Ein Blick zurück – nicht im Zorn.

Klaus-Jörg Lais

Ich war ehrgeizig. Vier Jahre Pressearbeit bei den Saarländern und jeder, der darüber sprach, lobte mich für die Arbeit dort. Ich führte eine Datenbank mit den Adressen aller mir bekannter Sportjournalisten samt Mailadressen und Telefonnummern, wer deren Vertreter und Kollegen waren und machte mir in den entsprechenden Spalten Bemerkungen wie „nicht zwischen 16 und 18 Uhr anrufen“ oder „Bild mit anbieten“ oder „alter Hase. Schon seit zehn Jahren am selben Schreibtisch“. Ich entwickelte einen Newsletter, für den ich ein eigenes Design entwarf und der eine immergleiche Struktur aufwies, so dass man sich beim Reinlesen schneller zurecht fand.

Um die Spieler miteinander zu vernetzen, suchte ich mir eine gut merkbare Domain und implementierte eine Datenbank, aus der ich ein PHP-gestütztes Forum speiste, damals der letzte Schrei der Programmiertechnik. Schon bald tummelten sich dort fast alle Schachspieler des Landes und das Verbreiten von Schachnachrichten wurde zum Kinderspiel. Ich brachte regelmäßig Artikel in der Tageszeitung, in den Sportzeitschriften, in den Wochenblättern unter und vom saarländischen Schachverband war in den Fachmagazinen plötzlich überall zu lesen.

2005 wollte der Pressereferent des Schachbundes nicht mehr, weil er an der Manövrierunfähigkeit des DSB scheiterte. Das Wort vom „unbeweglichen, trägen Dämpfer“ machte die Runde. Kein anderer der Landesreferenten traute sich den Einsatz zeitlich zu. Ich hatte einen Nebenverdienst, ich hatte Zeit, ich hatte Lust. Außerdem hatte ich innerhalb einer rekordverdächtigen Zeit den Landesverband zum Umdenken gebracht, warum sollte mir das nicht bundesweit gelingen?

Ich krempelte die Ärmel hoch und ließ mich ohne Gegenstimmen wählen. Der Kongress aus Landesdelegierten und DSB – Präsidium hatte eh keine andere Wahl. Ich machte mich an die Arbeit und begann, den Schachzeitschriften zuzuarbeiten. Hier was Neues aus den Landesverbänden, dort was aus dem Präsidium, diese Turnierserie und jene Aktionen, was aus der Nationalmannschaft, in drei Jahren die Schacholympiade … undsoweiter undsofort. Beim Aufbau der bundesweiten Datenbank stieß ich erstmals an meine Grenzen. Ich brauchte Unterstützung finanzieller Art oder mindestens Manpower, was aufs gleiche rauskam. Die Kontakte von über 50 Tageszeitungen waren auf den aktuellen Stand zu bringen.

Die Internetseite des DSB dümpelte mit uralten Meldungen dahin, die Mitgliederzahlen waren rückläufig, es gab keinerlei Bindung zwischen Dachverband und einfachen Mitgliedern, in den Fachmagazinen existierte der Schachbund quasi nicht und zwischen Landesverbänden und DSB-Präsidium gab es große Spannungen, manche sprachen von unüberbrückbaren Differenzen. Zudem waren sich die Präsidiumsmitglieder untereinander kaum ‚grün‘. Man konnte sich einfach keine schlechteren Bedingungen ausdenken, als die damals Existierenden. Optimistisch wie ich nun einmal war, man könnte es auch zurecht naiv nennen, suchte ich mir Verbündete, die mit mir gemeinsam für ausreichende Mittel kämpfen, um Marketing und Pressearbeit (was damals identisch war) voranzubringen. Ich lernte, dass jeder hier mein Freund war und alle meine Ideen als in besonderem Maße unterstützenswert einschätzten, aber seltsamer Weise erntete ich beim nächsten Kongress nur noch 90% der Stimmen – und wusste nicht warum.

Viel später erst lernte ich, dass man manche Landesfürsten nicht damit überrascht, ihnen erst bei der Vollversammlung seine Ideen zu präsentieren, sondern sie vorher um Erlaubnis fragt, ihnen das vortragen zu dürfen. Zudem war das Interesse Dritter an Koalitionen innerhalb des Kongress-Gremiums noch viel größer, als mein eigenes, denn als ich beim Schachbund begann, gab es im Präsidium mindestens fünf Personen, die selbst Präsident werden wollten, was ich damals nicht wissen konnte. Immerhin hatten die Kandidaten mit einer Einschätzung recht: schlechter als der amtierende Präsident konnten Sie es einfach nicht machen.

Also gab es nichts zu verlieren. In der Zwischenzeit rackerte ich mich damit ab, so viele Schachnachrichten wie möglich zu produzieren. Es ließ sie einfach kalt. Selbst, als es Ihnen nützte und ich die Arbeit des Präsidiums schön schrieb, bewegten sie ihren Hintern um keinen Zentimeter. Ich verlor Jahr für Jahr an Budget. Was immerhin noch Freude machte und den Schein nach außen wahrte, waren die Reisen. Ich verdiente damit keinen Cent. Ganz im Gegenteil arbeitete ich, abgesehen vom Tagegeld und den Reisekosten auf geringstmöglichem Kostenniveau, die ganzen Reisen über komplett ehrenamtlich. Oft bis zu acht Stunden am Tag. Auf Veranstaltungen, die dem DSB nur dadurch Glanz verliehen, dass andere sie auf die Beine stellten und ich sie nutzte, um unser Spiel und unser Ziel in die Zeitungen zu schreiben, musste ich mich rechtfertigen, warum ich sie besuchte.

