Aronian Schnellschach-Sieger in Saint Louis, Kasparov spielt da auch

Und Blitz-Live

Manchmal sind meine Turnierberichte unkonventionell, diesmal ist er – im Vergleich zur kommerziellen Konkurrenz – konventionell: Ich schreibe weitgehend zum Turnier, andere vor allem über einen Spieler, nur weil der früher mal Weltklasse war. Im Titel erwähne ich beide – aber das Titelfoto bekommt Levon Aronian, da er nach (vor allem aber nicht nur für ihn) wechselhaftem Turnier momentan führt. Schnellschach ist nun vorbei, es folgt ein doppelrundiges Blitzturnier. Alle Fotos ab Turnierseite über Flickr – Fotograf vor allem Lennart Ootes, gelegentlich (dann erwähnt) auch Austin Fuller.

So steht es momentan: Aronian 12/18, Caruana und Nakamura 11, Nepomniachtchi 10, Dominguez 9, Le Quang Liem und Karjakin 8, Navara, Kasparov und Anand 7. Neun Runden sind gespielt, aber die Schnellpartien zählen – im Vergleich zu den Blitzpartien die noch kommen – doppelt. Aronian (+5=2-2) und auch Caruana (+4=3-2) spielten dabei entschiedener als Nakamura (+3=5-1), auch die Spieler am Tabellenende erzielten ihre relativ wenigen Punkte auf unterschiedliche Weise: Navara mit drei Siegen und einem Remis, die beiden Ex-Weltmeister dagegen mit einem Sieg und fünfmal Remis.

Generell endet Schnellschach seltener Remis als Partien mit klassischer Bedenkzeit. Damit die Remisquote nicht zu niedrig ausfällt, haben die Veranstalter auch einen Remisschieber eingeladen bzw. diese Rolle übernahm zunächst Kasparov – am zweiten Tag klappte es nicht mehr durchgehend, am dritten Tag dann gar nicht mehr.

Ich beginne mit “Runde null” – Fotos vom Tag zuvor von Austin Fuller:

Alle klatschen brav, nur die beiden Ex-Weltmeister nicht – zur Strafe landeten sie am Tabellenende, zusammen mit Navara der nun einmal (wenn Kasparovs alte Elo 2812 noch zählt) Elo-Aussenseiter ist.

Draussen wurde bereits Schach gespielt, das kleine Schachbrett eignet sich eher für eine Blitzpartie als das ebenfalls fotografierte grosse. Bei den Russen Karjakin und Nepomniachtchi kibitzen ein junger Mann, der laut Mütze ebenfalls Russe ist oder sein will, sowie ein Armenier. Die drei Erwachsenen würden später auch drinnen gegeneinander spielen.

“Runde für Runde” eher im Schnelldurchlauf, bei Fotos wird Kasparov dominieren da er nun einmal oft abgelichtet wurde.

Runde 1 – zuerst ein Foto der Bühne:

Der Kameramann von Fox TV bekam hoffentlich später noch bessere Bilder. An der Wand der Hinweis an die Spieler, dass Schnell- und später Blitzschach gespielt wird.

Kasparov-Karjakin wurde eher geräuschlos remis – danach hatten der Ex-Weltmeister und der aktuelle Vize-Weltmeister jeweils einen halben Punkt (bzw. gar einen ganzen da Schnellpartien ja doppelt zählen). Auch bei Dominguez-Nepomniachtchi 1/2 war nicht allzu viel los. Mehr los war anderswo: Aronian-Navara 1-0 – Sturmsieg, der höfliche Tscheche erlaubte am Ende ein Matt auf dem Brett. Anand-Nakamura 0-1: Weiss hatte einen Bauern geopfert, das war korrekt. Weitere Bauern einstellen war dann allerdings inkorrekt. Le Quang Liem – Caruana 0-1 1-0: die erste aber nicht die letzte Partie, in der der Sieger zuvor total verloren stand.

