Bacrot und Milliet französische (Rekord-)Meister

Nicht jede nationale Meisterschaft bekommt einen Artikel für den Schachticker, für die französischen Meisterschaften (Herren, Damen und diverse andere Turniere) mache ich es aus zwei Gründen: 1) Sie waren recht stark besetzt, auch wenn bei Herren und Damen die Nummer eins jeweils fehlte. 2) Da ich die französische Sprache beherrsche, kann ich auch einige Hintergrundinformationen einbauen. Gewonnen haben am Ende Etienne Bacrot (sein achter Titel) und Sophie Milliet (der sechste Titel), auf unterschiedliche Weise: Milliet gewann souverän und stand bereits eine Runde vor Schluss als Meisterin fest, Bacrot musste dagegen in die doppelt verlängerte Verlängerung und gewann erst im Armageddon.

Endstand bei den Herren: Bacrot 6/9+3/5, Fressinet 6/9+2/5, Gharamian und Gozzoli 5.5/9, Maze, Lagarde, Bauer 5, Cornette 4, Chabanon und IM Jolly (alle anderen GM) 1.5.

Endstand bei den Damen: Milliet 8/9!, Haussernot und Collas 5.5, Navrotescu 5, Leconte 4.5, Benmesbah 4, Safranska und Maisuradze 3.5, Malassagne 3, Roumegous 2.5. Alle haben einen Schachtitel – von WFM (Haussernot und Malassagne) bis IM ohne W davor (Milliet und Collas).

Das Titelbild – alle Fotos vom französischen Schachverband – bekommt Etienne Bacrot. Nicht wegen seiner originellen Frisur (auf diesem Foto ist erkennbar, dass da was nicht stimmt …) sondern weil er eben Meister wurde, und zwar zum achten Mal nach 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2008 und 2012. Um die Jahrtausendwende dominierte er also, danach gewann er ab und zu auch noch. Rekordmeister war er bereits, zwei andere wurden sechsmal Meister: Maurice Raizman 1932-1952, César Bouteville 1945-1967 – die Namen sagen mir nichts, es war vor meiner Zeit, Fotos hier in Schwarzweiss. 2012 teilte Bacrot dabei den Titel mit drei anderen – damals wurde das Turnier vor der Schlussrunde nach dem plötzlichen Tod der vier Monate alten Tochter von Christian Bauer abgebrochen, es gab auch keine Stichkämpfe. Wo ist Maxime Vachier-Lagrave auf dieser Liste? Drei Titel – 2007 und 2011 alleine, 2012 geteilt (mit neben Bacrot noch Romain Edouard und Christian Bauer). Dieses Jahr spielte er nicht mit, war allerdings jedenfalls an einem Tag als Zuschauer vor Ort.

Sophie Milliet gewann zuvor bereits 2003, 2008, 2009, 2011 und 2016. Nun also der sechste Titel – damit ist sie nun Rekordmeisterin zusammen mit Almira Skripchenko, die diesmal (wie auch Marie Sebag) fehlte.

Auf die Turniere kann ich nicht im Detail eingehen, bei den Herren erwähne ich zunächst den Stand nach sieben von neun Runden: Bauer 5/7, Gozzoli und Fressinet 4.5, Bacrot und Gharamian 4, Maze, Lagarde, Cornette 3.5, Chabanon 1.5, Jolly 1. Bauer auf dem Weg zum vierten Titel nach 1996, geteilt 2012 und 2015? Nein, er sollte seine beiden letzten Partien verlieren. Schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Vorjahressieger Mathieu Cornette seinen Titel wohl nicht verteidigen würde.

Das Foto von Cornette mit grünem Lorbeerkranz stammt aus der Schlussrunde – die Partie gewann dann der andere Maxime, Nachname Lagarde.

In Runde 8 wurde dann das Feld durcheinander gewürfelt. Bauer verlor im Endspiel gegen Gharamian – dass er zuvor im Mittelspiel mal auf Gewinn stand war/wurde irrelevant. Gozzoli und Fressinet remisierten gegen Maze und Lagarde; Bacrot gewann bereits seine zweite Partie im Turnier – gegen Chabanon, ebenfalls im Endspiel mit anfangs drei Leichtfiguren und ausgeglichener Stellung. Seine ersten fünf Partien hatte Bacrot remisiert, dann ein Sieg gegen Lagarde und noch ein Remis.

