Aronian dominiert in Saint Louis

Da Levon Aronian bereits das Titelbild zum letzten Bericht (nach drei Tagen Schnellschach) hatte und da ein anderer das Blitzturnier gewann – allerdings zuviel Nachholbedarf hatte um ganz vorne zu landen – zeige ich Aronian nun eingangs gemeinsam mit Karjakin. Alle Fotos wieder ab Turnierseite über Flickr, die meisten von Lennart Ootes, einige (dann gekennzeichnet) von Austin Fuller.

Den Endstand bringe ich doppelt, erst  ingesamt und dann noch einmal aufgebröselt. Untertitel dieses Beitrags wären „Karjakin dreht auf im Blitz“ und „Kasparov hat noch einen guten Tag“. Das kam insgesamt dabei heraus: Aronian 24.5/36, Karjakin und Nakamura 21.5, Nepomniachtchi 20, Caruana, Dominguez, Le Quang Liem 16.5, Kasparov 16, Anand 14, Navara 13. Aronian stand zwei Runden vor Schluss bereits als Turniersieger fest, spannend war – schon zuvor – nur noch der Kampf um Platz zwei (am Ende totes Rennen) und am Ende, wer alles Platz fünf teilen würde.

Und nun dasselbe aufgebröselt nach Schnell- und Blitzschach, und da noch in Klammern der erste und der zweite Tag: Aronian 12/18+12.5/18 (6.5/9+6/9), Karjakin 8/18+13.5/18 (8/9+5.5/9), Nakamura 11/18+10.5/18 (5.5+5), Nepomniachtchi 10/18+10/18 (5+5), Caruana 11/18+5.5/18 (3.5+2), Dominguez 9/18+7.5/18 (3+4.5), Le Quang Liem 8/18+8/18 (3.5+4.5), Kasparov 7/18+9/18 (3.5+5.5), Anand 7/18+7/18 (3.5+3.5), Navara 7/18+6/18 (2.5+3.5).

Rapid

Aronian und Nakamura ziemlich konstant, Nepomniachtchi und Anand am aller-konstantesten. Anand ist darauf aber wohl nicht stolz, und Nakamura sagte hinterher, dass Nepomniachtchi „nicht konstant genug“ war. Das bezieht sich dann auf die Blitztage „Runde für Runde“: am ersten Tag zuerst Remis gegen Anand (der eben viel remisierte und daneben mehr verlor als gewann) und Kasparov, dann Siege gegen Dominguez und Navara, dann Niederlagen gegen (an diesem Tag) Super-Karjakin und Aronian, usw. .

Am instabilsten Karjakin und Caruana. Karjakin hatte nach mässigem Schnell- ein Super-Blitzturnier, Caruana ist ohnehin kein guter Blitzer und das zeigte sich vor allem am zweiten (bzw. insgesamt fünften und letzten) Tag. Navara landete erwartungsgemäss am Tabellenende, wobei er zu Beginn des zweiten Blitztages immerhin Aronian und Karjakin besiegte. Um noch auf zwei Spieler einzugehen: Dominguez und Le Quang Liem waren beide mal Blitz-Weltmeister, 2008 bzw. 2013, nun erzielten sie am zweiten, aber nur am zweiten Tag immerhin 50% in diesem Feld. Von den anderen Blitz-Weltmeistern überzeugten Karjakin (2016) und Aronian (2010, also auch im Prinzip „verjährt“) voll; die anderen seit 2006 – Grischuk (dreimal), Carlsen (zweimal) und Ivanchuk (2007) – waren nicht dabei. Von den Schnellschach-Weltmeistern seit 2012 nur Karjakin, der in dieser Disziplin diesmal nicht überzeugte – die ehemaligen Vize-Weltmeister Caruana und Nepomniachtchi machten es besser.

Nach so vielen Daten nun zum gespielten Schach, wobei ich nur einige Partien und Momente auswähle, die/der erste gleich in Runde 1 des Blitzturniers:

Kasparov-Karjakin 0-1 1/2: Kasparov entkorkte 1.e4 e5 2.f4!? exf4 3.Sc3?!. Auf der Uhr war er damit erfolgreich – Stand hier 5:00-3:56, da Karjakin für 3.-Dh4+ 4.Ke2 (muss sein) 4.-Dd8!? bereits eine Minute investierte. Auf dem Brett wurde es ein Fiasko – oder darf man etwas, das stimmt, zu ehemaligen Weltklassespielern und „verdienten Senioren“ nicht schreiben? Dann rettete Kasparov die Situation auf der Uhr, da Karjakin mit Sekunden Restbedenkzeit nicht das richtige Schachgebot fand, um seinen klaren Vorteil zu verwerten.

