Deutsche und andere in Barcelona

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Gerald Hertneck hat zum Sants Open in Barcelona bereits einen Erlebnisbericht veröffentlicht – mit reichlich Fotos nicht nur aus dem Turniersaal. Da kann ich es verschmerzen, dass die Turnierseite diesbezüglich wenig (genauer gesagt nichts) bietet. Das Titelbild gebe ich nicht dem Turniersieger – dass ein an eins gesetzter Grossmeister ein Open gewinnt ist zwar nicht selbstverständlich aber auch nicht sensationell. Dass ein an zehn gesetzter Grossmeister Platz zwei belegt ist auch nicht unbedingt fotowürdig, verglichen mit Platz drei für einen an siebenundsiebzig gesetzten FM – ausserdem schreibe ich ja für eine deutsche Seite. Zu Julian Martin (OSG Baden-Baden) habe ich Google bemüht und fand dieses Foto vom Grenke Open 2016.

Nun der Endstand oben: GM Jumabayev 8.5/10, GM Svetushkin, FM Martin, GM Schroeder 8, GM Grigoryan, GM Vocaturo, IM Mons, GM Agdestein, FM Karthik, GMs Oparin, Ortiz Suarez, Novikov, Heimann, Krysa, IM Trent, GM Gonzalez Acosta, GM Moussard, IM Valsecchi 7.5. Da so viele Platz fünf teilten nenne ich achtzehn Namen, darunter insgesamt (unterstrichen) vier Deutsche. Gerald Hertneck schrieb in seinem Bericht bereits, dass aus Deutschland vor allem Nicht-GMs vorne dabei waren und erwähnte da (Stand nach Runde sechs) Leon Mons und Maximilian Neef. Neef fiel dann noch etwas zurück (Niederlagen in Runde 7 gegen Vocaturo und zum Schluss gegen Heimann), Jan-Christian Schroeder und (u.a. deswegen) Andreas Heimann machten noch Boden gut, auch Julian Martin kam etwas von hinten. Die Reihenfolge auf Platz zwei bis vier sowie fünf bis acht laut chess-results nach „manual input after tiebreak matches“, diese habe ich verpasst.

Die grosse Gruppe mit 7/10 wird nach Wertung angeführt von IM Praggnanandhaa aus Indien und IM Wei Ming Kevin Goh aus Singapur. Wenn das indische Jungtalent eine GM-Norm erzielt hätte würde es vermutlich breit registriert – aber alle Hoffnungen hatten sich nach Runde 7 (und Auslosung für Runde acht) erledigt, da er noch keine GM-Gegner hatte. Am Ende sorgte ein bereits erwähnter Spieler dafür, dass Praggnanandhaa nur knapp oberhalb seines Platzes in der Setzliste landete. Goh spielte dagegen gegen sechs GMs und erzielte vermutlich eine GM-Norm – es wäre seine dritte, im Gegensatz zu Praggnanandhaa fehlt ihm allerdings noch Elo mindestens 2500. Sichere GM-Normen für Julian Martin, Leon Mons und Venkataraman Karthik – auch er ärgerte seinen jungen Landsmann, das hatte Gerald Hertneck bereits erwähnt.

Weiterhin hatten u.a. Gerald Hertneck und der Bulgare Aleksander Delchev 7/10 – für Hertneck an 20 gesetzt Platz 29 und nur leichter Eloverlust, für Delchev an sieben gesetzt Platz 30 und Elo minus zwölf. Zwei Hamburger Jakobs nenne ich noch: Für Jakob Pfreundt (*1998, Königsspringer Hamburg) ist es womöglich eine IM-Norm – dafür müsste man das Regelwerk genau erkunden. Ich gehe davon aus, dass er seine Niederlage in Runde zwei gegen Elo 2166 streichen kann, dann werden aus 6.5/10 6.5/9 gegen stärkere Gegner – in den letzten fünf Runden fünfmal Remis gegen IMs und GMs mit Elo über 2450. Jakob Leon Pajeken (*2003, Hamburger SK) verlor zwar zu Beginn gegen einen noch jüngeren Spieler, ein gewisser IM Rameshbabu Praggnanandhaa, aber erzielte danach 5.5/9 und das brachte ihm mit K-Faktor 40 satte 109 Elopunkte.