Neuer Stand damit: Bauer, Bacrot, Fressinet, Gozzoli, Gharamian 5/8, andere 4/8 oder weniger. Diesmal wurde das Turnier nicht abgebrochen – tragische Umstände wie 2012 sind zum Glück selten. Zu den Schlüsselpartien der letzten Runde Fotos und einige Worte:

Gozzoli und Gharamian waren schnell fertig – theoretisch einigermassen bekanntes Remis durch Dauerschach ab dem 14. Zug. Diese Variante im Damengambit mit Lf4, später das seltene 10.-Te8, stammt ursprünglich aus dem WM-Match Kortschnoi-Karpov anno 1981. Auf hohem Niveau überraschte im laufenden Jahrtausend Nakamura Karjakin mit 10.-Te8 (Bilbao 2016), auch der spätere Vizeweltmeister erlaubte eine frühe Zugwiederholung. Mit 13.Db1 (statt 13.Da4 von Karjakin oder 13.Dc1 von Gozzoli) konnte Weiss weiterspielen, so machte es damals Kortschnoi und gewann diese Partie. Nebenbei hat sich mit diesem Foto definitiv geklärt, woher die Farbe grün auf anderen Fotos stammt.

In den beiden anderen Schlüsselpartien gewann Schwarz, jeweils mit einem plötzlichen Königsangriff:

Chabanon-Fressinet 0-1 – Chabanon stand ohnehin verdächtig und fischte dann mit einem Qualitätsopfer im Trüben. Fressinet gab die Qualität zurück – Mattangriff war die Idee dahinter.

Bauer-Bacrot 0-1 war zunächst etwa ausgeglichen, aber dann schwächte Bauer seine Königsstellung und die schwarzen Figuren (Dame und Läuferpaar) konnten entscheidend eindringen – bzw. ein schwarzer Läufer stand noch auf a6 und kontrollierte ab da seine Diagonale.

Damit also Stichkampf zwischen Bacrot und Fressinet, war das so geplant da beide demnächst beim Weltcup mitspielen? Das komplette Programm wurde ausgeschöpft: zwei Partien mit zehn Minuten Bedenkzeit, zwei mit fünf und dann Armageddon – denn Bacrot beendete das Turnier so wie er angefangen hatte: remis, remis, remis und remis. Im Armageddon hatte er Schwarz, Remis hätte da gereicht aber er gewann irgendwie – wie, dazu komme ich gleich, zuerst ein Foto von Twitter und einige Screenshots aus der Liveübertragung:

 

Zahlreiche Zuschauer – diverse andere Turniere waren schliesslich beendet.

Zuschauer auch hier zu sehen, diesmal im Hintergrund

Das Ende der ersten Partie – remis

Dann wurden die Spieler auch mal gross gezeigt. Zu den ersten vier Partien nur soviel: Generell dominierte Fressinet, konnte aber seine Vorteile nicht verwerten, z.B. einen recht gesunden Mehrbauern in der zweiten Partie. Die konkreteste Chance hatte er paradoxerweise in der dritten Partie – da dominierte anfangs Bacrot, aber später verpasste Fressinet einen studienartigen Sieg im Turmendspiel.

57.Kg5? von Bacrot war falsch – dreimal fand Fressinet dann den einzigen Tablebase-Gewinnzug, hier nicht mehr. 60.-Kd3? wurde remis – er konnte zwar seinen Freibauern umwandeln und so den weissen Turm gewinnen, aber danach war Turm gegen Bauer hier nur remis. Richtig war nur 60.-Kf5!, Tablebase-Varianten kann ich nur andeuten: später hat Schwarz gegen den am Brettrand eingeklemmten weissen König Zugzwang-Motive. Wichtig ist auch, dass Schwarz nach Turmtausch und dann beiderseitiger Bauernumwandlung gewinnt, da er mit Dame gegen Dame Mattangriff hat – Schlusstellung wäre hier Weiss Kg8 und Dh8, Schwarz Kg6 und Db7, Weiss am Zug aber das hilft ihm nicht. Das eine oder das andere mit beiderseits Sekunden auf der Uhr zu subtil für Grossmeister!? Vereinsintern trainieren wir, hatte ich bereits mal erwähnt, Turmendspiele – meine Sammlung „GM-Fehlgriffe in Tablebase-Stellungen“ wird immer grösser.

