicht gewinnträchtig war.

Jakovenko-Gelfand 1/2 war ebenfalls Sizilianisch, allerdings die Drachenvariante – damit überraschte Gelfand offenbar seinen Gegner, wobei er so bereits gespielt hatte, zuletzt in Moskau (ja genau, FIDE Grand Prix) gegen Vachier-Lagrave und Giri. Damals spielte er das „freche“ 8.-d5 (vorübergehendes Bauernopfer), nun das „bekannte“ 8.-d6. Jakovenko verzichtete auf scharfe prinzipielle Abspiele und war von Gelfands Neuerung 15.-Db8 (zuvor gespielt 15.-Dc7 und 15.-Dd7) so beeindruckt, dass er 16.Sd5 mit einem Remisangebot verknüpfte. Gelfand war einverstanden.

Giri-Riazantsev 1/2 begann „bescheiden“ mit 1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.Ld3, später dann allerdings 13.f4 nebst 14.g4 nebst 15.h4. Hinein opfern mit 21.Sxg6 fxg6 22.Lxg6 führte zu einer Stellung mit Turm und zwei Bauern gegen zwei Leichtfiguren, wohl immer dynamisch ausgeglichen. Giri versuchte es noch bis kurz nach der Zeitkontrolle und dann war es remis. Computer wollten stattdessen mit 21.Te2 usw. langsam Druck aufbauen – wie man’s macht ist es verkehrt: Giri wurde oft dafür kritisiert, dass er eher behäbig manövriert statt etwas zu forcieren.

Inarkiev-Saleh 1-0 war wieder Najdorf-Sizilianisch. 16.0-0-0 war in dieser konkreten Variante neu und riskant (Weiss hatte bereits 13.c4 gespielt, und 18.b3 musste dann auch sein), dann machte Inarkiev seinem Gegner einen Vorschlag: 19.h4!? – Du darfst meine Bauern haben: 19.-Dxg3 20.Tg1 Dxh4 21.Th1 Df6 22.Txh5. OK das ist nur ein Bauer, und Weiss hatte nun die offene h-Linie auf der er dann Schwerfiguren vertripelte. Es funktionierte wunderbar, 35.Txh7 sah aus wie „mission accomplished“ aber direkt danach war 36.Lh6 ungenau (Zeitnot?) – nach 36.-g5! sässe der weisse Turm in der Falle, Weiss müsste sich mit einer Zugwiederholung begnügen. Richtig war 36.Tf1 mit Schwenk auf die f-Linie.

Saleh nutzte seine Chance nicht und nach der Zeitkontrolle dauerte die Partie noch drei Züge. Kurios, dass Inarkiev auf 43.Db2 matt verzichtete zugunsten von 43.Dg3+ (Matt in fünf Zügen), aber der zweitbeste Zug reichte – Saleh gab auf. Im Interview hinterher sagte Inarkiev „ich bin stolz auf diese Partie“ – da hatte er seinen Zeitnot-Lapsus vielleicht noch nicht realisiert?

War da noch was? Ja, Hou Yifan-Rapport 0-1. Mit 20.Lxa7 verspeiste Hou Yifan einen halb vergifteten Bauern – das war noch nicht partieentscheidend aber Rapport bekam mit 20.-Tg8 usw. Königsangriff bei reduziertem Material. Der entscheidende Fehler dann 28.Kf1? – mit 28.a6! konnte sie Lxa7 quasi rechtfertigen und hätte genug Gegenspiel, so war es ab hier ein Spiel auf ein Tor. Sie konnte tricksen wie sie wollte (35.Tbd3!??!), es war hoffnungslos – Rapport überreichte die rote Laterne an Hou Yifan.

Noch ein paar allgemeine Bemerkungen: Warum schrieb ich eingangs, dass Radjabov nachweislich Remis spielen kann? Zuvor erzielte er bei Shamkir Chess und Moskau Grand Prix zusammen 9/18 (+1=16-1) – das brachte ihm 14 Elopunkte, da jedes Remis ein kleines Erfolgserlebnis war. Nun kamen 13 weitere Elopunkte dazu, damit ist er immerhin wieder Nummer 22 live (überholt hat er u.a. Navara, Wojtaszek, Adams, Gelfand und Ivanchuk).

Stand in der GP-„Livewertung“: Für sechs Spieler ist Genf das letzte Turnier, im Rennen um die beiden Kandidatenturnier-Qualiplätze Mamedyarov (367.5) und Grischuk (366.4286) – knapp aber das könnte relevant werden. Drei Spieler, die (auch) in Palma de Mallorca spielen, könnten einen oder beide noch überholen – Ding Liren, Vachier-Lagrave und/oder „rising star“ Radjabov. Es gibt Szenarien, bei denen Mamedyarov und Grischuk von den beiden Plätzen an der Sonne verdrängt werden – Mamedyarovs Chancen würden sich verbessern wenn er noch eine Partie gewinnt, das gilt auch für Grischuk (der natürlich auch profitiert, wenn Radjabov eine Partie verlieren sollte). Es gibt Szenarien, bei denen nur Grischuk aussen vor bleiben würde. Es gibt auch Szenarien, bei denen Radjabov oder MVL nach GP-Punkten Grischuk ein-, aber nicht überholen – dann greifen Tiebreak-Regeln die ich mal nicht detailliere, noch ist es nicht der Fall.

Sollte Grischuk in Genf alleiniger Sieger werden, könnten Radjabov oder MVL ihn ebenfalls ein- aber nicht überholen. Aber wenn ich nichts übersehen habe wären diese beiden dann geteilt Erste in der GP-Gesamtwertung und Tiebreaks irrelevant.

Noch ein Szenario: Einer oder gar zwei der genannten Spieler erreicht/erreichen das Weltcup-Finale, dann reicht eventuell auch Platz drei oder gar vier in der GP-Gesamtwertung. Das diskutiere ich gegebenenfalls in der Vorschau zum letzten GP-Turnier in Palma de Mallorca (im November, damit nach dem Weltcup im September).

Das dauert noch, zunächst die sechste Runde in Genf mit u.a. Grischuk-Radjabov (Kurzremis oder nicht?), Aronian-Harikrishna (Weiss wird sicher auf Gewinn spielen) und Svidler-Mamedyarov. Sollte eine, zwei oder drei dieser Partien Sieger und Verlierer haben, hat es sofort klare Folgen für die „GP-Livewertung“.

 

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3 thoughts on “Radjabov überrascht beim FIDE Grand Prix

  1. Da das ‚Blaue‘ dermaßen Ton-in-Ton ist wie der Verschluss der Wasserflasche, hätte auch der Gedanke an eine isklar-Werbebox aufkommen können. 😉

  2. Du hast wahrscheinlich recht. Ich hatte das (auf die Schnelle) nicht als Stuhllehne hinter dem Tisch interpretiert, sondern als blaue Kiste noch auf dem Tisch – mit unbekanntem Inhalt (weitere Dupont-Kugelschreiber?).

  3. Zum Orga-stillleben, unterhalb des Dupont-stilllebens: Ist das „Blaue“ nicht einfach nur eine Stuhllehne?

Kommentare sind geschlossen.