Xtracon Open: Joooobaaaavaaaa!!!

Zu einer der farbigsten Figuren der internationalen Schachszene habe ich einen doppelten direkten Bezug: Einer meiner ersten Schachartikel hatte den Titel “Jobava dominates in Milan to re-enter live rating list”. Das war im Dezember 2011; gut drei Jahre später (Januar 2015) begegnete ich dem Georgier dann mehrfach in Wijk aan Zee – er hatte ein fast durchgehend schlechtes Turnier und dennoch durchgehend gute Laune.

Ich zitiere aus dem damaligen Artikel (aus der Rubrik “other news” oder auf Deutsch “Kurz und Knapp”): “Vor dem Turnier kündigten die Ausrichter den Elofavoriten stolz an mit den Worten ‘Dalla Georgia con furore’ – aber rechneten wohl nicht damit, wie wahr das werden würde. Jobava erzielte 8,5/9 (TPR 2910) und hatte zwei Punkte Vorsprung auf den Rest – ein Teil seiner Motivation, bis zum Schluss Vollgas zu geben, war vielleicht, dass er dieses Ergebnis brauchte um wieder in der Live-Liste [damals nur 2700+, noch nicht Option top100] zu landen und da zu bleiben. Laut GM Drazic “killte” Jobavas Teilnahme das Turnier; er sagte voraus dass Jobava demnächst ein top20-Spieler würde. Jobavas Siege waren meistens mit recht simplem, scheinbar mühelosem aber effizientem Schach.”

Was kam danach? Im September 2012 war Jobava tatsächlich Nummer 19 der Weltrangliste, um dann im nächsten Turnier wieder 24 Elopunkte zu verlieren. Im Dezember 2014 war er nochmals immerhin Nummer 21, erneut ging es dann direkt wieder bergab. Insgesamt hatte er seit Januar 2010 fünfmal Elo über 2700 und dann wieder nicht mehr – seine Elozahl schwankte zwischen 2661 und 2734, sein Weltranglistenplatz zwischen 19 und 88. Er ist eben “zu Jobava” um sich dauerhaft in der Weltspitze zu etablieren, in einem NewInChess-Interview sagte er mal “mein schlimmster Feind, das bin ich selbst.”

Vergleich Mailand 2011 mit Xtracon Open 2017: Wiederum erzielte Jobava 8,5 Punkte, diesmal allerdings aus zehn Partien und es war nur (oder immerhin) ein halber Punkt Vorsprung auf Platz 2-9. Er gab nicht bis Turnierende Vollgas sondern begnügte sich in der letzten Runde mit einem Kurzremis. So hat er nach dem Turnier Elo knapp unter 2700, obwohl er vorher offiziell 2714 hatte (diesen Widerspruch werde ich am Ende erklären). Diesmal waren mehrere Partien kreativ mit diversen taktischen Motiven.

Das Turnier war allerdings auch deutlich stärker besetzt als Mailand 2011, das ist der Endstand: Jobava 8.5/10, Sasikiran, Bosiocic, Vitiugov, Sunilduth, Short, Saric, Kvon, Mads Andersen 8, usw. . Alles Grossmeister bis auf IM Andrey Kvon aus Usbekistan, der einen Schritt Richtung GM-Titel machte.

Das Siegerfoto – von links nach rechts Bosiocic, Jobava und Sasikiran. Alle Fotos von der Turnierseite.

Die Gruppe mit 7,5/10 wird angeführt von den Norwegern Frode Urkedal und Jon Ludvig Hammer, mittendrin nach Wertung mit Simen Agdestein noch ein Norweger, fast ganz unten nach Wertung Jan Christian Schroeder als bester deutscher Teilnehmer. Die Gruppe mit 6,5/10 wird angeführt von bekannten Namen, Ivan Sokolov und Jan Timman, direkt dahinter ein international wohl noch nicht so bekannter Name: Dmitrij Kollars. Alles auch Grossmeister bzw. Kollars wird es demnächst offiziell.

Zu Runde 1 nur soviel: Fast alle Favoriten lösten ihre Pflichtaufgaben – die ersten Remisen an Brett 46 und 48, die erste komplette Überraschung an Brett 53: Kvaloy(1818) – FM Dauth(2332) 1-0 – das freute Skandinavier (vor allem Norweger) und ärgerte vielleicht Deutsche. Wer ist Aksel Bu Kvaloy?

