Radjabov am Ende alleiniger Sieger in Genf

Das schaffte der “andere Azeri” mit der richtigen Mischung aus ab und zu gewinnen und in anderen Runden remis spielen, gerne auch mal kurzzügig. Die Remispartien dauerten 25, 21, 17, 41, 12 und 44 Züge – gegen Grischuk und Nepomniachtchi war es gehaltvoll ausgekämpft, nicht nur gegen Landsmann Mamedyarov eher nicht. Aber er hat auch dreimal gewonnen und dann kann man nicht unbedingt meckern, ausser man meckert ohnehin gerne. Drei Siege schafften auch Nepomniachtchi und Eljanov, aber die blieben nicht ungeschlagen.

Das ist der Endstand: Radjabov 6/9, Grischuk und Nepomniachtchi 5.5, Mamedyarov, Giri, Svidler, Adams, Li Chao, Riazantsev, Harikrishna 5, Aronian, Eljanov, Gelfand, Jakovenko 4.5, Inarkiev 4, Rapport und Hou Yifan 2.5, Salem 2.

Ja, Eljanov erzielte +3=3-3. Hou Yifan wurde diesmal auf Normalmass zurechtgestutzt, bei ihr lag es teilweise (wenn auch nicht nur) an mangelnden Endspielkenntnissen. Aronian ist mit seinem Turnier sicher auch nicht zufrieden, da lag es an schlechten Englischkenntnissen – schachlich, jedenfalls mündlich ist es (konnte mich selbst davon überzeugen) absolut OK. Wer in Genf neben Radjabov auch quasi gewonnen hat ohne überhaupt (da) am Brett zu sitzen, dazu komme ich noch.

Fotos von Radjabov alleine sind erstaunlicherweise Mangelware, eines habe ich auf der Turnierseite gefunden – die haben inzwischen immerhin öffentlich verfügbare Fotos von den ersten fünf Runden sowie vom Ruhetag. Chessbase und chess.com haben auch Worldchess-Fotos von anderen Runden, derlei Kontakte habe ich nicht. Daher stammen “meine” Fotos zu Runde 6-9 von der FIDE.

Runde 6: Nach dem Ruhetag tat sich einiges, auch die Remispartien waren jedenfalls ausgekämpft.

Grischuk-Radjabov 1/2 am Spitzenbrett war durchaus ausgekämpft. Remis in 25 Zügen war drin, aber zu diesem Zeitpunkt wollte Grischuk dann doch keine Zugwiederholung. Vor bis nach der Zeitkontrolle war eine Zugwiederholung dann, wenn nicht unvermeidlich, so jedenfalls plausibel. Das Ganze war ein Rossolimo-Sizilianer – bis zum 11. Zug folgten sie Nepomniachtchi-Gelfand aus Runde zwei in Genf, dann verzichtete Grischuk auf das zwar verlockende aber wenig einbringende 12.e6. Auch so war die Partie wohl immer im Gleichgewicht.

Aronian-Harikrishna 0-1! Auf dem Foto ist nicht eindeutig erkennbar, dass Weiss 1.c4 spielte – er tat es jedenfalls. Im Hintergrund sind Gelfand und Adams bereits voll konzentriert, während Rapport und Riazantsev am gezeigten diagonalen Nachbarbrett kibitzen – noch war da nicht allzu viel los, das sollte sich ändern. Bei allem Lob anderswo für Harikrishna ging etwas unter, dass Weiss aus der Eröffnung heraus gut stand – nach 20.e3 sagen Engines etwa +1: Weiss hat eine Bauernmehrheit am Königsflügel, Schwarz einen verdoppelten b-Bauern. Der weisse Lg2 ist etwas besser als der schwarze Ld6, und schwarze Pläne am Königsflügel lassen sich nicht ohne weiteres umsetzen. So haben Engines mir das nicht erklärt, aber so interpretiere/erkläre ich ihr Urteil.

