Weltcup-Vorschau

Ab Sonntag sitzen in Tiflis 128 Spieler an den Brettern. Ab Mittwoch sind es noch 64, und auch im weiteren Turnierverlauf kann alle zwei bis drei Tage die Hälfte des verbleibenden Teilnehmerfelds abreisen – oder vor Ort bleiben um andere zu unterstützen. So ist es im KO-System – zwei Tage, wenn man nach zwei Partien mit klassischer Bedenkzeit ausscheidet, drei Tage wenn man den Stichkampf erreicht und dann nach Schnellschach, Blitzschach oder Armageddon das Nachsehen hat.

Ab 3.9. um 13 Uhr

Für viele ist es wohl der Höhepunkt des Schachjahres, egal welche Ziele, Ambitionen oder Hoffnungen sie haben. So äusserte sich z.B., jedenfalls sinngemäss, Benjamin Bok am Rande der niederländischen Meisterschaften – er gehört nach menschlichem Ermessen nicht zu Gruppe 1) die ich nun definiere ohne alle Namen zu nennen (gilt dann auch für Gruppe 2 und 3). Gruppe 1) wären diejenigen, die das Finale erreichen wollen um sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren – eventuell reicht auch Halbfinale und dann (wenn das stattfindet) Sieg im Spiel um Platz drei. Für einige ist es (bis auf eine eventuelle Wildcard) die letzte Chance im laufenden WM-Zyklus, sei es weil sie auf die Grand Prix Serie verzichteten (Anand), sei es weil sie da nicht mehr im Rennen um die beiden Qualifikationsplätze sind (z.B. Aronian, Nakamura, Giri, …). Drei Spieler haben noch Chancen nach Elo (Caruana, Kramnik und So, aktuell in dieser Reihenfolge) – sie drücken neben sich selbst eventuell auch ihren beiden Konkurrenten die Daumen: wenn einer das Finale erreicht, qualifiziert er höchstwahrscheinlich auch die beiden anderen für das Kandidatenturnier.

Gruppe 2) wären diejenigen, die hoffen einige Runden zu überstehen – dazu gehören neben Benjamin Bok wohl auch die vier deutschen Teilnehmer. Gruppe 3) wären diejenigen, die wohl einkalkulieren (müssen) dass Runde eins bereits Endstation ist – (un)bekannte Namen wie Oluwafemi Balogun aus Nigeria, Kenny Solomon und Daniel Cawdery aus Südafrika und auch einige Nicht-Afrikaner.

Als Titelbild (hier gefunden) das Hotel Hualing Tbilisi, Austragungsort sechs Kilometer ausserhalb des Stadtzentrums von Tiflis. Nur das Finale wird im Biltmore Hotel in downtown Tiflis gespielt.

Diesmal ist beim Weltcup die komplette top15 der neuesten Weltrangliste dabei – Nummer 16 Topalov ist der Erste der keine Lust mehr auf WM-Zyklen hat. Dabei also auch die Nummer eins Magnus Carlsen, was für Aufsehen und Verwirrung sorgte. Einerseits ist der amtierende Weltmeister im Zyklus zur Ermittlung seines Herausforderers ausdrücklich willkommen (auch die Grand Prix Serie konnte er mitspielen). Andererseits steht im Regelwerk nirgendwo was passiert, wenn er das tatsächlich macht. Wenn Carlsen das Weltcup-Finale erreichen sollte, gibt es vermutlich ein Spiel um Platz drei für den zweiten Platz im Kandidatenturnier – so steht es ausdrücklich für den Fall, dass der bereits für das Kandidatenturnier qualifizierte Vize-Weltmeister das Weltcup-Finale erreicht (Karjakin spielt auch mit). Übrigens steht auch nirgendwo, dass der Weltmeister beim Kandidatenturnier nicht mitspielen darf. Qualifizieren kann man sich zwar nur mit einer Niederlage im WM-Match, aber Carlsen wäre (wenn er will) nach Elo qualifiziert sobald er auch nur einen Zug gegen den bereits erwähnten Oluwafemi Balogun ausführt.

Carlsens Motivation, am Weltcup teilzunehmen, ist wohl, dass dieser Schachtitel noch in seiner Sammlung fehlt. Er plädierte ja auch dafür, den Weltmeister wieder im KO-Format zu ermitteln – ich interpretiere das als „ich hab‘ keine Lust mehr, WM-Matches zu spielen und mich darauf vorzubereiten“.