Karjakin hatte danach einen Lauf und meinte am Ende des Tages im Interview „aber es stört mich, dass ich gegen Garry nicht gewonnen habe“ – 8,5/9 war drin für ihn! In einigen Partien hatte er durchaus Glück: Navara liess sich einzügig mattsetzen – diesmal nicht da es unvermeidlich war und er dem Gegner gönnte, es auf dem Brett zu zeigen, sondern weil er in einem ausgeglichenen Damenendspiel einmal nicht aufpasste. Le Quang Liem verlor in Gewinnstellung die Übersicht, Te3 war gleich zweimal falsch: 44.Te3 kostete einen halben Punkt, 50.Te3 ebenfalls. Zum Drama in Runde 9 gegen Anand komme ich noch. Andere Partien dagegen relativ glatt, u.a. ein Sturmsieg mit Schwarz gegen Caruana – nach 26 Zügen war Schluss. Nur Aronian erzielte gegen Karjakin ein (korrektes) Remis.

Dieses Foto aus Runde zwei ist recht harmlos – Schiedsrichter Chris Bird bestätigt das Remis zwischen Caruana und Anand. Aber in Runde drei machte Anand, diesmal gegen Nakamura, wieder einfach so remis – obwohl nur 28 Züge gespielt waren und die Stellung erst einmal wiederholt wurde. Das geht nicht, Remisverbot vor dem 30. Zug – auch in Blitzpartien! Schiedsrichter griffen ein, es gab Diskussionen, einer am Nachbarbrett war ’not amused‘:

Garry Kasparov, dessen Partie am Nachbarbrett gegen Caruana noch lief – später verlor er. In dieser dritten Runde konnte so nur Anand mit Weiss gegen Nakamura remis halten, ansonsten vier Schwarzsiege (u.a. da Navara gegen Karjakin patzte, aber das hatten wir bereits).

Bird (dieses Foto – andere Kleidung – vom zweiten Tag des Blitzturniers) stand oft im Mittelpunkt – nicht weil 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sd4!? gespielt wurde, auch nicht weil – wie zuletzt beim Xtracon Open – ein Vogel im Turniersaal auftauchte, sondern weil die Schiedsrichter viel zu tun hatten. Schon einmal (im Schnellturnier) mussten sie regelkonform eingreifen, da Spieler vor dem 30. Zug einfach so remis vereinbarten.

Zwei andere Fälle sind eher nachvollziehbar: In Runde 2 beendete Bird die Partie Aronian-Navara aufgrund der 75 Züge Regel – nach 50 Zügen ohne Bauernzüge oder Figurentausch kann ein Spieler remis reklamieren, nach 75 Zügen kann und muss ein Schiedsrichter eingreifen. Beide hatten natürlich nicht mitgeschrieben, aber Chris Bird sah die Liveübertragung und handelte nach insgesamt 83 Zügen – die Liveübertragung war etwas verzögert, und er brauchte einige Sekunden von seinem Computer bis ans Brett während weiter geblitzt wurde. Auf dem Brett war ein Endspiel, das offenbar erstmals in Timman-Velimirovic 1-0, Interzonenturnier 1979 auf einem Schachbrett erschien – zuvor 1949 in einem Endspielbuch von Cheron, danach noch mehrfach auf GM-Niveau. 1979 gab es noch keine Tablebases und Partien wurden noch abgebrochen – mit Hilfe seines Sekundanten Ulf Andersson gewann Timman damals. Nun war dieses Endspiel (Weiss: Turm und Bauer auf h4/Schwarz: weissfeldriger Läufer und Bauer auf h5) mal laut Tablebases remis, dann wieder für Weiss (Aronian) gewonnen, dann wieder remis. Auch Grossmeister beherrschen es, obwohl es erstaunlich oft vorkommt (in dieser oder analogen Versionen), offenbar nicht – oder die Technik ist zu kompliziert, um sie mit Sekunden auf der Uhr korrekt anzuwenden (für beide).

