Altersmix bei „Russian Higher League“

„Higher League“ – das ist das Halbfinale der russischen Meisterschaften: von 54 Spielern konnten sich nach neun Runden Schweizer System fünf für das Superfinale im Dezember qualifizieren. Unter den Teilnehmern auch einige, die in fast allen andern Ländern automatisch bei der Landesmeisterschaft dabei und oft auch Stammspieler der Nationalmannschaft wären – immerhin zwei mit Elo aktuell über 2700 und vier weitere mit über 2650. Diese Grenze ist künstlich, die drei nächsten der Setzliste haben bzw. hatten 2649, 2649 und 2647. Naturgemäss landeten nicht alle sechs bzw. neun unter den besten fünf.

Das ist der Endstand (Buchholz erwähne ich in Klammern, da relevant): Dubov 6.5/9(45.5), Sjugirov 6.5(41.5), Volkov und Romanov 6(48.5), Matlakov 6(48), Najer und Shimanov 6(47.5), Artemiev 6(42), usw. . Nur die fünf „Sieger“ fett gedruckt, nicht qualifiziert u.a. auch Alekseev, Motylev, Dreev und Vorjahressieger Oparin – alle Ergebnisse hier (ein bisschen russisch-kyrillisch aber doch deutlich). Damit ist auch deutlich, dass die beiden Erstplazierten unbedingt einen Schlussrundensieg brauchten – (Los)Glück hat dabei ein bisschen geholfen. Fettes Wertungspech für Najer und Shimanov, Jungstar Artemiev hatte dagegen deutlich und nachvollziehbar eine zu schlechte Buchholz-Wertung.

Das Titelfoto – alle Fotos vom russischen Schachverband – bekommt Daniil Dubov, Sieger unter den Siegern. Er ist Baujahr 1996, bei den anderen erwähne ich ebenfalls das Alter: Sjugirov *1993, Volkov *1974, Romanov *1988, Matlakov *1991, Najer *1977, Shimanov *1992, Artemiev *1998. Volkov, Romanov und Shimanov sind wohl die international (und auch Russland-intern) unbekannteren Namen, wobei Evgeny Romanov in der Saison 2015/2016 recht erfolgreich am Spitzenbrett für Erfurt in der deutschen Bundesliga spielte (7/11 gegen durchweg Grossmeister, darunter drei mit 2700+).

„Runde für Runde“ und Bemerkungen zu vielen Partien gibt es diesmal nicht, bei Zwischenständen beginne ich mit Runde 5 vor dem einzigen Ruhetag: Romanov und Volkov 4/5, dann zehn Spieler mit 3,5/5 (u.a. Dreev *1969, schlechteste Wertungen für Dubov und Sjugirov, die am Ende ganz vorne landeten).

Runde 6: Volkov und Romanov remisierten voll ausgekämpft (79 Züge) – laut Computerurteil stand Volkov mit Weiss zwischenzeitlich mehrfach gewonnen, aber ich verzichte ja weitgehend auf Bemerkungen zu Partien. Sjugirov konnte zur Spitze aufschliessen, in der Verfolgergruppe nun zwölf Spieler – unbekanntester Name FM Duzhakov der dann auch im weiteren Verlauf noch 0/3 gegen starke GMs erzielte, schlechteste Wertung für Oparin.

Runde 7: Vier lagen nun vorne – Romanov, Volkov, Dubov und Sjugirov mit 5/7, in der nächsten Gruppe mit 4,5/7 weiterhin zwölf Spieler – unbekanntester Name ein gewisser GM Belozerov, wer ist das denn?

Andrei Belozerov (*1977) ist jedenfalls kein aufstrebendes Jungtalent – Elo 2512, immerhin.

Runde 8: Nun lagen sieben mit 5,5/8 vorne: Romanov, Najer, Volkov, Matlakov, Dubov, Sjugirov und immer noch Belozerov – der nach Kobalia auch Zvjaginsev besiegte. Damit war klar, dass nicht in allen Fällen Remis in der Schlussrunde für top5 reichen würde – zumal die acht dahinter mit 5/8 teilweise auch noch Quali-Hoffnungen hatten. Diese acht (bekannteste Namen Motylev, Dreev und Artemiev) wussten dabei, dass sie auf jeden Fall einen Sieg brauchten.

Zu Runde 9 doch einige Bemerkungen zu Partien: Matlakov und Volkov remisierten ausgekämpft, wenn auch ohne grosse Risikos und Komplikationen. Najer und Romanov waren sich nach 22 Zügen remiseinig, dafür kann man Weisspieler Najer vielleicht kritisieren – Wertungspech, selber schuld!? Dubov machte kurzen Prozess mit Belozerov – der dennoch ein gelungenes Turnier hatte und im Superfinale wohl ohnehin fehl am Platz wäre.

