Opens überall – Teil II Riga und “Vorschau” zu Abu Dhabi

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Vlissingen gibt es in der heutigen Form seit 1997, das Riga Technical University Open seit 2014 – mit A-, B-, C-, D- und E-Gruppe, aber ich kann nur auf die A-Gruppe mit Grossmeistern eingehen. Ich beginne mal mit dem Endstand: GM Vladimir Onischuk und IM Pavlov 7,5/9, GMs Nabaty, Schroeder, Lugovskoy, Kovchan, Zeng, Sarana, Boruchovsky, IM Baldauf 7, usw. . Relativ unbekannte Namen darunter, war das Turnier eher schwach besetzt? Nein, aber nur zwei der ersten zehn der Setzliste landeten auf diesen zehn ersten Plätzen – ausserdem neben Nummer 11 Kovchan auch u.a. Nummer 49 Pavlov, Nummer 64 Lugovskoy und Nummer 56 Baldauf.

In der Gruppe mit 6,5/9 ist es ähnlich: zwar nach Wertung angeführt von GM Smirin (an fünf gesetzt), aber auch direkt dahinter ein gewisser FM Gokerkan aus der Türkei (#111) und ein gewisser titelloser Mu Ke aus China (#78). Einige Favoriten landeten noch weiter hinten: Sasikiran, Shirov, Ovsejevitsch (mir unbekannt aber an 9 gesetzt) und Jumabayev nebeneinander auf Platz 34-37, Daniel Fridman (ebenfalls 6/9 aber schlechteste Wertung von allen) auf Platz 55. Damit ist bereits angedeutet, dass die recht grosse deutsche Delegation neben Erfolgen (für Schroeder und Baldauf) auch Misserfolge hatte.

Erst mal zum Titelbild: Das bekommt Riga, alle Fotos von der Turnierseite. Zur deutschen Delegation: immerhin fünfeinhalb Grossmeister – Dmitrij Kollars wird noch als IM geführt, aber hat alle Voraussetzungen für den GM-Titel erfüllt. Das stand hier und da im Internet und nach dem Turnier aus gut informierten Kreisen auch in meiner Mailbox. Daniel Fridman ist Nationalspieler, Jan-Christian Schroeder und Dmitrij Kollars werden es vielleicht mal (gemeint ist die Nationalmannschaft der Erwachsenen). Arik Braun, Vitaly Kunin und Alexander Berelowitsch sind auch Grossmeister. Ausserdem aus Deutschland sieben IMs dabei, ich nenne mal nur die, die auch – jeder auf seine Art und an seinem Ort – über Schach schreiben oder das jedenfalls mal taten: Ilja Schneider, Marco Baldauf und Jonathan Carlstedt. Weiterhin vier FMs und eine Reihe titellose Spieler – mal abgesehen davon, dass zwei aus dem A-Turnier und zwei aus dem D-Turnier einen Doktortitel haben (Tena Frank ist ausserdem WFM). Mit insgesamt 34 Teilnehmern liegt Deutschland in dieser Rubrik nur knapp hinter Lettland (41) und Russland (36), z.B. Polen und Finnland dagegen nur zu dritt.

Nun zunächst zum Turnier aus internationaler Sicht:

Vladimir Onischuk war immerhin Siebter der Setzliste. Er gewann zunächst sechsmal in Serie, zuletzt gegen den an zwei gesetzten Tamir Nabaty, und remisierte den Rest – zweimal kurz, einmal dramatisch. In Runde 7 begnügten sich die Ukrainer IM Pavlov und GM Onischuk mit 12 Zügen, in Runde 9 waren sich Onischuk und der weit über seinen nominellen Möglichkeiten spielende Lugovskoy bereits nach fünf Zügen remiseinig. Dazwischen Onischuk-Schroeder 1/2 – da war für den Deutschen mit Schwarz mehr drin: Er opferte im 14. Zug korrekt eine Figur und hatte dafür zunächst volle Kompensation, nach 19.Kg2? viel mehr und 21.Te6 (auch mal ein aktiver Zug) machte es aus weisser Sicht “eigentlich” noch schlimmer. Aber nun fand Jan-Christian Schroeder nicht die besten Züge: 21.-Dd7! hätte den Te6 weiterhin befragt (der ihn deckende Sg5 war ja angegriffen), wobei 21.-Df8 durchaus logisch war. Danach hatte Schwarz Zeit für -Kg8, im 22. oder auch noch im 23. Zug. Stattdessen eroberte er sein Material mit Zinsen zurück – 23.-Txf2+ (ja, mit Schach) kann doch nicht verkehrt sein? Es war falsch, da nach 24.Kg3 der schwarze König auch entblösst stand und Weiss hatte Dauerschach/Zugwiederholung.