Bisher hinterliess Aronian den besten Eindruck, aber es war ja nur die erste Runde und gegen den Elo-Aussenseiter.

Runde 2 – wieder beginne ich mit Kasparov, da er und sein Gegner nun einmal fotografiert wurden:

Zum Glück befindet sich zwischen Nakamura und Kasparov ein Tisch und ein Schachbrett, sonst hätten sie sich einen Kopfstoss verpasst (und der Schiedsrichter müsste die Schuldfrage klären). Man beachte auch (auf diesem, dem vorigen und weiteren Fotos) Kasparovs Uhr auf dem Tisch. Zur Partie: im Mittelspiel stand Kasparov gut, im Endspiel dann vorübergehend total verloren, und es wurde remis. Dominguez-Anand wurde auch remis.

Zu den entschiedenen Partien: Aronian-Nepomniachtchi 0-1 – wie gewonnen so zerronnen für Levon Aronian. Anfangs spielte er mal wieder 7.h4 und 8.h5, bekannt aus Saint Louis: beim Sinquefield Cup kurz zuvor funktionierte es für Aronian in Runde eins gegen einen gewissen Ian Nepomniachtchi wunderbar, in Runde 4 gegen Vishy Anand sowie in Runde 8 gegen Peter Svidler nicht mehr so gut wobei es jeweils remis wurde. Nun war es zwischendrin: später hatte Aronian gute Kompensation für einen geopferten Bauern, dann hatte Nepo volle Kompensation für eine investierte Qualität aber nicht mehr als das – bis Aronian im 51. Zug soviel Angst vor dem schwarzen c-Freibauern hatte, dass er ihn mit 51.Lxc3?!? auf Kosten einer Figur eliminierte. Zu diesem Zeitpunkt war der (Computer-)Remisweg nicht ganz trivial.

Navara-Caruana 0-1 – auch mit Weiss erlitt der Tscheche Schiffbruch. Karjakin – Le Quang Liem 1-0 – Weiss konnte einen Mehrbauern im Endspiel verwerten.

Runde 3: Zu Caruana-Karjakin 1-0 fällt mir nicht viel ein, ausser “es war drastisch”. Le Quang Liem – Nakamura 1-0: Gerade hatte Nakamura im Endspiel gegen Kasparov den Sieg verpasst, nun verpasste er im Endspiel gegen LQL das Remis. Wieder schickte er seinen König in die falsche Richtung: gegen Kasparov war 52.Kc4 gewonnen und das gespielte 52.Ke4 letztendlich remis, nun war 70.-Kc3 richtig und das gespielte 70.-Ke4 falsch – derlei geht also mit Weiss und mit Schwarz! Bei Anand-Aronian 0-1 stand Weiss als Ergebnis von Verwicklungen “eigentlich” klar besser – da er falsch fortstetze stand er dann klar schlechter.

Nepomniachtchi-Navara 1/2 – der Tscheche bekam seinen ersten halben (bzw. ganzen) Punkt, da Nepo in besserer Stellung nur eine Zugwiederholung fand. Kasparov-Dominguez 1/2, na klar doch … . Danach schrieben chess.com und chess24 übereinstimmend, dass Kasparov den ersten Tag “überlebt hat”, chess.com ergänzend “Never have chess fans been so eager to see all draws. GM Garry Kasparov didn’t mind them either.” [Nie zuvor wollten Schachfans nur Remispartien sehen. GM Garry Kasparov war auch zufrieden] – und dann der halbe Artikel zu Kasparov, erst danach der Rest des Turniers. Kasparov hat nun denselben Status wie Hou Yifan – Remisen gegen Weltklassespieler werden bejubelt. Eines gab es am ersten Tag noch:

Kasparov im Gespräch mit Maurice Ashley – das gab es am zweiten Tag auch noch, am dritten nicht mehr und mit anderen Medien redete er (obwohl im Spielervertrag vorgesehen) gar nicht.