Ein 8-jähriger Norweger (Foto stammt aus einer späteren Runde) – wohl deshalb bekam diese Partie einen der beiden Schönheitspreise. Es war eine altmodische Eröffnung: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 exd4 4.Lc4 Sf6 5.Sg5 d5 6.exd5 Sa5 7.Dxd4 Sxc4 8.Dxc4 Dxd5 usw. – deshalb gewann der Knirps nicht, sondern weil sein (siehe Foto später in einer Galerie) erwachsener Gegner später 17.-Dxa2?! spielte und der Bauer war vergiftet oder zumindest nicht gratis. Einige genaue Züge musste Weiss danach finden, bis 23.c5! mit Figurengewinn – dass Schwarz dann noch recht lang weiterspielte lag wohl am Alters- und Elounterschied.

Kvaloy hatte danach noch ein halbes Erfolgserlebnis (Remis gegen Elo 1998) und ansonsten ein Fahrstuhlturnier mit Siegen gegen Elo unter 1600 und Niederlagen gegen Elo 1988-2175. Dauth hatte ebenfalls ein abwechslungsreiches Turnier, an einer weiteren Überraschung war er als Sieger beteiligt.

Auch in Runde 2 noch grosse Elounterschiede und daher kaum Überraschungen, ich zeige mal Brett 2 (bis auf weiteres spielte Vitiugov am Spitzenbrett):

Erstmals spielte Jobava gegen Saric – ich weiss nicht ob WFM Zrinka Deur Saric mit GM Ivan Saric verwandt oder verheiratet ist, Kroatin ist sie jedenfalls auch. Jobava spielte Russisch und gewann trotzdem, da Elo 2714 nun einmal (auch mit Schwarz) meistens gegen Elo 2152 gewinnt.

Bei dieser Gelegenheit noch ein paar Worte zu Fotos: Die Auswahl auf der Turnierseite ist sehr reichlich, auch viele deutsche Spieler wurden abgelichtet. Ebenfalls diverse Damen, genug für eine eigene Galerie aber darauf verzichte ich – keine deutschen Teilnehmerinnen (viele waren ja in Erfurt beschäftigt), keine sehr starken Spielerinnen (es gab offenbar keine Damenpreise). Mit Erlaubnis des Schiedsrichters durfte man (ohne Blitzlicht) auch mehr als zehn Minuten nach Rundenbeginn fotografieren –  das sieht man teils an den Stellungen auf den Brettern und sonst gäbe es kaum Fotos von Ivan Sokolov.

Die Spitzenbretter aus Runde zwei – Jobava rauchte vielleicht gerade draussen eine Zigarette, brauchte er deshalb 9 Minuten für das (nach 17.Lxf5) total erzwungene 17.-Dxf5 ?

Runde 3 – da gab es weit oben halbe Überraschungen, und zwar GM Jobava – FM Haug 1/2 sowie FM Kramer – GM Sasikiran 1/2 – Erfolgserlebnisse für Norweger und Deutsche. Jobava bekommt sein erstes Diagramm:

1.b3 Sf6 2.Lb2 b6 3.a4!?!? – was ist das denn? Jedenfalls eine Neuerung im dritten Zug mit der umgesetzten Idee 3.-Lb7 4.a5!?. Mehr als Remis war im weiteren Partieverlauf nie für ihn drin. So fiel Jobava etwas zurück, und ein Spieler mit weiter Anreise bekam tags darauf einen bekannt-grossmeisterlichen Gegner: FM Ezra Paul Chambers aus Burundi wurde heruntergelost und spielte gegen Jobava – sein eigener Beitrag dazu war ein Sieg im nicht-europäischen Duell gegen IM Sukandar aus Indonesien. Später entschied die Auslosung übrigens, dass der einzige Burundese (oder wie heisst das?) in Runde 9 gegen den einzigen Südafrikaner spielt.

Runde 4: Keine Überraschungen an Brett 17 und 18: GM Jobava – FM Chambers 1-0, GM Sasikiran – FM Malmstig 1-0. Dagegen ganz vorne vier Remisen: GM Vitiugov – IM Kvon 1/2 sowie IM Delorme – GM Short 1/2 war jeweils der erste Schritt zu GM-Normen für die beiden Aussenseiter.