Aber Aronian machte drei schlechte Züge nacheinander: 20.f4?! a5! 21.b5? Lc5+ (nun hat der schwarze Läufer eine Funktion) 22.e3? – zu spät bzw. in Kombination mit f4 nicht mehr gut! 22.Kh1 Lf2! 23.bxc6 Lxg3 usw. ist für Menschen wohl unschön – Schwarz bekommt mehrere Bauern für eine Figur, der weisse König wird entblösst – aber für Engines erträglich. In der Partie konnte Hari wirbeln: 22.-Se5! (über ein verbotenes Feld, aber 23.fxe5 scheitert an 23.-Lxe3+ nebst 24.-LxTc1) 23.Tcd1 Sg4 (viel näher am weissen König als zwei Züge zuvor auf c6) 24.h3 Sxe3 (Engines bevorzugen 24.-Lxe3+ aber das war gut genug). Durch Damentausch konnte Aronian Schlimmes für seinen Monarchen verhindern, aber im Endspiel war die schwarze Bauernmehrheit am Damenflügel plötzlich relevant, dank 33.-Lxa3 34.Lxb7 – Tausch des weissen a-Bauern gegen einen der schwarzen b-Doppelbauern, also freier schwarzer a-Bauer. 35.-a4 und 36.-a3 liess sich Aronian noch zeigen, -a2 und -a1D verhinderte er indem er aufgab.

Svidler-Mamedyarov 1/2 – der weisse Opferangriff führte zu einem Endspiel mit Minusbauer, das Weiss dann remis halten konnte. Jakovenko-Giri 1/2 hiermit erwähnt.

Nepomniachtchi-Inarkiev 1-0 – keine Freundschaft unter Russen, jedenfalls nicht während der Partie. Inarkiev kam böse unter die Räder. Warum genau, da bin ich ein bisschen überfragt bzw. kann nicht alle Partien detailliert untersuchen und besprechen.

Li Chao – Eljanov 1-0 – da ist Ursachenforschung einfacher: Eljanov vergass zu rochieren bzw. wartete zu lange damit. 15.-Dc6? erwies sich nach 16.Ld5! (verbotenes Feld, aber mit schwarzem König auf e8 geht nach 16.-exd5?? 17.exd5 SCHACH nebst 18.dxc6 oder, wenn Schwarz das bevorzugt, 17.-De6 18.dxe6) als glatter Tempoverlust. Ein schwarzer Springer verirrte sich am Königsflügel – um ihn zu retten musste Schwarz sich da schwächen. Endergebnis der kurzen Rochade (im 24. Zug) war, dass Weiss den schwachen Punkt g7 erstürmte, und nun hatte Eljanov genug gesehen. Neben Harikrishna konnte auch der zweite Asiate im Turnier in dieser Runde wirbeln – ohne zuvor schlecht zu stehen aber er hatte ja auch Weiss.

Zu den nächsten Partien wieder kürzer: Gelfand-Adams 1/2 hiermit erwähnt, Rapport-Riazantsev 0-1 eine ziemlich misslungene Version/Interpretation von 1.b3. Dann war da noch

Salem-Hou Yifan 0-1 – ahnt der Weisspieler, der heute mal in Freizeitkleidung erschien, bereits was ihm blühen sollte? In einem Italiener machte Schwarz Druck am Königsflügel, nach 19 Zügen war das weisse Figurenduo Da3/La2 Zuschauer aus gebührendem Abstand. Aber Salem schaffte es, seine Dame wieder zu zentralisieren und der schwarze Vorteil war “eigentlich” dahin. Dann patzte Salem freundlicherweise mit 30.Dd2?? und konnte fast direkt aufgeben.

