Qualität im Weltcup-Achtelfinale

Qualität war in den Partien durchaus vorhanden, wobei Gelfand – und der hat Ahnung vom Schach – sagte, dass bereits in Runde 3 „eine der besten Partien, die ich jemals gesehen habe“ gespielt wurde. Der Titel spielt auf etwas anderes an: Mitentscheidend über Sieg oder Niederlage war in mehreren Matches, ob ein Spieler eine Mehrqualität verwerten konnte oder nicht. Allwissende Tablebases schaffen das immer, sofern die Stellung bei maximal sechs Klötzen objektiv gewonnen ist – wenn das so ist, dann sind auch Reporter und andere Kibitze allwissend. Spieler sind dagegen Menschen und schaffen es auch dann nicht immer, und wenn dann teilweise nur auf Umwegen.

Das Titelbild bekommt allerdings ein Spieler, der im Turmendspiel nur einen Mehrbauern brauchte, um seine Partie zu gewinnen – Ivanchuk hat so nach Kramnik auch Giri eliminiert. Alle Fotos wieder von Anastasia Karlovich, Quelle Turnierseite (wobei die Links zu Fotos aus Runde 4 nur auf Facebook verraten werden).

Ich nenne zunächst alle Ergebnisse – drei Matches waren nach zwei Partien mit klassischer Bedenkzeit entschieden, vier nach Schnellpartien im Tiebreak und nur eines ging in die verlängerte Verlängerung. In diesem Weltcup immer noch kein Armageddon – persönlich kann ich darauf auch verzichten, die Spieler womöglich auch. Und nun: Svidler – Bu Xiangzhi 3-1, Vachier-Lagrave – Grischuk 3,5-2,5, Ivanchuk-Giri 1,5-0,5!, Aronian-Dubov 1,5-0,5, So-Jobava 2,5-1,5, Fedoseev-Rodshtein 3-1, Rapport-Najer 2,5-1,5, Ding Liren – Wang Hao 1,5-0,5. Ein Ausrufezeichen nur für Ivanchuk, denn sonst gewannen generell die Favoriten – Rapport war gegen Najer leichter Elo-Aussenseiter, aber der Ungar hatte ja schon einmal Elo deutlich über 2700.

Nun behandle ich die Matches nacheinander, nicht zu allen habe ich Fotos:

Svidler – Bu Xiangzhi 3-1: In den beiden Partien mit klassischer Bedenkzeit war das Gleichgewicht nie ernsthaft gestört – in der zweiten schon gar nicht, da der Chinese mit Weiss schnell den Remishafen ansteuerte.

In der ersten Schnellpartie hatte Bu Xiangzhi mit Weiss eine taktische Abwicklung wohl falsch beurteilt und verlor dabei eine Qualität – dafür hatte er anfangs immerhin zwei Bauern, aber das schwarze Turmpaar war dann stärker als für Weiss Turm und Läufer. Alternativ konnte Bu auch, wohl ebenfalls unvorteilhaft, zwei Leichtfiguren für Turm und Bauer geben. Svidlers technische Aufgabe wurde dadurch erleichtert, dass sein Gegner im 40. Zug eine Figur einstellte – die Svidler dann nicht nahm, da er im 41. Zug nach einem weiteren (nun bereits irrelevantem) gegnerischen Fehler einzügig mattsetzen konnte. Svidlers Landsmann Najer hatte in Runde 3 gegen Caruana die Qual der Wahl zwischen 41.-Df1# und 41.-Tf1#, vielleicht deshalb brauchte er 12 Sekunden für (das wurde es) 41.-Df1#; Svidler spielte nach nur drei Sekunden das alternativlose (abgesehen von der Möglichkeit, 41.-e5+ 42.Txe5 einzuschieben) 41.-Tf1#. Jeweils war es, da Schnellschach gespielt wurde, nicht „nach der Zeitkontrolle“, Weiss hatte in beiden Fällen weiterhin nur noch Sekunden auf der Uhr.