GM Hillarp Persson – GM Hammer 1/2 war das erste GM-Duell unter Skandinaviern. Nach dieser Runde hatten noch sieben Spieler 100% – alle Grossmeister, Wertungsbester Jan-Christian Schroeder, aber natürlich war noch nichts entschieden.

Nach Runde 5 hatten dann noch zwei Spieler eine weisse Weste. Überraschung am Spitzenbrett: GM Urkedal – GM Sokolov 1-0 – Ivan Sokolov, der sich auch bei diesem Turnier immer verspätete (heute waren es 9 1/2 Minuten) begann so als Letzter und war dann vielleicht als Erster fertig: Die Partie dauerte 19 Züge – es war egal ob Schwarz das Opfer 18.Txg7+! annimmt oder, wie in der Partie, ablehnt, jeweils kann er nach 19.Dg2 aufgeben. Was da genau in einem Nimzo-Inder mit 4.Dc2 Sc6 (dynamischer und riskanter als gängigere Züge) schief ging kann ich nicht beurteilen – später war 11.-e4 (öffnet letztendlich die g-Linie für Weiss, der noch nicht rochiert hat) neu und 14.-Sh5 (“Springer am Rand bringt Kummer und Schand”) wohl fragwürdig.

Schroeder-Bosiocic 0-1: In einem Italiener hatte Schwarz Initiative am Königsflügel. Weiss wollte das mit 28.Sxh6 ändern aber dieses Opfer funktionierte gar nicht. Saric und Vocaturo remisierten. Bei Vitiugov-Timman 1-0 gewann der aktuelle Weltklassespieler (jedenfalls im erweiterten Sinne) gegen den ehemaligen Weltklassespieler. Vitiugov hatte ja in Runde 4 remisiert, eine weisse Weste hatten so nur noch Urkedal und Bosiocic.

An Brett 4 gewann Jobava mit Schwarz spektakulär gegen IM Wei Ming Kevin Goh aus Singapur:

Zuvor geschah 25.Sd4? (25.Dd4 hätte das was kommen sollte verhindert, die Stellung bliebe unklar) 25.-Tb2+ 26.Ka1 Dc3!!. Nach 26.Lxc3 Sxc3 kann Weiss Matt auf a2 nur verhindern, indem er viel Material zurückgibt (Computer “empfehlen” 27.Td2 Txd2 28.Sc2 Txc2 29.Dxc3 Txc3 – das wird dann allerdings, abgesehen von klarem schwarzem Materialvorteil, Matt auf c1). Weiss versuchte noch 26.Sxe6 Dc2! und gab nach 26.Sc7+ Kd7 auf. Diese Partie bekam den anderen Schönheitspreis.

Runde 6: Bosiocic-Urkedal 1/2 war ein ausgekämpftes Remis, bei dem Schwarz offenbar im Läuferendspiel den Sieg verpasste. So konnten andere zur Spitze aufschliessen, darunter der spätere Turniersieger:

Shabalov-Jobava 0-1 – wieder spielte Jobava Russisch, schnell abseits etablierter Theorie. Das lag an Shabalovs seltenem 4.Sc4 sowie an Jobavas sehr seltenem – zuvor nur auf Niveau Elo unter 2200 gespielt – (4.-Sxe4 5.De2) 5.-d5. Jobava rochierte lang, Shabalov gar nicht da er nicht dazu kam. Es konnte nach 18.hxg5 usw. zu einem Remisendspiel verflachen, aber Weiss spielte 18.Le2? – warum bekommt das ein Fragezeichen?

Wegen 18.-Lc4!!? mit der Idee 19.Lxc4 Dc6!!. 18.hxg5 Dd6! (19.-Dc6 war offenbar noch besser) half eigentlich auch nicht, aber im weiteren Verlauf war Jobava zu kreativ bzw. fand nicht die allerbesten (Computer-) Züge, objektiv war es nun wieder ausgeglichen – Schwarz hatte ausreichende Kompensation für eine investierte Qualität aber nicht mehr. Auf dem Foto steht der Sponsorenständer im Weg und verdeckt schwarze Figuren (Dame auf c4 und Läufer auf d4). Hier patzte Shabalov mit 37.De4? Dxa2+ – diesen Bauern (der dritte für die Qualität) durfte er nicht mit Schach hergeben, nun gewann Jobava doch noch.