Chessbase schrieb (auf Englisch) zu Kasparovs erstem Tag: “Kasparov’s games weren’t the glorious battles of old. But Garry proved his erstwhile class, and also his ability to maintain his chess strength all these years, as he avoided obvious blunders in all the three games.” [Kasparovs Partien waren nicht so spektakulär wie früher. Aber Garry zeigte seine frühere Klasse, und auch dass er sein Niveau über die Jahre gehalten hat, da er in drei Partien offensichtliche Patzerzüge vermied.] Hat Kasparov von Carlsen gelernt? Nicht nur betrifft Umgang mit Medien, auch “Schach ist vor allem ‘keine Fehler machen’ “!?

Runde 4 – zuerst zeige ich alle:

Nun die Partien mit Sieger und Verlierer: Dominguez – Le Quang Liem 1-0 im Turmendspiel, Navara-Karjakin 1-0: auch der Tscheche gewann mal schwungvoll im Angriff, Karjakin gab einen Zug vor dem Matt auf.

Aronian-Kasparov 1/2 (Foto Austin Fuller) – wenn Kasparov im Springerendspiel Gewinnchancen hatte, dann hat er sie nicht genutzt. Damit behält Aronian, der zuvor mal eine (offenbar nicht überlieferte) Blitzpartie gewonnen hatte, seinen Plusscore gegen Kasparov.

Bei Nepomniachtchi-Anand 1/2 war nicht allzu viel los. Bei Nakamura-Caruana 1/2 wurde vor allem endlos manövriert – so wurden viele Züge gespielt, deshalb und weil Amerikaner beteiligt waren ist es für chess.com “a great fight” bzw. “a fascinating battle”. Kurz vor Schluss versuchte Nakamura dann, ein Remisendspiel zu verlieren, aber Caruana war nicht einverstanden.

In Runde 5 gab es fast nur entschiedene Partien, bis auf Karjakin-Nakamura 1/2 aus der Kategorie “hiermit erwähnt”. Bei Le Quang Liem – Aronian 1-0 fiel die Entscheidung im Mittelspiel, bei Anand-Navara 1-0 im Endspiel. Ebenso bei Caruana-Dominguez 1-0 – wobei Schwarz es da schaffte, ein Turmendspiel mit (zunächst) Mehrbauer zu verlieren, indem er zu lange auf Gewinn spielte. Dann war da noch

Kasparov-Nepomniachtchi 0-1 – zu dieser Partie gibt es kein besseres Foto als dieses von Spectrum Studios. Kasparov kaum zu erkennen, die Stellung auch nicht – immerhin sieht man einen weissen Bauern auf h4. Der stand da ab dem fünften Zug (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.h4!?) und später kam 9.h5 und 10.h6. Laut Kasparov stand Kasparov dann viel besser, laut Nepomniachtchi war die Stellung unklar. Später konnte Schwarz im Gegenangriff spektakulär gewinnen.

Runde 6 – da gibt es zu einer Remispartie diverse Fotos, aber ich bespreche erst die Partien mit Sieger und Verlierer. Aronian-Caruana 1-0 – da bekam Weiss im Endspiel Oberwasser, nachdem Schwarz Remischancen nicht nutzte. Navara-Nakamura 0-1: Schwarz opferte oder tauschte im Mittelspiel eine Figur gegen drei Bauern, danach war es unklar-ausgeglichen und im Endspiel gewannen die schwarzen Bauern – auf Umwegen, zwischendurch war die Stellung wieder remislich. Am Ende hatte Nakamura dasselbe Endspiel wie in Runde drei gegen Le Quang Liem unter umgekehrten Vorzeichen – erst aus seiner Sicht Läufer gegen zwei verbundene Freibauern, nun zwei verbundene Freibauern gegen Läufer. Im ersten Fall stand Nakamuras König nahe genug an den Bauern bis er sich freiwillig entfernte, nun war Navaras König von Anfang an zu weit weg.