Chess.com hatte das Bedürfnis, Hou Yifan zu loben (viele Gelegenheiten gab es diesmal nicht) und schreibt, dass nur Computer alle Ideen, die zum rettenden 30.e5 gehören, sehen können – “darunter ein Damenopfer”. Das Damenopfer wäre 30.e5 Se2?? 31.exf6 Sxd4 32.fxg7+ Kh7 33.gxf8S+ Kh8 34.Tg8matt – also Schach, Schach und Matt. Gut, Unterverwandlung muss da sein, aber auch das könnte ein Grossmeister (oder auch ein Spieler mit Elo 2180 wie Autor Peter Doggers) ohne Computerhilfe finden. Hou Yifan gewann eine Partie in diesem Turnier, immerhin.

Zu jeder Runde gibt es noch ein Foto:

Radjabov und Mamedyarov können gut miteinander – nur am Brett halten sie es nicht allzu lange aus und remisieren immer schnell.

Runde 7: Am Spitzenbrett war Harikrishna-Grischuk 1/2 ein Najdorf-Sizilianer mit heterogenen Rochaden und beiderseitigem Bauernsturm. Bevor konkret etwas drohte, tauschte Weiss dann Figuren (auch die Damen) und übrig blieb ein Remisendspiel. Betrachtete Hari – kurz nachdem Grischuk von seiner Niederlage gegen Nepomniachtchi bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft 2016 abwich – den schwarzen Königsangriff als gefährlicher, also Notbremse ziehen? Computer sagen “unklar-ausgeglichen”.

Grischuk – mal glattrasiert, so hätte ich ihn kaum erkannt – zeige ich alleine. Schliesslich spielte er eine wichtige Rolle im Turnier, auch wenn es am Ende nicht ganz nach Wunsch lief.

Bei Radjabov-Svidler 1-0 wurden die Damen noch früher getauscht, bereits im sechsten Zug. Das war Absicht von Radjabov, der so den Dynamiker/Taktiker Svidler ärgern wollte. 6.dxc3 (was 6.-Dxd1+ erlaubt) statt 6.bxc3 wurde zuvor nur selten gespielt – im letzten Jahrtausend von Tony Miles und Ulf Andersson, 2016 von Vidit und Wang Yue um den Dynamiker/Taktiker Nepomniachtchi zu ärgern. Svidler setzte ungenau fort, und dann wurde es doch taktisch aber klar zugunsten von Radjabov. Radjabov übernahm damit die alleinige Führung im Turnier und sollte sie bis zum Ende behalten.

Mamedyarov-Nepomniachtchi 1/2 enthielt ein spektakulär-ungewöhnliches Damenopfer und kurz danach Dauerschach. Eventuell war für Weiss mehr drin, nämlich eine Stellung mit zwei Türmen gegen die schwarze Dame. Ob das wirklich gewinnträchtig wäre kann ich nicht einschätzen – so war es Mamedyarovs fünftes Remis seit dem Sieg gegen Inarkiev in Runde zwei. Zwei weitere würden folgen, eigentlich brauchte er noch einen zweiten Sieg in diesem Turnier. Ich zeige auch ihn individuell:

Riazantsev – Li Chao 1-0 – wie gewonnen so zerronnen für den Chinesen, und der Russe – nomineller Aussenseiter im Turnier – hatte plötzlich +1. Es war ein hartes Stück Arbeit: Das Turmendspiel war objektiv sicher remis, das nach Turmtausch und Bauernumwandlungen daraus entstehende Damenendspiel auch, obwohl Weiss danach wieder einen Mehrbauern hatte. Dann strauchelte Li Chao in der Tablebase-Zone.

Giri und Aronian sowie Adams und Jakovenko waren sich schnell remiseinig, jeweils 18 Züge. Ich zeige Giri mit anderen:

Er und sein Sekundant Erwin l’Ami reden auch mit Svidler, obwohl der in der Bundesliga nicht für Solingen sondern für die Konkurrenz aus Baden-Baden spielt.

Hou Yifan – Gelfand 1/2 dauerte etwas länger – noch ein halber Punkt für die Chinesin, das war’s dann in diesem Turnier.

Eljanov-Salem 1-0 war ein verunglückter und dafür thematisch-lehrbuchmässig (21.e5!) bestrafter Benoni.

