MVL gewinnt Sinquefield Cup und verhindert Stichkampf-Unsinn

Der Franzose mit Doppelname und Elo ca. 2800 (nun wieder ein kleines bisschen mehr) führte zum Ruhetag alleine. Dabei blieb es auch nach Runde 6, aber nach Runde 7 bekam er Gesellschaft von den “Altmeistern” Anand und Aronian. Carlsen war ohnehin in Schlagdistanz, nach Runde 8 konnte auch Karjakin diese erreichen. Diese fünf Spieler konnten nun noch Turniersieger werden, mit oder auch ohne Stichkampf.

Ich habe generell nichts gegen Stichkampf im Schnell- und/oder Blitzschach, wobei es für mich auch OK ist, bei Punktgleichheit den Turniersieg zu teilen – Stichkämpfe waren manchmal spannend und gehaltvoll, manchmal auch anti-klimaktisch. Fragwürdig waren dagegen diesbezügliche Regeln bei der Chess Tour 2017, dazu später mehr. Und dann wurden diese irrelevant, da MVL nach der neunten von neun Runden wieder einen halben Punkt Vorsprung auf die beiden nächsten hatte.

Endstand: Vachier-Lagrave 6/9, Carlsen und Anand 5.5, Aronian und Karjakin 5, Svidler 4.5, Caruana 4, Nakamura 3.5, So und Nepomniachtchi 3. Carlsen-Fans mögen ihren Liebling zum “echten” Turniersieger erklären, da er gegen MVL auf Gewinn stand – wobei diese Partie dann (laut Chessbase) das “falsche” Ergebnis hatte, MVL gewann noch. Das war in der ersten Turnierhälfte – im Zeitraum dieses Berichtes hatte Carlsen dann auch noch eine Gewinnstellung gegen seinen Lieblingsgegner Nakamura, die konnte er immerhin remis halten (verlieren war auch schwierig bis unmöglich). Bei Carlsen lag es vielleicht auch an der Einstellung, dazu später mehr.

Fans der Amerikaner tun sich schwer, ihre Lieblinge (einer, zwei oder alle von So/Caruana/Nakamura) zum Turniersieger zu erklären, oder So nach aktuellstem Stand zur grössten Gefahr für Carlsens WM-Titel.

Alle Fotos wieder von der Turnierseite bzw. ab da auf Flickr – fotografiert hat vor allem Lennart Ootes, einige Fotos auch (dann erwähnt) von Austin Fuller. Von MVL gibt es natürlich diverse Fotos – manchmal ist er auch (während Partien) voll konzentriert, so lächelte er auch nach Runde 6 und überstandenem Najdorf-Abenteuer gegen Caruana, aber als Titelbild habe ich doch eines aus bzw. nach Runde 9 ausgewählt. Nun Runde für Runde

Runde 6 – wo soll ich anfangen?

Erstmal [Foto Austin Fuller] mit (fast) allen – Aronian sitzt gegen So gerade nicht am Brett, Anand gegen Karjakin auch nicht, deshalb ist Anand im Gegensatz zum Russen auf diesem Bild.

Und nun (Foto ebenfalls Fuller) mit Caruana-MVL 1/2. Najdorf-Sizilianisch, was sonst? Caruana spielte gerade 10.Dd3!? und das war total neu – in dieser konkreten Stellung, in leicht anderen (z.B. wenn Schwarz nach 6.Lg5 e6 7.f4 gleich -Db6 spielt statt erst 7.-h6 8.Lh4 und nun 8.-Db6 9.a3 – deckt indirekt den Bauern auf b2 – 9.-Le7) ist es bekannt. Wie dem auch sei, nun überlegte MVL 21 Minuten und spielte dann das ‘normale’ 10.-Sbd7 – 10.-Dxb2 oder auch 10.-Sxe4, das hat der Gegner sicher detail-vorbereitet!?

10.-Sbd7 war normal aber nicht besonders gut, das war eine Idee oder Rechtfertigung für Caruanas Neuerung. 11.0-0-0 kam wieder a tempo, und nach weiteren 11 Minuten Najdorf-Würze mit 11.-g5!? worauf Caruana immerhin auch begann nachzudenken. Weiss stand besser, bis er mit 23.Txg4 ernten wollte – das erlaubte Damentausch, und das Endspiel konnte Schwarz trotz Minusbauer recht locker remis halten. Sieben Züge folgten noch, ab dem 30. Zug darf man sich in diesem Turnier auf Remis einigen, so geschah.