Nepomniachtchi – Le Quang Liem und Dominguez – Karjakin wurde remis, dann war da noch

Anand-Kasparov 1/2: Anand überraschte/ärgerte Kasparov mit (1.e4 c5 2.Sf3 d6) 3.Lb5+, konnte damit aber im weiteren Partieverlauf nichts erreichen. Nachdem Schwarz unter Bauernopfer 19.-d5 durchsetzen konnte stand er leicht besser – Kasparov meinte viel besser, wenn er statt 22.-Tcd7 22.-Tc6 gespielt hätte. Das näher zu untersuchen ist müssig, er hat es eben nicht gemacht. Dann verflachte die Partie und es wurde remis.

Kasparov hat gewisse Probleme beim Multitasking: gleichzeitig die gegnerische Hand schütteln, aufstehen und seine Uhr wieder anziehen, das geht nicht – bzw. höchstens wenn er dem Gegner seine linke Hand anbietet. Zu seinen aktiveren Zeiten hatte Kasparov die Uhr manchmal bereits während der Partie wieder angezogen – das war dann ein Signal an den Gegner, dass dessen Stellung aufgabereif ist.

Ich hatte das in einem Amateur-Mannschaftskampf mal spiegelbildlich kopiert: In für ihn hoffnungsloser Stellung (auch auf Niveau Elo unter 2000 absolut aufgabereif) überlegte mein Gegner endlos, was macht man als de fakto Sieger in so einer Situation? Am Brett sitzen bleiben, dann mal aufstehen und die anderen Partien betrachten, wieder ans Brett, wieder spazieren gehen, … . Nach etwa 20 Minuten zog ich meine Uhr aus und legte sie auf den Tisch, sofort gab mein Gegner auf. Erst Jahre später erfuhr ich in einem Schachforum, dass Kasparov es genau umgekehrt machte.

Auf dem Foto übrigens das “zweite” Remis zwischen Anand und Kasparov. Einige Züge zuvor hatten sie bereits remis vereinbart und begannen zu analysieren, der Schiedsrichter griff ein da Remis vor dem 30. Zug verboten ist! Es war Schnellschach, also hatten sie nicht notiert – brav machten sie noch ein paar Züge, tauschten die Türme und vereinbarten mit nun nur noch ungleichfarbigen Läufern erneut remis.

Danach noch mehr Gesprächsbedarf, Anand dazu “hinterher quatschten wir miteinander wie Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg” – soooo alt sind sie nun auch wieder nicht, auch den Zweiten Weltkrieg kennen sie nur aus dem Geschichtsunterricht und/oder anderen Quellen.

Nach Tag zwei kann man Zwischenbilanz ziehen: Nepomniachtchi 8/12, Caruana, Le Quang Liem, Aronian, Nakamura 7, Dominguez 6, Anand, Karjakin, Kasparov 5, Navara 3. Chess.com schrieb wieder vor allem zu Kasparov – Nepomniachtchi wurde erwähnt (auch im Titel) da er Kasparov besiegte. Dann zu drei von vier Spielern mit 7/12 – Aronian ist weder Amerikaner noch studiert er (wie Le Quang Liem) in den USA, also wird er ignoriert. Gut, ich übertreibe da etwas – Aronians Niederlage gegen LQL wurde erwähnt, nur sein Sieg gegen Caruana wurde ignoriert.

Tag drei war dann der Tag von Levon Aronian – und auch von David Navara, aber der hatte zu viel Nachholbedarf.

Zu Runde 7 wieder zunächst die Remisen: Nakamura-Dominguez und LQL-Anand nicht unbedingt der Rede wert, Caruana-Nepomniachtchi nach schwarzem Figurenopfer das dann zu Dauerschach führte (nicht mehr und nicht weniger).