In Runde 9 reklamierte Anand gegen Karjakin dreimalige Zugwiederholung, allerdings auf die falsche Weise – nachdem er 57.-Ta4 gespielt hatte, man muss es vorher machen. Also wurde weitergespielt. Karjakin spielte 58.Kb3, wieder dreimalige Zugwiederholung, Anand hätte erneut und nun erfolgreich reklamieren können (mit oder ohne zu sagen „ich ziehe nun 58.-Ta1“), stattdessen spielte er 58.-Txh4?? und das Turmendspiel war verloren. Karjakin stand früh glatt auf Gewinn, seine Technik war – milde ausgedrückt – suboptimal, es war wieder ausgeglichen und am Ende gewann er doch.

Ein Bühnenfoto aus Runde fünf (von Austin Fuller), wieder mit Chris Bird. Auch in dieser Runde vier Schwarzsiege, nur einer bzw. zwei machten da nicht mit: Karjakin-Nepomniachtchi 1-0. Nur noch eine Partie erwähne ich:

Kasparov und Anand im Partnerlook, vor ihrem zweiten von drei Remisen in diesem Turnier.

Lennart Ootes fotografierte auch die Arbeitsbedingungen für Fotografen die nicht, wie er als offizieller Fotograf, Zugang zur Bühne hatten.

Zwischenstand nach dem ersten Tag des Blitzturniers und insgesamt vier von fünf Tagen: Aronian 18.5/27, Nakamura 16.5, Karjakin 16, Nepomniachtchi 15, Caruana 14.5, Dominguez und Le Quang Liem 12, Anand und Kasparov 10.5, Navara 9.5. Die amerikanischen Livekommentatoren hatten die Hoffnung für ihren Liebling Nakamura noch nicht aufgegeben – „zwei Punkte Rückstand kann man aufholen!“, dann kam es bekanntlich anders. Karjakin hatte sich bereits vom sechsten bis siebten auf den dritten Platz verbessert, ein kleiner weiterer Schritt sollte folgen. Für Caruana ging es etwas in die umgekehrte Richtung – zweieinhalb Punkte Vorsprung kann man aus eigener Kraft verlieren, zwei Punkte Rückstand dagegen nicht ohne etwas gegnerische Hilfe aufholen.

Einige Spielerporträts vom ersten Tag des Blitzturniers:

Am zweiten (bzw. fünften) Tag kam, was den Turniersieg betrifft, Spannung nur auf im Sinne von „wird es vielleicht doch noch spannend?“. Die ersten Runden aus Sicht von Levon Aronian: Zunächst ein Kurzremis mit Weiss gegen Nakamura – mit komplett-dreimaliger Zugwiederholung reichen 15 Züge. Aronian hatte in Partien gegen Konkurrenten/Verfolger gegen derlei nichts einzuwenden. Dann allerdings eine Niederlage gegen Navara. Aronian wickelte freiwillig ab in ein Turmendspiel mit Minusbauer – weisser a-Bauer und beiderseits drei Bauern am Königsflügel. Das ist oft remis, hier und heute konnte Aronian es nicht beweisen. Parallel verlor Nakamura gegen Le Quang Liem.

Ein Problem für Aronian war nun am ehesten Karjakin, der wieder mit 2/2 begann. Zuerst ein Weissieg gegen Kasparov nach wieder exotischer Eröffnung (s.u.). Beide hatten Springergabeln übersehen, wobei nur Karjakin davon profitierte: 21.-Df6? 22.Lxh5! (22.-gxh5 23.Sxh5+), dann 31.Te1-f1? was 31.-e4! ermöglichte, und dann ginge weder 31.Lf1 (wägän Rägäl würde Vlasti Hort sagen) noch 31.Lxe4 Se2+ (weisse Dame auf c1), also gewinnt Schwarz eine Figur. Aber diese plötzliche Chance verpasste Kasparov, eine zweite bekam er nicht – Karjakin gewann. Dann ein Schwarzsieg gegen Dominguez im Königsangriff – am Ende in für Weiss ohnehin hoffnungsloser Stellung 33.Dg1 Se2+ 0-1. Aronians Vorsprung auf Karjakin war auf einen Punkt geschrumpft.

