JULIA MÄTZKOW: Mein Choszczno-Tagebuch

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Sonntag, den 23. Juli 2017

Wir machen uns auf nach Choszczno (deutsch Arnswalde). Das ist eine polnische Stadt in der polnischen Woiwodschaft Westpommern mit etwa 16.000 Einwohnern. Der Wettergott will anscheinend nicht, dass wir dort hinfahren, da er einen Regen auf uns niederlässt. Es schüttet jedenfalls aus allen Eimern, sodass wir auf der Autobahn nur in Schritttempo fahren können. Als wir endlich da sind, lachte uns die Sonne in ihren schönsten Farben an und das Sporthotel, in dem wir untergebrachten waren, strahlt in seinem satten Gelb zurück.

Die polnische Gastfreundlichkeit ist unübertrefflich. Obwohl wir erst nicht das richtige Hotel finden und zu einem anderen fahren, in dem leider keiner Deutsch oder Englisch verstand. Aber was erwartet man auch? In den Tiefen des Landes muss man doch keine Fremdsprache beherrschen. Wann kommt da auch jemals ein Fremder vorbei? Doch es geht mit Händen und Füßen. Irgendwie verstehen wir dann doch zumindest das Meiste. Wir sind einfach nicht weit genug gefahren. Das Hotel dahinter ist doch das Ziel. Dort treffen wir die beiden anderen Deutschen: Peter Harbach (der ein starkes Turnier spielen wird) und Ulrich Fitzke aus Berlin.

Montag, den 24. Juli 2017

Ich habe spielfrei. Gleich die erste Runde. Ärgerlich! Und das neunrundige Turnier sieht an diesem Tag leider auch nur eine Partie zum Aufwärmen vor. Doch dies soll kein Hindernis sein, ich habe ja ein Buch mitgenommen, in dem ich den Tag über versinken kann. Mein Bruder Maximilian hat seine Partie pflichtbewusst gewonnen, genauso wie die anderen beiden Deutschen. Dies ist ein guter Auftakt für die kleine deutsche Delegation, abgesehen davon, dass ich am Vortag feststellen musste, dass ich meine Zahnbürste vergessen habe. So ist am Nachmittag leider shoppen angesagt.

Auf dem Weg in die Stadt haben sich meine Eltern genauestens über die örtlichen Gedenkstatuen informieren. So kamen wir u.a. an einem Gedenkstein für die Opfer unter dem Stalinistischen Terrors, einem monumentalen Abbild des ersten polnischen Papstes Johannes Paul II (er amtierte 26 Jahre von 1978-2005), einem Friedhof für die gefallenen russischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs vorüber.

Dienstag, den 25. Juli 2017

Endlich mein erstes Spiel! Jedoch scheint es nicht mein Tag zu sein. Eine Niederlage folgt auf die nächste. Die beiden Partien habe ich erbärmlich gespielt, wie ich bei der Auswertung feststellen musste. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Bei meinem Bruder und dem Berliner Ulrich Fitze kommen die Gegner erst gar nicht aus Furcht oder doch aufgrund der Zeitumstellung. Die Beiden Weißrussen (der Gegner von Ulrich war IM und wollte seine Leistung anerkannt haben) diskutierten noch mit dem Schiedsrichter, doch dieser ließ es ihnen nicht durchgehen. Aber kampflos gewonnene Partie machen natürlich eine Freude …

Am Abend sitze ich mit meinem Bruder im Gemeinschaftsraum. Ein großer, älterer, gebrechlich aussehender Mann kommt vorbei und versucht mir verzweifelt. irgendetwas auf Polnisch zu erklären. Doch ich bin der Sprache nicht mächtig. Wie soll ich ihn nur verstehen? Er gestikuliert wild mit den Händen. Dann verschwindet er plötzlich, wie aus dem Nichts. Doch nach ca. zehn Minuten taucht er wieder mit einem Begleiter auf, der den Breitbildfernseher, anschaltet der fast die halbe Wand bedeckt. Ach, das war also sein Anliegen! Wie schön man doch aneinande vorbei reden kann.