Karjakin-Aronian 0-1: Aronians Initiative im Mittelspiel führte zu einem Endspiel mit zwei Figuren gegen Turm, das er dann sauber verwertete. Dann war da noch das Kellerduell Kasparov-Navara, die sich zuvor gleich zweimal begrüssten:

Da wussten sie noch nicht, was in ihrer Partie geschehen sollte, das nächste Foto zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt ebendieser:

Hier hatte Navara bereits Gegenspiel, zuvor sah es nach einer weiteren glatten Niederlage aus – auch wenn Kasparov seine Uhr noch nicht wieder angezogen hatte. Caro-Kann beantwortete Kasparov mit der Vorstossvariante und dann dem Bauernopfer 9.f5 exf5 10.g5 um den schwarzen Lg6 lebendig zu begraben. Das war aggressiv, der weitere Verlauf wurde dann als “Positionspartie im Stile Karpovs” bezeichnet – bis zu einem gewissen Zeitpunkt, am Ende wurde es Kasparov-Navara 0-1!. Warum?

Meine – nicht ernst gemeinte – These ist: Kasparov wollte nur remis, nachdem er klar besser stand dachte er “nun muss ich ein paar Fehler machen” und machte einen zu viel. Fragwürdig bzw. kritikwürdig war erstmals 34.Sd3?!, was den Lg6 aus der Haft entlässt – viel besser war hier 34.e6, was zuvor bereits mehrfach ging. Aber Navara verpasste die erste Chance, 35.-f4 zu spielen, stattdessen setzte er (auf dem Foto ist es soweit) auf Gegenspiel mit seinem h-Freibauern. Objektiv unzureichend, wenn Kasparov statt 37.Ke3? 37.Kc3 gespielt hätte, was 37.-Tc2 (beobachtet den auf dem Foto gerade so sichtbaren weissen c-Freibauern) nicht erlaubt. Dann kam 38.e6 – zu spät! Nach 38.-h3 war auch dieser Bauer gefährlich, nach (nun doch) 39.-f4+ der Lg6 reaktiviert. Das (nun) logische Partieende wäre nach beiderseitiger Bauernumwandlung weisses Dauerschach, aber Kasparov spielte 49.Sc6+?? – Navara war nun nicht höflich (49.-Kd6 50.Dd7#) sondern spielte unhöflich 49.-Dxc6+!: die Falle, die er einige Züge zuvor bereits gesehen hatte, schnappte zu! Die Dame bekam er zurück, egal ob Weiss 50.Kxc6 oder wie in der Partie 50.Dxc6 spielt – übrig bleibt ein für Schwarz gewonnenes Bauernendspiel.

Zu Runde 8 wurde auch eine Partie ohne Kasparov fotografiert, und das gleich doppelt:

Nepomniachtchi-Karjakin 1/2 (links von Lennart Ootes, rechts von Austin Fuller). Gute Laune unter Freunden vor der Partie – vertauschte Farben im Vergleich zur eingangs gezeigten Blitzpartie (Ergebnis und Notation nicht überliefert). Dann wurde es ernst und endete friedlich: Najdorf-Sizilianisch, Weiss griff an, Schwarz verteidigte und stand im Prinzip besser – aber Weiss hatte dann 26.Txg7+ nebst Dauerschach.

Eher weniger los in den beiden anderen Remispartien Aronian-Nakamura (manchmal aber nicht immer Spektakel, heute nicht) und Anand-Caruana. Navara-Dominguez 0-1 – nun verlor der Tscheche wieder glatt mit Weiss. Dann war da noch

Kasparov – Le Quang Liem 1-0 (Foto Austin Fuller), ein Schnellschach-Meisterwerk des Kroaten (ja, Kasparov spielte unter kroatischer Flagge). Es begann mit 14.Dc2! und 15.Sd4! – die Ausrufezeichen nicht für die Züge an sich, sondern für die Tatsache, dass Kasparov dafür (wobei es bereits gespielt wurde) 7 und nochmals 8 1/2 Minuten ver(sch)wendete. So hatte er viel weniger Zeit auf der Uhr, was den Vietnamesen später dazu bewegte, in ausgeglichener Stellung Zugwiederholungen zu vermeiden. In diesem Sinne spielte er nicht 40.-Te6 sondern 40.-Te8, und die Falle schnappte zu: 41.Lxe8!!! 1-0 – Le Quang Liem hatte einfach so einen Turm eingestellt. Das war tiefe Kreativität von Kasparov, Ave Garry Halleluja!

