Spanische Mannschaftsmeisterschaften

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Der Schachticker erwähnte bereits, dass „Markus Ragger auf Titelkurs in Spanien“ ist bzw. war. Nun ist das Turnier vorbei und er hat es geschafft, natürlich nicht alleine – seine Teamkollegen können vielleicht kein Deutsch (Ragger kann Österreichisch – auch das habe ich verstanden, als ich mich in Wijk aan Zee mit ihm unterhalten konnte) aber Schach spielen können sie auch. Wer ausser Ragger zur Titelverteidigung von Sestao Bizkaialde (letztes Jahr hiessen sie noch Sestao Fundacion EDP) beigetragen hat, siehe unten.

Das Titelbild bekommt allerdings einer, der mit seinem Team Zweiter wurde aber dabei individuell etwas schaffte, das Ragger bereits mal hatte und das eine Chinesin (wie er Jahrgang 1994, dabei etwa acht Monate älter) noch erreichen muss: Elo über 2700. Da es vom Turnier kaum Fotos gibt (eines wird noch kommen) schaute ich ins Archiv: Vidit Santosh Gujrathi dieses Jahr beim Dubai Open. Elo live 2701.7 schaffte er ganz ohne Superturnier-Einladungen, wobei er doch bereits Superturnier-Luft schnupperte – als Sekundant von Anish Giri u.a. in Wijk aan Zee.

Nun zunächst der Endstand mit Mannschafts- und Brettpunkten, Vereinsnamen kürze ich teilweise ab: Sestao 13(29.5), Solvay 10(26), Barcelona 9(26.5), Merida 8(24.5), CAC Beniajan Duochess 4(24.5), Jaime Casas Monzon 4(23), Equigoma Casa Social Catolica 4(22), Gros Xake Taldea 4(20). Sestao gewann also glatt, und das Feld war insgesamt – da Merida 24,5 Brettpunkte anders über die Matches verteilte als Duochess – zweigeteilt. Unten entschieden Brettpunkte darüber, wer nächstes Jahr wieder in der „División de Honor“ mitspielen darf und wer nur noch erstklassig ist – die zweite Liga heisst in Spanien „Primera División“. Zwei steigen ab, erwischt hat es neben den Katholiken aus der Region CTL (nicht Katalonien, Barcelona wurde unter CAT einsortiert, sondern wohl Castilla Leon) auch Gros Xake Taldea aus dem Baskenland – nur in dieser Hinsicht konnten sie mit Sestao mithalten.

Warum Sestao den Restnamen geändert hat, da bin ich überfragt und dazu habe ich nicht recherchiert. Auch das Team ist recht anders als 2016: letztes Jahr spielten sie mit Radjabov, Dominguez, Rapport, Vallejo, Salgado Lopez, Edouard, Del Rio und am Damenbrett Sabrina Vega Gutierrez. Nun waren Edouard, Del Rio und Vega Gutierrez noch im Team, Paco Vallejo spielte – warum auch immer – dieses Jahr drittklassig in der Segunda División, Salgado Lopez spielte diesmal für Solvay. Gleichwertigen Ersatz – jedenfalls reichte es um den Titel zu verteidigen – für die vier Spitzenbretter fanden sie mit Wojtaszek, Duda, Ragger und Gawain Jones. Die beiden Polen wollten offenbar nicht – wie dieses Jahr in der deutschen Bundesliga und der französischen Top12 – gegeneinander spielen, also entschieden sie sich für denselben spanischen Verein.

Der Titel war quasi eine Mannschaftsleistung – fast alle etwa 50%: Wojtaszek 4/7, Duda 3/7, Ragger 4/7, Jones 4.5/7, Edouard 4/7, Del Rio 4.5/6, Vega Gutierrez 5/7. Gut, Duda fiel etwas ab, zur Strafe hat er auch den Club 2700+ vorläufig wieder verlassen. Drei andere haben mehr zum Brettpunktkonto beigetragen als die vorderen drei Bretter plus Edouard. Dabei verlor Gawain Jones erst seine letzte Partie (Sestao war bereits Meister), und Sabrina Vega Gutierrez begann mit 4/4 bzw. 4,5/5. Am Ende war es nicht das beste Ergebnis am Damenbrett für sie – Ana (Matnadze) und Anna (Rudolf) erzielten jeweils 5,5/7. Dass Salvador Del Rio De Angelis (so heisst er komplett) dreimal so viele Brettpunkte wie letztes Jahr erzielte lag daran, dass er 2016 Brett 7 vor dem Damenbrett hatte und nur zweimal eingesetzt wurde (1,5/2), nun war er Stammspieler. Der Vollständigkeit halber: in der letzten Runde spielte auch FM Trigo Urquijo, obwohl er weder GM noch weiblich ist, und remisierte.

Dreimal gewann Sestao nur 4-3, das war allerdings in den drei letzten Runden als das Turnier schon fast entschieden war. Ansonsten ein 3,5-3,5 gegen Duochess als Tiefpunkt und ein 5-2 gegen Solvay als Höhepunkt.

