Interview mit Ullrich Krause zum Kandidatenturnier

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Berlin ist Ausrichter dieses hochrangigen Turniers im März 2018

Das Kandidatenturnier 2018 kommt nach Berlin. Seit Bekanntgabe des Veranstaltungsortes durch die FIDE sind die Schachfans in Deutschland elektrisiert. Damit wird Deutschland Gastgeber des wohl am stärksten besetzten Schachturniers der Nachkriegszeit. Zudem dürfte sehr viel Spannung über den Runden liegen, denn es geht am Ende darum, wer ein gutes halbes Jahr später den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen (Norwegen) herausfordert. Der Deutsche Schachbund wird als Partner des Ausrichters AGON Limited alles für eine erfolgreiche Durchführung organisieren. Grund genug, Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schachbundes, nach seinen Erwartungen und Plänen zu fragen.

Ullrich Krause (Präsident des DSB)

DSB: Ullrich Krause – kaum sind Sie im Amt, da platzt die Nachricht über ein in Deutschland nie da gewesenes Schachereignis herein. Wie überrascht waren Sie persönlich?

U.K.: Mein Vorgänger Herbert Bastian hatte schon davon gesprochen, dass es sehr gut möglich wäre, dass das Kandidatenturnier nach Berlin vergeben wird. In den letzten Monaten gab es mehrere Kontakte zu AGON, aber die tatsächliche Entscheidung kam für mich dann doch überraschend schnell. Mein Dank geht an Herbert Bastian für die geleistete Vorarbeit und an alle, die diese Arbeit in den letzten Monaten kontinuierlich fortgesetzt haben. Es gab in der Tat noch nie ein Kandidatenturnier in Deutschland, und ich freue mich sehr über diese großartige Möglichkeit, unseren Sport in der Öffentlichkeit zu präsentieren!

DSB: Es werden – abgesehen natürlich vom Weltmeister – die besten der Welt in Berlin sein. Ein Spieler unseres Verbandes wird aber wohl nicht teilnehmen?

U.K.: Nein. Es gibt eine Wildcard, aber die wird nur an Spieler vergeben, die eine ELO-Zahl jenseits der 2700er Grenze haben, und diese Bedingung erfüllt zurzeit kein deutscher Spieler. Um eventuellen Nachfragen gleich vorzubeugen: Wir wissen auch nicht, wer diese Wildcard bekommen wird.

DSB: Berlin ist immer eine Reise wert, aber was versprechen Sie den Tausenden von Schachspielerinnen und Schachspielern für den März 2018?

U.K.: Es wird im März in Berlin viele Möglichkeiten geben, sich schachlich zu betätigen, entweder als Zuschauer beim Kandidatenturnier oder als Zuhörer beim Live-Kommentar oder als Teilnehmer bei Schnellschach- oder Blitzturnieren oder einer anderen schachlichen Veranstaltung. Ich gehe davon aus, dass uns der Berliner Schachverband und die Berliner Vereine unterstützen werden, freue mich aber auch über Ideen aus anderen Verbänden. Und natürlich wird sich auch der DSB diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn ich mich an die Schnellschach- und Blitzweltmeisterschaft im Jahr 2015 erinnere, war sowohl die Schachbegeisterung als auch die Anzahl der Zuschauer vor Ort sehr groß. Ich hoffe sehr, dass das im März 2018 genauso sein wird!

DSB: Schon jetzt sind Stimmen laut, die zwar einerseits die Freude über die Ausrichtung teilen, andererseits aber befürchten, das nach dem Event der Schachsport hierzulande wieder im Schattendasein abtaucht. Was entgegnen Sie diesen Stimmen?

U.K.: Das liegt an uns! Direkt im Anschluss an das Kandidatenturnier findet das Grenke-Chess-Open statt, und danach gibt es dann noch die zentrale Bundesliga-Endrunde, ebenfalls in Berlin. Diese einmalige Konstellation ist eine ebenso einmalige Möglichkeit, nachhaltig für den Schachsport zu werben. Das wird allerdings nur dann gelingen, wenn wir uns aktiv betätigen. Jetzt schon darüber zu spekulieren, wie wenig nachhaltig der Effekt dieses bemerkenswerten Schachfrühjahrs sein könnte, erscheint mir wenig hilfreich.