Spass beiseite: Kasparovs Bedenkzeit-Einteilung hatte sicher damit zu tun, dass er sich von der Partie gegen Navara noch nicht erholt hatte. Und natürlich war der Sieg, milde ausgedrückt, glücklich. So (nur so) gewann er eine Partie und konnte sich darüber selbst nicht freuen.

Auch das war für Austin Fuller ein Fotomotiv.

Stand vor der Schlussrunde im Schnellturnier: Aronian und Nepomniachtchi 10/16, Caruana, Nakamura, Dominguez 9, Le Quang Liem 8, Kasparov und Anand 7, Karjakin 6, Navara 5. Da die Abstände klein sind und da alle(!) Partien der letzten Runde Sieger und Verlierer hatten, wurde das Feld nochmals neu sortiert.

Runde 9 sortiere ich nach Tabellenplatz hinterher des Siegers: Aronian-Dominguez 1-0 – aus einem Spanier (Anti-Marshall) heraus erreichte Aronian ein besseres Turmendspiel, das er dann verwertete.

Caruana-Kasparov 1-0 – schon wieder kein Remis für Kasparov. Auf dem Foto frustriert ihn (1.e4 c5 2.Sf3 d6) 3.Lb5+, später frustrierten ihn wohl Ungenauigkeiten im Endspiel – genug davon um die Partie zu verlieren.

Nakamura-Nepomniachtchi 1-0 war aus Sicht des Verlierers ebenso unnötig wie manche andere Niederlagen. Lange war er am Drücker, wenn auch ohne entscheidend besser zu stehen. Dann spielte er zu lange auf Gewinn, 52.-Ke4 war im Nachhinein der Anfang vom Ende – hier konnte er eine Zugwiederholung anstreben und wich ab. Später war das Endspiel mit für ihn Minusqualität immer noch remis, aber nun hatte nur er Verlustchancen und verlor letztendlich.

Soweit die für die vorderen Plätze relevanten Partien, dann war da noch Karjakin-Anand 1-0 – bei figurenmässig reduziertem Material (beide noch Dame, zwei Türme und eine Leichtfigur) wurde ab dem 30. Zug auch was Bauern betrifft aufgeräumt. Nach 37 Zügen konnte und musste Schwarz aufgeben, da die weissen Schwerfiguren nun sehr aktiv standen – so hatte Anand nur noch die Wahl zwischen Matt oder Materialverlust und wollte weder das eine noch das andere. So landete der Vize-Weltmeister noch vor seinem Vorgänger, der bereits mal Weltmeister war. Und

Le Quang Liem – Navara 0-1 – Schwarz gewann ein verlorenes Turmendspiel und teilte so den letzten Platz mit zwei Ex-Weltmeistern.

Noch zwei Fotos vor den abschliessenden Galerien:

Dieses Foto nicht von Lennart Ootes sondern von Austin Fuller, der neben Hikaru Nakamura auch Lennart Ootes fotografierte.

Aronian war natürlich gerne zu Interviews bereit – auch chess.com konnte ihn nicht mehr ignorieren und wählte als Titel des Abschlussberichts zunächst “Aronian Leads After Rapid” und erst nach einem Semikolon noch “Dramatic 3rd Day For Kasparov”.

Und nun noch alle Spieler individuell fotografiert, einige mehrfach:

Kasparov in verschiedenen Posen, Karjakin und Navara einmal mit und einmal ohne Jackett. Preisfrage: gegen wen wird Caruana gleich spielen?