Zwischendrin das offizielle Logo von der Turnierseite. Nun betrachte ich den Weltcup zunächst aus Sicht einiger (Elo-)Favoriten – oft wurde das Feld zweigeteilt in „Carlsens Hälfte“ und „die andere Hälfte“. Ich viertele es stattdessen, da Halbfinale bereits die halbe Miete betrifft Kandidatenturnier ist – eventuell haben ja auch die Verlierer noch eine Chance im Spiel um Platz 3. Sollten Carlsen und Karjakin im Halbfinale gegeneinander spielen, dann sind wohl die beiden anderen Halbfinalisten bereits im Kandidatenturnier.

Ich gehe davon aus, dass die Favoriten jeweils gewinnen und betrachte Matches mit recht kleinem Elounterschied als ergebnisoffen. Um mit Carlsen zu beginnen – nicht weil er unbedingt haushoher Favorit ist (im Weltcup gab es oft Überraschungen) sondern weil er Gruppe eins anführt: Auf dem Weg ins Halbfinale müsste er nach Oluwafemi Balogun (nun letztmals erwähnt) Dreev oder Bachmann besiegen, dann Bacrot oder Bu Xiangzhi, dann Svidler oder Wojtaszek, dann Grischuk oder Vachier-Lagrave. Kleines Detail: Svidler und Wojtaszek (dreimal) sowie Grischuk und MVL (acht Partien) spielten mit klassischer Bedenkzeit bisher immer remis gegeneinander. Überraschungen sind möglich: zum Beispiel könnte MVL in Runde drei an Eljanov scheitern – der hatte 2015 in Baku immerhin u.a. Grischuk und Nakamura besiegt und dann ein knappes Halbfinale gegen Karjakin.

Die nächste Gruppe würde man im Fussball wohl als „Todesgruppe“ bezeichnen, mit Kramnik, Aronian und anderen. Kramnik trifft zum Auftakt auf den unbekannten Chinesen Dai Changren (so unbekannt, dass er keinen Wikipedia-Artikel hat), dann Areshchenko (nicht zu unterschätzen), Ivanchuk (unberechenbar) und Giri. Kramnik-Aronian gäbe es bereits im Viertelfinale. Aronian müsste dafür zunächst Daniel Cawdery (auch er letztmals erwähnt) besiegen, dann eventuell Hou Yifan, dann Matlakov oder Andreikin (Matlakov nach Elo besser, Andreikin Weltcup-erfahrener bzw. -erfolgreicher), dann Karjakin (Titelverteidiger und da sein Sieg 2015 in Baku nur der Anfang war ohne Druck betrifft Kandidatenturnier-Qualifikation).

Hou Yifan bekam übrigens zum dritten Mal nacheinander eine „Presidential Nominee“ wildcard – da sage einer, dass FIDE sie ungerecht behandelt. In Runde eins ist sie gegen Kacper Piorun nur leicht favorisiert. Im Januar in Gibraltar hatten beide genau dieselbe Elo, und Hou Yifan war nach dem Alphabet („Hou“ war entscheidend) vor dem Polen, das hatte Konsequenzen für ihre Paarungen. Einzige andere Dame im Turnier ist offenbar Nana Dzagnidze aus Georgien, also „organizer nominee“ – zusammen mit Mchedlishvili, Pantsulaia und (georgisch-azerische Freundschaft) Radjabov. Freundschaft bedeutet, dass SOCAR Georgia Hauptsponsor ist, Ableger von SOCAR Azerbaijan. Weltmeisterin Tan Zhongyi verzichtet offenbar auf den Weltcup.

Nach diesem kleinen Exkurs weiter mit Wesley So – sein Weg ins Viertelfinale: IM Ruiz Castillo aus Kolumbien, Sandro Mareco oder Matthias Bluebaum, Vallejo Pons oder Tomashevsky, Nepomniachtchi oder Yu Yangyi. Da wartet Nakamura falls er Abdullah Al-Rakib aus Bangladesch besiegt, dann Anton Guijarro, dann Fedoseev, dann Anand oder eventuell Adams. Fedoseev ist für mich Geheimfavorit – in einem Interview sagte er, dass Elo aktuell ca. 2730 für ihn nicht Ende der Fahnenstange ist und dass er sich gerne bereits diesmal beim Weltcup für das Kandidatenturnier qualifizieren will. Wer beim Weltcup überraschend gut abschneidet kann man allerdings nicht vorhersagen, sonst wäre es ja keine Überraschung.

