Opens überall – Teil I Vlissingen

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225 Teilnehmer in Vlissingen, 319 in Riga, 124 in (hat gerade angefangen) Abu Dhabi, wobei es in Riga und Abu Dhabi neben A-Gruppe bzw. Masters Tournament noch andere Turniere gab bzw. gibt. Die Ambitionen vorab sind wohl unterschiedlich – Profis wollen Preisgeld gewinnen, andere (nicht unbedingt bereits Profis) Titelnormen erzielen, viele wollen wohl einfach Schach spielen, Resultat eventuell Nebensache, und die Turnierrunden sowie die Zeit zwischendrin ist auch Urlaub. Dazu passt, dass in Vlissingen abends gespielt wird  – tagsüber haben Spieler, die sich nicht konkret auf die nächste Runde vorbereiten, frei. Anfangs war ein Kombi-Bericht zu diesen drei Turnieren vorgesehen, nun verteile ich es über zwei Beiträge.

Wem gebe ich das Titelbild? Letztendlich nicht dem eventuell bekanntesten Teilnehmer in Vlissingen oder Riga – der war in beiden Fällen weder Nummer eins der Setzliste noch wurde er Turniersieger. Auch nicht dem Turniersieger – in Vlissingen gewann am Ende der Elofavorit, in Riga die Nummer sieben der Setzliste. Sondern einem Spieler, der in Vlissingen ein Ziel erreichte das er vor dem Turnier vielleicht gar nicht hatte. Wer ist das denn? FM Bernhard Stillger (Oberhausener Schachverein) war mir kein Begriff, beim Hogeschool Zeeland Turnier (Motto „Chess by the Sea“) erzielte er eine IM-Norm. Alle Fotos aus Vlissingen ab Turnierseite – fotografiert haben mal wieder Harry Gielen sowie (auf Flickr nicht namentlich erwähnt, aber in Turnierbulletins) offenbar Peter Ploegaert.

Intelligent sieht Stillger aus, liegt wohl an der modischen Brille – oder ist sie altmodisch? Dieses Motiv kommt später noch einmal, wobei ich „Hat Schach mit Intelligenz zu tun?“ und „Hat Intelligenz mit Äusserlichkeiten zu tun?“ nicht weiter thematisiere.

Zu Vlissingen zunächst der Endstand: Iturrizaga, Jorden van Foreest, Bok 7.5/9, Pruijssers, Landa, Ikonnikov, Hing Ting Lai, Gonzales 7, usw. – bis auf FM Hing Ting Lai (Niederländer mit Wurzeln anderswo) sind alle Grossmeister. Zu „usw.“ gehört zunächst die Gruppe mit 6,5/9, da nenne ich nicht alle aber doch einige: Wertungsbester IM Praggnanandhaa (bekanntester Teilnehmer aus internationaler Sicht?), GM Ernst, aus Deutschland GM Hausrath und FM Stillger, sowie noch ein van Foreest – Vorname IM Lucas. Van Foreest belegte ausserdem auch noch Platz 104, 170 und 218 – die ganze Schachfamilie hat mitgespielt.

Nun mache is es zunächst ähnlich wie chess.com zum laufenden Schnellturnier in Saint Louis – im Mittelpunkt steht erst einmal ein Spieler, der das Turnier nicht gewann bzw. nicht vorne liegt. Im Gegensatz zu Kasparov (bisher dreimal Remis) hat Praggnanandhaa dabei einige Partien gewonnen.

Das ist eines von vielen Fotos. Zu den Pflichtsiegen in den ersten Runden nur soviel: gegen Elo 1892 gewann er nach 12 Zügen die gegnerische Dame, gegen Elo 2140 hat er nach 28 Zügen seine Dame geopfert (28.-Dxh2+ 29.Kxh2 Th6+ 30.Kg1 Th1# liess sich Sven Stange nicht mehr zeigen). Runde 3 gegen Elo 2244 dann unter dem Motto „Bauern gewinnen, Mehrbauer verwerten“.

Dann IM Beerdsen – IM Praggnanandhaa 0-1, diese Partie dauerte 19 Züge – nicht etwa ein Kurzremis. Beerdsen spielte nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6!? 4.Sg5!? – machen stärkere Spieler nur sporadisch mal. Im weiteren Verlauf wählte er den Vorwärtsgang (z.B. 9.h4) und musste dann mit Motorschaden aufgeben. Kritisch war nach 13.b4!? Lxb4? (13.-h6!) 14.Dh5! h6 15.Dg6 usw. – dann steht Weiss eher besser als schlechter. Nach dem Partiezug 14.Lb2? konnte Schwarz alle Drohungen neutralisieren, und sein Super-Bauernzentrum (d5, e5, f5) dominierte.