Insgesamt hatten fünf von sieben Partien zwischen Spielern mit zuvor 4,5/5 Sieger und Verlierer. Viermal gewann der favorisierte Grossmeister (neben Jobava auch Sasikiran, Short und Vocaturo), einmal nicht: IM Rosen(2369) – GM Agdestein(2604) 1-0! Gewisse Parallelen zu tags zuvor Urkedal-Sokolov 1-0 wobei Weiss diesmal erst schwarzen Königsangriff neutralisieren musste – Weiss hatte lang rochiert, Schwarz kurz. Und dann ging es dem schwarzen König an den Kragen. Weiss hatte bereits Oberwasser, dann erlaubte 21.-f5? 22.gxf6 e.p. mit Öffnung der g-Linie nebst Opfer auf g7, hier 25.Sxg7. Das finale Opfer war dann 28.Lxh7+ nebst Matt – der schwarze (Mehr-)Turm auf a8 war Zuschauer, ebenso die Dame auf a5.

Da ich für ein deutsches Publikum schreibe und da es ebenfalls eine Überraschung war, noch zu Brett 17 FM Dauth – GM Schroeder 1-0! Das war eine Uralt-Variante im Italiener, der heutzutage auf hohem Niveau generell “piano” behandelt wird – nicht 5.d4 sondern 5.d3. Bis zum 13. Zug war es bekannt – Dauth spielte flott, Schroeder investierte pro Zug Minuten. Nach dem Motto “wie ging das nochmal?” und/oder “soll ich mich darauf einlassen?”. 14.Sxh7 – diesmal ein Opfer auf diesem Feld – war auch noch bekannt, erstmals überlegte Dauth hier sieben Minuten. Nach – immer noch 35 Datenbank-Partien – 18.-Tg8! wird es offenbar recht forciert Remis. Schroeders 18.-Te8? wurde zuvor nur einmal gespielt, 1975 bei der dänischen Meisterschaft (damals gab es noch keine Elozahlen). Sorensen-Sogaard war Matt im 22. Zug, Dauth-Schroeder schwarze Aufgabe im 20. Zug.

Vorne lagen nach dieser Runde sieben Spieler mit 5,5/6, sechs GMs und IM Rosen.

Runde 7 – zunächst die Spitzenbretter von oben fotografiert:

Und nun das Spitzenbrett aus der Nähe:

Jobava-Bosiocic 1-0 – wieder gewann der Spieler mit viel Haaren gegen den mit wenigen (vgl. Shabalov-Jobava). Diesmal gewann Jobava im Endspiel, das kann er auch – bzw. anfangs, und schon da stand er klar besser, kann man es als damenloses Mittelspiel bezeichnen.

Urkedal-Sasikiran remis, Short-Vocaturo 1-0 ebenfalls im Endspiel. Beide hatten zwei verbundene Freibauern, aber die weissen am Damenflügel waren weiter vorgerückt und damit gefährlicher. Motylev beendete den Lauf von Eric Rosen – zuvor Siege gegen GMs Martinovic und Agdestein, in den letzten vier Runden noch 1/4 (Sieg gegen einen FM).

Bretter weiter hinten wieder aus deutscher Sicht:

Kollars-Timman 1-0! – da reizte den Fotografen vielleicht auch der Kontrast Jugend gegen Erfahrung. Weisser Sieg im Turmendspiel, das Timman offenbar falsch beurteilt hatte. 37.-Tf7 bliebe etwa ausgeglichen, war 37.-Tb6 38.Ta7 Tb3? ein total verunglückter Gewinnversuch? Nach 39.Txb3 axb3 40.Tb7 d3 konnte Weiss diesen Freibauern mit 41.Kc1 d2+ 42.Kd1 bequem aufhalten, während sein entstandener eigener a-Freibauer Schwarz Probleme bereitete. Eventuell hat 51.Kd4? den Sieg nochmals gefährdet oder gar vergeben (diesen Zug verstehe ich gar nicht, bin allerdings auch kein – zukünftiger – Grossmeister). Wenn dem so war, hat Timman seine Chance nicht genutzt.