Wie geht es weiter? Natürlich mit dem Blitzturnier, das bereits begonnen hat. Da kann das Feld wieder durcheinander gewürfelt werden, zumal es noch recht dicht beieinander liegt.

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5 thoughts on “Aronian Schnellschach-Sieger in Saint Louis, Kasparov spielt da auch

  1. Grüezi mitenand
    Ich versteh gar nicht, warum der Richter Thomas bei euch immer so angegriffen wird? Der schreibt doch unterhaltsam, vor allem redet er Klartext. Und er scheut sich auch nicht, offensichtliche Missstände zu benennen. Im Schachssport muss das doch noch möglich sein, in der Politik wird das ja meist durch die L-Presse unterdrückt. Für unser Presseorgan hätten wir gern einen so aufrechten Redaktor wie den Richter Thomas. Weiter so!
    Rechtsschaffene Grüße aus der schönen Eidgenossenschaft
    Simon Bauernfeind

  2. Liebe Schachfreundin W. Schmid,
    steht das W. vielleicht für Waltraud?
    Mir als Mann ist es nicht egal, wenn gegen Frauen gehetzt wird.
    Auch ist es mir nicht egal, wenn verdienten Schach- Senioren nicht genügend Respekt entgegen gebracht wird.
    Falls Sie also solche Texte irgendwo entdecken, teilen Sie es mir bitte mit, ich unterstütze Sie.

  3. Lieber Schachfreund Schmid,
    Offenbar gehören sie auch zu denjenigen, für die zu manchen Spielern (neben Kasparov und Hou Yifan bei anderen auch Carlsen) alles ausser Jubelarien mangelnder Respekt oder gar Hetze ist. Ins Lächerliche wollte ich eher den ganzen Hype um Kasparov ziehen, selbst IM Ligterink bezeichnete in seiner niederländischen Zeitungskolumne (wo er sonst nicht unbedingt schreibt was “das Publikum” vermeintlich lesen will) Sinquefield Cup mit klassischer Bedenkzeit allen Ernstes als Vorspeise zu Schnell- und Blitzschach mit Kasparov.
    Die Bemerkungen zu Kasparovs Partien gegen Navara und Le Quang Liem waren ‘Klartext’: Gegen Navara hat er nun einmal eine Gewinnstellung systematisch vergeigt (und das zählt am Ende). Gegen Le Quang Liem stehe ich dazu, dass Kasparovs an sich fragwürdige Bedenkzeit-Einteilung im höheren Sinne Ursache für den absurden gegnerischen Fehler war.
    Wenn (Stand nach dem Schnellturnier) Letzter punktgleich mit einem Aussenseiter und einem formschwachen Weltklassespieler bereits toll ist, dann konnte Kasparov nichts falsch machen – es sei denn ein Auftritt wie Jobava in Leuven. Erwartungen vor dem Turnier (auch seine eigenen) waren wohl höher. Anand, auch nicht mehr der Jüngste, hatte ja durchaus erfolgreich beim Sinquefield Cup gespielt und war nun zu Turnierbeginn vielleicht bereits erschöpft oder jedenfalls nicht mehr frisch.
    Blitzturnier kommt noch separat, ein Eindruck vorab: Am zweiten (insgesamt fünften) Tag konnte Kasparov endlich befreit aufspielen – der Druck den er zuvor fühlte bzw. sich selbst auflegte war weg. Anand wollte dagegen das Turnier nur noch irgendwie beenden – für ihn kommen vielleicht wieder bessere Tage/Turniere, während Kasparov sich nun wieder in den Ruhestand verabschiedet.

  4. Das sehe ich ebenso, lieber Wolfgang Pähtz. Warum der Schreiberling jetzt meint, Kasparov ins Lächerliche ziehen zu müssen, verstehe ich nicht. Wenn er gegen Frauen hetzt, ist mir das egal, schließlich bin ich keine. Aber verdiente Schach-Senioren wie Garri Kasparov sollte man wirklich mit etwas mehr Respekt behandeln!
    W. Schmid

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