Favoritensiege im Weltcup-Viertelfinale

Der Bericht zum Weltcup-Viertelfinale ist zweigeteilt: ein Match ist noch nicht entschieden, das bekommt morgen einen eigenen Artikel. Mittlerweile ist es recht übersichtlich: insgesamt acht Partien mit klassischer Bedenkzeit – bis zu sieben (einschliesslich Armageddon) Schnell- und Blitzpartien können morgen noch dazu kommen. Von den acht bisher gespielten Partien haben zwei quasi nicht stattgefunden, zwei behandle ich im anderen Bericht, bleiben noch drei übrig.

Am ersten Tag sorgten nämlich vier Spieler für Halbfinal-Atmosphäre, indem sie schnell remisierten. Die dritte Partie war auch schnell vorbei, endete allerdings nicht remis. Damit war dann Svidler – Vachier-Lagrave “optisch” ein Finale, soviel sei bereits verraten: direkt nach der Zeitkontrolle einigten auch sie sich (plausibel) auf Remis. Zum Ausgleich spielten sie tags darauf die kürzeste Partie – wieder Remis, auch das sei verraten: diesmal plötzlich und unerwartet.

Das Titelbild – alle Fotos wieder von Anastasia Karlovich via Turnierseite – gebe ich Levon Aronian, Sieger am ersten Tag. Sein Gegner war natürlich an dieser Partie beteiligt, aber er hatte ja das Titelfoto im vorigen Artikel.

Bisher entschiedene Matches Aronian-Ivanchuk, So-Fedoseev und Ding Liren – Rapport jeweils 1,5-0,5. Formal auf ähnliche Weise – jeweils Remis mit Schwarz und Sieg mit Weiss – dabei von der Entstehung her unterschiedlich, nicht nur da So und Ding Liren am zweiten Tag Weiss hatten.

Wie gesagt oder angedeutet, am ersten Tag zwei Kurzremisen: Rapport und Ding Liren einigten sich nach 11 Zügen – Höhepunkt dieser Partie war der Figurentausch 6.Lxc6 dxc6. Dafür gibt es auch kein Foto – warum Rapport auf fast vollem Brett auf seine Weisspartie verzichtete, da bin ich überfragt.

 

LIVE Übertragung

Fedoseev-So bekommt dagegen ein Foto – um zu dokumentieren, dass Russisch gespielt wurde. Fedoseev wählte nicht das zuletzt übliche 5.Sc3!? nebst später langer Rochade, sondern das alte 5.d4. So überraschte ihn offenbar mit (siehe Foto) 6.-Ld6 – gab es durchaus bereits, so spielten neben Kramnik und Gelfand auch andere Weltklassespieler, für die Russisch nicht Hauptwaffe ist oder war, aber So hatte so noch nie gespielt. Ohnehin hatte er offenbar nur sechsmal Russisch entkorkt, zwei Partien erreichten diese Stellung und So spielte 6.-Sc6 bzw. 6.-Le7.

Was dann noch kam: Fedoseev spielte das seltene und nicht allzu vielversprechende 8.Sc3, und ab dem 16. Zug wurden auf ungewöhnliche Weise die Damen getauscht: 16. Lg5 Dxg5 (häh, der Läufer ist doch gedeckt) 17.Sxg5 LxDd1 (ja, aber der ihn deckende Springer war gefesselt). Nach 18.Tbxd1 Sf6 19.Se4 einigte man sich in bereits stark vereinfachter Stellung auf Remis – Fedoseev hatte auf seinen Weissaufschlag nicht unbedingt bewusst verzichtet, er erreichte eben rein gar nichts mit Weiss.