Nun wieder nach oben – zunächst Runde eins bis neun für einige Spieler: Rinat Jumabayev gewann seine ersten sechs Partien. Den deutschen IMs Neef und Mons hatte er jeweils Bauern abgeknöpft und das war partieentscheidend, in Runde sechs gegen GM-Kollege Svetushkin war ein Bauernraub ausgangs der Eröffnung „eigentlich“ auch partieentscheidend – zu seinen Ungunsten! Aber Svetushkin fand die Widerlegung nicht, bzw. nur ansatzweise, und verlor später noch. Dann spielte Jumabayev doch noch remis: in Runde sieben gegen IM Moroni eher ruhig, tags darauf GM Jumabayev – GM Vocaturo 1/2 (der nächste Italiener) dramatisch: wieder schnappte er sich im 22. Zug einen Bauern, dafür stand ab dem 25. Zug sein Turm auf a4 im Abseits – wenn einer besser stand, dann sein Gegner. Im 51. Zug musste Jumabayev seinen Turm gegen den gegnerischen Lb4 geben um ihn nicht ersatzlos zu verlieren, für die Qualität bekam er immerhin genug Bauern. Wenn er im weiteren Verlauf nichts getan hätte würde es wohl irgendwann automatisch remis (50 Züge Regel), 57.h5 war inkonsequent und 63.g4? objektiv total falsch: Jumabayev wollte die Lage klären, aber nun hatte Schwarz einen studienartigen Gewinn ab 64.-Td8!. So spielte Vocaturo nicht, und es wurde doch remis – nach insgesamt 168 Zügen, zuletzt viele mit aus schwarzer Sicht Turm gegen Läufer. In Runde acht das Duell Zweiter gegen Erster der Setzliste Oparin-Jumabayev: In einem etwas unkonventionellen Najdorf-Sizilianer (beide rochierten lang, der weisse Damenläufer wurde nach b2 entwickelt) führte Oparins Turmopfer zu Dauerschach.

Runde 10 behandle ich separat, zuvor der Stand nach neun Runden (für viele andere Turniere nach Schweizer System wäre es der Endstand): GMs Jumabayev, Vocaturo, Krysa 7.5/9, IM Praggnanandhaa, IM Mons, GM Oparin, IM Erdogdu, FM Karthik, GM Svetushkin, GM Schroeder, FM Martin, GM Novikov, IM Trent, IM Valsecchi 7/9, usw. – 6.5/9 u.a. für die Deutschen Andreas Heimann und Maximilian Neef, den an drei gesetzten Simen Agdestein sowie (mit schlechtester Wertung) den in deutschen Schachkreisen bekannten Griechen IM Georgios Souleidis. Zu Runde 1-9 einiger anderer Spieler, vor allem aus deutscher Sicht, komme ich gleich – zuvor doch noch ein Bild:

Offenbar das offizielle Turnierposter – auf Katalanisch, oben die diversen Sponsoren.

Vocaturo und Krysa blieben zuvor ungeschlagen, wobei der Argentinier Leandro Krysa bisher kaum starke Gegner hatte – das lag an frühen Remisen gegen FM Ranaldi und gm Pogorelov (Elo 2348) sowie auch daran, dass einige „Underdogs“ lange oben mitmischen konnten. Vocaturo kannte in Runde neun kein Pardon gegen Landsmann IM Luca Moroni Jr. – der dabei selbst schuld war, dass er eine Qualität einstellte.

Praggnanandhaa hatte, von Gerald Hertneck erwähnt, in Runde 4 gegen seinen indischen Landsmann FM Karthik verloren. Zuvor besiegte er die Nummern 223 (Jakob Leon Pajeken), 135 und 99 der Setzliste, danach Nummer 96 (seine Schwester WIM Vaishali!), 59 (Georgios Souleidis) und 47. Danach Remisen gegen IM Moroni (er knetete ein etwas besseres Turmendspiel letztlich erfolglos) und GM Svetushkin (17 Züge).

Leon Mons spielte immerhin bereits gegen die Nummern 1, 3 und 5 der Setzliste – Niederlage gegen Jumabayev, Remisen gegen Agdestein und Heimann. Für Venkataraman Karthik war der Erfolg gegen Praggnanandhaa kein „Ausreisser“ – immerhin 2.5/4 (+1=3) gegen Grossmeister.

Jan-Christian Schroeder liess nach der Niederlage gegen Florian Grafl (Bauerneinsteller im fünften Zug) noch mehr Federn gegen nominell unterlegene Gegner. Das Remis gegen den titellosen Henk-Jan Visser (Elo 2242) war ausserhalb der Liveübertragung, gegen FM Suarez Uriel bot er mit Weiss nach 20 Zügen selbst remis – mit dem Ergebnis der Eröffnung nicht zufrieden und/oder Respekt vor dem Gegner, der zuvor immerhin zwei norwegische GMs (Tari und Salomon) besiegt hatte? Gegen zwei weitere GMs (Krysa und Grigoryan) verlor der Spanier dann, so erzielte er nur eine IM-Norm.

Julian Martin hatte zu diesem Zeitpunkt 2/3 gegen die an 11, 9 und 3 gesetzten GMs Ortiz Suarez, Grigoryan und Agdestein und seine einzige Niederlage gegen IM Goh – eine GM-Norm hatte er, wie auch Leon Mons, bereits sicher. Andreas Heimann – ungeschlagen aber recht viele Remisen gegen nominell unterlegene Gegner.

