Saint Louis Rückblick und Ausblick

Wie versprochen gibt es nun noch einen Rückblick auf Sinquefield Cup 2017 insgesamt, sowie dann einen Ausblick auf das nächste Turnier in Saint Louis. Da spielen zehn Grossmeister – sechs von zehn aus diesem Turnier und vier andere – an fünf Tagen gleich dreimal gegeneinander. Die Qualität der Partien wird darunter vermutlich leiden, zugunsten des Unterhaltungswerts. Warum einige es gar als den Höhepunkt das Schachjahrs betrachten/bezeichnen, da muss der Leser sich noch etwas gedulden – es sei denn er ahnt oder weiss, worauf ich anspiele.

Fotos wieder ab Turnierseite von Lennart Ootes. Vachier-Lagrave hatte schon zweimal das alleinige Titelfoto, nun muss er es mit einem anderen Spieler teilen. Schliesslich sind Carlsen und MVL quasi gleichwertig: Carlsen wurde im Turnier geteilt Zweiter und ist weiterhin Weltranglisten-Erster, MVL belegt in diesen Kategorien nun Platz eins und zwei. Damit ist er doch etwas „gleicher“ als Carlsen und bekommt im Bericht auch etwas mehr Text. Andere Elo-Konsequenzen sind womöglich relevanter und werden auch noch erwähnt. Carlsen-MVL 0-1 war ja auch eine Schlüsselpartie des Turniers.

Vachier-Lagrave – diesmal ein Foto auf dem er nicht lächelt. Warum hat er Sinquefield Cup 2017 gewonnen? Zunächst einmal, weil er drei Partien gewann und keine verlor. Damit hätte er zwar schlechte Karten in der Tiebreak-Kategorie „meiste Niederlagen“, aber +3 reichte zum alleinigen Turniersieg. Die Siege hat er fast gleichmässig über das Turnier verteilt: Runde 1, 4 und 9. Der positionell herausgespielte Sieg gegen So zu Beginn war im Nachhinein auch ein Hinweis darauf, wohin die Reise für So gehen sollte – wobei es nicht zwangsläufig war (siehe unten zu So).

In Runde 4 der nicht ganz „smoothe“ Sieg gegen Carlsen. Das hatte ich bereits besprochen, nur noch einmal kurz zusammengefasst: lange war es dynamisch ausgeglichen, dann stand Carlsen besser/gewonnen, dann gewann MVL. Sobald es konkret wurde, rechnete er letztendlich besser als Carlsen – und der letzte (nicht etwa der vorletzte) Fehler ist oft partieentscheidend. Eigentlich müsste es heissen „der drittletzte“, da Carlsen kurz nacheinander erst den Sieg und dann auch das Remis vergab.

Zum Schluss gegen Nepomniachtchi eine Mischung aus positionell-strategisch und dann doch taktisch. Livekommentator Seirawan sagte gar, dass die Tiebreak-Regeln MVL benachteiligten und daher bevorzugten – er wusste, dass er noch einmal gewinnen musste, also gewann er noch einmal. Nepomniachtchi hatte zwar insgesamt ein schlechtes Turnier, aber diesen Sieg musste MVL sich erarbeiten/verdienen, geschenkt bekam er ihn nicht.

MVL hat in westlichen Schachmedien, im Vergleich zu einigen anderen Spielern, vielleicht eher keine Lobby – Ausnahmen bestätigen die Regel, ich zitiere seine Freunde von EuropeEchecs: „Nous en avons rêvé, MVL l’a fait ! Le Français réalise la meilleure performance de sa jeune carrière avec une victoire en solitaire devant tous les meilleurs mondiaux ! Bravissimo !!“ [Wir träumten davon, MVL machte es! Der Franzose erzielte das beste Ergebnis seiner jungen Karriere mit dem alleinigen Turniersieg vor den weltbesten Spielern! Bravissimo!!]. Wenn man ‚performance‘ als Turnierleistung (TPR) interpretiert, stimmt es übrigens nicht: Demnach war Dortmund 2016 (5,5/7, TPR 2952) noch besser als nun Sinquefield Cup 2017 (6/9, TPR 2912). Dabei hatte Dortmund ein „gemischtes“ Teilnehmerfeld – neben zwei Spielern mit Elo 2800+ (Kramnik und Caruana) auch schwächere, z.T. Elo unter 2700. Beides war grossartig, jeweils hatte MVL danach Elo über 2800 und war Nummer zwei der Weltrangliste (im Sommer 2016 zusammen mit dem Sieg in Biel im Match gegen Svidler).