Auch in der nächsten, viel diskutierten Partie dachte Livekommentator Sokolov zunächst, dass Schwarz aus der Eröffnung heraus problemlos ausgleichen konnte, täuschte sich allerdings. Ivanchuks Körpersprache war auch während der Partie oft wie zuvor:

Und für seinen zehnten Zug brauchte er satte 42 Minuten – zwischendurch stand er gar mal hektisch auf: Hat er endlich was gespielt? Nein, immer noch nicht. Sokolov dachte anfangs, dass 10.-c5 in einem quasi-Katalanen problemlos ausgleicht, erst nach vielleicht zehn oder zwanzig Minuten erwogen sie (ich glaube, es war zunächst ein Vorschlag seiner Kollegin WGM Tsatsalashvili) 11.d5 – was Aronian dann auch a tempo spielte, schliesslich hatte er mit -c5 gerechnet und konnte Ivanchuks Bedenkzeit für sich nutzen. Das schwarze Problem war: er hatte -c5 systematisch vorbereitet und dabei vergessen, seinen Königsflügel zu entwickeln, das sollte sich rächen – später war die Tatsache, dass er 17.De2+ mit 17.-Kf8 beantworten musste, nicht sein einziges Problem.

Den vorübergehend geopferten Bauern hatte Aronian bereits zurück und dabei auch das Zentrum geöffnet. Dann konnte er seinen Sh4 wieder einsetzen (Sinn und Zweck von 12.Sh4 war, dem Lg2 freie Sicht zu verschaffen): 21.Sf3, 22.Sd2, 23.Se4 – und nach 24.d6 gab Ivanchuk bereits auf! Seine Stellung war durchaus – obwohl materiell noch ausgeglichen – hoffnungslos, aber so früh hätten andere wohl nicht resigniert. Chucky tat es vielleicht bereits zuvor, da er viele Züge im Blitztempo ausführte.

Was war los mit Ivanchuk? Sokolov zitierte einen “anonymen” Grossmeister: “Gegen Kramnik war Ivanchuk total entspannt (relaxed), nun denkt er eventuell ‘hey, ich kann Weltmeister werden’ und wird nervös.” Wie dem auch sei: Vorteil Aronian.

Da ich mir Svidler-MVL für einen anderen Artikel aufhebe, sind wir bereits bei Tag zwei – welcher Chucky würde erscheinen?

In Aronians Gymnastik sollte man vielleicht nicht allzu viel hinein interpretieren, Fotografinnen und auch Fotografen dokumentieren allerdings – wenn sie es mitbekommen – gerne derlei Momente. Eines machte Ivanchuk anders als tags zuvor: er spielte fast durchgehend flott. Sokolov interpretierte das, da die Stellung durchaus kompliziert war, zunächst auch als Nervosität – aber es war wohl so geplant. Aronian – auch er nervös? – investierte dagegen relativ viel Bedenkzeit: zwar nie 42 Minuten, aber oft 4 oder 8 oder auch einmal 15 Minuten und das führte dann zu Zeitnot. Seine Stellung war dabei durchgehend OK – zwar hatte Weiss das Läuferpaar, aber Schwarz hatte Raumvorteil und eine leichte Initiative am Königsflügel.

Unter anderen Randbedingungen hätte vielleicht Schwarz auf Gewinn gespielt – so war Aronians Problem. dass er jedenfalls nichts riskieren wollte!? Nach der Zeitkontrolle tauschte Ivanchuk zähneknirschend die Damen (dafür investierte er nun doch 30 Minuten, aber auch danach hatte er ein üppiges Bedenkzeit-Polster) – zähneknirschend vielleicht auch, da es mit einem Bauernopfer/verlust verbunden war. Im Endspiel hatte er mit seinem nun aktiven Läuferpaar volle Kompensation, wobei Computer Sokolovs Einschätzung “da geht noch was für Ivanchuk!” nicht teilten – die kennen allerdings im Gegensatz zu Sokolov und natürlich Ivanchuk + Aronian weder die Matchsituation und -psychologie noch den Stand auf der Uhr: Aronians Bedenkzeit wurde wieder knapp, irgendwann lebte er von 30 Sekunden Inkrement.