Dramatischer war Sjugirov-Dreev 1-0: Endspielspezialist Dreev hatte Endspielvorteil, aber es ging nicht so recht weiter. Wohl deshalb gab er – er musste ja auf jeden Fall gewinnen – im 48. Zug eine Qualität. Dafür hatte er vielleicht anfangs etwas Kompensation, später dann nicht mehr.

Aus der Gruppe mit zuvor 5/8 taten Artemiev (Königsangriff gegen Rakhmanov) und Shimanov (Endspielsieg gegen Moiseenko) was sie konnten und mussten – nach Wertung reichte es dann nicht.

Das komplette Turnier einiger Spieler zusammengefasst:

Daniil Dubov – nochmals in anderer Pose – begann mit einem Remis gegen die Dame unter den Herren Natalija Pogonina. Das war vielleicht bereits Ursache für seine später relativ schlechte Wertung. Seine vier Siege erzielte er in Runde 2, 3, 7 und 9 – in der Schlussrunde mit etwas Losglück.

Sanan Sjugirov begann gar mit einer Niederlage gegen FM Sorokin, so bekam er danach drei weitere FMs vorgesetzt (in Runde 3 noch ein Remis gegen FM Duzhakov) und erst ab Runde 5 Grossmeister. Der Schlussrundensieg gegen Dreev musste angesichts sehr schlechter Wertung sein.

Volkov und Romanov (Fotos später in der Galerie): früh Partien gewinnen und dann durchremisieren. Matlakov erzielte seinen dritten Sieg dagegen erst in Runde 8 gegen Oparin. Bei Najer und Shimanov gibt es keinen offensichtlichen Grund, warum ihre Wertung etwas zu schlecht war, im Gegensatz zu

Vladislav Artemiev, der nach drei Runden nur 1/3 hatte (Niederlagen gegen GMs Ponkratov und Levin). Dann rollte er das Feld von hinten auf und konnte immerhin den Eloschaden auf minus drei reduzieren – Elo 2700+ weiterhin in Sicht- oder Reichweite, aber noch nicht der Fall (live-aktuell nun 2692.3).

Galerien hatte ich bereits versprochen, also mache ich das:

Sinn der Sache ist vor allem, das Turnierspektrum betrifft Alter und Kleidung zu dokumentieren. Die jüngsten abgebildeten sind FM Andrey Esipenko (*2002) und IM Alexey Sarana (*2000). Beide konnten durchaus mithalten. Falls man in diesem Turnier Normen erwerben konnte (natürlich spielten Russen durchgehend gegen Russen): Esipenko verpasste offenbar eine GM-Norm denkbar knapp (5/9, TPR 2598), Sarana (5,5/9, TPR 2632) schaffte es aber braucht es nicht mehr. Laut russischem Schachverband ist er Russlands jüngster Grossmeister – FIDE bestätigt das aber es ist offenbar ziemlich neu: drei GM-Normen erzielte er im Februar 2014, Ende März Anfang April 2015 und Oktober 2016, Elo 2500 knackte er erst in der aktuellsten Liste Juli 2017.

Zu noch einem jungen Spieler: Grigoriy Oparin (*1997) hatte am Ende ein Elo-neutrales bis leicht positives Turnier – Niederlagen gegen die beiden Ersten der Setzliste (Najer in Runde zwei, Matlakov in Runde 8) sorgten dafür, dass er nicht unter den ersten fünf landete, es wurde Platz 20.

Urgestein Khismatullin spielte reihenweise spektakuläre Partien – auch das Remis in Runde 4 gegen Oparin. Wieder mal (wie schon gegen Kokarev beim Superfinale 2016, hier neben anderen Oparin-Partien erwähnt) brachte Oparin ein kurioses Damenopfer – Kokarev verzichtete komplett, Khismatullin nahm die gegnerische Dame nicht sofort und dann konnte Oparin sie teuer genug verkaufen. Insgesamt erzielte Khismatullin zu wenige Punkte – Platz 26 für die Nummer 10 der Setzliste kostete ihn auch elf Elopunkte. Bei dieser Gelegenheit will ich auch mal wieder Khismatullins kreatives und korrektes Turmopfer 44.Kg1!! erwähnen – gegen Eljanov bei der EM 2015.

Wo wurde eigentlich gespielt? Im Wintersportzentrum Krasnaya Polyana bei Sotschi. Wie üblich hat der russische Schachverband auch Fotos von der Umgebung, einige habe ich für die abschliessende Galerie ausgewählt:

Könnte auch Österreich sein – auch da gibt es MacDonalds (wenn auch nicht auf kyrillisch), Bierkeller und vielleicht auch ein O’Hara Pub.

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