Runde 3 der Rückrunde war für Aronian auch noch holprig. Der Sieg gegen Le Quang Liem war durchaus glücklich – zwar stand er erst gut aber dann schlecht, dann nutzte LQL seine Chancen nicht optimal und überschritt in für ihn immer noch besserer Stellung die Bedenkzeit.

Parallel erlitt Karjakin mit Weiss Schiffbruch gegen Navara – auf dem Foto hat er keinerlei Kompensation für das schwarze Läuferpaar (weder zwei Springer noch sonst etwas, der schwarze König steht sicherer als es vielleicht scheint). Nach ab dem Foto 42.-Txd4 43.Dc3 Td2+ (44.Txd2 Le5) wäre auch noch die weisse Dame weg, Karjakin gab auf. Aronian hatte wieder zwei Punkte Vorsprung auf Karjakin und Nakamura (Sieg gegen Anand). Das war’s dann übrigens für Navara – noch 1,5/6 aus den restlichen Partien.

Parallel Caruana-Kasparov 0-1 – „smooth“ war es nicht wobei Kasparov weitgehend klar besser stand, aber zwischendurch auch mal verloren. Springergabeln sind offenbar nicht Garrys Ding: Caruana hatte gleich zweimal eine Qualität eingestellt – 33.Tfd1? Sb2 mit Angriff auch auf den Td1, 35.Tdf3? Sd2 mit Angriff auch auf Tf1, jeweils „verzichtete“ Kasparov. Und nach 55.-Kf8? ging 56.Sc5 was u.a. 57.Se6+ mit Angriff auch auf den schwarzen Tg5 droht. Aber am Ende gewann Kasparov – seine zweite Partie im Blitzturnier, nach tags zuvor gegen Dominguez in einem komplizierten Springerendspiel. Die anderen Kasparov-Siege am letzten Tag gegen Nakamura und Dominguez später bespreche ich unter eröffnungstheoretischen und -praktischen Aspekten, ab Runde 11 von 18 blieb er auch ungeschlagen. So konnte er noch in den Kampf um Platz 5 eingreifen, aber zunächst wieder zu Aronian und Konsorten:

In Runde 13 wurde Karjakin-Aronian (Titelbild) milde ausgekämpft remis, parallel verlor Nakamura gegen Kasparov (nun doch nochmals erwähnt, da auch turnierrelevant). Runde 14: sicheres Weissremis für Aronian gegen Anand (in seiner Turniersituation riskierte er eher nichts mehr), Nepomniachtchi-Karjakin 1/2 – Karjakin stand im Endspiel besser, ob jemals gewonnen kann ich nicht beurteilen, sowie

Nakamura-Dominguez glatt 0-1. Zwischenstand vorne nun: Aronian 21, Karjakin 19, Nakamura 18, Nepomniachtchi 17.5, usw. – Vorentscheidung auch um Platz zwei, und sollte Nakamura eventuell auch Platz drei noch verlieren?

In Runde 15 half Aronian sich selbst und Nakamura, indem er Nepomniachtchi im Turmendspiel besiegte. Nakamura gewann ein Leichtfigurenendspiel gegen Navara; Karjakin profitierte davon, dass Caruana in ausgeglichener Stellung eine Figur einstellte.

Zurück ans Tabellenende:

Kasparov-Anand die dritte, Ergebnis (remis) hatte ich bereits verraten. Hier spielt Kasparov gerade 9.h4, was für Anand nicht (mehr) überraschend kam. So hatte Kasparov nach davor jeweils 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2 0-0 5.a3 Lxc3+ 6.Dxc3 d5 7.Sf3 dxc4 8.Dxc4 b6 bereits gegen Aronian und Nakamura gespielt – die ersten acht Züge sind bekannt (über 500 Datenbank-Partien), der neunte war total neu. Frühes h2-h4 spielt Weiss eher mal, wenn Schwarz mit g7-g6 bereits eine Angriffsmarke erzeugt hat (z.B. 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.h4!? – Kasparov-Nepomniachtchi aus dem Schnellturnier und gut 300 Vorgänger auch auf hohem Niveau). Hier will Weiss den Gegner dafür bestrafen, dass er bereits kurz rochiert hat – in dieser oder verwandten Nimzo-indischen Varianten passierte eher mal, dass Schwarz den in der Mitte verbleibenden weissen König attackiert indem er, auch unter Bauernopfer, schnell das Zentrum öffnet.