Aronian-So 1-0 dauerte 32 Züge, dann die dritte Null für die ehemalige Nummer zwei der Weltrangliste (bzw. bis 1. September ist er es noch offiziell). Lang lang ist’s her, dass Wesley Solid ausgiebig dafür gelobt wurde dass er nie verliert … . In der Eröffnung kopierte So eine Idee von Aronian, an die der Armenier selbst nicht mehr glaubt. Im Mittelspiel wurde es ab 29.Tf6! ein Massaker.

Aronian hinterher im Studio, um das mal insgesamt zu zeigen (neben ihm Maurice Ashley, links Jennifer Shahade und Yasser Seirawan)

Carlsen-Nakamura 1-0 1/2 bekommt mehrere Fotos. Zu diesem Zeitpunkt (siehe Stand auf dem Brett und auf der Uhr) war bereits einiges passiert und eine “Richtungsentscheidung” gefallen. Ich beginne davor: Damengambit mit Lf4 (erst später sollte Nakamura mal wieder Königsindisch entkorken), laut Chessbase “verpasste” Carlsen dann seinem Gegner einen Isolani – das war gängige Theorie, so spielten viele (u.a. auch Carlsen selbst mit Schwarz). Aus schwarzer Sicht kein Problem, problematisch wurde es erst nach dem nonchalanten 15.-g6?! – vieles war hier besser, zum Beispiel oder vor allem -Le6 oder -Td8 (deckt jeweils den d-Bauern) oder auch -a6 (verhindert 16.Lb5).

Nach, ja genau, 16.Lb5 tauchte Nakamura satte 53 Minuten ab und versuchte dann, unter Bauernopfer den Laden einigermassen zusammen zu halten, die spätere Schwächung 19.-f5 musste auch sein. Kampflos wollte er nicht verlieren, Tendenz dennoch: er stand gegen Carlsen mal wieder früh schlecht. Im 20. Zug dann die bereits angedeutete Richtungsentscheidung: Vielversprechend war offenbar das Qualitätsopfer 20.Db1!? Lxc1 21.La4!? La3 22.Lb3 – Weiss hat zwar nicht einmal einen Bauern für die Qualle, aber steht dennoch klar besser (sagen Engines): schwarze Schwächen am Königsflügel dank 19.-f5, der La3 steht im Abseits, usw. . Als Carlsen hinterher darüber informiert wurde war seine Antwort “I’m not surprised there is a solution” (Es überrascht mich nicht, dass da was ging) – gesehen und erwogen hatte er es also offenbar nicht. Spielertypen wie Aronian sehen derlei vielleicht eher und machen es dann – Carlsens Spielweise ist pragmatischer, risikoscheuer und nicht allzu kreativ.

20.Lg5 (nach 15 Minuten, offenbar suchte er durchaus nach Alternativen) war an sich nicht falsch – es führte zu Generalabtausch und Endspiel mit weissem Mehrbauern. Auf dem Foto sind wir da mittendrin, natürlich bekommt Carlsen hier die Qualität zurück. Es folgte 22.-Lxe3 (Desperado) 23.Lxf8 (Rückgewinn der Qualität, offensichtlich besser als 23.Lxa8 dito aber danach ungleichfarbige Läufer) 23.-Txf8 24.fxe3 exf3 25.Lxf3 – besagtes Endspiel mit weissem Mehrbauer (auf e3). Ist das für Weiss gewonnen? Objektiv bin ich da überfragt, Kommentatoren mit mehr Elo als meinereiner und Schachtitel waren es auch. Kann Schwarz das, auch wenn es objektiv remis ist, verlieren? Natürlich, nicht nur im Spezialfall Carlsen (Ruf als “Endspielgott”) – Nakamura (verliert regelmässig gegen Carlsen).

Beide a-Bauern verschwanden, was dem Verteidiger helfen sollte. Die Läufer wurden ebenfalls abgetauscht, hilft das dem Verteidiger? Nach der Zeitkontrolle konnte Carlsen jedenfalls zweimal forciert gewinnen, im Sinne von “ein norwegischer Supercomputer sagt ‘Matt in 26!’ “. Erst mit 41.Kg5 usw., dann mit 43.h5 usw. – die erste Variante wird auf Chessbase von Jonas Lampert analysiert-erklärt. Als Livekommentator Seirawan davon erfuhr, sagte er “es war nicht nur gewonnen, es war sogar Matt!” – natürlich wird jedes gewonnene und dann korrekt behandelte Turmendspiel (gilt auch für Damen-, Läufer-, Springer- und Bauernendspiele) irgendwann Matt, es sei denn der Gegner gibt vorher auf … . Carlsen-Fan Tarjei Svensen kommentierte Carlsens zweiten Lapsus auf Twitter mit “Carlsen missed the mate in 26 again, and played g5 instead of h5. My guess is that he will get another chance.” [Carlsen hat Matt in 26 wieder nicht gesehen, und spielte g5 statt h5. Ich vermute, dass er noch eine Chance bekommt.] So denken Carlsen-Fans – “der Gegner wird schon noch einen dritten Fehler machen”. Im konkreten Fall jedenfalls, bis andere Svensen aufklärten, dass Carlsens 43.g5?! (immerhin sieben Minuten für diese Richtungsentscheidung) seine Gewinn- und Nakamuras Verlustchancen auf gegen Null reduzierte. Ein anderer Carlsen-Fan später dazu: “Ich traute meinen Augen nicht, als Carlsen g5 spielte”. Wer das war, da muss sich der Leser noch etwas gedulden.