Sergey Pavlov erzielte seine sechs Siege in Runde zwei bis sechs und acht. Das Remis zu Beginn gegen einen jungen Inder war nicht so toll, aber dann drehte er auf. Wichtig waren zwei Schwarzsiege gegen GMs in derselben sizilianischen Variante (1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Sxc6 bxc6 7.e5 Sd5 8.Se4 usw.): In Runde 5 hatte Vishnu Prasanna anfangs Kompensation für eine geopferte (oder eingestellte?) Qualität, später nicht mehr. In Runde 8 übersah Smirin kurz nach Ende der bekannten Theorie eine Springergabel und hatte danach eine Figur weniger. Das Kurzremis gegen Onischuk hatten wir bereits, auch gegen den nächsten grossmeisterlichen Landsmann Kovchan remisierte Pavlov in 10 Zügen (bzw. ab dem siebten wurde wiederholt). TPR 2717 war natürlich eine dicke GM-Norm – Jungtalent ist Pavlov(*1987) übrigens eher nicht. Weder er noch (oben) Onischuk wirken auf den Fotos besonders intelligent – so sehe ich es, aber es muss nichts heissen.

Nicht zu allen Spielern mit 7/9, zunächst der Wertungsbeste Tamir Nabaty. Er gewann auch seine ersten sechs Partien, verlor dann gegen Onischuk und reparierte diese Niederlage mit einem hart erkämpften Sieg gegen Chongsheng Zeng. Lange bzw. mehrfach stand er schlechter (jedenfalls für Computer, die ihm keine Kompensation für einen Minusbauern geben). Dann gewann 48.-Txc4 für Schwarz nicht etwa einen zweiten Bauern sondern erlaubte einen Gegentrick, der zu einem für Weiss akzeptablen Damenendspiel führte. Einige Züge lang war es gar, nachdem beide einen Freibauern umwandelten, ein Doppeldamenendspiel. Dann Damentausch, und im 72. Zug beging Schwarz den entscheidenden Fehler – 73.-Dxd5 erleichterte die weisse Aufgabe dann wohl erheblich: 74.e6 mit Damentausch, und nur Weiss bekommt danach wieder eine Dame, die dritte in dieser Partie. Gegen den Ukrainer Kovchan remisierte Nabaty dann in 10 Zügen, zum Schluss gegen seinen israelischen Landsmann Boruchovsky in 70 – also ausgekämpft. Nabaty stand über weite Strecken der Partie gut bis gewonnen, im Turmendspiel garantiert gewonnen (Tablebases wissen Bescheid) aber dann wurde es doch remis.

Dann Jan-Christian Schroeder – am Ende erfreulich aus deutscher Sicht, dabei begann es nicht allzu vielversprechend: nach Pflichtsieg zu Beginn zweimal Remis gegen Elo 2353 und 2357 – diese jungen Herren, Denis Pershin aus Russland und Cem Kaan Gokerkan aus der Türkei, erzielten am Ende jeweils eine GM-Norm. Gegen Pershin bot er nach 14 Zügen in wilder, unklarer, offenbar für ihn schlechterer Stellung selbst Remis; gegen Gokerkan entwischte er offenbar mit Remis. So bekam Schroeder dann noch drei FMs vorgesetzt, die er jeweils besiegte. Dann Sieg auch gegen GM Wan Yunguo (Elo 2482). Und dann noch zwei nominell bessere Gegner. Das Remis gegen Onischuk hatten wir bereits. In der letzten Runde opferte Schroeder gegen Smirin keine Figur sondern nur einen Bauern. Auch das war offenbar korrekt mit mehr als ausreichender Kompensation. Den Bauern bekam er zurück, stand immer noch besser aber bot kurz danach selbst Remis. Insgesamt: am Anfang war weniger drin, am Ende noch mehr als das was er erreichte – Platz vier und 11,5 Punkte Elo-Zugewinn.