In der zweiten Schnellpartie musste Bu Xiangzhi mit Schwarz gewinnen und entkorkte 1.Sf3 f5!? 2.d3!? d6 3.e4 e5 4.Sc3 Le7 5.d4 fxe4 6.Sxe4 d5 7.Seg5 exd4 8.Ld3 Dd6 9.Sxd4 c5? – beide hatten für eine Schnellpartie bereits recht viel Bedenkzeit verbraucht, nach 10.Sb5 stand Schwarz bereits auf Verlust. Svidler wählte dann nicht unbedingt den schönsten und/oder schnellsten, sondern den sichersten Gewinnweg.

Svidler wurde hinterher gefragt, wen er lieber als nächsten Gegner hätte, MVL oder Grischuk, Antwort: „Can I move to the other side of the bracket, please?“ [Kann ich bitte in der anderen Hälfte der Paarungstabelle landen?]

Zwei Schiedsrichter, Giri und Svidler, was verrät Giri Svidler da? „Pssst, ich war heute morgen in Shorts im Fitnessraum!“. Svidler, der selbst – ausserhalb des Turniersaals und nicht direkt vor oder während einer Runde – so fotografiert wurde, hat das nicht ausgeplaudert.

Weiter mache ich, der Paarungstabelle folgend, mit dem längsten und eloschwersten Match Vachier-Lagrave – Grischuk 3,5-2,5. Die erste Partie war – trotz anfangs „Giuco piano“ – ein wilder Schlagabtausch, aus dem dann ein für Weiss (MVL) nur symbolisch besseres Turmendspiel entstand, das bis zu nackten Königen gespielt wurde. Zuvor stand zwischendurch mal Grischuk klar besser, da Vachier-Lagrave seinen Angriffswirbel objektiv falsch durchführte.

Die zweite Partie dann Remis in 13 Zügen: In einem Najdorf-Sizilianer ver(sch)wendete Grischuk 29 Minuten für 11.h3 und nochmals 29 Minuten für 13.Sb3 nebst Remisangebot. Wen würde Caissa dafür bestrafen? Grischuk, der auf eine Weisspartie verzichtete, oder MVL der das Remisangebot akzeptierte – obwohl er eine halbe Stunde mehr auf der Uhr hatte und Grischuk mit seiner Stellung offensichtlich nicht zufrieden war?

Vor den Tiebreaks, bzw. zu diesem Foto-Zeitpunkt, hatte Grischuk gute Laune. In den beiden Schnellpartien wurde obige Frage nicht beantwortet. Zunächst, gespielt wurde Englisch, stand Grischuk mit Weiss zwischenzeitlich besser und konnte das nicht konkretisieren. Dann wieder Italienisch Giuco piano: MVL schnappte sich einen Bauern, glaubte dann allerdings an ausreichende schwarze Kompensation – sofort wurden die Züge wiederholt. Weiter ging es!

Die Farbfolge wird vor jeder Tiebreak-Etappe neu ausgelost, in den Zehnminutenpartien begann MVL mit Weiss. Es begann mit einer Zugwiederholung und wurde dann doch nicht remis – bis zum 13. weissen Zug dieselbe Partie wie gerade zuvor, also erneut Giuco piano. Dann wich Grischuk ab, der weitere Verlauf unter umgekehrten Vorzeichen verglichen mit zuvor: Schwarz schnappte sich einen Bauern bzw. Weiss opferte diesen, Weiss hatte dafür mehr als ausreichende Kompensation. Später gewann Weiss dann eine Qualität – Technik musste er nicht zeigen, da Grischuk kurz danach (plausibel) aufgab.