Bis zum 94. Zug wurde noch gespielt, dann war es definitiv remis (an der 50 Züge Regel lag es nicht, da Carlsen später 76.h5 spielte, aber auch das brachte nichts mehr). Vor weiteren Bemerkungen zu Carlsen selbst der Fotobeweis:

Vereinsintern trainieren wir derzeit Turmendspiele, gegen den g-Bauern (steht hinter dem weissen König auf g6) kann man sich auch passiv auf der achten Reihe verteidigen; mit Bauer auf z.B. f6 wäre das dagegen eine weisse Gewinnstellung, erfolgreich verteidigen kann sich Schwarz dann nur mit Schachs von hinten. Zum 41. Zug sagte Carlsen hinterher “Das Problem war, dass ich zu diesem Zeitpunkt dachte ‘es ist ohnehin gewonnen, ich muss nichts forcieren’.” Zu 43.g5?: “Ich wusste, dass 43.g5 ein schlechter Zug ist, aber irgendwie spielte ich es trotzdem. Um Chancen zu haben musste ich h5 in der Hinterhand behalten [bzw. eben sofort spielen], aber ich dachte ‘ich kann schon irgendwie Fortschritte machen’ aber das war einfach nicht [mehr] der Fall.”

Carlsen hat so viele Endspiele durch Lavieren/Manövrieren/Warten auf gegnerische Fehler gewonnen – da fehlt dann die Einsicht/das Gefühl, dass/wann man etwas forcieren muss? “Endspielgott” ist er, bzw. diesen Ruf hat er da er Gegner oft erfolgreich aussitzt, dabei ist seine eigene Endspieltechnik zumindest nicht perfekt (es gibt diverse andere Beispiele). Sehr viele Worte/Sätze zu einer Remispartie – einschliesslich Klartext bzw. “so sehe ich es” zu Carlsen und Nakamura, was deren Fans vielleicht nicht gefällt.

Danach Gesprächsbedarf

Und im Interview hatte Nakamura gut lachen – so zeige ich ihn auch mal individuell, sonst hatte er das in diesem Turnier eher nicht verdient.

In Runde 7 stand auch einer im Mittelpunkt, der selbst gar nicht spielte – demnächst wird er es mal wieder versuchen, im Schnell- und Blitzschach ebenfalls in Saint Louis.

 

Wer ist der Herr – Jackett und doch Freizeitlook – zwischen Shahade und Seirawan? Ich zeige ihn noch einmal individuell:

Natürlich ist das Garry Kasparov, von ihm stammt auch (tags darauf) “Ich traute meinen Augen nicht, als Carlsen g5 spielte”. Gute Laune hatte er trotzdem, schliesslich hat er auch einen guten Draht zu Hikaru Nakamura. Bei dieser Gelegenheit hatte er sogar lobende Worte für Vishy Anand. Aber bevor ich zu den Partien mit Sieger und Verlierer komme, zunächst eine die Kasparov vielleicht besonders interessierte:

MVL-Karjakin 1/2 – zu diesem Zeitpunkt hatte Karjakin etwas mehr Bedenkzeit (1:40:30 zu 1:39:57) – lag vielleicht daran, dass der Franzose kostbare Sekunden dafür verwendete, seine Brille zu putzen. Spass beiseite – beide konnten die ersten 13 Züge (und MVL gerade 14.Tfe1) im Blitztempo spielen. Es war bekanntes Berliner Endspiel-Terrain, wenn auch (und darauf spekulierte MVL) eine Subvariante, die zuletzt eher selten gespielt wurde. MVL ist auf höchstem Niveau einer von wenigen, die das Berliner Endspiel nach wie vor gelegentlich erlauben. Kasparov ist ja (als “Opfer” im WM-Match gegen Kramnik) mitverantwortlich für die Popularität von 3.-Sf6 ohne zuvor -a6 im Spanier – das war 2000, nun haben wir 2017 aber es ist immer noch beliebt unter Grossmeistern bis Weltklassespielern (vielleicht mehr als auf niedrigerem Niveau). Eines hat sich seit 2000 geändert und sollte im weiteren Partieverlauf eine potentielle Rolle spielen: Engines beeinflussen Eröffnungsvorbereitung auch im Berliner – auch da muss man manchmal sehr konkret rechnen (lassen).