Inarkiev-Rapport wurde nach 78 Zügen remis.

Diesmal Mamedyarov und Radjabov, d.h. der generell in letzter Zeit bzw. die letzten Jahre, aber nicht in diesem Turnier bessere/erfolgreichere Azeri links.

Rapport und Rapport sind zwar keine Landsleute – er ist Ungar, sie ist Serbin und hiess zuvor Vojinovic. Dennoch können sie gut miteinander, schliesslich haben sie geheiratet.

Runde 8:

Radjabov-Riazantsev 1/2 nach zwölf eröffnungstheoretisch bekannten Zügen – Weiss wollte offenbar rein gar nichts riskieren. Im Nachhinein war diese Entscheidung richtig – das wusste Radjabov allerdings erst, nachdem die anderen Partien dieser Runde sowie die Partien (einschliesslich seiner eigenen) der Schlussrunde beendet waren. Das Ergebnis an Brett 2 kannte er natürlich noch nicht, als er neun Minuten nach Rundenbeginn remis anbot – es war dann jedenfalls nicht das falsche:

Grischuk-Mamedyarov 1/2 kann man, da es ausgekämpft war, fett drucken. Erst musste Schwarz eine “spanische Tortur” über sich ergehen lassen, dann unterschätzte Grischuk ein schwarzes Qualitätsopfer – statt dem ungeduldigen 33.d6 Sxc5! 34.dxc7 Dxe3 35.Txe3 Se6! musste er erst mit 33.Sb3 oder 33.Tec1 den Läufer auf c5 nochmals überdecken. So wie Grischuk dann fortsetzte, stand plötzlich eher Schwarz besser. Und dann wurde es remis. Mit einem Sieg hätte Grischuk Radjabov eingeholt.

Li Chao – Harikrishna 1-0: Das schwarze Bauernopfer in der Eröffnung war bekannt, dafür hatte er anfangs ausreichende Kompensation – viele der 37 Vorgängerpartien endeten remis. Dann hatte er nicht mehr ausreichende Kompensation, die Neuerung 15.-Se6 (zuvor meistens 15.-Le6) war vielleicht nicht gut.

Nepomniachtchi-Aronian 1-0 – das war’s dann für Aronian in dieser GP-Serie. Wieder wurde Englisch eröffnet, wobei Aronian diesmal Schwarz hatte. Wieder hatte Aronian in Verwicklungen das Nachsehen, wieder musste das aus seiner Sicht nicht sein. So wie er spielte, gewann er zwar eine Qualität aber Weiss hatte dafür zu viele Bauern (zwei) und andere Stellungsvorteile.

Ich überspringe einige Partien und komme zu

Hou Yifan – Giri 0-1 – mal wieder im Endspiel, aber ich beginne mit der Eröffnung: Najdorf-Sizilianisch nach bekannten Mustern, wobei es dann eher ein “Scheveninger Stellungstyp” war. Bis zum 15. Zug hatte das Giri bereits mal auf dem Brett, allerdings mit Weiss: 2013 beim Beijing Grand Prix gegen Grischuk, 2014 in Biel gegen … Hou Yifan. Jeweils entstand es übrigens aus einem Taimanov-Sizilianer. Giris 15.-Lc6 war dann nicht der Hauptzug (15.-Td7) aber wurde auch schon gespielt. Kurz danach dann doch Neuland: mit 17.-e5 opferte Giri einen Bauern, dafür hatte er u.a. mit Läuferpaar sicher Kompensation.

Ob es aus Hou Yifans Sicht sein musste, dass Schwarz ab dem 38. Zug dann einen Mehrbauern hatte, da bin ich überfragt – das entstandene Doppelturmendspiel war dabei “im Prinzip” remis aber die Chinesin vergeigte es. 44.h4?! war ein später erfolgreicher Versuch, auf Verlust zu spielen, 49.Te3? (49.Tf4=) musste in diesem Sinne sein – so konnte Schwarz mit 49.-h4+ usw. Turmtausch erzwingen und den weissen König abdrängen. Vielleicht war es gemein von Giri, Hou Yifans Endspielschwächen zu demonstrieren, schuld daran war sie allerdings selbst.