FM Kramer – GM Hillarp Persson 1-0 0-1 war aus deutscher Sicht unnötig und tragikomisch. Zum Foto-Zeitpunkt lautete das Computerurteil +4.5 – zwei glatte Mehrbauern “und Kompensation dafür”. 39.Sb3 Tf5+ 40.Kg4 Tf1 und der c-Freibauer konnte laufen, 41.c5 usw. . Stattdessen verspeiste Julian Kramer den eher unwichtigen schwarzen a-Bauern (41.Sxa5) – das verdarb noch nichts aber nach 41.-h5+! (42.Kxh5? Tf5+ und -Txa5) hatte Schwarz bereits Tricks.

43.c5? vergab dann wohl den Gewinn, Weiss musste bevorzugt seinen Randspringer wieder aktivieren! Denn nun musste er nach 43.-Kf5! eine Qualität geben, um Matt zu verhindern – vergleiche 43.Sb7 Kf5 44.Sd6+ oder 43.Sc6 Kf5 44.Te5+ Kg6 45.Te6+ Kg7 (45.-Kf5?? 46.Sd4#) 46.Te4. Dafür hatte er immerhin vier Bauern, aber irgendwie verschwanden alle drei verbundenen Freibauern am Damenflügel. Es kam dann wie es vielleicht kommen musste: nach 73.Kh3?? Kf3 sollten letztendlich auch die beiden weissen Bauern am Königsflügel fallen und Schwarz behielte immer noch einen Bauern. 67.g4 hätte den letzten schwarzen Bauern abgetauscht, übrig bliebe ein Endspiel Springer gegen Turm. So gewann am Ende Elo 2509 doch noch gegen Elo 2333.

Noch ein Foto, um doch noch eine Dame zu zeigen: An Brett 13 gewann Simen Agdestein in 88 Zügen gegen Petra Papp. Besser stand er durchgehend, Fortschritte machte er dann etwa ab dem 70. Zug. Dahinter Svane – nicht Rasmus sondern der 13-jährige Frederik – an Brett 19 (interessant wie die Bretter im Turniersaal angeordnet sind).

Nach Runde 7 führten Jobava und Short mit 6,5/7, dahinter elf Spieler mit 6/7 – hinter etablierten Grossmeistern mit schlechtester Wertung FM Wadsworth und IM/GM Kollars. Kollars hatte früh (Runde 2 und 4) zweimal mit Schwarz gegen nominell unterlegene Gegner remisiert (der titellose Andre Kunz und ebendieser FM Matthew Wadsworth), dadurch bekam er erst ab dieser Runde grossmeisterliche Gegner.

Zu Runde 8 beginne ich natürlich wieder am Spitzenbrett:

Jobava-Short 1-0 war, zum Foto-Zeitpunkt natürlich noch nicht aber später, eine recht einseitige Angelegenheit. Damit hatten sich auch Hoffnungen bzw. Spekulationen, dass Nigel Short live mal wieder Elo über 2700 haben könnte, erledigt. Das Diagramm setze ich recht spät in der Partie:

Weiss (am Zug) hat einen Turm weniger, kann das allerdings verkraften angesichts des starken Läufers, des starken f-Bauerns und des an Atemnot leidenden schwarzen Königs. Es folgte noch 43.f7 Te1+ 44.Kg2 Te2+ 45.Kh3 Tf2 46.Le5+ Tf6 47.Lxf6#.

Saric-Vitiugov 1/2 war nicht unbedingt ausgekämpft, zeigen kann man die beiden trotzdem.

Sokolov-Kollars 1/2: Schwarz erreichte aus der Eröffnung problemlos Ausgleich, Weiss hat nach 18 Zügen remis angeboten. Auch diesen Test bestand Dmitrij Kollars.

GM Bosiocic beendete vorerst den Lauf von FM Wadsworth.