Später verflachte es zum Remis, da fast alle Bauern verschwanden. Im Nachhinein sagte Sokolov, dass Ivanchuks Gewinnchancen wohl nach dem Tempoverlust 51.Te6-a6?! Sg4 52.Tae6 dahin waren – nach dem offensichtlich geplanten 52.Txa5?? käme 52.-Te5! mit quasi Mattangriff. Zuvor glaubte er allerdings auch zu einem späteren Partiezeitpunkt an zumindest praktische weisse Chancen. Die zweite Partie war für Aronian nicht so einfach wie die erste, aber er erreichte das Halbfinale. Auf Karlovichs Frage, wen er lieber im Halbfinale hätte, Svidler oder MVL: “Ich hasse beide!” – sicher nicht persönlich gemeint, sondern was die Spielstärke betrifft.

So-Fedoseev 1-0 und damit insgesamt 1,5-0,5: Auch Fedoseev spielte Russisch!? Das machte er zuvor noch nie – auf 1.e4 meistens Sizilianisch, manchmal Französisch oder Caro-Kann, auch mal 1.-e5 aber dann auf 2.Sf3 generell 2.-Sc6. Im Nachhinein war es vielleicht die falsche Wahl, hinterher ist man immer schlauer. So wählte auch 5.d4 und dann ein relativ seltenes Abspiel – Theorie kannte Fedoseev, da er bis zum 19. Zug blitzte. Im Gegensatz zu seinem Gegner, aber der suchte eben einen Vorteil. Der, den er bekam, war allenfalls leicht bis symbolisch – bis Fedoseev die Geduld verlor und 21.-g5?! entkorkte. Dabei hatte er wohl den Hebel 24.h4! übersehen oder unterschätzt – formal war es ein Bauernopfer, aber nach (musste sein) 24.-gxh4 waren zwei schwarze h-Bauern nicht mehr wert als ein weisser g-Bauer, und die schwarze Struktur ruiniert.

So wickelte ab in ein Turm-Läuferendspiel und bekam seinen Bauern (am Damenflügel!) zurück. Fedoseev verwaltete nun eine positionelle Ruine und leistete dabei zähen Widerstand. Später tauschte So auch die Türme, und bei schwarzfeldrigen Läufern war letztendlich entscheidend, dass zu viele schwarze Bauern auf schwarzen Feldern festgelegt waren. Seinen h-Bauern warf Fedoseev über Bord (81.-h3 82.gxh3), kurz danach hatte er dann die Wahl zwischen weiterem Bauernverlust oder Übergang in ein verlorenes Bauernendspiel – nach einigen Minuten Agonie wählte er die dritte Möglichkeit und gab auf. Insgesamt eine typische So-Partie: nichts riskieren, Chancen nutzen die sich ergeben. Die technische Phase war dabei langwierig, wohl nicht ganz geradlinig aber sauber vorgetragen (Tablebases kann ich hier allerdings nicht konsultieren).

Ding Liren – Rapport 1-0, insgesamt 1,5-0,5: Auf diesem Foto erkennbar, dass Rapport Damenindisch spielte, und zwar mit 4.-Lb7 statt dem häufigeren 4.-La6. Das, und dann 5.Lg2 Le7, tat er dieses Jahr bereits in Wijk aan Zee – Ergebnis Niederlagen gegen Levon Aronian und Wesley So (wann hatte ich die zuletzt erwähnt?). Gegen Aronian verlor er damals kurz und schmerzhaft, gegen So wählte er den Umweg über eine glatte Gewinnstellung.

Die Wege trennten sich im 9. Zug: So spielte das übliche 9.Tc1, Aronians das optisch etwas krumme 9.Le1 (will das Läuferpaar nicht hergeben), Ding Liren nun das ebenfalls krumm aussehende 9.Te1 – bekannt (nur) aus einer Partie Adamski-Kruszynski, Rubinstein Memorial 1979 [die Herren, wohl beide Polen, hatten Elo 2415 und 2285]. 9.-a6?! (nach 12 Minuten) von Rapport hatte den Vorteil, eventuelle gegnerische Vorbereitung zu vermeiden – erst nach 17 Minuten kam 10.Se5. Daneben hatte es wohl auch Nachteile – neben Thomas Richter dachte auch zumindest Ivan Sokolov “was soll das denn?”. Im weiteren Verlauf sah es so aus, als ob Rapport spiegelbildlich solidarisch mit tags zuvor Ivanchuk war – Chucky spielte ohne seinen Königsflügel, der Ungar ohne den Damenflügel.

