Fridman und ein deutscher Kindergarten beim Najdorf-Memorial

Soll man über nicht allzu stark besetzte Opens berichten? Das Najdorf-Memorial in Warschau hatte – Stand vor Turnierbeginn – einen Spieler mit Elo knapp über 2700 und sieben weitere mit 2600-2650. „Aus internationaler Sicht“ muss man nicht unbedingt darüber schreiben, aus polnischer Sicht vielleicht schon da es einer der Höhepunkte des polnischen Schachjahrs ist.

Aus deutscher Sicht? Ja, da Daniel Fridman durchaus erfolgreich mitmischte, dabei vielleicht am Ende etwas zu fridfertig (Tippfehler ist Absicht) aber das muss er selber wissen/entscheiden. Und da – das habe ich eher zufällig entdeckt – jede Menge junge deutsche Spieler(innen) mit dabei waren. Die konnten erwartungsgemäss nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. „Kindergarten“ natürlich nicht wörtlich gemeint – alle sind oder waren schulpflichtig, die ältesten deutschen Teilnehmer (zwei Ausnahmen) sind Jahrgang 1996 und damit bereits erwachsen.

Zunächst der Endstand vorne: Piorun 7/9, Sadzikowski, Fridman, Czarnota, Dragun, Kanarek, Jumabayev, Mista, Sengupta, Dziuba, Cheparinov, Aleksandrow 6.5, usw. . Alle bis auf IM Daniel Sadzikowski sind (bereits) Grossmeister, Sadzikowski erzielte in diesem Turnier eine GM-Norm. Sieben dieser zwölf sind Polen, aber ein bisschen Preisgeld haben sie Ausländern auch gegönnt. Sieger Kacper Piorun bekommt 5000€, wie das Preisgeld für Platz 2-12 (2600-500€) genau verteilt wird steht nicht im Regelwerk.

Titelfoto für Daniel Fridman. Das Fotoangebot auf der Turnierseite ist reichhaltig, aber Spielernamen fehlen generell – Daniel Fridman (er)kenne ich, Kacper Piorun wurde vermutlich auch abgelichtet aber ihn erkenne ich nicht.

Vor der Schlussrunde hatte Kacper Piorun einen halben Punkt Vorsprung, dabei blieb es. Zunächst kurz zu seinem Turnier: Nach Runde 6 hatte er noch einen halben Punkt Rückstand auf ein Spitzentrio Fridman-Mista-Sengupta, dann kannte er (zuvor bereits Sieg gegen Kanarek) kein Pardon mit polnischen GM-Kollegen: Siege gegen Dziuba und Mista jeweils im Endspiel. Dziuba verlor, da er im 45.Zug nach reiflicher Überlegung (gut zehn Minuten) das falsche Feld für seinen König wählte: sein Bauer auf g6 war angegriffen – er entschied sich für 45.-Kf7? – richtig war -Kg7 oder auch -Kh7. So ging 46.Sg5+, und auf nun doch 46.-Kg7 käme 47.TxLb6! (47.-axb6 48.Se6+ und 49.SxTf4). Also Bauernverlust, und das war mehr oder weniger partieentscheidend. Zur Schlussrunde komme ich noch.

Daniel Fridman war in diesem Turnier Daniel Freibauer. In Runde 1 besiegte er Julian Martin, indem er mit seinem König nach g7 wanderte und dann den Bauern auf f7 verspeiste. Sein eigener Bauer auf f6 wurde so ein Freibauer, der eine schwarze Figur kostete. In Runde 2 mit Schwarz gegen Altmeister Romanischin entschied der simple aber effiziente Plan a7-a5-a4-a3 nebst Sxa2, Sc3 und a2. In Runde 6 gewann er gegen GM Indjic erst zwei Leichtfiguren für einen Turm und setzte dann seinen b-Freibauern in Bewegung. Nachdem der auf b2 stand drohte unparierbar -b1D mit Turmgewinn. Übrigens musste Fridman nicht zeigen, dass/ob er mit Läufer und Springer mattsetzen kann – der Gegner gab sofort auf. Wenn man ihn fragt „kannst Du das souverän?“ bekäme man vielleicht eine ehrliche Antwort, vielleicht auch nicht.

