Sinquefield Cup Vorschau

Ab Mittwoch wird in Saint Louis wieder Schach gespielt – bzw. das war auch letzte Woche der Fall, mit Spielern die elomässig und auch in einer anderen Kategorie noch Nachholbedarf haben. Aus aktuellem Anlass sortiere ich das Teilnehmerfeld des Sinquefield Cups mal nach Anzahl Kindern sowie (Tiebreak) gefühlter Wahrscheinlichkeit, dass sie in absehbarer Zeit (nochmals) Vater werden:

Karjakin 2, Svidler 2, Anand 1,  Aronian und Nakamura, Caruana, Carlsen, So/Vachier-Lagrave/Nepomniachtchi. Zu Karjakin siehe gleich – da ist am ehesten/schnellsten vorstellbar, dass er dreifacher Vater wird (mit derselben Mutter oder vielleicht einer anderen – man weiss nie was im Leben noch passiert). Svidler redet viel, dabei wenig über sein Privatleben – dennoch ist bekannt, dass er verheiratet und zweifacher Vater ist. Anand ist seit 1996 verheiratet und seit 2011 Vater.

Wenn ich nichts verpasst habe sieht es bei den anderen so aus: Aronian und Nakamura langfristig liiert, Caruana ebenfalls liiert. Carlsen hat seit kurzem eine Freundin – wenn es stimmt und nicht, bei ihm nie auszuschliessen, eine PR-Inszenierung ist. Wesley So hat zwar seit einiger Zeit neue Eltern, aber meines Wissens keine Freundin oder Frau. Letzteres ist, soweit mir bekannt, auch bei MVL und Nepo der Fall. Zu Nepomniachtchi fand Google („Nepomniachtchi girlfriend“) allerdings das: u.a. „Das ist meine Freundin Jana, wir sind seit zwei Jahren ein Paar“ (Stand Dezember 2010, damals war er 20 Jahre alt oder jung).

Kramnik, zweifacher Vater, hatte sich für die Chess Tour qualifiziert aber die Pauschaleinladung abgelehnt. Giri, bisher einfacher Vater, und Shirov, viermal Vater mit drei Müttern, konnten sich – wie natürlich viele andere – nicht für die Chess Tour 2017 qualifizieren und den Sinquefield Cup Freiplatz bekam Svidler. Warum diese Einleitung?

Karjakin hat dieses Foto am 30. Juli auf Twitter veröffentlicht und den dazugehörigen Text tags darauf selbst aus dem Russischen ins Englische übersetzt: „I am happy to announce that my son was born at 27th of July! Thanks to my lovely wife Galiya! Looking forward to see them after USA!“ [Emoticons wegen Übergrösse entfernt, auf Deutsch: „Ich freue mich mitzuteilen, dass mein Sohn am 27. Juli zur Welt kam! Dank meiner liebenswerten Frau Galiya! Ich freue mich darauf, sie (beide) nach den USA zu sehen!“]. Giri wurde während einem Superturnier Vater, Karjakin war offenbar bei der Geburt auch nicht dabei sondern auf dem Weg nach Saint Louis oder bereits da vor Ort.

Obwohl der Sinquefield Cup noch nicht begonnen hat, gibt es bereits Fotos aus der ersten (sowie auch aus weiteren) Runde(n) in Saint Louis, Quelle hier.

An diesen Tischen auf dieser Bühne sitzen dann wohl auch die Weltklasse-Grossmeister. Ob eine US-Flagge Teil des Ganzen ist, wird sich herausstellen: Beim Sinquefield Cup sind ja nur (oder immerhin) drei von zehn US-Amerikaner – bei dieser Veranstaltung war es naturgemäss jede(r) zweite. Im „Match of the Millennials“ (geboren 2000 oder danach) USA gegen Rest der Welt gewann der Rest der Welt recht deutlich – und das obwohl Donald Trump Team USA nach Kräften unterstützt hatte, indem er den jungen Iranern Maghsoodloo und Firouzja US-Visa verweigerte.

Derlei Szenen draussen sind zeitlos, d.h. nicht an ein bestimmtes Turnier gebunden.

Zwei Teilnehmer des Sinquefield Cups waren bei der Abschlussfeier dabei – links klatscht Wesley So, daneben gratuliert Vishy Anand Team Welt insgesamt und Praggnanandhaa speziell.

Nochmals Anand mit (Praggn)anand(haa), beide hier klein im Vergleich zum „dritten König“. Ob Praggnanandhaa irgendwann Nachfolger von Anand wird, als Weltmeister oder auch nur als Nummer eins von Indien, wissen wir in fünf oder zehn oder zwanzig Jahren. Wird er Nachfolger von Karjakin? Als Vize-Weltmeister kann es ebenso lange dauern, als jüngster Grossmeister aller Zeiten? Sieben Monate (und neun Tage) hat er noch, Fortschritte Richtung Elo 2500 machte er (nach diesem Match hat er 2487), GM-Normen hat er offenbar noch keine – wenn er eine erzielt hätte, würde es sicher prominent erwähnt. Zurück zum Superturnier:

Da die Geschichte des Sinquefield Cups recht überschaubar und auf Wikipedia komplett dokumentiert ist, lasse ich sie mal Revü passieren: 2013 gewann Carlsen einen doppelrundigen Vierkampf vor Nakamura, Aronian und Kamsky. Kamsky wurde danach nicht wieder eingeladen, aus diversen Gründen: seine eigene Elozahl sank, während der (angestrebte) Eloschnitt des Turniers anstieg. Ausserdem verlor er – durch Neuzugänge – seinen Status als Nummer zwei der USA.