Rapport-Adams 0-1 mal ohne viel Kommentar. Mein Gesamteindruck: Adams’ gesundes Spiel besiegte Rapports Kreativität.

Salem-Svidler 1/2: Nach seiner Niederlage tags zuvor musste Svidler ans letzte Brett, und um ein Haar stolperte er wieder – tags darauf sagte er “ich stand total verloren”. Aus Englisch (1.Sf3 Sf6 2.c4 c5) entstand eher ein 1.d4-Stellungstyp. Der schwarze Bauernraub 23.-Dxa3 bei weisser Drohkulisse am Königsflügel war (jedenfalls für Engines) noch OK, das bei 24.-Sd5?! vielleicht bereits geplante Figurenopfer dagegen wohl inkorrekt, obwohl Schwarz dafür insgesamt drei Bauern bekam. Salem Saleh nutzte seine Chancen nicht, es wurde remis. Ich zeige den Emirati individuell:

Und ich zeige aus dieser Runde alle:

Na gut, fast alle – einige sind auf diesem Foto kaum bis gar nicht sichtbar. Ein Foto fehlt noch:

Auch zu dieser Runde Mamedyarov und Radjabov in der Verpflegungszone.

Zu Runde 9: Vorher hatte ich damit gerechnet, dass Nepomniachtchi gegen Radjabov auf Gewinn spielen würde, dass bei Giri-Grischuk beide und bei Mamedyarov – Li Chao der Weisspieler auf Gewinn spielen würde. Nepo war in der GP-Gesamtwertung nach seinem sehr schlechten Ergebnis zuvor in Moskau chancenlos, aber in Genf konnte er noch Turniersieger werden. Giri, Grischuk und Mamedyarov hatten alle in der GP-Gesamtwertung noch Nachholbedarf. Dann kam es zumindest teilweise anders:

Nepomniachtchi-Radjabov 1/2 – Nepo wollte mit Weiss durchaus, aber Radjabov erlaubte nichts und stand in einem Italiener mit Schwarz relativ schnell besser. Eventuell war für den Azeri mehr drin als remis, aber das musste ja nicht sein. Später stellte sich heraus, dass Radjabov nach 20.-Sf4 Remis angeboten hatte; Nepo lehnte ab und bot zwei Züge später selbst remis, nun wollte Radjabov weiterspielen.

Nepomniachtchi zeige ich, da er im Turnier insgesamt eine auffällige und wichtige Rolle spielte, noch einmal alleine.

Giri-Grischuk 1/2 – da wollten bzw. mussten beide gewinnen, aber die Stellung blieb durchgehend etwa ausgeglichen.

Mamedyarov – Li Chao 1/2 dagegen rätselhaft: Zunächst war Shak noch kämpferisch eingestellt – keine Kopie von Salem-Grischuk 1/2 aus dem Moskauer GP-Turnier (Remis durch Zugwiederholung nach 11 Zügen, die Zugwiederholung 8.Sd2 Sf6 9.Sb1 Se4 10.Sd2 Sf6 11.Sb1 zum Wiehern). Dann kopierte er seine Schlussrundenpartie gegen Vachier-Lagrave ebenfalls aus Moskau – die beiden einigten sich nach 18 Zügen, diesmal wurden immerhin 20 gespielt. Tot remis war es. Wann konnte Weiss zuvor letztmals mit mehr rechnen? Vielleicht vor 6.cxd5 cxd5 mit völliger Symmetrie.

Riazantsev und Adams waren sich nach 14 Zügen remiseinig, beide waren wohl mit ihrem Turnier zufrieden und wollten +1 nicht mehr gefährden.