DSB: Das Teilnehmerfeld ist ja noch nicht komplett, einige Plätze sind noch zu vergeben. Wer ist aus Ihrer Sicht der vielleicht aussichtsreichste Kandidat für das WM-Match?

U.K.: Ich würde mir wünschen, dass der ehemalige Berliner Levon Aronian sich über den aktuell laufenden World Cup für das Kandidatenturnier qualifiziert und dann dort eine möglichst gute Rolle spielt. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung, es gibt natürlich auch einige andere Spieler, die das Kandidatenturnier gewinnen können.

Foto: by Frank Hoppe

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4 thoughts on “Interview mit Ullrich Krause zum Kandidatenturnier

  1. Soweit sich die Chronologie noch rekonstruieren lässt: Ein damaliger Dortmund-Pressebericht vom 5. April 2002 – archiviert auf http://www.teleschach.de/dortmund-2002/ (generell die beste Quelle für Geschichte der Dortmunder Schachtage, das Archiv auf der Turnierseite reicht nicht so weit zurück) erwähnt Vorbereitungen ab Sommer 2001 und enthält „Nach der Absage von Garri Kasparow, der sich der Herausforderung nicht stellt und erfolglos ein sofortiges Re-Match gegen Kramnik forderte, hat Dortmund eine „wild card“ in Anspruch genommen. Mit Christopher Lutz …“. Demnach war die Prager Abmachung vom Mai 2002 allenfalls Folge, aber nicht Ursache von Kasparovs Absage. Grundlage für Einladungen war wohl eher die Eloliste Januar 2002 – wobei die stolze Behauptung „Den Ausrichtern ist es gelungen, mit Weselin Topalow (Bulgarien), Michael Adams (England), Alexander Morosewitsch (Russland), Boris Gelfand (Israel), Alexei Schirow (Spanien), Peter Leko (Ungarn) und Ewgeni Barejew (Russland) sieben TOP TEN Großmeister zu verpflichten.“ eine Mischung aus beiden Elolisten ist: Gelfand war im Januar 2002 Nummer elf, Leko im April 2002 (Elolisten gab es damals alle drei Monate). Tatsache ist, dass Anand beim Dortmunder Kandidatenturnier fehlte.
    Wikipedia auf Englisch belegt „Kasparov declined his invitation, instead insisting that he deserved a rematch with Kramnik based on his tournament results in 2001“ mit einem verlinkten Pressebericht von Kasparov – nun nicht mehr verfügbar, da The Week in Chess später „umgezogen“ ist und nicht mehr mit dem London Chess Center zusammenarbeitet.
    Generell mag Wikipedia Falschangaben enthalten, aber wann immer es geht werden Angaben dokumentiert. Nur gab es damals wohl noch nicht für alles Belege im Internet, und die vorhandenen verschwinden eventuell später.
    Ullrich Krauses Behauptung wäre wohl korrekt, wenn er ein kleines Detail ergänzt hätte: Es gab in der Tat noch nie ein FIDE-Kandidatenturnier in Deutschland. Ob „Gastgeber des wohl am stärksten besetzten Schachturniers der Nachkriegszeit“ letztlich stimmt, liegt daran wer sich für das Kandidatenturnier qualifiziert. Nach Eloschnitt ist es schon deshalb unwahrscheinlich, da Carlsen ja fehlen wird – private Turniere, die den maximalen Eloschnitt anstreben, werden auch ihn einladen.

  2. Lieber Herr Berger,
    danke für Ihren konstruktiven Hinweis auf die Prager Abmachung vom 6. Mai 2002 . Bei meiner Anmerkung ging es mir zuvorderst jedoch darum, dass es in Deutschland unstrittig bereits ein WM-Kandidatenturnier im Sommer 2002 in Dortmund gegeben hat.