Ab hier bekam der junge Inder grossmeisterliche Gegner – mehrfach konnte man den Eindruck bekommen, dass diese ihm eine GM-Norm gönnten bzw. Respekt vor ihm haben.

Konstantin Landa spielte 15 Züge mit Schwarz und bot remis, Daniel Hausrath (Foto) machte selbiges nach 17 Zügen mit Weiss. Runde 7 überspringe ich zunächst, Runde 8: Praggnanandhaa-Bok war Najdorf-Sizilianisch, Bok investierte in noch theoretisch bekannter Stellung gut eine halbe Stunde für 13.-Lh6 (Neuerung) und die Partie dauerte noch knapp eine halbe Stunde: 14.f4 (13 1/2 Minuten) 14.-Da5 (14 Minuten mit akzeptiertem Remisangebot). Da die NL-Meisterschaft bereits stattgefunden hat könnte ich Benjamin Bok vermutlich erst Anfang 2018 in Wijk aan Zee zu dieser Partie befragen.

Zu Runde 7: An diesem Tag feierte Praggnanandhaa seinen 12. Geburtstag und besiegte gm Gonzales – „gm“ statt GM hatte ich schon einmal definiert: ein Spieler der mal GM wurde aber dieses Niveau nicht mehr hat. Aktuell hat der Filipino Elo 2378, seit Jahren spielt er nur noch sporadisch. Zur Partie: In einer Caro-Kann Vorstossvariante bekam Weiss Oberwasser, dann wollte Schwarz vielleicht nicht langsam verlieren sondern stattdessen Dauerschach forcieren – aber nach dem Figurenopfer 42.-Sdxe5 hatte er kein Dauerschach sondern eine Figur weniger. Ob Weiss sonst seinen Vorteil – Raumvorteil sowie Läuferpaar gegen Springerpaar – verwertet hätte werden wir nie erfahren.

Dann war da noch Runde 9:

Praggnanandhaa am Spitzenbrett gegen Iturrizaga – der wollte dann jedenfalls kein Kurzremis. Anders ausgedrückt: er wollte nicht zur Schachgeschichte beitragen, er wollte das Turnier gewinnen. Am Ende gewann grossmeisterliche Erfahrung gegen jugendliche Vorbereitung (siehe links neben dem Brett). Auf dem Foto erkennbar, dass Weiss die Partie ruhig-positionell anlegte. Hier hat Schwarz gerade 8.-0-0 gespielt (8.-Sxd4 ist jedenfalls viel häufiger). Weiss verpasste ihm mit 9.Sxc6 bxc6 einen Doppelbauern, später (21.Dxc6) wurde daraus ein weisser Mehrbauer. Schwarz bekam Gegenspiel, Weiss konnte das dann mit 28.De4+ (Damentausch) neutralisieren – Computer bevorzugten 28.Txh5+ aber dann muss Weiss jedenfalls rechnen. 36.Ld4 war suboptimal, nun hatte Schwarz im Turmendspiel mit Minusbauer Remischancen. Warum er diese nicht nutzte bzw. ab wann genau Weiss wieder und nun definitiv auf Gewinn stand untersuche ich mal nicht.

War es trotzdem eine GM-Norm für Praggnanandhaa? So stand es offenbar auf Facebook. Für Normzwecke wird die Elo des schwächsten Gegners (hier 1892) auf 2200 angehoben und die TPR erneut berechnet, das machte ich: nach einer Formel im Internet wäre es genau 2600 was reichen würde, nach anderen Formeln weniger und knapp daneben ist vorbei. Ich habe bei der Organisation nachgefragt, Hans Groffen bestätigte die IM-Norm für Bernhard Stillger, „die anderen erzielten keine Norm“ – wer noch siehe unten.

Immerhin hat Praggnanandhaa nun Elo über 2500. In einer Hinsicht hätte er übrigens auch mit einem Schwarzsieg gegen Iturrizaga keine Schachgeschichte geschrieben, jedenfalls keine „absolute“: Dann wäre er zwar wohl nach Wertung Turniersieger, aber schon 2007 gewann in Vlissingen ein IM vor GMs – IM F. Caruana aus Italien, bekanntlich wurde er später Grossmeister und noch ein bisschen mehr. Sonst siegte immer ein GM, jedenfalls seit das Turnier ab 1997 „HZ Toernooi“ heisst.