Marco Baldauf hatte von allen mit 7/9 die schlechteste Wertung. Wie Schroeder begann er mit 2/3 – zwei Remisen gegen Elo 2143(!?) und 2306. Dann lief es besser – das nächste Remis gegen Shirov kann man auch mit Weiss als Erfolg bezeichnen, wobei Baldauf eigentlich nur Theorie kennen musste. Warum Shirov sich auf eine bekannte Remisvariante einliess, müsste man Shirov fragen, beziehungsweise: wo er abweichen konnte und wie riskant das wäre müsste man Kenner des halbslawischen Damengambits fragen. Das Remis in Runde 7 gegen GM Sanal aus der Türkei war voll ausgekämpft, und zum Schluss gewann er ausgerechnet gegen deutsche GMs – Vitaly Kunin und Arik Braun. Gegen Kunin bekam er mit Schwarz in einem Königsinder erst allmählich Oberwasser, und dann brach die weisse Stellung erstaunlich schnell zusammen. Gegen Arik Braun hatte er Weiss, auch das war eine Art Königsindisch – Weiss stand besser, dann endete die Partie abrupt nach einem schwarzen Figureneinsteller.

TPR 2611 bedeutet wohl eine GM-Norm – da er neben zwei deutschen GMs auch einen Letten und einen Türken hatte (sowie fünf weitere nicht-deutsche Gegner) sollte das keine Rolle spielen.

Bei Fotos kann ich nur das verwenden, was die Turnierseite bietet – Schroeder und Baldauf offenbar Fehlanzeige (bzw. ein “nicht perfektes” Foto von Baldauf wird noch kommen). Zu anderen deutschen Teilnehmern: Daniel Fridman wurde fotografiert, allerdings wohl zufällig:

Ich nehme an, dass der Fotograf oder die Fotografin Fridmans Brettnachbarin WFM Anastasia Travkina ablichten wollte. Ebenfalls auf dem Foto erkennbar: Fridman spielte, milde ausgedrückt, nicht an den vorderen Brettern – hier offensichtlich ausserhalb der Liveübertragung. Wie Schroeder und Baldauf spielte er in den ersten drei Runden zweimal Remis, im Gegensatz zu ihnen verlor er zwischendrin. Nach dem Auftaktremis gegen einen FM musste Fridman Brett 4, das ihm laut Setzliste “gehörte”, verlassen und spielte tags darauf (da nur wenige Favoriten zu Beginn nicht gewannen) an Brett 71 – wieder gegen einen FM, diesmal verlor er. Die gute Nachricht zum Remis in Runde 3: es kostete keine Elopunkte, da gegen einen elolosen Ukrainer.

Andere hätten nun vielleicht das Turnier verlassen, Fridman spielte weiter und erzielte nun immerhin noch 5/6 – Niederlage nur gegen den Chinesen Mu Ke, der auch andere GMs ärgerte. Nur drei Fridman-Partien sind offenbar überliefert: In Runde eins war gegen FM Ivanov aus Kanada sowohl mehr als auch weniger drin als Remis. Gegen Mu Ke verlor er letztendlich im Springerendspiel, gegen IM Mads Hansen aus Dänemark gewann er mit zum Schluss Läufer und a-Freibauer gegen Springer. Fridmans TPR war letztendlich 2262, zuvor zeitweise unter 2200, dank seines Schlusspurts kostete das Turnier ihn nur 15 Elopunkte.

Dmitrij Kollars, an 42 gesetzt, begann besser, 2,5/3 – aber dann nur noch sieglose 2/6, insgesamt kostete es ihn (bei durchweg Gegnern mit Elo unter 2400) 22 Elopunkte und bedeutete Platz 152. Jonathan Carlstedt belegte, an 72 gesetzt, immerhin noch Platz 88 mit 5,5/9. Da er von unten kam, weitgehend gegen Elo unter 2300 spielte und gegen dieses Kaliber dreimal verlor, kostete es 13 Elopunkte.

Der Schachticker bzw. Thomas Richter hat bei Jonathan Carlstedt nachgefragt “Was war los in Riga?” und bekam nach 40 Minuten diese Antwort:

Hallo Thomas, 

zu Daniel kann ich leider nicht sagen woran es liegt. Bei mir waren es zum Einen, weil ich seit 7.7 unterwegs bin und viel arbeiten muss. Zudem habe ich mich als Vorbereitung für die Jugend WM wo ich Delegationsleiter bin, impfen lassen und hatte mit den Nebenwirkungen zu kämpfen. 

Dmitrij spielt seit Monaten sehr erfolgreich. GM-Titel und viele weitere Erfolge freuen uns als Team sehr. Wir werden aus diesem Turnier lernen, aber es kann nicht immer super laufen und so wird sich Dmitrij direkt auf das nächste Turnier, die MEM u18 in Polen konzentrieren. 

Kannst du gerne alles zitieren. 