Dann ein Weissremis in 17 Zügen gegen Mista und ein Remis mit Schwarz in 40 Zügen gegen Sengupta. Da zeugte die Eröffnung (Russisch) nicht unbedingt von grossem Kampfgeist – das Titelfoto stammt aus dieser Runde oder aus Runde 4 gegen den polnischen GM Warakomski. Lettisches Gambit wäre wohl zu riskant oder einfach schlecht, aber es gibt auch andere ehrgeizigere Antworten auf 1.e4 als Russisch.

In der Schlussrunde hatte Fridman Weiss gegen Piorun und konnte so aus eigener Kraft mindestens geteilter Turniersieger werden. Stattdessen bot er nach 15 Zügen remis, Piorun war einverstanden. Die anderen fünf Spieler mit zuvor 6/8 spielten länger. Der holprig ins Turnier gestartete Elofavorit Cheparinov (Niederlage in Runde zwei gegen IM Krzyanowski) stand gegen Czarnota klar besser aber konnte den Sack nicht zumachen. In einem Sizilianer hatten – etwas ungewöhnlich – beide lang rochiert, wobei 20.-0-0-0 wohl schlicht und ergreifend ein Bauerneinsteller war (21.Lxa6+). 17.g6 war dagegen zuvor ein Bauernopfer. Ausserdem stand der schwarze König jedenfalls optisch viel luftiger als der weisse, aber Schwarz bekam später ausreichendes Gegenspiel und Weiss hatte nicht mehr als Dauerschach.

Sadzikowski-Sengupta war dagegen ein „korrektes“ Remis. Edouard knetete gegen Mista ein Endspiel mit Mehrbauer und verlor das am Ende, da der schwarze d-Freibauer gefährlicher war als nun drei weisse Bauern. Das musste wohl nicht sein – er verlor weil er unbedingt gewinnen wollte? Am Ende auch ein falscher Königszug: nach 71.Kd7 konnte Weiss zumindest noch kämpfen, nach 71.Ke7? war schnell Schluss da der weisse König wieder auf der achten Reihe landete und Schwarz nun neben anderen Dingen auch -Ta8 matt drohte. Mista hatte zuvor einen halben Punkt weniger als Edouard, nun hatte er einen halben Punkt mehr.

Zwischendurch eines der ersten Fotos auf der Turnierseite:

Das ist „ein“ Turniersaal, aber nicht die A-Gruppe – diese Partien wurden nicht live übertragen. Es ist wohl das „Tournament of Chess Prodigies“ (Jahrgang 2007 und jünger).

Dieser Herr, oder jedenfalls sein Nachbar, ist schon etwas älter. Aber auch dieses Spitzenbrett wurde nicht live übertragen – es ist wohl die C-Gruppe (Elo unter 1600) oder die B-Gruppe (Elo 1600-2199).

Zurück zur Schlussrunde in der A-Gruppe: Die Preisausreichung verzögerte sich vielleicht, weil an Brett 9 Aleksej unbedingt gegen Aleksander gewinnen wollte. Aleksej, Nachname Aleksandrov, ist weissrussischer GM, Aleksander Hnydiuk ist polnischer IM. Der GM hatte ab dem 52. Zug einen Mehrbauern im Springerendspiel (drei gegen zwei am Königsflügel), etwa ab dem 75. Zug machte er weitere Fortschritte, nach 131 Zügen hatte er gewonnen und so wie zehn andere 6,5/9.

Soweit zum Turnier „aus internationaler Sicht“, nun nenne ich alle deutschen Spieler(innen) auch wenn zwei was Alter und Turnierergebnis betrifft abweichen: GM Daniel Fridman (Elo 2635, *1976, SV Mülheim-Nord), IM Christopher Noe (2451, *1996, SC Eppingen), FM Hans Moehn (2380, *1996, USV TU Dresden), Vinzent Spitzl (2348, *2000, SV Griesheim), FM Raphael Lagunow (2348, *2000, SK Zehlendorf), FM Julian Martin (2332, *2001, OSG Baden-Baden), IM Robert Baskin (2330, *1999, SV Griesheim), FM Kevin Schroeder (2321, *2000, SG Solingen), FM Jonas Hacker (2297, *1996, SC Eppingen), WIM Josephine Heinemann (2294, *1998, OSG Baden-Baden), WFM Fiona Sieber (2287, *2000, SG Aufbau Elbe Magdeburg), FM Thomas Michalczak (2239, *1973, SG Solingen), FM Fatih Baltic (2210, *2002, SG Bochum), Samuel Fieberg (2169, *2001, SG Porz).