Auch diesmal gewann mit Eduardo Iturrizaga Bonelli ein Grossmeister, das ist der Fotobeweis. Den wichtigen Schlussrundensieg hatte ich gerade schon. Nach Runde 8 hatten neun Spieler 6,5/8 – drei gewannen dann ihre letzte Partie, Iturrizaga hatte die beste Wertung. Sein anderer wichtiger Sieg war in Runde 6 gegen einen direkten Konkurrenten:

Jorden van Foreest – Iturrizaga 0-1: Auf dem Foto erkennbar, dass sie Sizilianisch spielten – mit nach 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 das provokative und relativ seltene 4.-Db6 (wie gesagt, „selten“ ist relativ, 7874 Datenbank-Partien, über 10.000 bis über 100.000 für vier andere Züge). Beide rochierten kurz, dann kam es wie es manchmal in Sizilianern kommt: Weiss greift am Königsflügel an, Schwarz kontert im Zentrum und „überlebt“ mit einem besseren Endspiel. Konkret wurde es ein Turmendspiel mit schwarzem Mehrbauern – Schwarz gewann da er dreimal ein wichtiges Schachgebot hatte: 40.-f4+ (noch mit Läufern auf dem Brett, nur so), 47.-g4+ (nur so), 54.-Tb2+ (nur so).

Generell war der Venezolaner „Mr. Turmendspiel“, in Runde 8 konnte er dann eines mit Minusbauer gegen Ikonnikov remis halten (da hatte sein Gegner wohl nie reelle Gewinnchancen). Davor noch das in Runde 7:

Iturrizaga-Landa 1/2 – beiden gefiel die Schlusstellung offenbar so gut, dass sie nach 18 Zügen remis vereinbarten, sie ist auch malerisch:

Weder Läuferpaar noch Mehrbauer konnte Landa zum Weiterspielen bewegen. Mehr als 25 Züge spielte er ohnehin nur in zwei von neun Partien – kein Vorwurf an ihn, dass er drei Partien in 24, 21 und 23 Zügen gewann (ausserdem noch zwei in 51 und 46 Zügen).

Jorden van Foreest spielte in neun Runden nur einmal remis – ein turbulentes (Weiss hatte zwischenzeitlich zwei Bauern geopfert) aber offenbar korrektes (Kompensation aber nicht mehr) in Runde 4 gegen Hing Ting Lai. Nach der Niederlage gegen Iturrizaga musste er dreimal gewinnen, um noch Platz eins zu teilen. Gesagt, getan – erst gegen FM Vereggen und IM Admiraal, dann auch in der letzten Runde:

Sipke Ernst – Jorden van Foreest 0-1: Auf dem Foto zu sehen, dass Schwarz Königsindisch spielte. Mein erster Eindruck: Weiss kam, nachdem er statt 7.0-0 7.d5 spielte, nicht mehr zur Rochade und verlor recht glatt. Allerdings war es bis 15.-e3 16.fxe3 fxg3 und auch danach noch Theorie (u.a. Kramnik-Nakamura 1-0, London Classic 2014). Offenbar war erst 20.Db1 zu passiv (20.Dg6!) und nun bekam Schwarz Oberwasser. Er gewann eine Qualität und spielte danach vielleicht unnötig-spektakulär: Qualität zurückgeben, Dame gegen zwei Türme tauschen war nicht unbedingt nötig, dabei gut genug gegen den inzwischen „lang rochierten“ (31.Kd1, 32.Kc1, 33.Kb1) weissen König.

Dass Jorden van Foreest neben Iturrizaga nur einen nicht-niederländischen Gegner hatte (zu Beginn den Deutschen Jonas Tibke, Elo 1908) blieb ohne Folgen – Grossmeister ist er ja bereits.

Benjamin Bok spielte dreimal remis, u.a. – das hatten wir bereits – gegen Praggnanandhaa, und gewann den Rest. Zwei Siege gegen junge Landsleute erwähne ich:

Runde 5 gegen FM Max Warmerdam, der im Turmendspiel in Sichtweite des Remishafens noch strauchelte – der zwar auch noch nicht alte, aber doch erfahrenere Spieler gewann.

Runde 9 gegen van Foreest – Moment mal, der hat doch gegen Sipke Ernst gewonnen? Das war Jorden, Bok spielte gegen Lucas. Er gewann im damenlosen Mittelspiel einen Bauern und verwertete diesen im Endspiel mit Türmen und trotz ungleichfarbiger Läufer.