Der dritte nach Elo qualifizierte US-Amerikaner Caruana bekommt es zu tun mit Kenny Solomon (letztmals erwähnt), Fressinet, Vitiugov oder Najer, Wei Yi und Mamedyarov. Bei Wei Yi ist dabei für mich bereits Runde zwei gegen vermutlich Rapport „ergebnisoffen“, Mamedyarov müsste u.a. Gelfand und Ding Liren besiegen.

Diese ganzen Paarungen aufgrund der August-Eloliste – in der aktuellsten September-Liste haben z.B. Vachier-Lagrave und So die Plätze getauscht – MVL nun Nummer zwei, So Nummer acht, zuvor (vor dem Sinquefield Cup) war es umgekehrt. Ebenso hat sich Anand von zehn auf sieben verbessert, und Nakamura von sieben auf zehn verschlechtert. Von den top10-Spielern würden nur #1 Carlsen, #6 Mamedyarov und #9 Grischuk ihren Platz in der Paarungsliste behalten, dabei auch (durch Verschiebungen weiter unten) andere Gegner bekommen. Wenn immer der Favorit gewinnt (also auch Kramnik, Elo 2803, gegen Aronian, Elo 2802 sowie für So-Nakamura Stand August 2017) gäbe es die Halbfinal-Paarungen Carlsen-Kramnik und Caruana-So. Wenn Carlsen dann das Finale erreicht, gibt es wohl ein Spiel um Platz drei – das im Prinzip nur entscheidet wie sich der Sieger (Dritter insgesamt) für das Kandidatenturnier qualifiziert, über Weltcup oder nach Elo. Vachier-Lagrave muss entweder selbst das Finale erreichen oder darauf hoffen, dass zwei von [Kramnik, Caruana, So] sich beim Weltcup für das Kandidatenturnier qualifizieren – dann würde vermutlich er nach Elo nachrücken. Oder MVL qualifiziert sich später via die Grand Prix Serie – bei der je nach Weltcup-Resultat die Karten eventuell neu gemischt werden.

Das – auch von der Turnierseite– ist der Turniersaal noch ohne Teilnehmer. Ab Runde zwei haben die Spieler mehr Platz, um zwischendurch spazieren zu gehen.

Noch zu den deutschen Teilnehmern, einen hatte ich bereits: Matthias Bluebaum spielt in Runde eins gegen den Argentinier Sandro Mareco. Das (Elo 2650 zu 2646, Vorteil Mareco) ist ergebnisoffen, Runde zwei gegen Wesley So nicht mehr – falls Bluebaum eine Sensation schaffen sollte: weitere potentielle Gegner siehe oben bei Wesley So. Entweder Daniel oder Daniil erreicht die zweite Runde, da Daniel Fridman zum Auftakt gegen Daniil Dubov spielt – der Sieger dann voraussichtlich gegen Karjakin, auch hier wären weitere Runden für den deutschen Spieler Zugabe. In derselben Gruppe, da ich ihn eingangs erwähnte, Benjamin Bok – Aussenseiter gegen Artemiev, dann Radjabov, dann Karjakin (oder etwa Fridman?).

Liviu Dieter Nisipeanu ist gegen Samuel Sevian Favorit (aber das kann eventuell bereits schief gehen). Dann kämen Chinesen – Li Chao und danach Wei Yi. Vitaly Kunin hat, da Nummer 107 der Setzliste, bereits in Runde eins mit Le Quang Liem einen „Brocken“. Auch für ihn kämen danach weitere Asiaten – Neu-2700er Santosh Vidit und danach Ding Liren.

Gespielt wird insgesamt vom 3.-27. September, Rundenbeginn jeweils um 15:00 Ortszeit bzw. 13:00 in Mitteleuropa. Einen Ruhetag für alle (bzw. die letzten zwei oder vier) gibt es erst nach dem Halbfinale – zuvor nur wenn man sich mit klassischer Bedenkzeit durchsetzt und Stichkämpfe vermeidet. Zeitkontrollen: klassisch 90 Minuten für 40 Züge, dann 30 Minuten für den Rest mit 30 Sekunden Inkrement ab dem ersten Zug. Stichkämpfe, je nachdem wie lange sie dauern: je zweimal 25 Minuten + 10 Sekunden Inkrement, 10 Minuten plus 10 Sekunden pro Zug, 5+3 und dann wenn es sein muss Armageddon – Weiss bekommt 5 Minuten und muss gewinnen, Schwarz bekommt 4 Minuten und Remis reicht. Aktuelle Temperaturen in Tiflis bis zu 36 Grad Celsius – das ist nahe am langjährigen Rekord, üblich ist für diese Jahreszeit 15-26 Grad.

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