Nur eine Partie zwischen Spielern mit 6/7 hatte Sieger und Verlierer: Sunilduth-Motylev 1-0! Motylev leistete sich im 24. Zug in ausgeglichener Stellung einen Lapsus, der eine Qualität (alternativ einen Bauern) kostete. Wenn es als Qualitätsopfer geplant war, dann war es inkorrekt. Damit war nun der an 16 gesetzte Lyna Narayanan Sunilduth (7/8) erster Verfolger von Jobava (7,5/8). Da beide in der nächsten Runde wieder mit Schwarz dran waren, wurden sie allerdings nicht gegeneinander gepaart.

Stattdessen in Runde 9 die letzte Hürde für Jobava, Schwarz gegen den an eins gesetzten Nikita Vitiugov:

Es wurde Vitiugov-Jobava 1/2. Jobava spielte mal wieder (s)ein etwas krummes “Caro-Königsindisch”: 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 0-0!? 5.Le3 c6 6.f3 d5. Es ging krumm weiter mit 7.cxd5 cxd5 8.e5 Se8 9.h4 f6 10.f4 h5 11.Ld3 Sc6 12.Lxg6 – weg war, geplant oder nicht, ein Bauer vor seinem eigenen König. Computer mögen Königsindisch generell nicht, diese Version gefiel ihnen auch nicht aber Jobava konnte den Laden zusammenhalten. So stand es nach 32.Sxe6:

Jobava hat hier natürlich nicht eine Qualität eingestellt, nein er hatte eine Antwort auf die Springer-Dreifachgabel: 32.-Dxg2+ 33.Txg2 Txg2+ 34.Kh1 Tc2+ 35.Kg1 – Vitiugov liess sich das Dauerschach nicht weiter zeigen sondern bot Remis.

Noch ein Jobava-Foto mit Sonnenbrille neben dem Brett und zwischenzeitlicher Stellung in dieser Partie.

Und noch ein Jobava-Foto mit Freunden, Sonnenbrille und Bierglas

Sasikiran-Sunilduth 1/2 war nicht unbedingt ein Freundschaftsremis unter Landsleuten – der nominell unterlegene Schwarzspieler stand besser und begnügte sich mit einer Zugwiederholung. Wobei Sunilduth zumindest nicht wusste, dass Computer seine Stellung bevorzugen.

Short-Urkedal 1/2 war ausgekämpft bis zum für Short bitteren Pattende – zum Schluss hatte Urkedal einen König auf a8, und Short Randbauer plus falscher Läufer. Ob Short zuvor im Endspiel einen “studienartigen” Gewinn verpasst hatte, da lege ich mich nicht fest.

Drei Spieler mit zuvor 6,5/8 gewannen: Kollars-Saric 0-1 – der dritte GM war einer zuviel für Kollars. Er hatte zwei Freibauern am Damenflügel (a und c), Schwarz zwei extra Zentralbauern. Letztere erwiesen sich als stärker, da Saric Drohungen gegen den weissen König kreieren konnte. Das lag allerdings auch daran, dass Kollars seine Figuren zwecks Unterstützung der Bauern am Damenflügel (de)plaziert hatte – war es ein riskanter und objektiv verfehlter Gewinnversuch?

IM Goh – GM Bosiocic 0-1 war, wenn man so will, ein “Kontersieg”. Dem Grossmeister kam im sizilianischen Mittelspiel eine Qualität abhanden, aber sein Gegner konnte den Sack nicht zumachen. Das Endspiel war dann bereits unklar-ausgeglichen, dann unterschätzte Wei Ming Kewin Goh einen schwarzen Freibauern und verlor die Partie noch.

Agdestein – Hillarp Persson 1-0: Weiss hatte im Endspiel zwei Leichtfiguren gegen Turm und konnte diesen Vorteil langsam verwerten.

Brett 15: Der bereits erwähnte Matthew Wadsworth sicherte sich mit einem Remis gegen Urgestein Jonny Hector eine IM-Norm.

Noch zu Brett 22 mit deutscher Beteiligung:

GM Schroeder – Roe 1-0: “Aus dem Nichts heraus” hatte Weiss das vernichtende Turmopfer 31.Txf7 – zusammen mit einem weiteren Sieg in der Schlussrunde konnte Jan Christian Schroeder den Eloschaden auf -3 begrenzen. Im Turnier hatte er nur einen grossmeisterlichen Gegner, Niederlage gegen Bosiocic.