Die zweite Zehnminutenpartie dann wieder Englisch. Im 16. Zug opferte Schwarz (MVL) eine Qualität – dabei hatte er richtig eingeschätzt, dass seine Kompensation ausreichte. Das sagen Computer, das war auch der Eindruck der Livekommentatoren – wobei man nicht einfach erklären kann warum eigentlich. Die weisse Dame stand zwar im Abseits und drohte gar gefangen zu werden, das konnte Grischuk allerdings abfedern und seine Dame letztendlich befreien und dann abtauschen. Auch danach hatte Schwarz (Läuferpaar, Mehrbauer, bessere Bauernstruktur) volle Kompensation und landete irgendwie doch in einem „eigentlich“ verlorenen Endspiel – Turm und h-Bauer gegen Läufer und g-Bauer. Dieses Endspiel entstand im 40. Zug nach 40.Kxf5. Zunächst spielte Grischuk Tablebase-korrekt weiter – 41.Kg5, 42.Kh6, nur so im Gewinnsinne! 43.Kh7 war dann ohnehin der einzige legale Zug, 44.Kh6 (Matt in 48) für Tablebases nicht falsch, wobei 44.h3 (Matt in 33) einfacher war. Aus menschlicher Sicht war 44.Kh6 (erlaubte 45.-g4+ und 46.-g3) dabei im höheren Sinne der Match-Verlustzug, da die Tablebase-Fortsetzung um doch noch zu gewinnen kompliziert-studienartig ist. Erst nach 64.h4 war es auch für Tablebases remis. Im 83. und 84. Zug verschwanden beide Bauern vom Brett – Grischuk hoffte danach noch auf ein Wunder mit Turm gegen Läufer und schickte sich mit 94.Txg3 in seine Match-Niederlage.

MVL wirkte im Interview hinterher eher müde und erleichtert als glücklich und deutete an, dass er abends ein Glas (wohl Alkohol) trinken wird – wohl eines oder vielleicht zwei, nicht mehr, denn schon am nächsten Tag geht es weiter gegen, das hatten wir bereits, Svidler.

Ein Bühnenfoto mit u.a. einem der beiden nächsten Protagonisten:

Ivanchuk-Giri 1,5-0,5: In der ersten Partie spielte Giri mit Schwarz Russisch, Ivanchuk der damit offenbar nicht gerechnet hatte (früher war es Teil von Giris Repertoire, die letzten Jahre nicht mehr) brauchte gut zwei Minuten für das relativ seltene 3.d4. Für den 9. Zug brauchten dann beide über eine halbe Stunde: 9.Le3 (38 Minuten) war selten, 9.-0-0-0 (34 Minuten) neu und objektiv wohl nicht gut, da 10.Dxd5 mit Mehrbauer gut spielbar war. Ivanchuk verzichtete, bei heterogenen Rochaden bekam Giri den jedenfalls optisch gefährlicheren Königsangriff. Dafür hatte er allerdings einen Bauern geopfert, und das war letztendlich in die andere Richtung partieentscheidend. Ein bisschen mehr zu dieser Partie gleich in Auszügen aus Ivanchuks Interview, nun zuerst ein Foto vorher:

In der zweiten Partie musste Giri also gewinnen, fand nicht die richtigen Mittel und landete in einer Verluststellung. Nach 30.Te4 zog er die Notbremse Remisangebot (= Matchniederlage aber ein paar Elopunkte retten), Ivanchuk lehnte ab da er dachte glatt gewonnen zu stehen. Das war objektiv sicher der Fall, aber später erlaubte bzw. gab Ivanchuk – sich seiner Sache nicht mehr sicher – ein Dauerschach.

Hinterher war für Ivanchuk im Interview alles OK, Auszüge daraus: Karlovich „Was kannst Du zur ersten Partie sagen, und zur zweiten?“ Chucky „OK es war zweimal ein grosser Kampf, sehr interessante Partien und OK, vielleicht viele Fehler.“ Karlovich „In der ersten Partie heterogene Rochaden …“ Chucky „Ja, sehr scharf. OK er gab mir einen Bauern, OK zumindest sah ich nicht wann ich auf Verlust stehe.“ Karlovich „h3 (Angriffsmarke am Königsflügel) kam für mich überraschend“ Chucky „Ein Abwartezug, ich hatte nicht damit gerechnet, dass er -g5 spielt (und später -g4)“. … Karlovich „Was war Deine Einstellung vor der zweiten Partie?“ Chucky „OK ich versuchte einfach, eine normale Partie zu spielen. Das Endspiel gefiel mir nicht besonders, OK b4 war für ihn wohl besser als f4, aber so hat er nicht gespielt. Meine Stellung war danach gut, wohl fast gewonnen aber OK er hat sich interessant verteidigt. Am Ende war ich froh, ein Dauerschach zu finden.“ Karlovich „Gelfand sagte, Deine zweite Partie gegen Kramnik war eine der besten, die er jemals gesehen hat.“ Chucky „OK ich weiss nicht, das müsste man analysieren.“ Karlovich „Wer ist Dein nächster Gegner?“ Chucky „Ich weiss nicht, kannst Du es mir sagen?“ Karlovich „Vielen Dank für die Kommentare, herzlichen Glückwünsch“ Chucky „OK“. Karlovich wagte nicht zu fragen, ob seine Lacoste-Trainingsjacke eventuell nicht OK ist …. .