Mittwoch, der 26. Juli 2017

Am dritten Spieltag endlich ein Sieg. Beflügelt wie noch nie, gehe ich am Nachmittag in das Blitzturnier. Mir ist vorher klar gewesen, dass ich keinen besonders guten Platz belegen werde, da mir beim Blitzen viel zu wenig Zeit zur Verfügung steht. Erst recht, wenn ich laut Reglement nur noch drei Minuten und zwei Sekunden Bonus pro Zug habe.

Vor dem Spiel

Der IM hat heute erneut verloren. Das Turnier scheint für ihn genauso schlecht zu laufen wie bei mir, denn er hat nun genauso viele Punkte wie ich. Doch das Blitzturnier hat er gewonnen. Hinter ihm auf Rang zwei sein Landsmann aus Weißrussland mit dem er sich das Preisgeld teilt, und mein Bruder auf Platz 3. Ulrich Fitzke schaffte es noch unter die ersten 10.

Am Abend geselle ich mich zu einer Gruppe aus Polen, die sich gerade die Nachrichten anschauen. Ich verstehe zwar kein Wort, bin aber von der schnellen zischenden Sprache verzaubert. Die Nachrichtensprecher erzählen in einer Geschwindigkeit, die mir den Atem raubt.

„Rozumiesz Polski?”, fragte der Schachspieler neben mir. Natürlich nicht, aber die Bilder sind so schön. Die Frau neben ihm bemerkt, dass ich nicht antworten kann und übersetz: „Sprichst du Polnisch?” Eine Antwort wäre völlig überflüssig gewesen, da jeder eindeutig verstanden hat, das ich nichts verstehe. Nachdem sie gegangen ist, traut sich auch der kleine Schachspieler Deutsch zu sprechen. Abgehackt erklärt er mir, er hätte vor 20 Jahren in der Schule Deutsch gehabt, aber das sei so lange her. Genauso lange, wie ich alt bin, stellen wir lachend fest.

Es kommt ein weiterer Schachspieler dazu der auch einige Deutschkenntnisse hat. Er erklärt voller stolz: „Mein Professor!” Ich kam mir ziemlich blöd vor, da es so schien, als ob alle meine Muttersprache beherschen und ich nur „dzień dobry”, „dziękuję” und ganz wichtig „Gdzie jest toaleta” kann. Schon erstaunlich, wie viel man doch in der Schule lernen kann.

Donnerstag, den 27. Juli 2017

Und heute muss ich mich wieder mit einer Niederlage zufrieden geben. Völlig unnötig, was ich da schon wieder angestellt habe. Eine tot remise Stellung ist auf dem Brett, aber ich verdaddele sie noch. Doch mein Gegner ist in seinem Verhalten sehr zuvorkommend, da kann sich so mancher Schachfreund eine Scheibe von abschneiden.

Gott sei Dank gab es noch eine zweite Partie, die ich gewinne. So bessert sich meine Laune ein wenig. Trotzdem hat der IM immer noch nur genauso viele Punkte, wie ich, da er gegen den über sich herauswachsenden Peter Harbach verliert. Der schafft es, eine völlig aussichtslose Stellung durch geschickte Tricks und Manöver so zu verbessern, dass dem IM nichts bleibt, als nur noch aufzugeben. Trotzdem behält er sein Lächeln bei und ist tags darauf wieder kampfbereit für die nächste Schlacht. Hut ab vor dem Mann, weil er nicht einfach abreist, obwohl es für ihn überhaupt nicht läuft.

Schon seit Tagen habe ich nicht mehr viel Sport betrieben. Es heißt doch, dass Körper und Geist im Einklang stehen müssen. Aus diesem Grund gehe ich mit meinem Bruder nach den Spielen auf den Fußballplatz.

Hurra ein Tor! Hurra gehalten! Hurra ein Kunststück! Hurra ein Fallrückzieher!