Harikrishna-Jakovenko 1/2 dagegen nach 115 Zügen, ab dem 77. Zug mit aus weisser Sicht Turm und Läufer gegen Turm, zuvor ab dem 27. Zug mit weissem Mehrbauern der dann doch nicht gewinnträchtig war. Hari bekommt sein individuelles Foto:

Inarkiev-Gelfand 1/2 ohne grosse Aufregungen, dann Svidler – Hou Yifan 1-0. Die Chinesin dachte vielleicht “immer im Endspiel verlieren ist langweilig”, also verlor sie glatt im Mittelspiel. Entscheidend war ein weisser d-Freibauer. Svidler sagte hinterher “in diesem Stil habe ich im Grünfeld oft gegen Kramnik verloren – daher weiss ich wie Weiss derlei Stellungen behandeln sollte” und bedankte sich für einen Skype-Tip von Maxim. Richtig geschrieben – nicht Maxime Vachier-Lagrave sondern Svidlers Sekundant Maxim Matlakov.

Hou Yifans unaufhaltsamer Marsch Richtung Elo 2700 dauert weiter und erinnert an Sisyphus: live-aktuell hat sie nun 2652 und ist mal wieder nicht in der männlichen top100. Aber für ihre Fans hat sie ja – Realität hin, Realität her – Elo über 2700 und dementsprechende Turniereinladungen bekommt sie, passt schon.

Immer nur zwei Azeris zeigen ist langweilig, zu dieser Runde daher auch zwei Russen auf dem Sofa.

Zu den verbleibenden Partien auch etwas Theorie mit zum Teil Nostalgie: Eljanov-Rapport 1/2 begann mit 1.Sf3 Sf6 2.c4 c6 3.d4 b5!? – gab es das bereits? Ja, gespielt wurde es von Luke McShane, Pentala Harikrishna, Leonid Kritz, Ian Rogers, ….. (ich überspringe einige nach Schwarzelo sortiert) Stefan Löffler. Vielleicht ohne es zu wissen kopierten die Spieler in Genf zwei Partien aus der österreichischen Liga 2007 und 2008 – Shengelia-Löffler und Kiril Georgiev – Löffler, jeweils gewann der Grossmeister. Bis Rapport mit 5.-d5 durchaus plausibel neuerte.

Die Spezialisten zu 3.-b5 sollte ich auch noch erwähnen: Oleg Chernikov spielte das zehnmal in Seniorenturnieren, David Kudischewitsch gar elfmal in israelischen Turnieren, darunter in Tel Aviv das Turnier “Before Thunder Storm” im Oktober 2002 und zwei Monate zuvor das Turnier “Hot Summer”. Muss man sich das merken? Man kann es auch gleich wieder vergessen, bis 3.-b5 mal wieder auf höherem Niveau auftaucht.

Aronian-Salem 1-0 – auch Aronian landete am letzten Brett und machte es besser als Svidler, allerdings mit gegnerischer Hilfe. Erreicht hatte er gegen Salems Königsinder nichts, bis Schwarz freundlicherweise mit 30.-De3+? in ein verlorenes Endspiel abwickelte. Theorie-Nostalgie: 9.Ld2 wurde nach Mark Taimanov benannt (nicht mehr so populär wie seine Variante im Sizilianer) und auch von Viktor Kortschnoi gespielt. Die letzten Datenbank-Vorgänger zur Partie sind allerdings Gruenberg-Jakat, DDR-Meisterschaft 1980 und Balashov-Friedman, WM U26 anno 1972. Inzwischen spielt Balashov Seniorenturniere, wie die Zeit vergeht ….. . Damals gab es noch eine Weltmeisterschaft in dieser Altersklasse, die Spieler in den Kandidatenmatches 1971 waren generell älter (Ausnahme der 22-jährige Jungspund Robert Hübner im ersten von mehreren Versuchen, Weltmeister zu werden).

Irgendwie schaffte Salem Saleh es auf das übliche Foto mit Mamedyarov und Radjabov (das gönne ich ihm, auch wenn ich das Foto zurechtschneiden könnte). Zwei Fotos habe ich noch, die stammen wieder von Worldchess:

Die Sekundanten l’Ami und Ragger reden miteinander, schliesslich spielen sie (wie ihre Chefs Giri und Hari) für Solingen in der deutschen Bundesliga.