Zu diesem Foto gibt es drei mögliche Bildunterschriften – konventionell „Grischuk und MVL, hinten Ivanchuk“ aber auch „Gibt es hier einen dress code?“ oder „Wie oft muss man sich rasieren?“.

Aronian-Dubov 1,5-0,5 bekommt, da beide Partien mit klassischer Bedenkzeit gehaltvoll waren, zwei Fotos. In der hier abgelichteten ersten Partie hatte Dubov mit Weiss eine Qualität wohl eher geopfert als eingestellt, aber seine Kompensation war unzureichend. Da Aronian einen Zug zu spät -Txb2 spielte, endete es mit Dauerschach – bzw. dazu wäre es gekommen, wenn sie sich nicht direkt nach dem von Aronian nach eigenem Eingeständnis übersehenen 36.Se8! auf Remis geeinigt hätten.

Tags darauf hatte Aronian Weiss, irgendwann wieder eine Mehrqualität – diesmal war seine „Technik“ suboptimal aber letztendlich gut genug für den vollen Punkt. Das vorangegangene Mittelspiel war auch turbulent: Aronian hatte Dubovs Grünfeld-Inder scharf angepackt und dabei wohl „eigentlich“ den Bogen überspannt – nach 19 Zügen dann auch ein „taktisches“ Remisangebot, das Dubov, zu diesem Zeitpunkt zurecht, ablehnte. Später bekam Aronian Oberwasser, und nach 47.Txb5 diese Tablebase-Stellung:

Für mich unklar, warum 47.-Kg6 „Matt in 72“ ist und das gespielte 47.-Kf6 „Matt in 47“ – diese Tablebase-Varianten habe ich mir nicht angeschaut, einige andere durchaus aber Detail sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Livekommentator Sokolov war sich übrigens nicht sicher, ob das für Weiss gewonnen ist, Ivanchuk schaute da vorbei, sagte „Nalimov weiss Bescheid“ und entschied sich nach einigem Zögern selbst für „wahrscheinlich remis“. Nalimov weiss Bescheid – Weiss gewinnt! Seirawan, der anderswo kommentierte, wusste offenbar sofort, dass und auch wie Weiss gewinnt.

Zunächst spielte Aronian Tablebase-perfekt, dann nicht mehr: etwa 20 Züge lang lautete das Urteil ungefähr „Matt in 30“ – Aronian verdarb also nichts, aber machte auch null Fortschritte. Die Drohung ist bekanntlich stärker als die Ausführung, aber übertreiben sollte man es nicht – zumal irgendwann die 50 Züge Regel greifen würde. Irgendwann etwa in dieser Phase wurde der Livekommentar beendet mit „Ivanchuk hat Recht, das Endspiel ist remis – morgen spielen auch Aronian und Dubov Tiebreaks, das wird spannend“.

Dann machte Aronian einen Bauernzug, und zwar den falschen – nach 73.g3? war es laut Tablebases remis, 73.g4, ohnehin Teil des weissen Gewinnplans, gewinnt. Das Tablebase-Urteil pendelte im weiteren Verlauf zwischen Remis und Weiss gewinnt – nicht weil Tablebases ihre Meinung ändern, sondern weil beide suboptimal spielten. Aronians Bedenkzeit war dabei durchgehend recht knapp, wobei auch er noch manchmal zwei, drei oder auch sieben Minuten investieren konnte; Dubov hatte am Ende noch 26 Minuten auf der Uhr. Aronian gewann letztlich im wörtlichen und übertragenen Sinne auf Umwegen:

Hier ging und kam 96.Txe4+ Kxe4 97.Kg6 mit gewonnenem Bauernendspiel, Dubov gab auf.