Runde 10: Ivan Sokolov kam wie üblich zu spät, diesmal waren es achtzehn Minuten. Auf dem Weg zu seinem Brett traf er vielleicht Jobava – auf dem Weg in die Bar, denn seine Schlussrundenpartie war bereits beendet. Zu Jobava-Saric 1/2 alle 14 Züge: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5! cxd5 4.Sc3 Sf6 5.Sf3 Sc6 6.Lf4 Lf5 7.e3 e6 8.Ld3! Lxd3 9.Dxd3 Ld6 10.Lxd6! Dxd6 11.0-0 0-0 12.Tfc1 Tac8 13.Se2 Se4 14.Dd1 h6 mit Remisangebot. Die Ausrufezeichen beziehen sich darauf, dass Jobava ein Remis für den Turniersieg reichte – zumindest geteilt und er wollte nichts mehr riskieren.

Drei Spieler konnten ihn noch einholen. Bosiocic und Sunilduth spielten eine ausgeglichene Stellung bis zum 70. Zug, und dann war es remis. Agdestein verlor glatt gegen Nigel Short, damit hatte der Engländer 8/10 und der Norweger weiterhin 7,5/10 (bzw. vor der Runde 7,5/9).

Mit glatten Schwarzsiegen konnten sich Vitiugov (gegen Grigoriants) und Sasikiran (gegen Allan Stig Rasmussen) ebenfalls auf 8/10 verbessern. Dito für Mads Andersen, der mit IM Getz einen nominell relativ leichten Gegner hatte.

Damit fehlt noch einer der eingangs genannten, die Schlussrunde stand auch unter der Rubrik Normchancen. Zwei Spieler hatten ihre jeweiligen Normen bereits in trockenen Tüchern: wie bereits erwähnt, IM-Norm für Matthew Wadsworth, ausserdem GM-Norm für den Franzosen IM Axel Delorme.

Drei andere Spieler mussten in der Schlussrunde noch punkten, jeweils gegen nominell überlegene Gegner – alle drei schafften es! GM Sokolov – IM Kvon 0-1! Der usbekische IM profitierte davon, dass Sokolov mit 34.Tf3? patzte und zwei Figuren für einen Turm geben musste. “Technisch” war es danach nicht ganz trivial, Computer hätten die Damen lieber auf dem Brett behalten, aber Kvon verwertete den materiellen Vorteil dann im Endspiel. Für eine GM-Norm brauchte er diesen vollen Punkt (zuvor, was GMs betrifft, Remis gegen Vitiugov und Niederlage gegen Sasikiran).

GM Hillarp Persson – Dishman 0-1! Dem Engländer reichte ein Remis für eine IM-Norm, und lange war es ausgeglichen d.h. der Grossmeister stand nie besser. Im Endspiel mit Läuferpaar gegen Springerpaar überzog Tiger Hillarp Persson dann, oder unterschätzte die schwarzen Möglichkeiten.

FM Olsen – IM Goh 1-0! – erstaunlich glatter Sieg für Elo 2189 gegen Elo 2446. Filip Boe Olsen fehlt noch einiges zu Elo 2400, auch nach diesem Turnier bei dem er 61 Punkte auf die kurze Heimreise von Dänemark nach Dänemark mitnehmen kann. Über 2300 hatte er schon einmal, sonst wäre er kein FM. Und er ist noch jung (*2003). Andrey Kvon (*1989) und vor allem Stephen Dishman (*1970) sind dagegen bereits im fortgeschrittenen Schachalter – wie auch Axel Delorme (*1990), wieder im Gegensatz zu Matthew Wadsworth (*2000).

Zum Schluss noch drei Turniersaal-Fotos:

Und dabei belasse ich es vorläufig da es mal wieder bereits nach Mitternacht ist – angekündigte Bildergalerien kommen separat.

Ach so, einen Widerspruch wollte ich noch erklären: In der Juli-Liste hat Jobava Elo 2714, live hat er nun (nach Elo +10 in diesem Turnier) 2697. Wieso das denn? Zuvor spielte er auch im Iran beim Match Iran gegen Rest der Welt, und das lief für ihn katastrophal – obwohl oder weil es im Iran keinen Alkohol gibt!?!

 

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