Austin Fuller hat Karjakin (ein bisschen) sowie die Stellung (vor allem) vier Züge später nochmals fotografiert – Karjakin verbrauchte zwischenzeitlich 75 Sekunden, MVL minus 25 Sekunden (gespielt wurde ja mit 30 Sekunden ‘delay’). Der Tempoverlust 14.-Lb4 (nach zuvor 11.-Le7) gehört aus schwarzer Sicht dazu, schliesslich konnte man dank 14.Tfe1 den Sc3 fesseln und Weiss nun mit 18.-Lxc3 (das tat Karjakin) einen Doppelbauern verpassen [Schwarz hat im Berliner auch c-Doppelbauern, aber nur die weissen sind isoliert]. Karjakin neuerte dann mit 22.-Th6, irgendwas gefiel ihm offenbar nicht (mehr) an 22.-g5 (Anand-Karjakin 1/2, Kandidatenturnier 2014). Dennoch verbrauchte danach vor allem er viel Bedenkzeit – es wurde sehr konkret, Schwarz konnte in verschiedenen Varianten spektakulär verlieren aber fand den Remisweg (u.a. spielte er nach 25 Minuten das einzig richtige 29.-Ke8).

MVL hatte sich das Ganze 20 Minuten vor der Partie angeschaut, Karjakin eine Stunde vor Rundenbeginn – und nun hatte er Probleme, seine Vorbereitung am Brett zu reproduzieren. Hinterher tweetete er “I have checked my notes. I knew everything till 38…Ne4. But had to spend about 2 hours to remember” [Ich habe meine Notizen überprüft. Ich kannte alles bis 38.-Se4. Aber ich brauchte fast zwei Stunden, um mich daran zu erinnern.]. Was wäre in einer Auswärtsrunde bei Tata Steel Chess passiert? Spieler verlassen da Wijk aan Zee einige Stunden vor Rundenbeginn – Anreise per Bus und dann noch Rahmenprogramm in z.B. Haarlem – und sind ab diesem Zeitpunkt nicht mehr allein bzw. nur zusammen mit Sekundanten. Caruana, zu Gast beim Livekommentar (warum siehe gleich) sagte “Wir haben das wohl alle analysiert – alle Teilnehmer des Turniers. Es ist remis aber unglaublich kompliziert und schwierig. Am Brett kann alles passieren.”

Gesprächsbedarf hinterher auch mit Garry Kasparov

So-Caruana 1/2 – hiermit erwähnt und auch fotografiert, da beide nun einmal Elo 2800+ haben/hatten. So wollte nicht schon wieder verlieren, also riskierte er mit Weiss nichts. Caruana wollte auch nichts riskieren, dann werden eben Figuren abgetauscht und nach 33 Zügen Remis vereinbart.

Svidler-Carlsen 1/2 war Schottisch, wie So-Carlsen 0-1 in Runde 5 vor dem Ruhetag. Die Unterschiede: Carlsen hatte zwischenzeitlich seine Eröffnungs-Hausaufgaben gemacht, und Svidler verzichtete darauf, einfach schlecht zu spielen, also wurde es remis. Formal ein “Plusremis” für Carlsen, aber Turm und zwei gegen Turm und drei Bauern am Königsflügel ist eben remis.

Carlsen, Svidler, MVL und (unsichtbar) Stockfish – oder wer/was auch immer auf diesem Laptop Partien analysiert.

Zwei Spieler konnten, wie eingangs erwähnt, zu MVL aufschliessen:

Hier kibitzt MVL bei Anand und traut seinen Augen nicht. Anand steht hier glatt gewonnen, hatte er eigentlich einen Gegner?

Im Prinzip ja – Nepomniachtchi der hier aufgibt. MVL kommentierte Anands Sieg so: “Er bekam ein Geschenk – anders kann man es nicht sagen. Das war traurig anzusehen.” Anand war nun punktgleich mit dem Franzosen – ebenso ärgerte diesen vielleicht eine unnötige Niederlage “seiner” Eröffnung (Najdorf-Sizilianisch). Anand-Nepomniachtchi 1-0, warum eigentlich? In vereinfacht-ausgeglichener Stellung verlor Nepo den Faden – etwas mit 27.-Se4 was einen Bauern kostete, total mit (nach nur 11 Sekunden) 31.-b4??! was rein gar nicht funktionierte: er bekam zwei Türme auf der zweiten Reihe, aber weit und breit kein Dauerschach in Sicht: 32.cxb4! Tcc2 33.b3! nebst (der andere b-Bauer) b4-b5-b6-b7 (siehe Fotos). Einen eher unwichtigen Bauern erwischten die schwarzen Türme zwar – 33.-Tb2+ 34.Ka1 (der a-Bauer ist gedeckt) 34.-Txg2 35.Txg2 Txg2 – aber nun kam 36.b5, 37.b6 und 38.b7. Auch Anand kommentierte 31.-b4 hinterher mit “He had an hour on the clock here, so he kind of went nuts!” [Er hatte noch eine Stunde Bedenkzeit und drehte durch].