Hinterher gab es noch ein Interview mit Aronian. Er hatte nach eigener Aussage dieses Endspiel „mal“ in Ruhe analysiert, konnte sich aber am Brett nicht erinnern. „Ich bin sicher, dass Leute mit Tablebases mich auslachten!“ „Ich denke, dass Spieler in diesem Turnier generell nicht ihr bestes Schach zeigen, da so viel auf dem Spiel steht – for allem für mich da ich mich (für das Kandidatenturnier) qualifizieren will. Es ist sehr stressig!“

Zu So-Jobava 2,5-1,5 fasse ich mich kürzer: Beide Partien mit klassischer Bedenkzeit endeten remis, vor allem die zweite war für Jobava ein „Plusremis“. Aber das zählt nicht. In der ersten Schnellpartie wurde er positionell überspielt und rettete sich in eine Remisfestung im Endspiel – dann patzte er allerdings: nach 64.-Tg5+ (das wäre eine Zugwiederholung, vorläufig die erste) kann Weiss offenbar keine weiteren Fortschritte machen mit Turm, Läufer und Bauer gegen Turm und zwei Bauern. Stattdessen kam 64.-Tf1+? 65.Kg6 Tg1+ 66.Lg3 1-0 – Weiss droht Matt, Schwarz kann das nur durch Turmtausch oder Bauernopfer verhindern, jeweils ist die Stellung dann verloren. In der zweiten Schnellpartie musste Jobava eine Qualität spucken – diesmal nicht matchentscheidend, dass So seinen materiellen Vorteil nicht verwerten konnte bzw. dies auch nicht unbedingt wollte, Remis reichte ja.

Zwischendurch nochmal ein Bühnen-Foto, nun (siehe z.B. Aronians Hemd) von Runde 4 Tag zwei.

Fedoseev-Rodshtein 3-1 bekommt wieder zwei Fotos – Fedoseev kann in diesem Turnier fast gar nicht remis spielen (nur zwei von bisher zwölf Partien).

Die erste Partie spielte Fedoseev kreativ-riskant: Das Bauernopfer 22.-e5!? war wohl „nicht ganz korrekt“, ein späteres doppeltes Figurenopfer durchaus – Rodshtein konnte Matt nur durch Damenopfer verhindern, mit zwei Leichtfiguren gegen die Dame und ohne Chancen, eine Festung zu konstruieren, gab er auf.

Tags darauf musste Rodshtein nun mit Schwarz gewinnen und schaffte das tatsächlich – Fedoseevs Stärke und Schwäche ist, dass er nicht remis spielen kann!? Auch hier begann es mit einem Bauernopfer, am Ende hatte Rodshtein ein trotz Minusbauer glatt gewonnenes Turmendspiel, da sein freier d-Bauer unaufhaltsam marschierte – im Gegensatz zu zwei weissen Freibauern.

In der ersten Schnellpartie hatte Fedoseev einen Mehrbauern, mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern allerdings nicht leicht zu verwerten. Dann – in der Liveübertragung zu sehen – Diskussionen und Schiedsrichter, die die Uhr betätigen. Rodshtein machte mit beiderseits noch Sekunden einen regelwidrigen Zug – nach neuesten FIDE-Regeln bedeutet das auch im Schnellschach nicht sofortigen Partieverlust (erst beim zweiten Mal), davon ging Fedoseev allerdings offenbar aus. Er bekam zwei extra Minuten und gewann danach recht glatt – auf Stellung, da er weitere Bauern gewinnen konnte, auch Turmtausch rettete Rodshtein nicht.