Solvay liegt in Kantabrien, offenbar eine indische Provinz denn sie spielten mit Vidit (letztes Jahr war es Harikrishna), Adhiban und Ganguly. Vidit und Ganguly erzielten jeweils 4,5/7. An ihnen lag es nicht, dass Solvay nur Zweiter wurde, wobei Ganguly im Match gegen Sestao gegen Gawain Jones verlor. Eher daran, dass Adhiban (3/7) nicht so gut drauf war, dass der junge Peruaner Jorge Cori mit 3,5/7 an Brett 5 etwas enttäuschte (es kostete ihn 10 Elopunkte) und dass Nieves Garcia Vicente am Damenbrett nur IM mit W davor ist (Vega Gutierrez, Rudolf und Matnadze haben den echten IM-Titel). 3,5/7 war für Frau Vicente durchaus ordentlich (Elo +19), dabei aufgeteilt in 0/3 gegen IMs und 3,5/4 gegen Spielerinnen mit kleineren Schachtiteln.

Zu Barcelona nur der Hinweis, dass Spitzenbrett Baadur Jobava 4/7 erzielte und dass das, zusammen mit seinem Sieg beim Xtracon Open, reichte um mal wieder Elo 2700+ zu haben, nämlich 2701,5. Jedenfalls ihre einheimischen Spieler waren vielleicht besonders betroffen von dem, was das nächste Foto auslöste:

Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags in Barcelona (Quelle spanischer Schachverband)

Merida und Duochess (aus der Provinz Murcia) erzielten jeweils 24,5 Brettpunkte, anders über die Mannschaftskämpfe verteilt aber jeweils auf seine Weise richtig: Merida besiegte die vier Teams hinter ihnen und hatte so mit dem Abstiegskampf nichts zu tun, Duochess erzielte einen 6,5-0,5 Kantersieg gegen Gros Xake Taldea und sammelte dabei wichtige Brettpunkte im Abstiegskampf. Bei Merida enttäuschten drei bis vier Spieler: die Spitzenbretter Kryvoruchko (0/0), Areshchenko und Laznicka (je 2,5/7) sowie Damenbrett WGM Calzetta Ruiz (2/6). Mit Kryvoruchko hätten sie nach Eloschnitt um die Meisterschaft mitspielen können, aber er spielte dann eben gar nicht. Am besten machte es Ivan Saric mit 5/7 – das brachte 11 Elopunkte, 19 weitere gewann er bei zwei anderen Turnieren dazu.

Zu Duochess die international bekannten Namen: Ponomariov, Erdos, Movsesian, Grandelius und Mchedlishvili mehr oder weniger erfolgreich (der zuletzt genannte Georgier mit 5/7 am besten). Der ebenfalls gemeldete David Howell spielte gar nicht, mit ihm wäre Duochess zusammen mit Merida nach Elo Meister-Favorit gewesen. Am Damenbrett hatten sie nur WFM Gil Quilez (Elo 2057), da kann man auch über 1,5/7 kaum meckern. Wie war eigentlich die Ausländerregelung? Pro Mannschaftskampf mussten zwei Spanier mitspielen, generell an den hinteren Brettern. Und das Damenbrett war generell spanisch besetzt, dazu sagt das Regelwerk: Nationalität egal, wenn sie bereits letzte Saison für denselben Verein spielte, Neuzugänge nur aus Spanien. Da sie letztes Jahr (da wurde das Damenbrett neu eingeführt, zuvor wurde an sechs Brettern gespielt) dieselben Regeln hatten, ging Ausländerin wohl nur, wenn da mal – in mindestens einem Match – zwei Damen mitspielten.

Die nächsten beiden Teams überspringe ich mal – zwar GMs aber keine allzu bekannten Namen (am bekanntesten wohl Iturrizaga am katholischen Spitzenbrett). Was war los bei Gros Xake Taldea? Vorne hatten sie drei bekannte Namen – auch aus der deutschen Bundesliga, bzw. einer wechselte von Porz nach Solingen um nächste Saison auch in Deutschland erstklassig zu spielen. Erst die Baden-Badener: Bacrot verabschiedete sich allerdings nach zu Beginn 3/4 Richtung französische (Einzel-)Meisterschaft, Naiditsch war mit 2,5/6 nicht gut drauf. Loek van Wely erzielte dagegen starke 5/7 (Elo +15) aber das war eben nur ein Brett. Dahinter hatten sie nur IMs im Aufgebot, und am Damenbrett war WFM Buiza Prieto (Elo 2099) mit 1,5/7 nicht konkurrenzfähig. Sie hatten noch ein Damenbrett, WGM Yuliya Shvayger (mitunter auch als WGM Naiditsch geführt, nach Elo besser als alle Spanierinnen) – aber sie musste dieses Jahr gegen Männer spielen und machte das (2/5 gegen Elo 2487-2590) durchaus ordentlich. Nächstes Jahr kann sie dann Frau Buiza Prieto ersetzen, aber halt in der zweiten spanischen Liga. Was ging beim 0,5-6,5 in Runde fünf gegen Duochess schief? Mit Niederlagen an Brett 3-6 mussten sie ohnehin rechnen, ausserdem verlor vorne Naiditsch gegen Ponomariov und hinten Eihartze Buiza Prieto im WFM-Duell gegen die nach Elo noch etwas schlechtere Sonia Gil Quilez.

Wie geht es weiter? Was Spanien betrifft: derzeit läuft ein Open in Barcelona, das sich – warum auch immer – mit der spanischen Mannschaftsmeisterschaft (erste und zweite Liga) überschneidet, daher ohne spanische GMs. Bilbao fällt offenbar dieses Jahr aus, zumindest habe ich (obwohl ich im Verteiler stehe) im Gegensatz zu den letzten Jahren bisher noch keine Presseberichte erhalten.

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