Zwischenzeitlich liefen einem Spezialisten wie ein in Lettland geborener, für Deutschland spielender Großmeister über den Weg, der neben einer mit Null gleichzusetzenden Kinderstube nichts als Eitelkeit, Dummheit und Arroganz übrig hatte. Dafür war es eine positive Erfahrung, die gesamte Weltelite des Schachs kennenzulernen. Allesamt hatten sie gelernt, mit Schreibern wie mir umzugehen und ich kann mich an keinen einzigen, erst recht nicht aus den Top Ten der Spieler erinnern, mit dem ich negative Erfahrungen machte. Alle beantworteten sie geduldig meine Fragen, waren zu Fotos und Unterstützung für unsere gemeinsame, gute Sache bereit und ich hatte die große Ehre, charismatische und vielschichtige Persönlichkeiten kennenzulernen. Insbesondere haben mich Anand, Kramnik, Spasski, Karpow und Kasparow beeindruckt.

Zur Zeit der Schacholympiade lernte ich unter anderem Carlsen und Caruana kennen, sowie alle, die für ihre Nationalmannschaft an den vorderen Brettern saßen. Überhaupt war die Olympiade, für die ich von der Landeshauptstadt Dresden befristet angestellt wurde, um die Pressearbeit zu organisieren, ein Highlight, für das ich sehr dankbar bin. Nur eben nicht gegenüber dem Deutschen Schachbund, der alleine auf sich gestellt das Turnier in den Sand gesetzt hätte. Selbst Dresden wäre damit gescheitert, hätte das organisierende Kernteam nicht ausreichend Kompetenz bewiesen. Bloß war die Aufgabe zu groß, um sie in allen Auswüchsen kontrolliert zu bewältigen. Letztendlich hat sich alles zum besten entwickelt, worüber wir sehr glücklich waren.

Weiterhin bin ich wenigen Menschen, die ich während meiner Zeit als Pressereferent kennenlernen durfte, bis heute für ihren unbändigen Einsatz dankbar. Darunter ein ehemaliger Frankfurter, dann Mainzer Turnierorganisator, dem ich bedingungslos gefolgt wäre, wenn er die Mühe auf sich genommen hätte, den DSB reformieren zu wollen. Aber dafür war er zu intelligent. Zu einigen, wenigen Kollegen unter den Schachjournalisten pflege ich heute noch Kontakt. Am meisten hat mich hat ein Herausgeber eines Fachmagazins beeindruckt, der seit Jahrzehnten die Kraft und das Engagement aufbringt, seine Zeitschrift immer auf mindestens dem gleichen Niveau zu halten, ohne eine Zielgruppe zu verärgern oder zu verlieren. Wer so arbeiten kann, der könnte auch ein mittelständisches Unternehmen führen.

Außerdem ist dies die Stelle, einem Dresdner Schachfreund zu danken, von dem ich spät, aber offensichtlich nicht zu spät, die Fähigkeit zum „Netzwerken“ erlernte. Höchstwahrscheinlich aus diesem Grund – und weil es einen einzigen Freund im ganzen Präsidium gab, auf den ich mich stets verlassen konnte und der mich nie enttäuschte, stand ich noch das fünfte und sechste Jahr durch, bevor ich eine Flucht ergriff, welche diejenige meines Vorgängers noch überflügelte.

Es ist müßig, darüber zu streiten, in welcher Konstellation der Schachbund erfolgreich sein könnte. Aber offensichtlich hat sich nicht viel verändert. Wenn ich heute die Nachrichten auf den Seiten des DSB lese, erkenne ich die exakt gleichen Schwierigkeiten, wie sie schon vor zehn Jahren existierten. Bloß die Namen ändern sich. Inzwischen ist der Abstand zur Organisation, ja selbst zum Spiel so groß geworden, dass es mir egal geworden ist. Damals undenkbar, dass mir eines Tages solch ein Abstand gelingen könnte. Andere halten an ihrem Weg fest, denn einige, wenige Namen sind immer noch die gleichen. Die hätten sich auch ohne weiteres in der Politik behaupten können und damit noch Geld verdienen können. Für die Neuen hoffe ich aus eigener Erfahrung, dass auch die Übriggebliebenen während der letzten Dekade zur Wandlung bereit und fähig waren. Aber unter uns gesagt; wirklich dran glauben kann ich nicht.

Klaus-Jörg Lais

Mit freundlicher Genehmigung der Internetseite www.wasissn.de

 

PS.: Ich habe Herrn Lais viele Jahre gekannt und getroffen. Ein sehr angenehmer, hilfsbereiter und freundlicher Mann. Immer da, wo Schach gelebt wurde. Jemand mit Humor und Herzlichkeit. Auch heute noch diskutieren wir auf Facebook über Schach und die Welt. Es ist ein absolutes Vergnügen sich mit Klaus zu unterhalten.
Sein Rückblick auf seine früheren Aktivitäten für das Schach ist sachlich und verdient Respekt.

Franz Jittenmeier

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2 thoughts on “Ein Blick zurück – nicht im Zorn.

  1. In Lettland geborener Spezialist – schöner Seitenhieb auf unseren ‚Sonnyboy‘ Arkadij Naiditsch.

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