Warum wurde 9.h4 zuvor noch nie gespielt? Entweder weil es doch nicht so gut ist (ausser in Blitzpartien), und/oder weil Spieler die so drauf sind bereits im vierten Zug anders spielten, z.B. 4.f3!?, und/oder weil Kasparov tatsächlich was tolles entdeckt hat – das wird die Zukunft zeigen. Wie reagierten Kasparovs Gegner? Aronian und Nakamura beide mit schnellem Damentausch nach -Dd5, vielleicht hat Weiss ja sonst doch Angriffschancen? Beide standen danach eher schlechter – Aronian gewann noch da Kasparov sein kreatives Gegenspiel unterschätzte, Nakamura verlor da er später ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern falsch behandelte. Und Anand?

Dieses Foto (von Austin Fuller) gehört wohl dazu, er liess seinen Sekundanten Gajewski arbeiten. In (auch für eine Blitzpartie) Blitztempo spielte er eine Reihe Züge, die das weisse Konzept zwar nicht widerlegten (so schlecht ist es nicht?) aber doch neutralisierten – es wurde remis.

Noch mehr zu Eröffnungen, zunächst weiterhin aus Kasparovs Sicht. Maurice Ashley wollte, dass Kasparov seine Gegner für 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ (anti-Najdorf) kritisiert. Kasparov sinngemäss „nun, sie sind eben pragmatisch und denken, dass sie mich so eher besiegen können als in scharfen Varianten“. So spielt ja auch Kasparovs Schützling und Liebling Magnus Carlsen gerne, bzw. wenn er doch Najdorf zulässt dann keine scharfen Varianten. Kasparov selbst zeigte in diesem Turnier mit Weiss gegen Nepomniachtchi „Feigheit vor dem Feind“: 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+. In Saint Louis spielten Anand und Caruana gegen Kasparov 3.Lb5+ – beim zweiten Mal spielte Caruana stattdessen einen geschlossenen Sizilianer, gegen Anand wich Kasparov mit 2.-Sc6 ab und bekam doch 3.Lb5 vorgesetzt. Nepomniachtchi, Navara und Dominguez erlaubten Najdorf. Bei Nepo war es wohl immer etwa in der Remisbreite und wurde remis. Navara stand gut, hatte dann vielleicht zuviel Respekt vor Kasparov und gab die von ihm geopferte Qualität freiwillig zurück – auch remis. Dominguez landete in einem schlechten Endspiel – passiert in Sizilianisch oft, wenn Schwarz weisse Angriffsversuche abfedern kann – und verlor.

Und was spielte Kasparov gegen die Berliner Mauer? Er vermied sie, entweder bereits mit 1.d4 (insgesamt wurde es sechsmal Nimzo-Indisch) oder indem er nach 1.e4 e5 abwich: Königsgambit gegen Karjakin, Schottisch gegen Le Quang Liem, spanisches Vierspringerspiel gegen Dominguez.

Was mir sonst noch auffiel: Karjakin entkorkte einmal 1.g3 (Schnellschach gegen Nakamura) und zweimal 1.b3 (Blitz gegen Kasparov und Caruana, er gewann beide Partien – jedenfalls gegen Caruana nicht wegen der Eröffnung). Nakamura spielte auch mehrfach b3, mal im ersten Zug und mal im zweiten (erst 1.Sf3). Den Preis für die schlechtesten Eröffnungen bekommt Nepomniachtchi, sowohl 1.Sf3 g6 2.e4 Sf6 3.e5 Sh5 (Schwarz gegen Karjakin) als auch 1.e4 e5 2.d4 exd4 3.Dxd4 (Weiss gegen Anand) ging gründlich schief. Beides hatte er zuvor bereits gespielt, manchmal auch erfolgreich.