Es wurde taktisch, 20.-Dc6 spielte Rapport im Blitztempo und laut Livekommentatoren mit einem Gesichtsausdruck “ha, das hast Du nicht gesehen!” – eher hatte Ding Liren vielleicht mit “à la Rapport” 20.-dxc3 21.Dxa8 cxb2 22.Tab1 c3 gerechnet: zwei vorgerückte Bauern bieten dann etwas, aber nicht genug Kompensation für einen Turm”. 20.-Dc6 war auch trickreich aber ebenso unzureichend – später entstand ein Doppelturmendspiel mit weissem Mehrbauern. Der Rest war Technik, einschliesslich ein Turmpaar abtauschen und gleichzeitig die weisse Bauernstruktur reparieren, direkt nach der Zeitkontrolle gab Rapport auf.

In beiden Matches hatte ich Favoritenstürze vorhergesagt, derlei durchaus gewagte Prognosen müssen nicht immer eintreten. Jeweils lag es vielleicht “im höheren Sinne” an der Eröffnung – wobei allerdings nicht gesagt ist, dass die Schwarzspieler Fedoseev und Rapport mit Sizilianisch bzw. Königsindisch oder Benoni (beides spielt Rapport auch, er spielt ja eigentlich alles) besser abgeschnitten hätten.

Nun nochmals Spielerfotos – da ich Ivanchuk bereits zweimal individuell hatte komplettiert ein anderer die Galerie-Geometrie:

Einerseits erfüllt Macauley Peterson (seit Juli diesen Jahres bei Chessbase, zuvor anderswo und Freelance) mit Krawatte den Dresscode, andererseits sind Kopfbedeckungen nur aus religiösen Gründen erlaubt. Macauley war zu Gast in der Liveübertragung, hat dabei allerdings nicht verraten welcher Sekte er angehört – Ivanchuk ist mitunter auch Mitglied der “Church of Baseball”.

Aronian, So und Ding Liren haben nun (welch ein Luxus) zwei Ruhetage vor dem Halbfinale, Svidler und MVL bekommen immerhin einen. Das eine Halbfinale dann Aronian gegen Svidler oder MVL, das andere So gegen Ding Liren – die jeweiligen Sieger dann bereits im Kandidatenturnier. Caruana und Kramnik drücken im Halbfinale wohl So die Daumen, da beide dann (aller Voraussicht nach) nach Elo ebenfalls qualifiziert sind. Wer in der Grand Prix Serie noch Quali-Chancen hat, drückt in diesem Match wohl Ding Liren die Daumen und im anderen (falls er den Tiebreak gegen Svidler gewinnt) Vachier-Lagrave. Und wer unterstützt Aronian? Fans hat er durchaus auch. Ansonsten vielleicht die Organisatoren des Isle of Man Opens – da hat MVL (wie auch So) unter Vorbehalt zugesagt, bei Sieg im Weltcup-Halbfinale hätten beide die (vertraglich festgelegte und akzeptierte) Ausrede “ich muss doch in Tiflis ein Finale spielen”. Nachdem Karjakin (Runde zwei) und Carlsen (Runde drei) früh ausgeschieden sind, entfällt ja ein Spiel um Platz drei zur Ermittlung des zweiten Weltcup-Platzes im Kandidatenturnier.

P.S.: Ivan Sokolov spielt auch auf der Isle of Man – damit hat er sich als Livekommentator in Tiflis nun verabschiedet und verzichtet auch darauf, am 23.9. seinen Vorjahrestitel bei diesem Schnellturnier zu verteidigen. Damit bin ich selbst da immerhin, nach derzeitigem Stand, Nummer 19 der Setzliste (von aktuell 24).

 

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