Später schreibt EuropeEchecs auch „Cocoricooooo !“ – wie übersetzt man das denn? Wörtlich vielleicht „Kikerikiii“, sinngemäss und wohl passender „Hurraaaa!“. Noch eine französische Reaktion – GM-Kollege Sebastien Mazé [mazetovic] auf Twitter: „Congrats @Vachier_Lagrave !! Le premier d’une longue serie!“ [Gratulation @Vachier-Lagrave !! Der Beginn einer langen Serie!] Da bin ich mir nicht so sicher: MVL hatte zuvor Höhen und auch Tiefen, dabei kann es bei seinem unternehmungslustig-riskanten Stil bleiben – sei es weil er es mal übertreibt, sei es weil er nicht immer die Stellungen bekommt die ihm liegen (das war, auch nach eigener Aussage, vor Sinquefield Cup mitunter der Fall). Ist er nun WM-Kandidat? Ja, wenn er sich für das Kandidatenturnier qualifiziert (Chancen beim Weltcup, gute Chancen in der GP-Serie – sehr gute wenn er beim letzten Turnier in Palma de Mallorca so spielt wie in Saint Louis). Wenn nicht, ist es nicht der letzte WM-Zyklus in dem er mitmischen kann.

EuropeEchecs zuvor auf Twitter: „We had a dream, MVL did it! Bravo Maxime ! Superbe ! Magnifique ! Formidable ! Cocoricooooo !“ Das sind nur 94 Zeichen, da war noch Platz für auf Englisch „Awesome ! Amazing ! Brilliant !“ … . Auch andere gratulierten, jedenfalls auch Garry Kasparov und Eric Hansen. MVL selbst auf Twitter nach der letzten Runde „A good game, a great tournament, and a good party afterwards!“ [Eine gute Partie, ein grossartiges Turnier, und nun eine gute After-Party!]. Letzteres offenbar auch mit Schach, allerdings Version ‚bughouse‘ (Tandem).

Carlsen – zumindest besser als zuvor dieses Jahr. Anderthalb Punkte mehr waren drin (Siege gegen MVL und Nakamura), aber „hätte wenn und aber“ zählt nicht. Wie MVL gewann er drei Partien, verlor allerdings im Gegensatz zum Franzosen einmal – und zwar gegen ebendiesen. Die Siege verteilte er auch etwa gleichmässig – Runde 2, 5 und 9. Zum Sieg gegen Karjakin „kein Kommentar“ im Sinne von „nichts zu bemängeln, auch nicht was das gegnerische Spiel betrifft“. So spielte gegen Carlsen erschreckend schwach, Aronian riskierte in der Schlussrunde zu viel – als ob er unbedingt gewinnen musste. Das stimmte zwar im Nachhinein, aber zunächst stand MVL gegen Nepomniachtchi zwar besser aber noch nicht auf Gewinn.

Elomässig hat Carlsen wieder fünf Punkte zugelegt und nun 2827. Ob die Zeiten mit 2850+ zurückkommen, das wird die Zukunft zeigen. Aktuell ist er damit in Superturnieren weiterhin leicht favorisiert, aber relativ leicht – und dazu passt, dass zuletzt auch andere derlei Turniere gewinnen konnten. Platz eins in der Weltrangliste war ohnehin nicht gefährdet, da Caruana und So beide schlechte Turniere erwischten (bzw. Caruana zunächst ein „durchschnittliches“, erst mit der Niederlage in der letzten Runde wurde es schlecht).