Die Baden-Badener Svidler und Aronian beim gemeinsamen Sightseeing in Genf. Ob sie auch gemeinsam (Jacketts) eingekauft hatten, dazu habe ich nicht recherchiert.

Fehlt noch der aktuelle Stand in der GP-Livewertung: Mamedyarov 340, Grischuk 336.43, Radjabov 241.43, Ding Liren 240, Vachier-Lagrave 211.43. Nur diese fünf haben noch Chancen, sich über die GP-Serie für das Kandidatenturnier zu qualifizieren – zwei werden es schaffen. Mamedyarov und Grischuk sind beim letzten Turnier in Palma de Mallorca Zuschauer und werden anderen Spielern (z.B. Nakamura, Giri, Svidler, Aronian) die Daumen drücken. Auch in Palma de Mallorca gibt es wieder 170 Punkte für Platz eins, 140 für Platz zwei, 110 für Platz drei, dann 90, 80, 70, usw. – damit ist klar, dass Mamedyarov und Grischuk beide leer ausgehen könnten. Mamedyarov konnte immerhin einen knappen Vorsprung für Grischuk behaupten – damit kann er verkraften, wenn einer der drei zuletzt genannten Spieler ihn überholen sollte. “Sieger in Genf” sind neben Radjabov quasi auch die abwesenden Ding Liren und MVL: Mamedyarov hätte sich in Genf bereits definitiv für das Kandidatenturnier qualifizieren können, auch Grischuk konnte mehr GP-Punkte erzielen als die 125 die er dann bekam.

Tendenziell rechne ich eher mit Ding Liren und MVL – bei Radjabov könnte der Erfolg in Genf eine Eintagsfliege sein (wie für Tomashevsky und Andreikin in der GP-Serie 2014/2015). Tomashevsky wurde damals nach dem sehr souveränen Sieg in Tiflis zuletzt in Khanty-Mansiysk Zehnter. Ich erinnere mich auch noch an das letzte Turnier der ersten GP-Serie 2008-2010 in Astrakhan. Damals war es ein sehr nervöses Turnier, mein Eindruck dass Spieler neben ihren eigenen Ergebnissen auch die der Konkurrenten durchgehend im Auge behielten. Sieger damals der für Kandidaten-Quali bereits ausgeschaltete Pavel Eljanov.

Aber hoppla, ich schreibe quasi bereits den Vorbericht zum letzten Turnier in Palma de Mallorca. Dabei geht das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht: zwischenzeitlich sind (Finalisten des Weltcups) zwei andere Teilnehmer des Kandidatenturniers bereits bekannt. Dann werden die Karten eventuell neu gemischt: Sollten ein bis zwei der fünf oben fett gedruckten das Weltcup-Finale erreichen, dann reicht eventuell auch Platz drei oder vier in der GP-Serie – und Nakamura, Giri und Svidler hätten eventuell wieder Chancen auf Kandidatenturnier via GP-Serie. Sollten dagegen zwei von (So/Caruana/Kramnik) das Weltcup-Finale erreichen, dann hat auch Aronian noch eine (nicht schlechte) Chance, sich nach Elo für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Konkurrent wäre MVL, der diese Möglichkeit auf seiner Homepage erwähnt. Sicherer ist allerdings für Aronian, selbst das Weltcup-Finale zu erreichen.

MVL (oder sein Homepage-Ghostwriter) schreibt auch “à ce jour, Dieu seul sait où se déroulera le Tournoi des Candidats…” [derzeit weiss nur Gott, wo das Kandidatenturnier stattfinden wird]. Gerüchte zu Berlin als Austragungsort haben offenbar noch nicht den Rhein überquert – wildcard wenn es so sein sollte und dann sein muss für den Berliner Levon Aronian?

 

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