Nun wie angekündigt Runde 10 ausführlicher – zunächst die turnierrelevantesten Partien an den ersten beiden Brettern:

Svetushkin-Vocaturo 0-1 1-0:

Diese Schlusstellung (Schwarz am Zug gab auf) suggeriert vielleicht eine Glanzpartie, aber nur drei Züge zuvor stand es so:

39.e6!? war eigentlich nur ein Versuch, noch im Trüben zu fischen, aber aus moldawischer (Svetushkins) Sicht kam nun das Wunder von Barcelona: 39.-Le8? (39.-Lxe6 ging – und Schwarz gewinnt, wobei er etwas von seinem grossen Materialvorteil zurückgeben muss, und kann) 40.Lf6 Df8? (40.-Tb7 oder 40.-Da7, danach hat Weiss Dauerschach – nicht mehr und nicht weniger) 41.e7! Df7 42.Dh6 1-0 statt 0-1. Zuvor hatte Svetushkin Vocaturos Franzosen scharf angegangen, wobei (nach erfolgter schwarzer Ernte am Damenflügel) 33.f5 exf5 34.Lxh6?!? reiner „Aktionismus“ war – 34.-gxh6 ging durchaus, 34.-fxLg4 war besser und dann konnte dieser Bauer auch noch den weissen Th3 verspeisen.

Aus Svetushkins Sicht vielleicht „ausgleichende Gerechtigkeit“ für seine Niederlage aus Gewinnstellung gegen Jumabayev – eventuell auch für fehlende Fortuna in Runde 1 gegen den Franzosen Emerick Lafortune (Elo 2104), da wurde ein für Svetushkin besseres Endspiel nur remis. Aus Vocaturos Sicht: „Auch das noch“ nach dem verpassten Sieg gegen ebenfalls Jumabayev.

Was machte der im letzten Absatz (und zuvor) erwähnte Jumabayev? Krysa-Jumabayev 0-1: Schwarz schnappte sich im 25. Zug einen Bauern – so kennen wir Jumabayev, wobei er diesmal dafür eine Qualität investierte. Kompensation hatte er, wobei Weiss die Qualität nicht unbedingt zurückgeben musste. Später entstand ein Turmendspiel mit schwarzem Mehrbauern – nicht unbedingt gewonnen, aber am Ende 0-1. Nach Runde 5-8 hatte Jumabayev einen halben Punkt Vorsprung auf alle anderen, nach Runde 9 nicht mehr, nach Runde 10 wieder und nun war das Turnier vorbei.

An den nächsten Brettern lief es weitestgehend nach Wunsch für die (unterstrichenen) deutschen Spieler – nicht komplett, das ging auch nicht. IM Mons – GM Oparin 1/2 – nach Verwicklungen hatte Weiss zwar einen Bauern weniger, aber der war im Leichtfigurenendspiel aus schwarzer Sicht nicht gewinnträchtig. IM Merdogdu – GM Schroeder 0-1: Schwarz gewann eine Qualität und konnte diesen materiellen Vorteil letztendlich verwerten, wobei es bis zum 70. Zug dauerte. FM Karthik – GM Novikov ohne deutsche Beteiligung, der Inder erzielte noch ein ungefährdetes Remis gegen einen gut 200 Elopunkte besseren Gegner. Die IMs Valsecchi und Trent spielten auch remis.

FM Martin – IM Praggnanandhaa 1-0 – Weiss agierte stürmisch am Königsflügel und wurde ausgekontert erreichte ein besseres Endspiel, nachdem Schwarz seine Chancen nicht nutzte. Am Ende reichte ein a-Freibauer zum Sieg – vom König optimal unterstützt, grösster Feind des Springers und der schwarze König stand zu weit weg.

IM NeefGM Heimann 0-1 – ich bin geneigt zu sagen, da hat halt der bessere Spieler gewonnen. Maximilian Neef erzielte 0/3 gegen GMs – das waren allerdings mit Nummer 1 Jumabayev, Nummer 4 Vocaturo und Nummer 5 Heimann auch starke (Elo 2600 oder fast) – und 5.5/6 gegen ihm nominell unterlegene Gegner, plus einen kampflosen Sieg.

Jakob und Jakob aus Hamburg hatte ich schon, dann sollte ich neben Julian aus Baden-Baden auch Julian und Julian aus Hamburg noch kurz nennen: Julian Groetzbach (*1996) und FM Julian Kramer (*1997) landeten beide über ihrem Platz in der Setzliste. Weitere Gemeinsamkeiten: Beide spielen für den Hamburger SK, und beide begannen mit zwei Remisen gegen gut 300 Punkte eloschlechtere Gegner. Groetzbach konnte am Ende doch 23 Elopunkte auf die Heimreise mitnehmen, Kramer hatte ein Elo-neutrales Turnier.

TurnierseiteResultatePartien Runden 1 bis 8

 

 

 

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