Anand – ich habe mal ein Foto ausgewählt das leicht andeutet, wie er mit Bart aussehen konnte: an diesem Tag war er nicht oder schlecht rasiert. Auf Photoshop-Manipulation verzichtete ich, mache ich bei Fotos anderer generell nicht.

Zum Turnier: Ungeschlagen wie MVL und sonst niemand, dabei nur oder immerhin zwei Siege – der gegen Caruana taktisch brilliant, der gegen Nepomniachtchi durchaus geschenkt. Im fortgeschrittenen Alter von 47 kann er immer noch mit der Weltspitze mithalten, für mal wieder Elo 2800+ bräuchte er noch so ein Turnier.

Aronian setzte Farbtupfer, auch schachlich. Mit Weiss dreimal 7.h4 – zu Beginn gegen Nepomniachtchi funktionierte es wunderbar, später gegen Anand und Svidler nicht (wobei es jeweils remis wurde). Gegen So blies er erst später zur Attacke, gegen Nakamura hatte er Schwarz und entschied sich für 9.-e3 nebst 13.-f5 und 14.-f4. Das waren seine drei Siege (Runde 1, 6 und 7), dummerweise verlor er auch zweimal (Runde 2 und, besonders ärgerlich, Runde 9). Gegen Caruana lag es nicht daran, dass er mit Weiss auf h2-h4 (usw.) verzichtete, sondern am nonchalanten Patzer 33.Ke2?. Gegen Carlsen riskierte er zuviel, wobei das gegen den Norweger bei anderen Gelegenheiten (auch mit Schwarz) funktioniert hatte.

So hat er nun nur oder immerhin Elo 2802 und ist nur oder immerhin auf Platz vier der Weltrangliste (zwischen MVL und ihm noch Kramnik, der das Geschehen in Saint Louis als zufriedener Zuschauer verfolgte).

Alle anderen diskutiere ich nicht, als nächstes kommt

Svidler vor allem wegen zwei Momenten zum Schluss. In Runde 8 gegen Aronian verzichtete er auf 16.-Dxg2 (und dann auch auf 18.-Dxg2) da er das nicht richtig einschätzen konnte. In Runde 9 gegen Caruana verzichtete er auf 18.Sf4 – das hatte er zwar recht ausführlich berechnet aber nach eigener Aussage einen Zug („one ply“) zu wenig. Da er gegen Caruana später doch gewann und damit die Auftaktniederlage gegen Karjakin kompensierte waren es 50% für ihn. Rundenlang sagte er „-1, kein Grund zu Zufriedenheit“, das sagte er auch nach Runde 9 zu 50%. Dabei war es ein halber Punkt über der Eloerwartung.

Neben Siegern gibt es immer auch Verlierer, nur zu einem der zuvor (jedenfalls für seine Fans) im grellen Rampenlicht stand:

So begann Sinquefield Cup wie Gashimov Memorial – Niederlage gegen den späteren Turniersieger. Gegen Mamedyarov war damals sein 39. Zug falsch, nun gegen MVL der 40. . Der Unterschied: damals verbesserte er sich noch auf 5/9, diesmal verlor er drei weitere Partien und gewann nur gegen Kellerkind-Kollege Nepomniachtchi.

Konsequenz: Er tauschte seinen Weltranglistenplatz mit MVL – der Franzose von 8 auf 2, der Wahl-Amerikaner genau umgekehrt. Zufrieden damit wohl auch Vlad Kramnik, der (zumal auch Caruana Boden einbüsste) im Elorennen ins Kandidatenturnier wieder Chancen hat. Eigentlich kam bei So bereits nach Tata Steel Sand ins Getriebe: US-Meisterschaft gewann er zwar, aber ohne zu überzeugen – Stichkampf nicht etwa gegen Caruana oder Nakamura (die hatten auch keine guten Turniere erwischt) sondern gegen Aussenseiter Alex Onischuk. Gashimov Memorial war am Ende OK aber nicht überragend, bei Norway Chess dann so-lide neun Remisen. Er blieb damit zwar Nummer zwei der Weltrangliste, aber sein Status als erster oder gar einziger der Carlsen gefährden könnte bekam objektiv bereits Kratzer. „So“ wie Ende 2016 und Anfang 2017 (Turniersiege nacheinander in Saint Louis, London und Wijk aan Zee) konnte es auch nicht weitergehen. Ob es demnächst wieder etwas aufwärts geht? Das wird die Zukunft zeigen – dieses Turnier zeigte ja, dass von acht auf zwei ebenso möglich ist wie von zwei auf acht.