Nur einer konnte Meister werden – Armageddon! Fressinet gewann die Auslosung und wählte überraschenderweise (jedenfalls für die Livekommentatoren) Weiss. So hatte er 6 Minuten und Bacrot deren fünf, kein Inkrement. Carlsen bezahlt seine Sekundanten gut, da kann er sich auch youtube-öffentlich über sie lustig machen – Fressinet ist laut Carlsen „too weak too slow“. „Too weak“ war er, verglichen mit Bacrot, nicht oder nur im Sinne von „mangelnde (Blitz-)Technik in besseren Stellungen“. „Too slow“ war er in dieser Armageddon-Partie, und das entschied die französische Meisterschaft. Wieder Screenshots:

Das war bereits die „Bullet-Phase“

Das auch – noch fünf Sekunden für Fressinet, siebzehn für Bacrot (der die Partie ja mit einer Minute weniger begonnen hatte). Es kam wie es vielleicht kommen musste:

Bacrot (auf diesem Foto kaum zu sehen) reklamiert Zeitüberschreitung! Die Livekommentatoren reagierten mit „Ohlalalalalala!“.

Bacrot ist französischer Meister.

Zur Partie: Fressinets Bedenkzeit-Vorteil war recht schnell dahin – 10 Sekunden oder auch mal 20 für einzelne Züge, das läpperte sich zusammen. Auf dem Brett stand er gut, vielleicht nie gut genug. Bacrot hielt seinen Laden zusammen, 28.-c4! warf einen ohnehin schwachen bis todkranken Bauern über Bord, dafür bekam er genug Aktivität und hatte kurz danach eine „unverlierbare“ Stellung. Dann begann die chaotische Schlussphase: dass Fressinet mit 41.e5? eine Figur einstellte (41.-Td3+ und 42.-TxSd5) war keinem aufgefallen – den Spielern nicht, den Livekommentatoren auch nicht, mir erst beim Durchklicken hinterher mit Computerhilfe. Später wurden zwei Dinge für Fressinet, der schliesslich gewinnen musste, immer knapper: das Material auf dem Brett (ab dem ersten Screenshot bzw. schon zuvor) und die Sekunden auf seiner Uhr.

Im zweiten Screenshot hat Bacrot gerade seinen Springer gegeben – wohl eher Opfer als Einsteller denn danach war es objektiv remis. Warum er dann 68.-Kf4?? entkorkte statt 68.-Kh3 (69.Sf3 Kg2 =, da der weisse König auf c5 kein Springer ist und 70.Ke4!? demnach regelwidrig, erwischt Schwarz den letzten weissen Bauern) – „schnell ziehen“ war hier wichtiger als gute Züge machen! Livekommentar: „Ohlalalalalala – Weiss gewinnt doch noch!“, kurz danach das bereits erwähnte Ohlalalalalala.

Fressinet zum moralischen Sieger zu erklären wäre übertrieben, aber er bekommt sein individuelles Foto – aus Runde eins im Turnier gegen einen gewissen Etienne Bacrot. Diese Partie endete remis, da Fressinets späterer Mehrbauer bei ungleichfarbigen Läufern irrelevant war.

Noch kurz zu den beiden Kellerkindern – mindestens 100 Elo- und nach dem Turnier mindestens 2,5 Partiepunkte weniger als alle anderen: Jean-Luc Chabanon hatte sich letztes Jahr über das Turnier „Ascension“ qualifiziert, Jean-Francois Jolly spielte schon 2016 auf höchstem Niveau, wurde damals als IM unter GMs Dritter und war damit erneut qualifiziert.