Wie dem auch sei, Anand hinterher zu Besuch im Studio:

Kein Grund, den (Not-)Ausgang zu wählen … . Auf einem etwa gleichzeitig entstandenen Foto stattdessen links u.a. Kasparov zu sehen.

Anand noch einmal entspannt und gut gelaunt.

Dann war da noch Nakamura-Aronian 0-1. In einer englischen Eröffnung bekam Schwarz Oberwasser, vor allem da der weisse Lg2 nach 9.f3 ein “Grossbauer” war und blieb  – übrigens im Gegensatz zum schwarzen Lc8, der da bis zum 37. Zug stehen blieb (der Damenturm stand ab einem gewissen Moment auf der halboffenen a-Linie gut genug). 9.f3 war theoretisch bekannt, irgendwas ging danach aus weisser Sicht schief. Der Versuch, den Läufer mit 33.Lh3 abzutauschen, erlaubte 33.-Sxf3+! (von Svidler zu Gast im Livekommentar erwähnt kurz bevor Aronian es spielte). Aronian konnte kurz danach eine Qualität gewinnen, stattdessen wählte er ein trotz stark reduzierten Materials gewonnenes Leichtfigurenendspiel.

Auch Aronian (heute mal unten in Rot) zu Gast bei Maurice Ashley.

Runde 8 – fast alles remis, dennoch der Rede wert. Einer, der im Turnier wahrlich nicht (positiv) auffiel bekommt trotzdem ein individuelles Foto:

Wesley So – na so was!? Normalerweise bin ich kein “Fan” von Schwarzweiss-Fotos, aber dieses ist noch ‘cooler’ als einige andere von ihm mit So-nnenbrille. Was machte er schachlich?

Karjakin-So 1-0 [Foto Austin Fuller] – bis zur Zeitkontrolle hatte So die Lage zumindest einigermassen unter Kontrolle, danach nicht mehr. Nun konnte auch Karjakin eventuell noch Turniersieger werden, dazu später mehr.

Anand-MVL 1/2 – Spitzenduell ohne allzu grosse Höhepunkte, oder es war bereits die Eröffnung: 1.Sf3!? (Najdorf nein danke) 1.-c5!? (Du bekommst eine zweite Chance) 2.c4 (neee!) 2.-Sf6 3.d4 und nun überlegte MVL neun Minuten, ob er eine Benoni-Struktur will oder nicht, dann doch 3.-cxd4 4.Sxd4 d5!? – brutaler Versuch, um schnell fast auszugleichen. Hinterher sagte MVL, dass der Inder das ‘prinzipielle’4.-e5 5.Sb5 d5 (muss nun sein, auch wenn es ein Bauernopfer ist) sicher besser kannte als der Franzose (er selbst). Anand hatte danach leichten Vorteil aber nichts konkretes – Remis pünktlich nach 30 Zügen.

Auch Carlsen kibitzte mal bei Kollegen-Konkurrenten, was machte er selbst?

Nepomniachtchi-Carlsen 1/2 [Foto Austin Fuller]. Auch Nepo hatte eine Überraschung parat, nämlich das zuvor offenbar nur einmal gespielte 8.Lf4!?. Nach 30 Minuten spielte Carlsen prinzipiell 8.-Sh5 – da hatte er wohl auch bereits beschlossen, auf 9.Sxc6 mit dem d-Bauern zu nehmen. 10.Dxd8 Txd8 11.Lxc7 kostete nun zunächst einen Bauern, den bekam Carlsen zurück – aber sein Turm geriet dabei auf Abwege und landete dann auf a6 (manchmal ein gutes Feld für einen Läufer, für einen Springer tendenziell nur auf der Durchreise, für einen Turm?!). Mit dem sehr genauen (20.-Lg4) 21.Le2! konnte Nepo leichten aber stabilen Vorteil behalten, nach 21.Lxg4 verflachte es zum Remis.