Eines haben alle gemeinsam: ihre Vereine sind mindestens in der Zweiten Bundesliga vertreten – nächste Saison auch Magdeburg, die sind in die Zweite Bundesliga aufgestiegen (u.a. durch 5,5/6 von Fiona Sieber, allerdings gegen durchweg nominell klar unterlegene Gegner). Einige waren bereits Ergänzungs- oder gar Stammspieler in der jeweiligen ersten Mannschaft. Ob Thomas Michalczak auch als Trainer vor Ort war, ob andere Trainer vor Ort waren, dazu habe ich nicht recherchiert. Warum so viele deutsche Jugendliche bei diesem Turnier? Es sind wohl zumindest in einigen Bundesländern bereits Schul- oder Semesterferien, Warschau ist in erreichbarer Nähe, ausserdem waren Hotelkosten (30 Euro pro Person im Doppelzimmer) erschwinglich.

Naturgemäss waren nicht alle erfolgreich. Positiv hervorheben kann man, im Vergleich zur Elozahl vor dem Turnier, Samuel Fieberg (Elo +32), Julian Martin (+16) und Raphael Lagunow (+13). Fieberg bekam zwar gar keine grossmeisterlichen Gegner, auch nicht in Runde eins, aber überzeugte durchaus gegen Spieler die etwa 100 Elopunkte mehr hatten als er selbst (jedenfalls was Ergebnisse betrifft, Partien habe ich mir nicht angeschaut). Lagunow remisierte gleich dreimal gegen GMs (Aleksandrow, Socko und Stefanova).

Etwa Elo-neutral war das Turnier für Noe, Hacker (toller Schachname), Heinemann und Baltic. Die anderen verloren Elo im zweistelligen Bereich. 4,5/9 war zu wenig für Hans Moehn, da er neben GM Sengupta nur Gegner mit Elo unter 2300 hatte. Für Kevin Schroeder begann das Turnier wunderbar – remis gegen Sengupta, da war im Turmendspiel zwischendurch gar mehr drin. Die Niederlage in Runde zwei gegen GM Andrey Zhigalko war auch OK, aber danach lief fast gar nichts mehr – insgesamt vier Niederlagen gegen Elo unter 2300, auf der Habenseite nur zwei Siege und ein Remis, also 3/9 (Elo -44). Noch schlimmer erwischte es Thomas Michalczak – 1,5/8, dann in der letzten Runde gegen Freilos, tschüss 41 Elopunkte.

Wenn man in der Teilnehmerliste nach „GER“ sucht (gross oder klein) findet man auch noch WGM Yuliya Shvayger – die wollte wohl auch Schach spielen, bekam aber im Gegensatz zu Ehemann Arkadij Naiditsch keine chinesische Superturnier-Einladung. Dann eben Warschau, es wurde mit 6/9 der Damenpreis vor Monika Socko, Antoaneta Stefanova, Josefine Heinemann usw. .

Zwei von insgesamt 23 Indern im Turnier will ich noch erwähnen: FM Nihal Sarin (*2004) und Rakesh Kumar Jena (*2001) erzielten IM-Normen. Indien war damit zahlreicher vertreten als Deutschland, die meisten Teilnehmer kamen sicher aus Polen.

Und nun noch eine kleine Bildergalerie:

Drei Turniersaal-Perspektiven (auf dem dritten Foto ist Monika Socko patriotisch). Dann Altmeister Romanischin, nochmal Socko – die wie alle polnischen Nationalspieler im Lotto gewonnen hat (Sponsor des polnischen Schachs) und ein mir unbekannter Spieler mit weiter Anreise – entweder zu diesem Turnier oder zuvor zum HDBank Open im Vietnam.

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