2014 (sechs Teilnehmer doppelrundig) gewann der Italiener Fabiano Caruana überlegen mit 8.5/10, das sollte Folgen haben: die USA bzw. Sinquefield sagten „wir haben $$$$, wir wollen Caruana!“ und das funktionierte letztendlich. Der US-Amerikaner Caruana hatte übrigens keine vergleichbaren Erfolge in internationalen Rundenturnieren, bzw. nur Dortmund 2015 direkt nach seinem Verbandswechsel. Carlsen wurde damals alleiniger Zweiter 3 Punkte hinter Caruana, Nakamura wurde Letzter und trotzdem weiterhin eingeladen.

Ab 2015 war Chess Tour angesagt, also 10 Teilnehmer einrundig. Das wurde dann eines von mehreren „Comebacks“ von Levon Aronian. Carlsen teilte Platz zwei mit Nakamura, MVL und Giri – dabei war er betrifft Tourpunkte „gleicher“ als die drei anderen, dieser Tiebreak-Unsinn wurde dann abgeschafft. Am Tabellenende Caruana, Anand und So. Bei So hatte das Folgen: Zukünftig verzichtete er tendenziell auf unternehmungslustiges Spiel zugunsten von „Remis ist in Ordnung, wenn der Gegner verlieren will dann gewinne ich“.

2016 gewann Wesley So in Saint Louis (und anderswo) in diesem neuen Stil. Auf Platz zwei wieder ein Quartett (Aronian, Topalov, Anand und Caruana) – diesmal bekamen alle 7.75 Tourpunkte statt wie anno 2015 zehn, acht, sieben und sechs. Carlsen verzichtete auf den Sinquefield Cup, und auch das hatte Folgen: Vielleicht auch deswegen verabschiedete sich Norway Chess aus der Chess Tour, als Ersatz wurden 2016 zwei Schnell- und Blitzturniere in Paris und Leuven organisiert. Davon profitierte Carlsen sowohl 2016 (so konnte er doch zweimal mitspielen) als auch 2017 – mit verkürzter Bedenkzeit machen Gegner eher Fehler, und die braucht er oft um Partien zu gewinnen. Svidler wurde Vorletzter – lag vielleicht auch daran, dass er kurzfristig für Kramnik (Rückenbeschwerden) einsprang: Zuvor spielte er in Biel, auf der Durchreise nach Saint Louis musste er in St. Petersburg vorbeischauen um schnell ein US-Visum zu bekommen (US-Präsident Obama war einverstanden). Giri wurde diesmal Letzter und ist 2017 kein Stammteilnehmer der Chess Tour.

Prognosen? Carlsen wird wohl besser abschneiden als zuletzt bei Grenke Chess und Norway Chess – Sieger jeweils Levon Aronian (beim FIDE Grand Prix in Sharjah und Genf lief es dagegen für ihn nicht nach Wunsch) – denn schlechter als in Stavanger geht kaum (doch es geht, Karjakin bewies es). Es könnte zum Turniersieg reichen – überlegen allerdings nur wenn die Gegner auch mit klassischer Bedenkzeit wieder so lieb zu ihm sind wie sie es früher mal waren. Bei bisher vier Siegern in vier Turnieren kann es allerdings auch sein, dass sich nun ein fünfter Spieler in die Siegerliste einträgt. Das traue ich Karjakin oder Vachier-Lagrave oder Anand eher zu als Svidler (es ist ja keine russische Meisterschaft!) oder Nepomniachtchi oder auch, so sehe ich es, Nakamura. Nakamura hat schliesslich nach Wijk aan Zee 2011 offenbar kein internationales Rundenturnier mit klassischer Bedenkzeit gewonnen (OK, Hoogeveen 2012 als recht klarer Favorit). Da So, Caruana und Aronian ebenfalls mitspielen und (aus der Aronian-Perspektive) da der Sinquefield Cup nicht Teil der GP-Serie ist könnten auch sie das Turnier gewinnen.

Noch ein paar Daten: Gespielt wird vom 2.-11. August (Ruhetag am 7.8.) jeweils ab 13:00 Ortszeit – das ist 20:00 in Mitteleuropa, Partien sind also gegen Mitternacht beendet oder auch noch nicht. Wenn nötig, gibt es einen Stichkampf um Platz eins am 12. August, also nicht direkt nach der letzten Runde sondern tags darauf. Livekommentar gibt es auf Amerikanisch von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley, für Runde 8 und 9 auch auf Deutsch von Jan Gustafsson. Preisgeld ist insgesamt 300.000$, davon 75.000$ für den Sieger.

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