Vor der zweiten Schnellpartie unterhielten sich beide am Brett – worüber weiss ich nicht, Liveübertragung hier ohne Ton (vermutlich redeten sie ohnehin Russisch was ich nicht beherrsche). Die Partie war dann chaotisch-unklar mit wechselnden Vorteilen – Fedoseev kann eben nicht (auf) remis spielen. Am Ende konnte er seinen Gegner taktisch überrumpeln.

Bei Rapport-Najer 2,5-1,5 fasse ich mich wieder kürzer: dreimal Remis, die zweite Schnellpartie reines Kaffeehaus-Schach – eigentlich schon bevor Weiss mit 13.Kf1 auf die Rochade verzichtete und Schwarz mit 14.-Kf8 sagte „das kann ich auch“ – mit besserem Ende für den Ungarn.

Noch ein Foto aus dem Pressebereich – da erkenne ich nur den vollbärtigen Ivan Salgado Lopez, in Runde eins ausgeschieden aber immer noch vor Ort.

Ding Liren – Wang Hao 1,5-0,5 bekommt ein Foto und auch eher wenig Text: in der ersten Partie eher wenig los und dann remis, in der zweiten Partie hat der aktuell beste Chinese seinen Landsmann langsam aber sicher positionell überspielt.

Schon haben wir alle acht Matches – neben allen sechzehn Spielern zeige ich noch ein paar andere in der Galerie:

Die meisten muss ich nicht mehr vorstellen, was Eteri Kublashvili macht ist auch deutlich: fotografieren (für den russischen Schachverband). Genna Sosonko hat VIP-Status – jedenfalls an einem Tag half er auch beim Livekommentar von Ivan Sokolov und WGM Keti Tsatalashvili. Diese Dame ist nicht die einzige georgische -vili vor Ort, ebenfalls fotografiert wurden (aber alles kann ich nicht zeigen) Sopiko Guramishvili [besucht nun noch mit Anish Giri ihre Familie] und die eine Ex-Weltmeisterin Nona Gaprindashvili, wie die hier abgebildete andere Maia Chiburdanidze aus Georgien. Und was machte Viktorija Cmilyte? Vielleicht im Auftrag von Ehemann Peter Heine Nielsen den nächsten Herausforderer von Magnus Carlsen beobachten, wobei das noch etwas verfrüht ist. Und Azmaiparashvili organisiert, redet, gibt Interviews, … .

Zu den Viertelfinal-Matches wage ich Prognosen, die eintreten können oder auch nicht:

Svidler – Vachier-Lagrave: dieses Match gab es letztes Jahr in Biel, damals gewann der Franzose glatt. Diesmal tippe ich darauf, dass Svidlers grössere Weltcup-Erfahrung mehr Wert ist als die höhere Elozahl des Franzosen.

Ivanchuk-Aronian: Einmal darf bei mir auch der Favorit gewinnen – für Ivanchuk ist im Viertelfinale Endstation. Kramnik wurde vor seiner Niederlage gegen Chucky kaum gefordert/getestet, Giri wackelte schon zuvor kräftig. Aronians Einzug ins Viertelfinale war dagegen – trotz zweimal Tiebreaks gegen Hou Yifan und Matlakov – ungefährdet.

So-Fedoseev: Der Aufsteiger anno 2017 besiegt nun auch den Absteiger anno 2017. Wesley So als „Absteiger“ zu bezeichnen ist drastisch – aber lang lang ist es offenbar her, dass man ihn als grösste oder einzige Gefahr für Carlsens Titel bezeichnete.

Rapport-Ding Liren: Der Ungar zeigte bereits, dass er Chinesen besiegen kann – da gilt, im Gegensatz zu Ivanchuk, „aller Dinge sind drei“ (nach Wei Yi und Li Chao).

Dann kann ich auch noch das Halbfinale tippen – auch da spielt eine Rolle, wen ich gerne im Kandidatenturnier hätte: Svidler gewinnt gegen Aronian, Fedoseev gegen Rapport. Im Finale bleibt es dann dabei, dass niemand zweimal Weltcup-Sieger wird – also gewinnt Fedoseev. Das Endergebnis ist dasselbe wie 2015 zwischen Svidler und Karjakin: 6-4 ohne ein einziges Remis, das kann Fedoseev nun einmal nicht!