Herzliche Grüße aus Riga 

Jonathan 

Was Daniel (Fridman) betrifft – hätte sein können, dass Jonathan Carlstedt von eventuellen gesundheitlichen Problemen wusste. Wie oben indirekt angedeutet, Kollars ist bereits Nationalspieler – U18 – und spielt ab morgen (16.8.) wieder Schach. Die Jugend-WM ist vom 16.-26.9. in Montevideo, Uruguay – kann man das eigentlich überhaupt mit der Jugend-EM vom 4.-15.9. in Mamaia, Rumänien kombinieren?

Zu anderen deutschen Spielern, nur GMs und IMs, im Telegrammstil: Ebenfalls nicht erfolgreich (zweistelliges Elominus) Vitaly Kunin, Ilja Schneider und Frank Bracker. Etwa im Rahmen der Eloerwartung: Arik Braun, Alexander Berelowitsch und Stefan Fruebing. Positiv neben Schroeder und Baldauf: Michael Fedorovsky und Lev Yankelevich.

Bevor ich nochmals international weitermache, eine Bildergalerie:

Der Inder Gurpreet, weil er fotogen ist; die anderen vor allem weil es relativ bekannte Grossmeister sind, auch wenn nicht alle ein gutes Turnier erwischt haben.

International zunächst relative Misserfolge: Der an eins gesetzte Krishnan Sasikiran sorgte zusammen mit Fridman dafür, dass Anastasia Travkina (Elo 2265) in Runde 2 neben Daniel Fridman sass – sein Beitrag: Remis gegen Travkina in Runde eins. Auch danach noch einige Remisen gegen nominell klar unterlegene Gegner sowie eine Niederlage gegen Lokal-GM Ottomar Ladva.

Dass Alexei Shirov auch hinter dem vergleichsweise unbekannten Tamir Nabaty an drei gesetzt war zeigt, dass er nicht mehr der ist der er mal war. Vielleicht war er auch an der Organisation des Turniers beteiligt, was mit selbst spielen bedingt zu vereinbaren ist. Jedenfalls remisierte er wie Sasikiran zu oft gegen nominell unterlegene Gegner und verlor in der vorletzten Runde gar gegen Lugovskoy (GM mit Elo 2440, wobei er diesmal auch sonst viel besser spielte). Offenbar lag es daran, dass Shirov in einem Doppelturmendspiel total unberechtigte Gewinnversuche unternahm.

Nun nochmals zu Erfolgen: Da das Turnier stark und international besetzt war, gab es jede Menge Titelnormen – teilweise bereits erwähnt: GM-Normen für Sergey Pavlov, Marco Baldauf, Cem Kaan Gokerkan, Mu Ke und Denis Pershin. IM-Normen für junge Inder (Rakesh Kumar Jena *2001, Rahul Srivatshav *2002), WGM Kubra Ozturk aus der Türkei, Nikoloz Kumsiashvili aus Georgien und Mark Gluhovsky aus Russland (bekannter als Schachjournalist und Schachfunktionär).

Soviel zu Riga, nun noch eine kurze “Vorschau” zum Abu Dhabi International Chess Festival – Vorschau passt eigentlich nicht, da schon zwei von neun Runden gespielt sind. Wie immer die ersten zehn der Setzliste und dann noch ein paar andere: Short, Amin, Mamedov, Korobov, Gupta, Lupulescu, Efimenko, Salem Saleh, Adly, Sethuraman – ein ehemaliger Weltklassespieler, Spieler aus der Region, Inder, “Sowjets”, nun habe ich noch keine Schublade für den Rumänen Lupulescu. Aus Deutschland der junge Dennis Wagner (*1997) und der nicht mehr junge Lothar Vogt (*1952), wobei auch Dennis Wagner vielleicht in einigen Partien (jedenfalls optisch) alt aussieht: dabei sind auch diverse Jungtalente – Alireza Firouzja (*2003), Aryan Chopra (*2001), Bogdan-Daniel Deac (*2001), Nihal Sarin (*2004), Nodirbek Abdusatturov (*2004). Praggnanandhaa ist offenbar inzwischen in Barcelona, was auch immer er da vorhat (ausser der Welt das per Twitter mitzuteilen), Vincent Keymer spielt ja bei der Mannschafts-EM U18. Insgesamt 124 Teilnehmer, darunter 39 Grossmeister und (teilweise dieselben) 51 Inder, sonst ist kein Land zweistellig vertreten. In den ersten Runden gab es bereits Überraschungen – nur noch 14 Spieler haben 2/2, darunter nur zwei der namentlich genannten – Deac und Wagner.

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