Hurra der Ball ist hinter dem Zaun…

Hinter dem hohen Zaun aus Eisenstangen, direkt in den Brennnesseln, die schon so hoch gewachsen sind, dass sie die Kopfhöhe eines Mannes erreicht haben. Wie bekommen wir nur unseren Ball aus diesem Sumpf aus Nesseln wieder heraus? Über den Zaun klettern? Ein Stock? Gibt es eine Tür? Nichts hilft. Wie den neuen Ball wieder zurückbekommen? Wie den Eltern das Missgeschick erklären? Ich gehe zur Rezeption und erklärte der Angestellten meine Lage auf Englisch. Als ich fertig war, antwortet sie mir, dass sie Deutsch verstehe, aber kein Englisch. Also nochmal das Ganze auf Deutsch. Doch sie versteht nicht, was ich will und sagt nur immer wieder: „piłkarski“ und zeigte auf einen Fußball, den sie mir in die Hand drücken will. Doch ich habe doch ein ganz anderes Problem. Dann nimmt sie ihr Handy heraus und stellt in Google den Übersetzer Deutsch-Polnisch ein. „Ist der Ball vom Balkon gefallen?“, steht da. Da auch dieser Kommunikationsversuch fehlschlägt, schreibt ich nur, dass ich ihr mein Problem zeigen soll. Sie folgt mir und stellte weiter Fragen auf Polnisch. Dann sind wir vor Ort und sie deuten mir an, auf sie zu warten. Nach schier unendlichen zehn Minuten Wartezeit kommt sie mit einem Mann in einem hoch professionell gekleideten Fußballdress zurück. Der kennt ein Loch im Zaun. Problem gelöst: Hurra, der Ball ist wieder meiner!!!

Freitag, den 28. Juli 2017

Heute gibt es auch nur eine Runde am Vormittag. Mein Bruder ist derzeit auf Platz 2 hinter dem FM Jerzy Kot, dem er sich leider als einzigen Gegner geschlagen geben muss. Bis jetzt hat Maximilian 5,5 Punkten aus 7 Spielen. Der polnische FIDE-Meister kann jedoch in dieser Partie auch nur ein Remis gegen den Schachfreund aus Weißrussland erringen, baut aber trotzdem seine Führung mit 6,5 aus 7 weiter aus.

Ulrich Fitzke muss zum zweiten Mal gegen den IM aus Weißrussland spielen, was ihn sehr verwundert, da sein Kontrahent zum ersten Spiel nicht erschienen war und er so kampflos gewonnen hatte. In der Eröffnung überrennt der IM ihn dann leider. Ulrich sagt dazu nur: „Der IM ist zwar besser als ich, aber besser als Peter Harbach ist er trotzdem nicht.“

Peter Harbach spielte gegen eine leicht aufbrausende Frau. Sie ist mir schon am ersten Spieltag aufgefallen, weil sie sich ausgiebig über ihren Sieg gefreut hatte. Richtig sympathisch, dachte ich mir damals noch, endlich mal jemand, der das Spiel lebt. Doch schon am zweiten Tag musste ich meine Meinung über sie ändern. Sie diskutierte ständig. Beim Blitzen setzte sie dann dem Ganzen noch eine Krone auf, da sie gegen Ulrich Fitzke einfach mit dessen König auf dem Brett zog. Diesen unmöglichen Zug sah der Schiedsrichter und erklärte die Partie für Ulrich als gewonnen. Darauf diskutierte sie wieder. Doch die Regeln sind eindeutig. Nun hätten sich natürlich alle gefreut, wenn Peter gegen sie gewonnen hätte, doch ihr Jubelschrei über drei Tische hinweg, ließ keine gute Vorahnung aufkommen.

Am Nachmittag gehe ich mit Ulrich Fitzke um den See. Er wollte noch Postkarten an Familie und Freunde kaufen. Das ist eine schöne Geste, die viele längst vergessen haben. Auch wenn es nur ein Stückchen Papier ist, freut man sich doch tierisch von einem Lieben eine Nachricht aus dem Urlaub zu erhalten. In der Stadt angekommen, zeigt er mir noch ein Denkmal für Polens 13 beste Radsportler und einen Gedenkstein für die Offiziere, die in einem örtlichen Konzentrationslager der NSDAP leben mussten. Auch am übermächtigen Denkmal des polnischen Papstes gingen wir vorbei. Ulrich erzählt mir, dass Johannes Paul II einer der politischsten Päpste war, die es je gegeben hat. Er setzte sich, als erster slawischer Papst für die Unabhängigkeit Polens vom Sozialismus ein. Zeitgleich suchen wir nach Postkarten, dies schien eine unlösbare Aufgabe, da im Postamt nur Briefmarken verkauft werden und der einzige Laden, der Postkarten verkauft, bereit geschlossen hat. Wir fragen eine Dame, die unsere ratlosen Gesichter vor dem Laden beobachtet hatte, doch sie versteht nicht so recht, was wir wollen. Sie zeigt in Richtung Postamt. Aber da gibt es doch nur Briefmarken? Na ja, wir machen uns trotzdem nochmals auf den Weg. Und tatsächlich, Postkarten konnte man hier ebenfalls kaufen. Als Dank für unsere Suche nach Postkarten kommen wir zu spät zum Abendbrot und werden mit strafenden Blicken und den Resten gestraft …

