Der unglaubliche Abgabezug

Beim Schach bezeichnet der Ausdruck Hängepartie eine Schachpartie, die abgebrochen werden muß, um zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt zu werden.

Bis Anfang der 1990er Jahre sahen die Schachregeln vor, dass Schachpartien nach Ablauf einer bestimmten Spieldauer, z. B bei einer Bedenkzeit von 2 Stunden für 40 Züge, zwingend unterbrochen, also vertagt werden mussten. Das Aufkommen von Schachprogrammen führte dann in den 1990er Jahren zu einer Änderung der Bedenkzeitregelung, so dass es Hängepartien heute nicht mehr gibt.

Beim Abgabezug notierte der Spieler, der am Zug war, seinen nächsten Zug verbindlich auf seinem Partieformular, ohne dass der Gegner den Zug sehen konnte. Beide Partieformulare wurden in einen Umschlag gesteckt. Auf dem Umschlag wurden Stellung, Namen der Spieler, verbrauchte Bedenkzeit, ein eventuelles Remisangebot, welcher Spieler am Zug ist, sowie Zeitpunkt und Ort der Wiederaufnahme der Partie notiert. Bei Wiederaufnahme der Partie musste der Spieler, der am Zug war, genau den Zug ausführen, den er notiert hatte. Ein fehlerhaft oder mehrdeutig notierter Abgabezug hatte den Verlust der Partie zur Folge.

Der Ungar Geza Maroczy (1870 – 1951) war wegen seiner Endspielkunst gefürchtet. Im Damenendspiel fand er oft studienartige Gewinnwege. Aber er verstand es auch zu kombinieren und wenn es sein musste, Fallen zu stellen. Seine Absicht beim Abgabezug in der nun folgenden Partie beim Turnier in San Remo 1930 war so versteckt, dass Sie nicht einmal der Turniersieger, Weltmeister Alexander Aljechin, entdeckte.

Die kiebitzenden Meisterspieler vertraten alle die Auffassung, dass Maroczy nach dem 40. Zug von Schwarz auf verlorenen Posten stand, doch dieser entgegnete nur: “Warten Sie auf meinen Abgabezug”.

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2 thoughts on “Der unglaubliche Abgabezug

  1. Maróczys Abgabezug war nicht der 41., sondern sein 40. Zug. Er schrieb dazu in “Kagans Neuesten Schachnachrichten” 1930, Seite 180:
    “40.Tf1-e1
    Diesen Zug habe ich im Kuvert abgegeben und Herr Schelfhout ist Zeuge, daß ich ihm sofort nach dem Abbruch auch den nächsten Zug verraten habe.
    40….Td5-d2
    (…) Mein Gegner war siegesbewußt und als ich von Tisch kam, fand ich dort 4-5 Meister kopfschüttelnd die Stellung studierend. (…)
    41. Dh6-h5!!
    Dagegen gibt es keine Rettung.”

  2. “Seine Absicht beim Abgabezug … war so versteckt, dass Sie nicht einmal der Turniersieger, Weltmeister Alexander Aljechin, entdeckte.”
    Hatte Aljechin diesen Zug nicht gesehen, oder verstand er ihn auch nicht, nachdem der Umschlag geöffnet und 41.Dh5!! auf dem Brett ausgeführt wurde? Es ist einerseits ein “Computerzug” (Maroczy bezüglich Schummeln während der Partie natürlich total unverdächtig), andererseits: sobald es gespielt wird ist zumindest klar, warum es funktionieren _kann_. Für mich aus der Rubrik “entweder man sieht es oder man sieht es nicht” – das Zitat stammt von GM Benjamin Bok zu seinem 17.Lc8!! beim Limburg Open 2015, siehe http://schach-welt.de/BLOG/blog/fragmente-vom-limburg-open .
    40.-Td3! ist auch erstaunlich – dass nicht g2 sondern h3 der schwächste Punkt in der weissen Königsstellung ist, da muss man erst einmal drauf kommen …. .

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