Aronian-Svidler 1/2 war kurz und spektakulär – Aronian wollte mehr und konnte weniger bekommen. Er wiederholte sein frühes 7.h4 und 8.h5 aus Runde eins gegen Nepomniachtchi und wich dann ab mit 9.Le2 – sieht bescheiden aus, die Idee dahinter erkenne ich nicht aber ich habe ja auch nicht Elo ca. 2800. Dann doch wieder der Vorwärtsgang und im 15. Zug ging derselbe Läufer nach b5 (zuvor hatte 10.Db3 10.-b6 provoziert). Das konnte schief gehen, wenn sich Schwarz nach 15.-Dd5 16.Sf2 für 16.-Dxg2 entschieden hätte – die Varianten sind kompliziert, teilweise hochtaktisch, aber Schwarz stünde dann besser. Jedenfalls nach dem von Svidler befürchteten 17.e4, eventuell auch nach dem von Aronian geplanten 17.Lf1. Stattdessen kam 16.-Dd6 17.Se4 (nun war 17.fxg5 oder 17.e4 gut für Weiss) 17.-Dd5 18.Sf2 Dd6 19.Se4 – so kann man auch vor dem 30. Zug remisieren.

Gesprächsbedarf diesmal nicht am Turnierbrett – andere Partien liefen ja noch – sondern im Analyseraum. Dann war da noch

Caruana-Nakamura 1/2 – alle drei Ergebnisse schienen möglich, dann wurde es remis. Nakamura wollte es offenbar wissen und spielte Königsindisch, Caruana darauf das relativ seltene 5.h3 und 6.Lg5 und nun wurde es Caro-Königsindisch: 6.-c6 und 7.-d5. Das war ein Bauernopfer – konzeptuell eine Mischung aus Panov-Abspiel gegen Caro-Kann (1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.c4 Sf6 5.Sc3 g6!? 6.Db3 Lg7 7.cxd5 usw.) und Grünfeld-Abspielen gegen Lg5 (wenn Schwarz -Lg7 spielt und so Lxf6 Lxf6 cxd5 erlaubt). Weiss musste, wenn er das Bauernopfer akzeptieren will, 9.Lxf6 spielen; Schwarz hatte ausreichende Kompensation – später mehr als ausreichend nachdem Weiss, um den Mehrbauern zu behalten, auch seinen anderen Läufer gegen einen schwarzen Springer tauschte.

Vor der Zeitkontrolle musste Schwarz dann im Vorteilssinne -Td7 spielen, im 36. oder 38. Zug. Stattdessen kam 38.-Le4?! und nun stand Weiss besser, nach 41.-Kh6? (41.-Tf6 musste sein) viel besser. Nun ging einfach 42.Txe4, dann kann Weiss 42.-Ta1+ mit 43.Te1 abfedern und behält zwei recht gesunde Mehrbauern. Aber Caruana wollte mit 42.Tg8? mattsetzen und übersah den Konter 42.-Ta1+ 43.Kh2 Th1+! – nun musste er, um nicht zu verlieren, Dauerschach akeptieren. Insgesamt eine Partie symptomatisch sowohl für was beide drauf haben, als auch für ihre schlechte Form in diesem Turnier.

So hatten wir weiterhin ein Führungstrio, hier zusammen fotografiert (Anand von hinten). Was, wenn auch nach der letzten Runde drei Spieler punktgleich vorne liegen sollten? 2015 gab es das in London – ein Spieler war gleicher als die beiden anderen: Carlsen mit besserer Sonneborn-Berger Wertung wurde ins Finale gesetzt, Giri und Vachier-Lagrave spielten zuvor ein Halbfinale. Das bezeichnete neben anderen auch John Saunders im offiziellen Abschlussbericht als “very unfair”. 2016 hätte es in diesem Fall ein Schnellschach-Rundenturnier gegeben – so steht es jedenfalls in meiner damaligen Vorschau zu Paris und Chess Tour insgesamt (ob die Originalquelle noch online ist, dazu habe ich nicht recherchiert). Nun hat sich die Chess Tour wieder etwas Neues einfallen lassen: Die “Tie-Break Regulations” sind kompliziert, aber wenn drei (oder eventuell mehr als drei) Spieler punktgleich sind spielen maximal zwei einen Stichkampf. Einer geht leer aus, eventuell auch zwei und der “gleichste” wird direkt Turniersieger – dafür gibt es dann 12 Tourpunkte, Preisgeld für dieses Turnier wird gleichmässig geteilt aber es beeinflusst Chancen auf zusätzliches Preisgeld und direkte Qualifikation für die Chess Tour 2018 nach dem letzten Turnier (London Classic).