Wie zuvor angedeutet: drei weitere Spieler (bzw. zwei dieser drei) konnten mit einem Sieg in der letzten Runde auch noch Platz zwei teilen – schafften es allerdings nicht bzw. wollten es nicht unbedingt:

Diese beiden GM-Duelle endeten nach 14 bzw. 15 Zügen remis. Daniel Hausrath (zuvor 6/8, die anderen drei 6,5/8) spielte damit ein Turnier im Rahmen der Eloerwartung. Dass ein anderer Deutscher, nominell der Zweitbeste von insgesamt 20, es im Vergleich zu seiner Elo besser machte, weiss der Leser bereits:

FM Stillger – IM Beerdsen 1/2 – diesen halben Punkt brauchte Stillger noch zur IM-Norm, daher (und angesichts des Elo-Unterschieds von knapp 200 Punkten, 2262 zu 2447) ist aus seiner Sicht nachvollziehbar, dass (auch) er nach 15 Zügen remis spielte.

Zwei weitere Remisen gegen Elo 2465 und 2399 musste Stillger sich erarbeiten, das gegen IM Merijn van Delft (2393) dagegen in elf Zügen – da kann man nur dem nominell besseren Weisspieler Vorwürfe machen. Bei Schwarzsiegen gegen nominell überlegene Gegner profitierte Stillger vielleicht von seiner relativ niedrigen Elozahl, da diese mutig und inkorrekt opferten: Lucas van Foreest (2467) zwei Leichtfiguren gegen einen Turm, Jan Breukelman (2395) eine Figur gegen zwei Bauern. Breukelman hatte dann zeitweise doch ausreichende Kompensation oder gar mehr, aber verlor letztendlich doch.

FM Hing Ting Lai hatte nach seinem Sieg zum Schluss gegen IM Leenhouts TPR 2505 aber keine IM-Norm, warum nicht? Er hatte in neun Runden nur zwei nicht-niederländische Gegner, dann ist es keine Titelnorm. FM Warmerdam hätte dasselbe Problem, allerdings war auch seine „korrigierte“ TPR wohl noch knapp unter 2450.

Das unternehmungslustige Schach von IM Koen Leenhouts führte zu einem remislosen Turnier mit am Ende 6/9. Die Niederlage gegen Iturrizaga war dabei vielleicht einkalkuliert, die gegen WGM Frayna (Elo 2248) eher nicht – da stand er besser bis gewonnen aber erlaubte dann einen gegnerischen Trick. Die letzte Partie gegen Hing Ting Lai war aus Leenhouts‘ Sicht eine Benoni-Katastrophe. Schon in Runde 1 stand er gegen Alex Albrecht (Elo 1891) „eigentlich“ total verloren, aber konnte diese Partie dann noch komplett drehen – bzw. Albrecht (aus meinem Landesverband) erlaubte einen gegnerischen Gegentrick.

Nun noch Galerien – erst einige Turniersaal-Fotos:

Die ersten beiden Fotos von Harry Gielen. Auf dem letzten vorne rechts Shannon Vlaar (Elo 1882) ebenfalls aus meinem Landesverband. In der ersten Runde bewies sie gegen Lucas van Foreest, dass Partien mit 15 Zügen nicht immer remis enden, auch danach verlor sie (mit einer Ausnahme) wann immer sie in der Liveübertragung (erste 50 Bretter) erschien. Da hatte sie dann Gegner mit Elo über 2000, zwischendurch besiegte sie Elo 1700, 1767 und 1768 (die wird noch fotografiert) und einmal auch 2082 – remisloses Turnier dank Auf und Ab im Schweizer System.

Spieler zunächst im Hochformat:

Die ersten drei Fotos von Harry Gielen. Sonja Maria Bluhm spielte wohl mit, weil Jorden van Foreest mitspielte.

Und nun im Querformat:

Stillger, Muehlenhaus, Cordes und Guelsen zeige ich, weil sie Deutsche sind, Aart Kögeler weil er aus meinem Landesverband stammt. Tijmen Vedder (*1942) ist vielleicht der älteste Turnierteilnehmer. Machteld van Foreest spielte u.a. gegen Shannon Vlaar. Zwei Reihen darunter nochmals Geschwister, WIM Vaishali ist die Schwester von Praggnanandhaa – Harry Gielen hat beide auch zusammen mit anderen fotografiert.

Noch eine Galerie aus der Rubrik „Kontraste“:

Kontraste bezieht sich auf Kleidung, Alter usw. . Landa und Ernst erschienen beide in Shorts, war es so warm in Vlissingen? Nicht gleichzeitig auf Texel, und offenbar nie am Tisch von Janelle Mae Frayna – kann natürlich auch daran liegen, dass sie zu Hause auf den Philippinen andere Temperaturen gewöhnt ist.

Und das war’s zu Vlissingen – Bemerkungen eingangs zu Intelligenz und Äusserlichkeiten sind beitrags-übergreifend.

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Veröffentlicht unter Open |