Die Weltcup-Paarungen stehen bereits fest, da bleibt So Nummer zwei der Setzliste und MVL Nummer acht. Danach werden die Karten im Elorennen ja eventuell neu gemischt: Sollte Kramnik oder So oder Caruana das Finale erreichen, dann sind wohl alle drei im Kandidatenturnier. Sollten Kramnik und So oder Caruana (beide geht nicht, sie würden sich im Halbfinale begegnen) das Finale erreichen, dann hätte MVL die besten Karten für den Reserve-Eloplatz – vor Aronian der dann seine Niederlage gegen Carlsen bereuen könnte, vor Nakamura der sein generell schlechtes Turnier dann bereuen würde. Das war schon ein bisschen „Wie geht es weiter?“, vor „Wie geht es in Saint Louis weiter?“ zunächst noch zwei Fotos von der Siegerehrung:

Das hat die Chess Tour auf Twitter veröffentlicht. Beim Stemmen des Pokals hilft Rex Sinquefield (das schaffte MVL auf anderen Fotos auch alleine), beim Stemmen des Schecks hilft auch Frau Sinquefield.

War da noch was? Ja, ab Montag wird in Saint Louis schon wieder Schach gespielt – erst Schnell-, dann Blitzschach. Die Teilnehmer in der Reihenfolge, in der sie auf der Turnierseite erwähnt werden: Caruana, Karjakin, Nakamura, Anand, Nepomniachtchi, Aronian, Navara, Le Quang Liem, Dominguez, Kasparov. Das ist weder alphabetisch noch nach Elo, egal welche – mal abgesehen vom zuletzt genannten: der hat gar keine Schnell- oder Blitzschach-Elo, dafür aber gute Kontakte nach Saint Louis.

Was kann Kasparov gegen die aktuelle Weltelite ausrichten? Das wissen wir demnächst. Von den „Tour regulars“ fehlen Carlsen, Vachier-Lagrave und So; Navara, Le Quang Liem und Dominguez sind die anderen wildcards. Respektable Spieler (LQL und Dominguez waren auch mal Blitz-Weltmeister), aber doch nicht dasselbe Kaliber wie Grischuk und Mamedyarov in Paris (plus Topalov und Bacrot) oder Kramnik, Giri und Ivanchuk in Leuven (plus Jobava). Zwei Dinge könnten dabei eine Rolle spielen: Zum einen sollte Kasparov, auch wenn es gar nicht laufen sollte, jedenfalls nicht Letzter werden. Zum anderen Beziehungen: Der Vietnamese Le Quang Liem studiert in den USA, genauer gesagt in Saint Louis. Der Kubaner Dominguez hat offenbar in den USA politisches Asyl angefragt – wurde hier und da auch öffentlich erwähnt. Zum Tschechen Navara kann man sowohl „warum?“ sagen als auch „warum nicht?“.

Nur noch ein paar Infos: Gespielt wird Montag bis Freitag ab 13:00 Ortszeit (20:00 in Mitteleuropa) – Montag bis Mittwoch jeweils drei Runden Schnellschach, Donnerstag und Freitag jeweils ein einrundiges Blitzturnier. Bedenkzeit 25 Minuten mit 10 Sekunden ‚delay‘ bzw. 5 Minuten mit 3 Sekunden ‚delay‘ – also wieder kein Inkrement, die Chess Tour ist eben amerikanisch dominiert. Livekommentar auch auf Deutsch, und zwar von Jan Gustafsson (erfahren) und Robert Rabiega (Debütant?).

 

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