Zurück zum Turnier: In Runde 16 fiel bereits die Entscheidung über den Turniersieg:

Aronian-Kasparov 1/2, Zugwiederholung ab dem 17. Zug. Das reichte Aronian wegen parallel Nakamura-Karjakin 1-0. Da stand Karjakin zunächst ausgezeichnet, versäumte dann 42.-c4! und Weiss bekam mit 43.Sd3 Dh5 44.e5 Gegenspiel. Schwarz musste nun (sagen Computer) mit 44.-Txe5 die Qualität spucken und steht (sagen Computer) nach 45.Sxe5 Dxe5 immer noch besser, stattdessen kippte die Partie nach 44.-Sf7? komplett und war kurz danach vorbei. Zwei Runden vor Schluss hatte Aronian so zweieinhalb Punkte Vorsprung auf Nakamura und Karjakin.

Was machte Aronian danach? Nun, da er als Turniersieger feststand, gewann er die beiden letzten Partien! Blieb noch der Kampf um Platz zwei und Platz fünf. In Runde 17 Karjakin – Le Quang Liem 1-0 (souverän) sowie Nepomniachtchi-Nakamura 1/2 (nach wechselhaftem Verlauf in einem sizilianischen Drachen, eventuell war für Nepo mehr drin), Vorteil Karjakin. In Runde 18 spielte Anand („ich hab keine Lust mehr“) gegen Karjakins Berliner 5.Te1 und das wurde geräuschlos remis, sowie Nakamura-Caruana 1-0 (souverän) – Gleichstand!

Nachdem Kasparov in Runde 17 mit Schwarz gegen Dominguez gewann (das hatte ich bereits) konnte er plötzlich noch geteilter Fünfter werden, Stand mittendrin: Le Quang Liem, Caruana, Dominguez alle 16.5, Kasparov 15.5. Die ersten drei waren in der Schlussrunde alle Aussenseiter (und verloren alle), Kasparov hatte mit Navara einen vermeintlich leichten Gegner. Der Tscheche wählte im Nimzo-Inder (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2 0-0 5.a3 Lxc3+ 6.Dxc3) 6.-d6, Livekommentator Gustafsson dazu: „keine prinzipielle Variante, so steht Schwarz leicht schlechter – das ist Navaras Repertoire, durchaus geeignet für Opens und Mannschaftskämpfe“. „Prinzipiell“ heisst hier „direkt klaren Ausgleich erzwingen wollen“, was gegen nominell unterlegene Gegner nicht unbedingt erstrebenswert ist, wenn es dann zum Remis verflacht. An einer Stelle konnte Kasparov später (sagen Computer) jedenfalls leichten Vorteil behaupten (24.Dxd7 Dxh4 statt 24.Lg3), in der Partie verflachte es zum Remis, das Kasparov dann anbot – und Navara lehnte (zunächst) ab!?

Foto Austin Fuller – Kasparovs Reaktion überrascht und/oder entrüstet!? Dann wurde es doch kurz darauf remis – Platz 8 für Kasparov, Platz 10 von zehn für Navara stand zuvor bereits fest.

Zum Turnier insgesamt für alle Spieler teile ich die Einschätzung von Gustafsson/Rabiega im deutschen Livekommentar: Aronian natürlich überragend, Karjakin klasse im Blitz aber nicht so toll im Schnellschach, die nächsten (Naka, Nepo, Caruana, Dominguez, LQL) alle etwa im Rahmen der Erwartungen. Bei Kasparov wusste man vorher nicht, womit man rechnen konnte – dank des letzten Tags auch OK. Die „traditionelle“ Einschätzung „winners and losers“ auf chess24 muss noch kommen. Anand natürlich enttäuschend, Navara hatten Gustafsson und Rabiega gar nicht erwähnt – ich würde sagen: auch im Rahmen der, auch seiner eigenen Erwartungen.

Warum konnte Kasparov am letzten Tag noch aufdrehen? Meine These: der Druck, den er sich auch selbst auferlegt hatte, war weg – nun konnte er befreit aufspielen. Bei Anand – auch nicht mehr der Jüngste – sollte man nicht vergessen, dass er (im Gegensatz zu Kasparov) zuvor bereits beim Sinquefield Cup spielte, und durchaus erfolgreich. Zwei Turniere direkt nacheinander waren vielleicht zu viel, am letzten Tag wollte er das Turnier wohl nur noch irgendwie beenden. Anand hat ja vielleicht bei nächster Gelegenheit wieder Erfolge, für Kasparov war es „jetzt oder nie“.