    Was die Teilnehmer angeht, so war für die Einladungen mit Ausnahme des amtierenden Deutschen Meisters Christopher Lutz (Rang 42) tatsächlich der Stand der Weltrangliste (ich gehe vom 1. April 2002 aus) tatsächlich entscheidend (https://ratings.fide.com/toparc.phtml?cod=29 ). Es gibt aber keine verlässlichen Hinweise darauf, warum Viswanathan Anand (3), der die FIDE-Schachkrone von 2000 bis 2002 trug, und Wassili Iwantschuk (9) fehlten – der Ukrainer hatte das in Moskau ausgetragene Finale der FIDE-K.o.-WM im Januar 2002 gegen seinen Landsmann Ruslan Ponomarjow überraschend mit 2,5:4,5 verloren. Und ich gebe Ihnen in jedem Fall recht: Spekulieren sollte man keineswegs!

  3. Traurig, dass immer wieder Falschangaben aus Wikipedia ungeprüft verbreitet werden, wie hier von Herrn Stolze. Die Behauptung, Kasparow habe am Kandidatenturnier in Dortmund nicht teilgenommen, weil ihm seiner Meinung nach ohne besondere Qualifikation ein Revanchekampf gegen Kramnik zustehe, ist falsch. Vielmehr war es so, dass nach der Prager Abmachung von Mai 2002 vorgesehen war, dass Kasparow einen Wettkampf gegen den damals amtierenden FIDE-Weltmeister Ponomarjow spielen sollte, dessen Sieger einen Wettkampf um den dann wieder vereinigten WM-Titel gegen den Sieger des Wettkampfes des amtierenden „klassischen“ Weltmeisters Kramnik gegen den Sieger des Dormunder Kandidatentuniers spielen sollte. Dass einige Großmeiser aus Sorge um ihre Verpflichtungen gegenüber der FIDE abgesagt hätten, ist unbelegte Spekulation, wie so häufg bei Wikipedia. Die EInladungen wurden nach dem Stand in der Weltranglliste ausgesprochen.

  4. Dass es in der der Tat noch nie ein Kandidatenturnier in Deutschland gegeben hat, wie DSB-Präsident Ullrich Krause in seiner Interview behauptet stimmt keineswegs. Im Jahre 2002 wurden die Dortmunder Schachtage als Kandidatenturnier gewertet, um den Herausforderer für den amtierenden Weltmeister im Klassischen Schach Wladimir Kramnik zu ermitteln. Es war jene Zeit, wo es gleichzeitig FIDE-Weltmeisterschaftsturniere gab. Deshalb hatten mehrere der eingeladenen TOP-Großmeister abgesagt, weil sie fürchteten, dass eine Teilnahme in Dortmund unvereinbar mit ihren FIDE-Verpflichtungen sein würde. Garri Kasparow hingegen fehlte, weil er der Meinung war, dass ihm ein Revanchekampf gegen Kramnik zustehen würde, ohne dass er sich dafür qualifizieren muss.

    Das Dortmunder Kandidatenturnier wurde ebenfalls mit acht Spielern durchgeführt, die allerdings in zwei Gruppen doppelrundig die Halbfinalisten ermittelten. Dort schlug dann Peter Lékó Alexej Schirow 2,5:1,5 und Wesselin Topalow bezwang Jewgeni Barejew nach einem 2:2 mit 1,5:0,5 im Stechen (Schnellschachpartien). Nach einem 2,5:1,5-Sieg im Finale stand dann der Ungar als Herausforderer des Weltmeisters fest, wobei dieser Titelkampf erst zwei Jahre später in der Schweiz stattfand.

    In Dortmund war übrigens mit Christopher Lutz letztmalig ein deutscher Großmeister in einem Kandidatenturnier am Start. In der A-Gruppe belegte er allerdings hinter Peter Lékó, Wesselin Topalow sowie Boris Gelfand abgeschlagen mit jeweils drei Remisen und Niederlagen nur den letzten Platz.

    Infos zu dieser Veranstaltung sind im Internet unter dem Link https://de.wikipedia.org/wiki/Schachweltmeisterschaft_2004 zu finden.

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