Aronian, Kramnik und Vachier-Lagrave gehören allerdings auch ins Kandidatenturnier, jeweils habe ich die passende Lösung: Ein Berliner bekommt die wildcard – da u.a. Robert Rabiega, Dirk Poldauf und Frank Hoppe die Elo-Voraussetzungen nicht erfüllen wird es Levon Aronian. Kramnik landet im Elorennen vor Wesley So. MVL qualifiziert sich über die GP-Serie, zusammen mit (ein Chinese muss schon sein) Ding Liren. Bei Ivanchuk und Rapport würde ich befürchten, dass sie sich im Kandidatenturnier als „Fremdkörper“ entpuppen.

Wer gewinnt das Kandidatenturnier? Erst einmal abwarten, welche acht mitspielen (noch nicht genannt Karjakin und Caruana). DSB-Referent für Öffentlichkeitsarbeit Frank Neumann bezeichnete ja Gedanken zur wildcard als „spekulativ“ – das gilt auch für meine anderen Prognosen.

 

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4 thoughts on “Qualität im Weltcup-Achtelfinale

  1. Ich hatte mir das verkniffen, aber „ähm äh“ in mindestens jedem zweiten Satz ist in der Spitzenschach-Szene ja ein Patent von Magnus C.

    Zum Foto aus dem Pressebereich kann ich – unter leichtem Vorbehalt – ein paar Namen ergänzen: stehend in der Mitte wohl tatsächlich Azmaiparashvili, daneben Gaprindashvili, neben Salgado Lopez Sosonko. Hinten an der Tür die Szene beobachtend Peter Doggers. Bin mir nicht ganz sicher, wer Azmaiparashvili ist – der im weissen oder der im schwarzen oder dunkelblauen Hemd, hat er einen Zwillingsbruder? Die drei bis vier anderen erkenne ich nun wirklich nicht, weiss jemand Bescheid?

    Andere mir aus Wijk aan Zee bekannte Gesichter (Fotos hatte ich bereits): Maria Emelianova und Evgeny Surov. Dirk Poldauf kommt in Wijk aan Zee generell erst am letzten Wochenende – beim Weltcup vielleicht nicht so schlau wenn man von mehr als zwei Spielern Zitate/Interviews bzw. vor allem Partiekommentare will, aber es muss wohl zeitlich und finanziell passen.

    Sosonko fragte mich in Wijk aan Zee mal, warum ich fliessend Niederländisch spreche – er hatte wohl mitbekommen, dass ich für eine deutsche Seite schreibe aber nicht, dass ich seit 1998 in NL wohne.

    Chiburdanidze (*17.1.1961) war damals in Dortmund 22, natürlich ist sie nun etwas älter. Gaprindashvili ist Jahrgang 1941 und hat sich dafür gut gehalten.

  2. Ivanchuks „OK“ ist wohl die moderne Variante von Boris B. „äääh“, Gefällt mir besser. 😉
    Zum Foto aus dem Pressebereich: Ist das gegenüber von Lopez nicht unser Freund, der Campingurlauber?
    Heute mal in den Klamotten in denen er die Nacht zuvor geschlafen hat?
    Und die gute Maia Chiburdanidze ist auch vor Ort. Meine Güte, ist sie alt geworden, gilt für mich natürlich nicht. 😉
    Sie hat ’83 bei uns in Dortmund gespielt, mit dem kleinen, dicken E. Gufeld als Aufpasser an der Seite.
    Während Maia brav im Hotelbett schlummerte, haben wir mit Eduard manche Nächte zu Tagen gemacht.
    Und ich kann bestätigen, er konnte unnachahmlich erzählen und seine Zuhörer förmlich an seinen Lippen hängen lassen.
    Dass es dabei hoch herging, dürfte selbstredend sein. Dementsprechend war auch sein Turnierergebnis. 😉

  3. Kaffeehausschach klappt doch gut – tolle Kämpfe, Partien und Eröffnungen von Richard Rapport! Da drücke ich mal die Daumen für den Weg ins Finale 🙂

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