Sonnabend, den 29. Juli 2017

Am Vormittag steht ein Schnellschachturnier auf dem Programm, an dem ich allerdings nicht teilnehme. Ich will lieber die Zeit nutzen, um mir die Natur anzuschauen. Der Wanderweg um den See ist wunderschön. Schwäne, Enten begegnen einem auf dem Weg. Angler warten geduldig am Ufer auf den größten Karpfen. Jogger versuchen ihre Bestzeiten auszubauen. Fahrradfahrer rasen an einem vorbei. Familien zeigen ihren Jüngsten das Leben, um sie herum. Im Schilf verstecken sich die Vögel. Käfer der verschiedensten Art überqueren den Weg zum Gehölz. Ich komme zurück aus der Bruchwaldzone und erfahre, dass der IM vor dem FM das Turnier gewonnen hat, obwohl er gegen den FM verloren hatte. Beide haben je sechs Punkte erstritten, doch der IM hat die etwas bessere Zweitwertung. Peter Harbach belegte den 28. Platz und Ulrich Fitzke Rang 14.

Sonntag, den 30. Juli 2017

Die letzte Runde, wurde den Deutschen gesagt, würde schon um 8:30 Uhr gestartet. Pflichtbewusst versammeln wir uns vor dem Spielsaal, doch kein Gegner, kein Schiedsrichter ist da und der Spielsaal ist auch noch abgeschlossen. Ein schöner Salat, wollten wir nicht extra früher anfangen, sodass die Siegerehrung schon um 14 Uhr stattfinden kann?

Doch langsam trudelt auch der Schiedsrichter ein, und die polnischen Gastgeber kommen aus der Raucherecke, als sich herausstellt, dass es ein Missverständnis gab und 9:30 Uhr gemeint war.

Ich habe meine Partie zwar gewonnen, aber zwischenzeitlich tat mir der Gegner richtig leid. Die übergroßen Augen schauten ganz traurig über die Tischkante als er feststellte, dass er einen schlechten Zug gemacht hatte. Ich hätte ihm am liebsten angeboten, seinen Zug zurückzunehmen, aber so sind nun mal nicht die Regeln.

Gegen den Sieger des Turniers, Jerzy Kot (8,5/9), wollte mein Bruder noch eine Partie Blitz spielen bevor die Siegerehrung anfing. Aber der hat ihn nicht verstanden und wollte KRZYSZTOF DŁUŻYŃSKI, der immer als Sprachvermittler zur Seite stand, fragen, was ihm der junge Mann wohl mitteilen wollte. Krzysztof ist aber in ein anderes Gespräch vertieft gewesen und konnte nicht gleich zur Hilfe eilen. Als er nun doch Zeit gefunden hat. Blitzen die beiden schon geschlagene zehn Minuten miteinander.

Den zweiten Platz belegt Artiomem  Narovem (7/0) aus Weißrussland, gleich dahinter folgt auf Rang 3 mein Bruder Maximilian (6.5/9) . Ich selbst werde drittbestes Mädchen. Dies und viele weitere Informationen kann man bei unseren polnischen Schachfreunden auf http://www.choszczno.pl/content/view/5430/1/ nachlesen.

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One thought on “JULIA MÄTZKOW: Mein Choszczno-Tagebuch

  1. Vielen herzlichen Dank , Julia, für Deine Berichte aus unseren Schach-Festival in Choszczno. Die Teilnahme von der ganzen Gruppe aus Deutschland hat uns, polnischen Organisatoren, viel Freude gebracht. Wir hoffen, daß Ihr wieder nach Choszczno kommt, so oft wie es nur möglich wird. Schöne Grüße aus Choszczno

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