Erster Tiebreaker wäre “meiste Niederlagen” (offiziell heisst es “meiste Siege”) – zu Gunsten von Aronian oder eventuell Carlsen (der schon wieder bzw. irgendwie immer, warum auch immer) und/oder Karjakin, wieder zu Ungunsten von MVL (und Anand). Vachier-Lagrave nannte die Tiebreak-Regeln dann auch – im Interview mit Peter Doggers (eingebettet in diesen Artikel) – “not weird, but senseless and sad” (nicht seltsam, sondern sinnlos und traurig). Er deutete an, dass es offenbar niemand auffiel als sie ihre Spielerverträge für die Chess Tour unterschrieben. Das war nach dem Turnier, aber schon zuvor äusserte er sich ähnlich – nach Runde 8 sagte er auch “ich muss morgen auf jeden Fall gewinnen”.

Ein Foto habe ich noch zu Runde acht:

Rechts im Anzug Ioan-Cristian Chirila – Grossmeister, Rumäne und offenbar Wahl-Amerikaner. Links im T-Shirt Rustam Kasimdzhanov – früher half er Anand, der deutschen Nationalmannschaft (damals in Porto Carras) und Karjakin, derzeit hilft er Caruana.

Runde 9: “Turnierrelevant” waren vier von fünf Partien, nur bei Svidler-Caruana hatte keiner von beiden Chancen auf einen Turniersieg, einen Stichkampf oder darauf, diesen sinnlos-traurig zu verpassen. Zwei Partien standen dann im Mittelpunkt, ich beginne mit den beiden anderen:

Nakamura-Karjakin 1/2 – da war nicht allzu viel los, immerhin anfangs eine asymmetrische Bauernstruktur. Nachdem die Spieler das repariert hatten, einigten sie sich auf Remis.

So-Anand 1/2 – auch Anand konnte mit Schwarz nichts erreichen bzw. riskierte anfangs eher zuviel – Aktivität kompensierte strukturelle Schwächen in seiner Stellung nur bedingt. Aber So wollte nur ein Remis und bekam sein Remis.

Fans hat er nach wie vor, Autogramme gab er [Foto Austin Fuller].

Das sieht das zahlende Publikum aus der zweiten oder dritten Reihe.

Carlsen-Aronian und MVL-Nepomniachtchi behandle ich etwas parallel-durcheinander. Wie man hier sieht, sprach Aronian Spanisch ohne Berliner Akzent – später wollte er Marshall oder deutete es zumindest an und bekam Anti-Marshall.

Kurz danach schaute MVL am Nachbarbrett vorbei. Welches Ergebnis wollte er eigentlich? Aus Turniersicht war es ziemlich egal, aus Chess Tour Sicht drückte er vielleicht eher Aronian die Daumen – Carlsen hatte zuvor ja in Paris und Leuven gewonnen, während Aronian in Paris fehlte und in Leuven nur auf Platz 5-6 landete. MVL (Zweiter zu Hause in Paris, Dritter in Leuven) hatte, wenn er das Ding in Saint Louis durchzieht, durchaus noch Chancen um Carlsen Platz eins in der Tour-Gesamtwertung streitig zu machen.

Am Nachbarbrett [Foto Austin Fuller] grübelt Nepomniachtchi bereits nach 8.Lg5 – noch war nichts passiert, ausser “Definition” des weiteren Partieverlaufs: Weiss würde bald Lxf6 spielen und um das Feld d5 kämpfen. Nepo hatte Najdorf gespielt, was machte MVL gegen “seine” Eröffnung? Heute mal 6.Le2 (spielte er zuvor nur zweimal) und auf 6.-e5 7.Sf3 (spielte er noch nie sondern 7.Sb3).

Hier spielt MVL gerade 28.g3, 30.h4 sollte folgen – damit schwächt er zumindest potentiell-langfristig seinen eigenen Königsflügel. Livekommentator Jan Gustafsson gefiel das gar nicht, aber es war offenbar Teil von MVLs Plan um seinen Vorteil (schöner Springer auf d5, Schwarz hat kein Najdorf-typisches Gegenspiel) zu verwerten – der schwarze Läufer muss zurück nach d8.

Bei Carlsen-Aronian bereits die Zeitnotphase, Aronian tut was er kann um Verwirrung zu stiften. Gerade spielte er mit noch Sekunden auf der Uhr 35.-Sxg2 – das kostet zwar einen Springer aber bringt eventuell Schummelchancen am Königsflügel. Wenn er nichts tut, entscheidet früher oder später – eher früher als später – a6-a7-a8D. Was war zuvor passiert? Aronian hatte angegriffen, Carlsen zelebrierte – auch mit Weiss – reaktives Schach. Schwarz öffnete die b-Linie, kam zwar zu 20.-Tb2 und drohte so -Lxf2+, aber das konnte Weiss mit 21.Tf1 parieren. Nun musste Aronian mit 21.-De8 den Rückzug antreten und Weiss würde dann die b-Linie übernehmen. Stattdessen setzte er weiter auf Komplikationen, die diesmal nicht funktionierten. Bei anderen Gelegenheiten hatte Aronian, auch mit Schwarz, Carlsen gelegentlich mit aktivem Schach besiegt – ist mir persönlich lieber, jedem das Seine.