Bei den Damen wurde es dagegen nicht spannend:

Sophie Milliet dominierte und gewann die ersten sechs Partien, dann ein Remis aus Gewinnstellung (knapp am „Caruana“ gescheitert). Eine Verfolgerin hatte sie immer noch, dabei war diese nach Elo Aussenseiterin im Turnier:

Cecile Haussernot (Elo 2077) begann ebenfalls mit 5/5, danach allerdings nur noch ein halber Punkt aus den letzten vier Partien – definitiv turnierentscheidend war Milliet-Haussernot 1-0 in Runde 8. So konnte Sophie Milliet, bereits als Meisterin feststehend, in der letzten Runde ein Kurzremis einstreuen. So gewann Haussernot nur 54 Elopunkte dazu. Total überraschend war ihr Erfolg vielleicht nicht – erstens ist sie noch jung (19), zweitens hatte sie bereits mal Elo 2200 und noch etwas mehr. Noch ein Foto mit den beiden Elo-Aussenseiterinnen:

Gelb war angesagt, die Partie in Runde vier gewann die Dame mit etwas mehr Kontrast – dunklere Haare, schwarzer Gürtel zum gelben Kleid und schwarze Figuren.

Nun erst einmal Siegerfotos:

Damen

Herren

Damen und Herren – Bacrot und Fressinet in Schwarz vor schwarzem Hintergrund eher unauffällig. Da es noch mehr Turniere gab, gab es auch noch mehr Siegerfotos aber ich belasse es bei diesen dreien und zeige nur noch ein Gruppenfoto:

Freiwillige Helfer vom ausrichtenden Verein Echiquier Agenais

Sagte ich „noch mehr Turniere“? Das ist der fotografische Beweis:

Franz Jittenmeier schrieb in seiner Vorschau, dass über 1000 Teilnehmer erwartet wurden, dann waren es doch „nur“ 852 – 729 Herren und 123 Damen. Noch mehr Statistik: 308 Vereine waren vertreten, die meisten Teilnehmer (26) vom Ausrichter Echiquier Agenais, fünf weitere Vereine mit 10 oder mehr Teilnehmern, viele mit neun oder weniger. Immerhin 29 Spieler reisten aus Martinique an, Flüge von anderen französischen Inseln sind offenbar teurer – nur 7 kamen aus Korsika, 4 aus Guadeloupe und 3 aus Réunion. Preisgeld für Sieger: 6000 Euro bei den Herren (Bacrot und Fressinet teilten allerdings den ersten und zweiten Preis und bekamen so jeweils 5200 Euro), 4000 Euro bei den Damen, 1500 Euro im Turnier „Accession“, 500 Euro in den anderen Turnieren (Senioren, Veteranen, Opens A B C D). 500 Euro, bzw. 550 Euro da sie den vorletzten Platz teilten, bekamen auch die beiden Letzten im Herrenturnier.

Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass Agen im französischen Südwesten liegt – etwa auf halber Strecke zwischen Bordeaux und Toulouse – und bereits 2016 Ausrichter der französischen Meisterschaften war. Noch ein Foto zum Abschluss:

Ich zeige es aus zwei Gründen: Schwarz hebt sich manchmal doch vom Hintergrund ab, und Sophie Milliet blieb in Agen doch nicht ungeschlagen sondern verlor eine ihrer Simultanpartien.

Das war im Rahmen der „Nuit des échecs“ (Nacht des Schachs), wobei es laut Sophie Milliet im Interview bis ca. 23:00 dauerte. Simultan spielten neben den beiden Vorjahressiegern (Cornette und Milliet) auch der französische Meister 2015 Christian Bauer sowie drei die laut französischem Schachverband inzwischen weniger aktiv sind: Eric Prie (Meister 1995), Manuel Apicella (Meister 1992) und Bachar Kouatly (Meister 1979, nun auch Präsident des französischen Schachverbands und Chefredakteur von Europe Echecs). Mehr Fotos und auch ein Video hier, dasselbe Video und Fotos 2013-2016 hier.

 

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