Zunächst noch einmal Spielerfotos:

Und noch drei gemeinsam (Foto Austin Fuller):

Wie angedeutet: Ich war weitgehend beim deutschen Livekommentar – zum einen war ich neugierig auf Robert Rabiega, zum anderen ist der amerikanische Kommentar ohnehin nicht so mein Fall (wie vieles Geschmackssache). Im Blitz kann man generell pro Runde eine Partie besprechen und muss sich vorher entscheiden. Gustafsson wollte vor allem Kasparov-Partien, Rabiega eher auch „turnierrelevantere“ – Gustafsson war der „Chef“ bzw. sass am Computer und Rabiega nebendran, also vor allem Kasparov-Partien. Auf Twitter wurden die Amerikaner dafür kritisiert, dass sie zugunsten turnierrelevanterer Partien wenig Kasparov-Partien hatten – erst nachdem Aronian als Sieger feststand widmeten sie sich Kasparov. Tja, was ist wichtiger – Kasparov oder das Turnier?

Nach der jeweils letzten Runde schaltete ich um auf den amerikanischen Kommentar – was kommt noch an Interviews? Am zweiten Tag – Zufall oder bewusst? – erst ihr Liebling Nakamura, dann Kasparov, dann Turniersieger Aronian. Ob auch noch Karjakin oder andere, das habe ich nicht abgewartet, es war ja in Mitteleuropa bereits nach Mitternacht.

Mit Maurice Ashley redete Kasparov manchmal, mit anderen offenbar gar nicht. Das hat auch chess.com mehrfach erwähnt, ich interpretiere es auch als „Wir haben ihn im FIDE-Wahlkampf massiv unterstützt, und nun redet er nicht mit uns!?“. Seinen Auftritt bezeichnete er nicht als Comeback, sondern als publicity für die Chess Tour und Saint Louis. Saint Louis nannte er schachliche Hauptstadt nicht nur der USA, sondern der ganzen Welt – das will ich doch etwas relativieren. In Saint Louis begann es mit Sinquefield Cup und US-Meisterschaften, nun können Weltklassespieler drei Wochen in Saint Louis bleiben und Geld verdienen. Daneben gibt es auch weitere Turniere, bei denen etwa das halbe Teilnehmerfeld nicht-amerikanisch ist. Die Infrastruktur ist dabei nicht vergleichbar mit der in z.B. Khanty-Mansiysk – ein Open mit 100 oder mehr Teilnehmern wäre in Saint Louis wohl nicht möglich.

Dazu kommt, dass in den USA westlich, östlich, nördlich (ohnehin nicht allzu viel) und südlich von Saint Louis schachlich bis auf kommerzielle Opens nicht allzu viel los ist. In Russland verteilt es sich über mehrere Standorte – Elista war offenbar mal, neben Khanty-Mansiysk zuletzt Sotschi und natürlich Moskau. Poikovsky ist atmosphärisch (nicht was Teilnehmerfeld und PR betrifft) wohl mit Saint Louis vergleichbar – wobei ich beides nur von Bildern kenne. Auch in Deutschland gibt es mit Dortmund und Baden-Baden zwei Orte mit Superturnieren, und daneben viele grössere und kleinere Opens.

Dann sagte Kasparov auch, dass er bereits die Schnellpartien als recht lang empfand – ein Comeback mit klassischer Bedenkzeit scheint also ausgeschlossen, es sei denn er ändert seine Meinung.

Und dann kam (was mich betrifft, endlich) Aronian. Zum letzten Tag sagte er, was ich im Bericht bereits hatte – es begann holprig gegen Navara und auch Le Quang Liem, danach lief es. Ausserdem: „Ich wollte und konnte zeigen, dass ich auch im Schnell- und Blitzschach gewinnen kann.“ Die abschliessende Bildergalerie gehört ihm:

Interviews auch mit anderen, auch draussen vor dem Gebäude. Autogramme und ähnliches gehört auch dazu. Und auch ein Gruppenbild mit Damen (und Alejandro Ramirez). Die Damen enttäuschte er allerdings vielleicht, wobei sie wohl damit rechneten: nach dem Weltcup wird er Arianne Caoili heiraten.

Wie geht es weiter? Weltcup hatte ich bereits, heute erst noch Rahmenprogramm in Saint Louis („Ultimate Moves“) und die Abschlusszeremonie.

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