Manchmal fand Carlsen die besten Züge, dann heisst es tendenziell “Carlsen findet Computerzüge, einfach weltmeisterlich”. Manchmal fand er sie nicht, dann heisst es “das sind Computerzüge, kein Mensch kann das finden”. Insgesamt war sein Vorteil so klar und stabil, dass er es nicht mehr verdaddeln konnte. Einzige Verlustchance: Einmal hat er fast die Bedenkzeit überschritten und zog erst mit noch etwa zwei Sekunden auf der Uhr. Remischancen hatte Aronian auch nicht mehr.

Da – chronologisch etwas vor dem Foto zuvor – war die Entscheidung an beiden Spitzenbrettern bereits quasi gefallen. Zurück zu MVL-Nepo: MVL hatte auf 38.De4 (verhindert -e4 mechanisch) verzichtet zugunsten von 38.Kg2 e4!? – dazu meinte er hinterher “-e4 hilft mir doch, so kommt mein Springer nach f5”. Da er Najdorf auch mit Schwarz spielt, kann er einschätzen welches Gegenspiel gefährlich ist und was eher Aktionismus. Hier steht der weisse Springer bereits auf f5, der Turm stattdessen auf d5 und zuletzt geschah 43.c5! dxc5 44.Dc4. Die Zeitkontrolle war also bereits geschafft, Nepo spielte schnell – weil er das weisse Konzept unterschätzte und/oder weil er nun einmal immer schnell spielt. MVL erzielte erst strategischen Vorteil, dann wurde es doch noch taktisch.

Diese Partie kurz vor Schluss – nach 51.Tf8 kam noch 51.-Dxf8 52.Dxe6+

und 1-0 [Foto Fuller]. MVL stand als Turniersieger fest, auch wenn er selbst den Tag noch nicht vor dem Abend loben wollte – “vielleicht kann Aronian sein Endspiel mit Minusfigur noch irgendwie gewinnen”. Dem war dann nicht so – Carlsen-Aronian ebenfalls 1-0.

Wann genau dieses Foto und andere entstanden, das weiss ich nicht. Jedenfalls Gratulationen für MVL – persönlich von einem Vertreter des Saint Louis Chess Clubs, Rex Sinquefield beobachtet diese Szene.

Svidler-Caruana 1-0 war, wie gesagt, turnier-irrelevant was die vorderen Plätze betrifft. So erzielte Svidler doch noch 50% und alle drei Amerikaner hatten nun weniger. Tags zuvor hatte Caruana, falls er seinen zwischenzeitlichen Vorteil gegen Nakamura verwertet hätte, noch Chancen auf Platz eins im Turnier.

Svidler konnte eventuell recht schnell gewinnen, wenn er die Komplikationen nach 18.Sf4! Lxd2 19.Sxe6 fxe6 20.Txe6+ Kf7 usw. richtig eingeschätzt hätte. Gesehen hatte er es, nach 23 Minuten verzichtete er darauf da er es nicht abschliessend berechnen konnte. Laut eigener Aussage fehlte “one ply” (ein Halbzug). Und zum intuitiven “das muss funktionieren, den Rest finde ich schon später” konnte er sich nicht durchringen. Immerhin bekam er später doch Oberwasser und gewann eben langsamer. Ein Foto (aus Runde 8) bekommt Svidler:

Und dabei belasse ich es für heute. Der Rest – Turnier insgesamt mit teilweise “Einzelkritik”, Elo-Konsequenzen (auch für einen der gar nicht mitspielte), Reaktionen und auch “Wie geht es weiter?” (schon demnächst auch in Saint Louis) kommt morgen. Dann gibt es vielleicht auch Fotos von der Abschlussfeier, erst Samstag abends lokale Zeit – der Nachmittag war für einen eventuellen Stichkampf vorgesehen.

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2 thoughts on “MVL gewinnt Sinquefield Cup und verhindert Stichkampf-Unsinn

  1. Man muss mit den Stänkeren leben wie mit Hausstaubmilben. Du kannst ruhig umziehen, die Biester warten schon auf dich. Danke für dein Lob. Thomas Richter wird es freuen 🙂

  2. Wow, was für ein toller Abschlussbericht.
    Unterstehe Dich bloß, Deinen Stil wegen einigen Stänkeren zu ändern.

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